NHL-Sieg fürs Lausanner Gemüt

Von Martin Merk

Alle guter Dinge sind drei. Im dritten Anlauf gewann der Lausanne HC ein Heimspiel in der neuen Vaudoise aréna – und dies mit 4:3 nach einer 4:0-Führung gegen das NHL-Team Philadelphia Flyers.

Es ist der dritte Sieg einer Schweizer Mannschaft gegen ein NHL-Team. In zuvor fünf Versuchen gelangen einzig den ZSC Lions ein Sieg, vor ziemlich genau zehn Jahren 2:1 gegen die Chicago Blackhawks, und dem EV Zug 2011 (8:4 gegen die New York Rangers). Seit dem Zuger Sieg gingen sechs Spiele in Folge die NHL-Teams gegen europäische Clubs als Sieger vom Eis.

«Es ist cool», sagte Joël Vermin, der Siegestorschütze. «Es wurde am Schluss aber zu spannend. Wir müssen uns aber nicht verstecken. Wir haben ihnen das Leben schwer gemacht. Das grosse Eis hilft uns sicher auch. Auf dem kleinen Eis spielen sie sicherlich aggressiver.»

Genugtuung spürte Vermin, der nach drei Jahren mit 24 NHL-Spielen für den Tampa Bay Lightning zu Lausanne in die Schweiz zurückgekehrt ist, aber nicht. «Ich bin stolz, dass ich einige Spiele bestreiten konnte. Nicht jeder schafft es in die NHL. Genugtuung spüre ich wegen des Sieges aber keine. Wir haben wirklich gut gespielt. Wir begannen gut, danach war es klar, dass es knapp werden würde.»

Es war einiges anders als ein übliches Spiel auf Schweizer Eis. Auch zeremoniell. Wie in Nordamerika üblich ging es erst acht Minuten nach der offiziellen Zeit los. Die amerikanische gefolgt von der schweizerischen Nationalhymne wurden gesungen, Trikots ausgetauscht und die Verdienste der beiden Clubs fürs Eishockey gelobt. Auch der Breitensport darf nicht vergessen werden, weshalb die ehemalige Schweizer Nationaltorhüterin Florence Schelling zusammen mit der Kapitänin des LHC-Frauenteams den symbolischen Puckeinwurf durchführte und nicht etwa irgendein Bürgermeister, Minister oder Botschafter. Dazu ist der Fan im Gegensatz zu den meisten anderen Schweizer Hallen direkt am Eis – kein störender Ring rund um die Eisbahn herum. So stellen sich die kanadischen LHC-Besitzer das Hockeyerlebnis vor.

Auch die Maskottchen durften natürlich nicht fehlen. Der monströse Gritty wurde aus Philadelphia eingeflogen und vergnügte sich mit dem lokalen Maskottchen im Löwenkostüm und Cooly, die Kuh, die Werbung für die IIHF Eishockey-Weltmeisterschaft 2020 in dieser Arena und im Zürcher Hallenstadion die Werbetrommel rührte.

Der Lausanne HC, der mit zwei Niederlagen in diese Halle gestartet ist, versteckte sich gegen die Philadelphia Flyers von Beginn an nicht und wollte sich die Frische zu Nutzen machen gegen einen auf Papier übermächtigen Gegner, der aber noch in der Vorbereitung steckt. Übermächtig, weil alleine Captain Claude Giroux oder der Tscheche Jakub Voracek mit je 8,3 Millionen US-Dollar mehr verdienen als die meisten LHC-Spieler zusammen. Doch gespielt wird ja bekanntlich auf dem Eis. Dort brachte Yannick Herren die Waadtländer nach vier Minuten in Führung. Er sah seinen ersten Versuch von Flyers-Goalie Carter Hart abgewehrt, traf dann aber im Nachschuss.

Die Waadtländer liessen es nicht dabei bleiben. Sie hielten physisch entgegen und kamen durch ein fahrlässiges Stockfoul von Kevin Hayes in der 10. Minuten zum ersten Überzahlspiel. Der LHC spielte den Puck geduldig in der Offensive bis Christoph Bertschy links Cory Emmerton frei vorfand, der auf 2:0 erhöhte.

Es waren noch über sechs Minuten zu spielen als Hart erneut hinter sich greifen musste. Die Nummer 1 im Flyers-Tor machte dabei keine Eigenwerbung als Joël Genazzi von der blauen Linie aus traf. Gegenwehr? Sieht in der NHL eigentlich anders aus.

«Wir hatten den richtige Denkhaltung. Wir gingen durch harte 48 Stunden, mussten tief in unserer Seele graben. Wir nutzten die Gelegenheit zur Wiedergutmachung», sagte der LHC-Trainer Ville Peltonen.

Die Pause kam den Flyers gerade recht. Währenddessen Small-Talk in der Arena. Mark Streit wurde wieder als Botschafter engagiert für die Partie seines früheren Teams, der einst so gefürchteten Flyers, die ihrem Ruf im ersten Drittel einiges schuldig blieben. Im Mitteldrittel stand er zwischenzeitlich hinter der Spielerbank seiner Ex-Teamkollegen. Timo Meier und Kevin Fiala erzählen vom grossen, neuen Videowürfel aus von ihrer Juniorenzeit in der Schweiz.

Vertreter der NHL, des Schweizer Verbands, des Weltverbands und des Internationalen Olympischen Komitees waren zugegen in der Arena, die in einigen Monaten die Olympischen Jugendspiele und in Mai die WM austragen wird. Wer auf Gespräche über eine Olympia-Teilnahme der NHL in Peking 2022 hoffte, hat sich aber zu früh gefreut, das stand noch nicht auf der Agenda.

«Wir werden das IOC-Büro morgen besuchen. Wir wurden eingeladen und einige Mitarbeiter werden auch hier sein. Wir haben allerdings keine formellen Diskussionen [über die Olympischen Spiele] geplant», sagte Bill Daly, der Vize-Commissioner, der für die internationalen Geschäfte der NHL zuständig ist.

An einer Medienkonferenz erzählt er von der wachsenden Verbundenheit mit der Schweiz. Das Interesse war aber vor allem lokal begrenzt. hockeyfans.ch war von den deutschsprachigen Medien eine Ausnahme der schreibenden Gilde. Dafür war die Arena mit 9600 Fans gefüllt.

«Unsere Verbindung zum Schweizer Eishockey mit den Schweizer Spielern ist gewachsen und wird weiter wachsen. Wir hatten 42 NHL-Spieler, die in der Schweiz geboren sind, diese Saison sind es etwa 12», sagte Daly und hofft, dass die Fans in der Schweiz so begeistert von der «NHL Global Series Challenge» sein werden wie tags zuvor die Deutschen in Berlin. Dann lobt er die guten Gespräche mit den Vertretern der schwedischen Liga und Verband, auch wenn er wohl die Schweiz gemeint hatte.

Vielleicht liegt der gängige geographische Lapsus der Nordamerikaner ja auch einfach daran, dass es seit dem Ende des internationalen Transferabkommens unter Vermittlung der IIHF kein solches mehr zwischen der Schweiz und der NHL gegeben hat. Bis auf die KHL und die Schweiz haben sämtliche grössere und einige kleinere Ligen ein solches Abkommen direkt mit der NHL abgeschlossen, das Ausbildungsentschädigungen in sechsstelliger Höhe pro NHL-Spieler in Aussicht stellt. Klar, die Spieler können somit jeden Sommer trotz Vertrag einfach ihre Liga in Schweden, Finnland oder Tschechien verlassen. Das ist die Kehrseite beim Geben und Nehmen. Doch mal ehrlich, können sie das in der Schweiz mit NHL-Klauseln in den meisten Fällen nicht so oder so, ohne dass irgendwelche Dollar in die Schweiz fliessen würden?

«Wir hoffen, dass wir ein Transferabkommen mit ihnen machen können, welche die Nachwuchsarbeit unterstützen würde. Wir sind nun am Verhandeln mit den anderen Ländern, da einige Verträge auslaufen, und möchten die Gelegenheit nutzen, uns mit dem Verband und der Liga in Verbindung zu setzen», sagt Daly.

Zurück auf Waadtländer Eis. Lausanne ist nach Bern, Zürich und Zug die vierte Schweizer Stadt, die in der Neuzeit ein NHL-Team zu Gesicht bekommt und auch noch ihr lokales Team gegen ein solches antreten sieht. Nach der blamablen 1:7-Niederlage zwei Tage zuvor gegen Davos hätte das gegen Philadelphia ins Auge gehen können, war zu befürchten. Doch die Partie gegen die Flyers wurde ein Spiel für die Lausanner Seele. Kaum waren drei Minuten im Mittelabschnitt gespielt, nutzten die Löwen auch ihr zweites Powerplay. Joël Vermin traf und die Fans trauten ihren Augen kaum, als da oben stand Lausanne 4, Philadelphia 0.

Zweieinhalb Minuten später erhielten die Flyers ihr erstes Powerplay. Coach Alain Vigneault, der in Lausanne quasi in Bestbesetzung antreten konnte, schickt die Stars aufs Eis und Giroux gelang schliesslich der Anschlusstreffer. Neuer Mut vier Tage bevor die Flyers in Prag die NHL-Saison gegen die Chicago Blackhawks starten, aber immer noch ein hoher Rückstand.

«Wir begannen nicht mit dem Puck. Wenn du das nicht machst, wird es schwierig. Wir trainieren morgen nochmals hier und müssen für den ersten Ernstkampf bereit sein», sagte Vigneault.

Der Rest vom Drittel? Es fehlte die Schweizerische Fan-Atmosphäre, dem Spiel fehlte der Pfeffer und bei diesem Event wurde in der Lausanner Stehplatzkurve auf dem Beton gesessen. Weil die Philadelphia Flyers das Spiel als Freundschaftsspiel angingen, sprang der Funkte kaum zum Publikum. Noch blieb aber ein Drittel für die Ehrenrettung der Gäste.

Für Philadelphias österreichischen Nationalstürmer Michael Raffl sind es die Begleitumstände, die für den Kaltstart gesorgt haben. «Man sollte zwar nicht nach Ausreden suchen, aber es wird unterschätzt, dass wir vor zwei Tagen mit einem Jetlag ankamen. Wir hatten schon schwere Beine», sagte Raffl, dem es bis aufs Resultat gefiel. «Es ist eine coole Stadt, ein cooles Stadion, ausser dass wir halt gleich 4:0 zurück lagen.»

In der 44. Minute war es dann wieder Giroux, der die grossen Chancen hatte. Zuerst scheiterte er im Alleingang an Luca Boltshauser, doch weil Petteri Lindbohm ihn zurückhielt, erhielt Giroux mit einem Penaltyschuss eine zweite Chance. Alles Beten im Mittelkreis half aber nicht – er sollte auch im zweiten Anlauf scheitern.

Besser machte es zwei Minuten später der weniger bekannte Connor Bunnaman, der im Fallen auf einen Rebound reagierte und die Scheibe zum 4:2 über die Linie drückte. Der 21-Jährige hat noch kein NHL-Spiel bestritten und machte in Lausanne Werbung in eigener Sache. Schliesslich würgten kurz vor Schluss bei sechs gegen fünf Feldspieler Couturier und Carsen Twarynski den Puck noch zum 4:3 rein. Zu mehr sollte es für Philadelphia nicht mehr reichen. Es war eine Pleite zur Unzeit vor dem Saisonstart, während es für Lausanne bestes Teambuilding war nach einem bislang ungenügenden Saisonstart.

Lausanne HC – Philadelphia Flyers 4:3 (3:0, 1:1, 0:2)

Vaudoise aréna. – 9600 Zuschauer (ausverkauft). – SR: Salonen/O’Halloran, Kaderli/Suchanek.

Tore: 4:08 Herren 1:0. 10:29 Emmerton (Bertschy/Ausschluss Hayes) 2:0. 13:26 Genazzi (Oedemark, Jooris) 3:0. 23:02 Vermin (Ausschluss Farabee) 4:0. 25:37 Giroux (Couturier) 4:1. 45:23 Bunnaman 4:2. 57:50 Couturier (Twarynski / ohne Torhüter) 4:3.

Strafen: 1-mal 2 Minuten gegen Lausanne, 2-mal 2 Minuten gegen Philadelphia.

Lausanne: Stephan (32:15 Boltshauser); Lindbohm, Frick; Heldner, Junland; Nodari, Grossmann; Oejdemark, Genazzi; Vermin, Jeffrey, Kenins; Moy, Emmerton, Almond; Bertschy, Jooris, Herren; Traber, Froidevaux, Antonietti; Leone.

Philadelphia: Lyon (23:02 Hart); Sanheim, Myers; Provorov, Hägg; Gostisbehere, Niskanen; Braun, Morin; Hayes, Raffl, Konecny; Laughton, Bunnaman, Couturier; Giroux, Van Riemsdyk, Lindblom; Twarynski, Farabee, Voracek; Elliott.

Bemerkungen: 43:39 Giroux scheitert mit Penalty an Boltshauser. – Philadelphia von 56:59 bis 57:50 und ab 58:30 ohne Torhüter und mit sechs Feldspielern.

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