Durchs Nadelöhr gezwängt

12.12.2018 - Von SLAPSHOT/Matthias Müller - SLAPSHOT Ausgabe Nr. 3, Nov./Dez. 2018

Der junge Stürmer André Heim schickt sich an, in der National League einen Stammplatz zu erobern. Beim SCB. Kein einfaches Unterfangen. Der Berner Oberländer scheint die Gunst von Trainer Kari Jalonen gewonnen zu haben, doch der Weg ist noch lang.

«Meine Aufgabe beim SC Bern ist es, Spiele zu gewinnen.» Dieser Satz, der Trainer Kari Jalonen im grossen SLAPSHOT-Interview in diesem Frühjahr über die Lippen gegangen ist, mag so blank wie er hier gedruckt steht, wie eine grausame Floskel klingen. Tatsächlich ist er im richtigen Kontext betrachtet – es ging darum, inwieweit junge Spieler die Stars entlasten sollten – äusserst vielsagend: Den Nachwuchs zu fördern, ist ein hehres Ziel, doch der Sieg steht an dieser Adresse an erster Stelle. Und zwar ohne Wenn und Aber. «Das ist so», bestätigt André Heim und lächelt mild. «Ein schlechter Match hat in Bern Konsequenzen – egal, wie alt du bist. Es gibt immer einen, der darauf wartet, dich zu ersetzen.» Heim muss es wissen. 20 Jahre ist der Stürmer alt. Er stammt aus der eigenen Nachwuchsabteilung und war mit seinen Jahrgangskollegen äusserst erfolgreich. Zwei Titel mit den Novizen Elite und einen mit den Elite A-Junioren hat er gewonnen. Aus dieser tollen SCB Generation hat es das Ausnahmetalent Nico Hischier direkt in die NHL geschafft, der Verteidiger Yanik Burren und André Heim spielen heute regelmässig in der ersten Mannschaft. Verteidiger Colin Gerber ist der dritte im Bunde, er darf von Zeit zu Zeit ran, steht aber zwecks Heranführen ans Profi-Level auch im Kader des EHC Olten. «Es geht auch darum, bei Verletzungen anderer die Chance zu packen», sagt der Berner Oberländer. Er selbst hatte zum Saisonbeginn 2017/2018 vom Ausfall von Luca Hischier profitiert, einem typenähnlichen Spieler. Heim machte als Center der vierten Linie einen guten Job und kam so letztlich auf Anhieb auf 34 Spiele. «Ich hätte ehrlich gesagt vor der Saison gar nicht gedacht, dass ich überhaupt zum Einsatz komme», sagt er kopfschüttelnd. «Dass es zum Schluss so viele Partien wurden, war für mich gewaltig.»

Von Extra-Trainings profitiert
Heute spielt André Heim mit schöner Regelmässigkeit. Entweder als Center in der vierten Linie oder als Flügel in der dritten Formation, zuletzt wurde er sogar im Powerplay eingesetzt. Noch hütet er sich zu sagen, er habe es geschafft. Er weiss sehr wohl, dass sich die Situation schnell ändern und eines Tages vielleicht sogar ein Transfer zu einem anderen, kleineren National League- Klub zum Thema werden könnte. Dennoch wäre eine Ausleihe in die Swiss League zu diesem Zeitpunkt für ihn zweifelsohne eine Enttäuschung. «Ich habe mich entwickelt, im Bereich Skating und Physis sogar enorm», sagt Heim und impliziert damit auch, dass es freilich mehr gebraucht hat, um hierherzukommen, denn nur zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein. Das Nadelöhr gegen oben mag beim SCB und Trainer Jalonen eng sein, doch ist man erst einmal durch, kommt man in den Genuss hochwertiger Förderung. «Wenn sie auf dich setzen, dann investieren sie in dich. All die Extra-Trainings auf dem Eis und im Kraftraum haben mich massiv weitergebracht.» Gleichzeitig brauche man vor allem Geduld, gibt Heim zu bedenken. Wenn man frisch aus der Juniorenabteilung kommt, ist es nicht nur einfach, sich wieder hintenanzustellen. Lange Reisen an Auswärtsspiele, nur um dann nicht eingesetzt zu werden – das müsse man zuerst verarbeiten können, so der Stürmer. Ihm selbst sei dabei entgegengekommen, dass er von Natur aus eher der Typ ist, der etwas Zeit braucht, um sich zu akklimatisieren. Als Junior hatte er zwar ansprechend Talent – Heim hat eine U18- (2016) und eine U20-WM (2017/2018) bestritten –, allerdings nie in den Sphären eines Nico Hischiers gespielt. So war es einfacher, einen Platz zu finden und dann bei Bedarf auch wieder zurückzustecken. Er sagt: «Ich glaube, dass es nicht das Talent ist, das mich von den vielen ehemaligen Teamkollegen unterscheidet, die jetzt in der Swiss League spielen oder aufgehört haben. Es ist der Biss.»

Die Krux der Ausleihe
Damit bringt es André Heim ziemlich gut auf den Punkt. Durch den Umstand, dass bei den zum Erfolg verdammten Bernern auch Spieler für die dritte und vierte Linie verpflichtet werden, sind die eigenen Junioren gezwungen, sich gegen gestandene, erwachsene Konkurrenz durchzusetzen. Wer den Sprung von den Elite Junioren nicht direkt schafft – und das sind die meisten –, wird vorderhand in die Swiss League ausgeliehen, wo er nicht selten Gefahr läuft, das eigentliche Ziel aus den Augen zu verlieren. Während die ZSC Lions, die beiden Tessiner Klubs und der EV Zug vor ihrer Haustüre ein Farmteam voller U23-Akteure unterhalten, mit dem man quasi einen freien Spielerverkehr pflegen kann, gehen die SCB-Junioren nach Visp, Langenthal oder Olten. Etablierte und ambitionierte B-Klubs also, die diesen jungen Spielern nach einer gewissen Zeit und bei guten Leistungen Offerten unterbreiten. Auch André Heim hatte letzte und vorletzte Saison phasenweise als Leihgabe beim EHC Visp gespielt. Umgekehrt gibt es kleinere Klubs wie etwa Ambrì oder Langnau, die in ihren hinteren Linien nur schon aufgrund ihrer Organisationsphilosophie mehr Platz für Eigengewächse haben. Für den Spielertyp André Heim passt die Situation in Bern. Er hat sich bislang in diesem Selektionsprozess gut geschlagen und vor allem auch dank seinem Biss die Gunst von Trainer Kari Jalonen gewonnen. Doch er ist Realist genug um zu wissen, dass sein Weg noch lang ist und es nicht nur sein eigenes Zutun, sondern auch ein wenig Glück bei den Konstellationen braucht. Eigentlich, so erzählt er in diesem Zusammenhang schmunzelnd eine kleine Episode, hätte ja auch alles anders kommen können: «2011 war für mich klar, dass ich wie praktisch alle ambitionierten Junioren aus Interlaken zu Thun gehen würde. Thun wiederum hat einen engen Draht zu den SCL Tigers. Doch der damalige Sportchef nahm beim Anruf meiner Mutter gleich drei Mal das Telefon nicht ab. Da gingen wir halt zum SCB. Zum Glück.»

Background-Portal

Heim

André Heim kürzlich mit dem SC Bern gegen die ZSC Lions. Foto: Vedi Galijas

Dieser Artikel stammt von der aktuellen Ausgabe des Eishockey-Magazins SLAPSHOT. Bestelle das Hockey-Magazin der Schweiz (8 Ausgaben und 1 Hockey-Guide) jetzt in unserem Shop.