Servette: Dank Frustration hoch hinaus

26.9.2020 - Von David Leicht

Laurent Strawson, Präsident des Genf-Servette HC, sagte vor wenigen Wochen, dass sein Fanionteam mit einer wichtigen und motivierenden Portion Frustration in die neue Meisterschaft starte – das abrupte Saisonende bremste nämlich das Überraschungsteam der letzten Saison, das in den Playoffs Grosses vorhatte, aus. Mit einer punktuell klar verstärkten, dynamischen Mannschaft kann Genf diese Leistung in der neuen Saison noch übertreffen.

Coaching und Umfeld

In der ersten Saison von Patrick Emond als Chefcoach – respektive bis zu deren Abbruch – verstand es der Kanadier, die stark verjüngte Genfer Mannschaft zur Überraschung vieler auf den vierten Platz zu coachen. Seine moderne Spielweise, welche die individuellen Fähigkeiten jedes Spielers integriert und nicht in einem rigiden System erstickt, sowie seine menschlichen Fähigkeiten als Ausbildner und Motivator waren genau das Richtige für die Grenat. Er wird von dieser Erfahrung gestärkt in die zweite Saison gehen. Die Genfer Mannschaft wurde insgesamt über den Sommer nochmals konkurrenzfähiger und landete drei Top-Transfers, Details dazu weiter unten, dies obwohl die Clubleitung noch im Frühsommer Zweifel bekundete, ob überhaupt die Mittel für einen vierten Ausländer verfügbar sein werden.

Im Clubumfeld gab es über den Sommer dazu noch eine gewichtige Änderung: Chris McSorley wurde als Sportchef durch Ex-Profi Marc Gautschi ausgewechselt. Es ist seine erste Saison in solch einer Funktion. Die Gründe dafür? Präsident Strawson sagte im Sommer gegenüber welschen Medien, dass man McSorley nichts konkret vorwerfe, aber gemerkt habe, dass der Kanadier mit den neuen Abläufen und Governance-Regeln der Fondation 1890 (Besitzerin des GSHC) Mühe bekunde. So verbleibt die beim Anhang beliebte Koryphäe McSorley (noch) Angestellter des Clubs, wenn auch zum ersten Mal seit 2001 ohne definierte Funktion. Affaire à suivre.

Tor

Der letzte Saison starke Robert Mayer spielt neu für den HC Davos. Sechs Saisons war der puckstarke Torhüter das Lot der Genfer Defensive und war stets für eine publikumswirksame Aktion gut. Sein schweres Erbe teilen sich zwei gebürtige Freiburger: Gauthier Descloux, bisher, und Daniel Manzato, der nach Wanderjahren und zuletzt acht Saisons im Tessin (Lugano und Ambrì) zum ersten Mal seit 20 Jahren wieder für einen Westschweizer Verein spielt. Falls alles nach Papier läuft, wird der zwölf Jahre jüngere Descloux zu mehr Einsätzen kommen. Das konstant starke Tandem ist zwar weniger spektakulär als Mayer, dafür bringt es aber in der eigenen Zone Ruhe ins Spiel.

Verteidigung

Die neuen Spieler der letzten Saison – Simon Le Coultre, Roger Karrer, Sandis Smons – haben mit ihrem kreativen und laufstarken Spiel die Verteidigung der Grenat mobiler gemacht und zusammen 41 Scorerpunkte gesammelt. Sie werden auch diese Saison, wie auch der wirblige Mike Völlmin, weitere Fortschritte machen. Verankert werden diese jungen Spieler durch die Haudegen Jonathan Mercier und Marco Maurer, den zu Verteidigern umfunktionierten Arnaud Jacquemet und Timothy Kast sowie natürlich durch Henrik Tömmernes. Die Vertragsverlängerung des smarten Schweden sorgte im Frühjahr für grosse Erleichterung, er wird auch diese Saison wieder einer der besten Verteidiger auf Schweizer Eis sein. Zum Zeitpunkt des Saisonabbruchs war Genf die Mannschaft mit den wenigsten Gegentoren (116) der Liga und auch diese Saison wird die lauf- und spielstarke Genfer Verteidigung zur Knacknuss für die Gegner.

Sturm

Die Offensive der Calvinstädter wurde nochmals stärker und kreativer: Das grosse Augenmerk gilt heuer dabei dem Toptransfer Linus Omark (von Ufa, KHL). Dank seinen technischen Fähigkeiten kann er Gegner an die Wand spielen und ist Orchestrator im Powerplay, spielt dabei aber manchmal den berüchtigten Pass zu viel. Falls seine Verspieltheit dem Killer-Instinkt weichen wird und die hochkarätigen, beim LHC zuletzt aber dürftigen Nationalspieler Tyler Moy und Joel Vermin wieder erstarken, wird der Genfer Angriff zu einem der komplettesten der ganzen Liga. Denn mit Tanner Richard – letzte Saison war für ihn etwas enttäuschend –, Noah Rod und dem jungen Deniss Smirnovs (holte in seiner ersten Profisaison 19 Punkte) tragen drei weitere Top-Schweizer das granatrote Trikot. Dazu kommen mit Eric Fehr und Daniel Winnik zwei erfahrene und letzte Saison produktive Kanadier, welche zusammen die Erfahrung von knapp 1'600 NHL-Spielen aufs Eis bringen. Zu Saisonbeginn spielt dazu noch Damien Riat beim GSHC, bevor er nach D.C. zu den Washington Capitals gehen wird. Somit hat Genf über den Sommer gewichtige Ausfälle mehr als kompensiert: Der zurückgetretene Topscorer Tommy Wingels, Power-Stürmer Jeremy Wick (unter Pat Emond reduzierte sich seine Rolle), sowie die zum LHC abgetauschten jungen, kreativen Maillard und Cajka.

Prognose

Die Neuausrichtung und Verjüngung der Genfer Mannschaft trug schnell Früchte. So starten die Grenat, auch beflügelt durch Top-Transfers, mit einer gewissen Erwartungshaltung des Genfer Umfelds in die neue Saison. Dies wird die junge, unbekümmert aufspielende Mannschaft aber nicht bremsen. Alles andere als eine Halbfinalqualifikation – und somit der Aufstieg in den Kreis der erweiterten Meisterfavoriten – wäre für Genf mit diesem Kader eine Enttäuschung.

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11. SCL Tigers
12. SC Rapperswil-Jona Lakers
 

 

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Coach Emond


Mit jungem Trainer (Patrick Emond) und einem jungen Team was Genf-Servette letzte Saison eine erfrischende Überraschung. Foto: Thomas Oswald