Eine Niederlage zur richtigen Zeit?

6.1.2021 - Von Pascal Zingg

Während letzte Nacht an der U20-WM in Edmonton um die Medaillen gekämpft wurde, sind die Schweizer Junioren längst zu Hause. Mit vier Niederlagen und dem letzten Gruppenplatz wurde das Minimalziel Viertelfinale nicht erreicht. Nach vier glorreichen Jahren mit vier Playoffteilnahmen war dieses Turnier zwar eine Ernüchterung, vielleicht aber auch eine Chance.

«Wir hätten die wichtigen Spiele gewinnen müssen. Dazu hätte es mehr Tore gebraucht», ist sich Marco Bayer bewusst. So banal die Aussage des Trainers klingt, so vielschichtig scheinen die Gründe für das Versagen der Schweizer. Dabei nimmt sich auch Bayer nicht aus der Kritik. «Ich muss direkter sein und mehr von den Spielern verlangen», ist sich der Coach bewusst. Man sei gerade in der Analyse des Turniers und werde versuchen die richtigen Schlüsse zu ziehen, meint er weiter. Bei der Analyse wird sich der Verband wohl eingestehen müssen, dass es für Bayer die ersten World Juniors waren, weshalb auch er in Edmonton Lehrgeld bezahlen musste.

Zu reden gab zuletzt auch, dass man im Team der Junioren-Nationalmannschaft von einer Medaille sprach. Schaut man auf den Turnierverlauf, scheint dieses Ziel nicht sehr realistisch. «Das Minimalziel war auch an dieser WM das Viertelfinale. Dies hätten wir nach aussen etwas mehr herausstreichen müssen. Es bringt jedoch nichts, das Team intern klein zu reden», rechtfertigt Bayer. Man spürt in seinen Worten die Philosophie, die von Nationaltrainer Patrick Fischer vorgelebt wird. Dieser musste sich in jüngster Vergangenheit ähnlichen Kritiken stellen. Schliesslich gilt es als eher unschweizerisch, wenn man von grossen Zielen redet. Gerade an einem Turnier ohne Absteiger sollte es jedoch Pflicht sein, dass man etwas erreichen will. Auch kann es in meinen Augen nicht verkehrt sein, jungen Spieler beizubringen, dass sie an sich glauben sollen, um grosses zu erreichen. Insofern werte ich die interne Zielsetzung nicht als Fehler des Trainerstabs.

Pandemie und das fehlende Glück

Woran hat es nun aber gelegen, dass die Schweizer ihre Ziele in Edmonton nicht erreichen konnten? «Wir waren uns von Anfang an bewusst, dass wir in diesem Jahr nicht auf die beste Altersgruppe zählen können. Unser Plan war es daher, aus einer gesicherten Defensive zu agieren. Dies hat möglicherweise dazu geführt, dass wir im Startspiel gegen die Slowakei zu passiv waren», erklärt Bayer. Durch diese Passivität fehlte oftmals die letzte Überzeugung vor dem Tor. Neben der fehlenden Durchschlagskraft konnten sich die Schweizer aber auch nicht über das Glück des Tüchtigen freuen. Ein sehr gutes Beispiel dafür war die Chance von Inaki Baragano im letzten Drittel gegen die Slowakei. Statt über das 1:1 zu jubeln, musste der Verteidiger zuschauen, wie der slowakische Goalie das sichergeglaubte Tor mit einer Glanzparade noch zu Nichte machte. «Ähnlich sah es im Deutschlandspiel aus. Wir verpassten im zweiten Drittel einige Male das leere Tor. Erst in den letzten zehn Minuten schien der Puck für uns zu springen. Plötzlich gingen auch haltbare Schüsse rein», führt Bayer aus.
br> Neben der fehlenden Effizienz in der Offensive waren bei den Schweizern auch die Strafen ein Thema. «Unsere Spieler sind sich dieses Tempo nicht gewohnt. Wenn du dem Spiel auf dem kleinen Eisfeld hinterherrennst, machst du automatisch Fouls», analysiert der Trainer. Mit dieser Aussage spricht Bayer eines der Hauptprobleme der Schweizer an. Unsere Spieler sind sich ein solch schnelles Spiel aus der heimischen Juniorenliga nicht gewohnt. Äusserst wichtig im Hinblick auf eine WM sind daher Testspiele. Wegen der Pandemie wurden aber Vorbereitungsturniere abgesagt. Zudem wurden wegen Corona-Fällen im Team der Deutschen und der Schweden in Edmonton weniger Testspiele ausgetragen aus Sicherheits- und Fairnessüberlegungen. «Geplant war, dass wir im Vorfeld des Turniers gegen die USA und Schweden antreten. Diese Vorbereitungsspiele haben uns ganz klar gefehlt», weiss Coach Bayer.

Zumindest für das Duell gegen Deutschland kann die Covid-19-Pandemie jedoch nicht als Ausrede herhalten, hatten die Deutschen doch vor der Abreise ebenfalls Abwesende und waren durch acht Fälle während der Reise nach Edmonton arg in ihrer Vorbereitung gestört.

Noch krasser als gegen die Slowakei und gegen Deutschland hat man die verkürzte Vorbereitung gegen Finnland und Kanada gespürt. «Die Spieler dieser Teams sind auf höherem Niveau als unsere. Für unsere Spieler dauert es daher immer eine Zeit, bis sie dieses Tempo mitgehen können», ist sich Bayer bewusst. Wer sich die Schussstatistik aus diesen Spielen anschaut, wird merken, dass die Schweizer nur selten vor dem gegnerischen Torhüter aufgetaucht sind. Ein klares Indiz dafür, dass bei den Eisgenossen das Umschaltspiel nicht funktionierte. «Das Puckmanagement ist gegen solche Gegner entscheidend. Du musst bereits im Vornherein wissen, wie den Angriff aufbauen willst», erklärt Bayer.

Juniorenförderung muss verbessert werden

Wie man es auch dreht und wendet, so hat dieses Turnier eines schonungslos aufgedeckt: Wir haben zu wenig Junioren, die auf einem Topniveau spielen. Dazu kommt, dass man dieses Topniveau in der breit gefächerten U20 Elite (ehemals Elite A) nicht erreichen kann. Blickt man auf die Aufstellung der Schweizer, so gibt es mit Simon Knak und Rocco Pezzullo nur zwei Spieler, die regelmässig in der National League zum Einsatz kommen. In der Vergangenheit konnten wir zudem auf den einen anderen Junior zählen, der seine Erfahrungen in den Juniorenligen der CHL gemacht hat. Da diese Ligen auf Grund von Covid-19 ihren Betrieb allerdings mehrheitlich noch nicht aufgenommen haben, wurde das Team noch einmal geschwächt.

Geschuldet durch die Pandemie hat man somit eine relativ klare Antwort bekommen, wo im Schweizer Junioren-Hockey die Probleme verordnet sind. Zum einen setzt man im Profieishockey weniger als früher auf den eignen Nachwuchs – trotz dem Aufschrei der Clubs über zu hoher Löhne – zum anderen sind viele Spieler noch nicht so weit, um bei den Männern zu bestehen. Gute Beispiele für solche Aussagen sind beispielsweise der Finne Anton Lundell oder der Schwede Alexander Holtz. Sie besitzen beide eine tragende Rolle in ihren Teams in der heimischen Meisterschaft. Damit Spieler bereits im Alter von 20 Jahren eine solch wichtige Rolle einnehmen können, müssen sie einerseits das Vertrauen der Trainer kriegen, andererseits aber auch mit ihrem zarten Alter ein grosses Potential abrufen können. Beides scheint in der Schweiz nicht in diesem Masse möglich wie zu Zeiten, als noch ein Roman Josi als 16-Jähriger einen Stammplatz beim SC Bern hatte und der Werdegang für Junioren mit einer Karrierenleiter innerhalb des Schweizer Eishockeys einfacher war.

Bei uns bekommen Junioren meist nur dann eine Chance, wenn Not am Mann ist. Ein Beispiel dafür ist Janis Moser, der auf Grund von Verletzungen vor zwei Jahren ins Kader des EHC Biel gerutscht ist und bereits im jungen Alter eine erstaunliche Entwicklung gemacht hat. Der junge Verteidiger zeigt damit, welches Potential in unseren Junioren schlummert, wenn man sie auch auf NL-Ebene fördert. Gerade die Tatsache, dass das Niveau in den heimischen Juniorenligen offenbar zu tief ist, lässt Coaches von NL-Teams aber immer wieder zögern, solchen Spielern eine Chance zu geben. Um die Schweizer Junioren weiterzubringen und damit auch mehr Erfolg an einer U20-WM zu haben, braucht es deshalb zwei Dinge. Zum einen müssen die Spieler bereits in jungen Jahren besser gefördert werden, zum anderen braucht es in der NL und SL Trainer, die konsequent auf den eigenen Nachwuchs setzen. Würden sie dies machen, hätten die Sportchefs auch einen Joker im Ärmel bei Vertragsverhandlungen mit Dritt- und Viertlinienspielern gestandenen Alters.

Ähnliches wurde offenbar auch im Trainerstab der U20-Nationalmannschaft erkannt. «Im Nachgang zur U20-WM werden wir analysieren, wie wir das Schweizer Junioren-Hockey verbessern», erklärt Marco Bayer. Schafft man es die Spieler an der Basis noch besser zu fördern, muss man sie auch besser ins Erwachsenen-Hockey integrieren. Gerade dies scheint ob der grossen Reformpläne von National League (mit einer angeblichen geplanten Erhöhung auf zehn Ausländer pro Team und Spiel unter Abschaffung des Status Lizenz-Schweizer) eine grosse Aufgabe zu sein.

«Unter dem Strich, werden die Reformen die Situation für die Junioren wohl eher verschlechtern», weiss auch Marco Bayer. Trotzdem will man sich auch hier fragen, mit welchen Massnahmen man die Junioren noch schneller ins Erwachsenen-Hockey integrieren kann.

Betrachtet man die «World Juniors» mit etwas Distanz, so muss man sich eingestehen, dass es die Schweiz mit einem schwachen Jahrgang nicht geschafft hat das Viertelfinal zu erreichen. Dies ist ganz klar als eine Niederlage zu werten. Allerdings hat dieses Misserfolg auch aufgezeigt, wo der Schuh im Schweizer Eishockey drückt. Führt die Niederlage dazu, dass man im Verband und in den Ligen Lösungen findet, wie man die Juniorenförderung nachhaltig verbessern kann, war diese WM auch eine Chance für die Zukunft. Hat die Niederlage gar zur Folge, dass man in den Chefetagen der NL-Clubs gewisse Reformpläne nochmals überdenkt, kam die Niederlage ganz bestimmt zur richtigen Zeit.