Vom Tellerwäscher zum Stanley-Cup-Sieger

14.3.2011 - Von Thomas Roost

Die überstrapazierte Tellerwäschergeschichte passt im Eishockey kaum zu jemandem so gut wie zu Bob Hartley. Als Fliessbandarbeiter und Juniorencoach hat er seine Berufskarriere begonnen. Es folgte die Zwischenstation AHL und dann die Krönung seiner Karriere, Head Coach bei den Colorado Avalanche und Stanley-Cup-Sieger. Bob Hartley ist Frankokanadier, obwohl sein Name dies nicht vermuten lässt. Sein Englisch ist mit einem deutlich hörbaren, französischen Akzent gefärbt.

Nach dem Olympiasieger und Weltmeister Bengt-Ake Gustafsson haben nun die ZSC Lions noch ein Bricket draufgelegt und als Coach einen Stanley-Cup-Sieger verpflichtet. Als Stanley-Cup-Sieger wird ihm das Lions-Umfeld anfangs alle seine „Statements“ aus der Hand fressen. Er wird mit grossem Enthusiasmus und unglaublichem „Goodwill“ empfangen werden. Anfängliche Rückschläge werden als Lernprozess interpretiert. Spieler die ihm nicht passen, werden ausgemustert und falsche Entscheide werden maximal als unkonventionell interpretiert. Die Lions werden diesem Bandengeneral anfangs sehr massiv den Rücken stärken. Der starke Mann bei den ZSC Lions wird in den ersten sechs Monaten weder Peter Zahner noch Edgar Salis sein, sondern Bob Hartley.

Die Frage stellt sich aber: Wird Bob Hartley die grossen Erwartungen erfüllen können? Nein, das wird er nicht. Denn einerseits sind die Erwartungen an diesen gut aussehenden, charismatischen NHL-Coach und Stanley-Cup-Sieger übersteigert, und zweitens ist er kein so guter Coach wie die Lions dies hoffen oder sogar zu wissen glauben. Im Aussehen, im Auftreten, in der Inszenierung und in der Erwartungshaltung an ihn sehe ich gewisse Parallelen zum spektakulär gescheiterten Deutschen Minister Guttenberg... allerdings ist mir nicht bekannt, dass Bob Hartley eine Doktorarbeit verfasst hat.

Was für ein Coach ist Bob Hartley? Er ist ein typischer „my way or highway coach“. D.h. er passt seine Methoden, seine Spielstrategien und seine Menschenführung nicht den vorhandenen Spielern und dem Umfeld an, sondern alle haben sich nach ihm zu richten. Dies führt dazu, dass er zirka 50% der Spieler für sich haben wird und 50% gegen ihn.

Was er in der NHL geschafft hat, ist, dass seine Teams immer eine Mindestordnung in der Defensive gezeigt haben. Am deutlichsten kam dies bei den Atlanta Thrashers zu Tage. Hartley gilt zwar nicht als Defensivfanatiker, aber ein diesbezügliches Grundgerüst ist für ihn unabdingbar gepaart mit einem mehr oder weniger geordneten „Crash and Bang Style“. Positiv ist auch, dass er beispielsweise mit dem Superstar Ilja Kovalchuk gut ausgekommen ist, d.h. er spürt sehr wohl, mit welchen Spielern er nicht auf Kriegsfuss stehen darf.

Negativ steht sein bisheriger Umgang mit jungen Spielern zu Buche. Er forcierte lieber die Alten (Ari Sulander wird dies gerne lesen) und er schützte die Veteranen dann sogar so weit, dass man das Gefühl bekam, seine Lieblinge können nie was falsch machen. Umgekehrt mit den Jungen, die konnten mitunter nichts richtig machen.

Hartley wird nach altem Muster Zucht und Ordnung in das Lions-Team einbringen; er gilt als Zuchtmeister. Bob Hartley coacht – positiv ausgedrückt – sehr aktiv, d.h. er wechselt seine Linien während des Spiels kreuz und quer durch und mindestens die sensiblen Spieler haben mitunter Mühe mit seinen so genannten „Mind-Games“; das Atlanta-Goalie-Duo kann ein Lied davon singen... Negativ beurteile ich auch seinen Hang, sich mit den Schiedsrichtern anzulegen; dies wirkt kontraproduktiv.

Als Zuschauer dürfen wir uns hingegen auf einige inszenierte Raufereien freuen; dies geschieht oft bei Hartleys Teams, wenn sie in der Schlussphase auf verlorenem Posten stehen.

Passt dieser Coach zu den ZSC Lions? Ich kenne das Anforderungsprofil nicht, ich gehe aber wohlwollend davon aus, dass die Lions-Verantwortlichen exakt ein solches Profil definiert haben. Fragt sich nur, ob dieses Anforderungsprofil richtig ist. Vor allem, wenn sich die Vorhersage bewahrheiten sollte, dass er mit jungen Spielern Probleme haben soll einerseits, und die finanziellen Anstrengungen der Lions im Juniorenbereich gegenüberstellt andererseits.

Zweitens stelle ich die Frage, was denn von Hartley als sportliches Ziel gefordert wird? Falls es die Top 4 sind, wird er das Ziel kaum erreichen, denn dazu fehlt – Stand heute – die Klasse im Lions-Kader.

Für uns Zuschauer und die Medienschaffenden ist der Unterhaltungswert aber so oder so gross. Danke ZSC Lions für diesen charismatischen, gut aussehenden Stanley-Cup-Sieger, für Gesprächsstoff auf und neben dem Eis ist gesorgt.