KHL World Games: Das müsst ihr wissen

25.11.2018 - Von Martin Merk

Die russisch-geprägte Kontinentale Hockey Liga (KHL) macht am Montag und Mittwoch im Zürcher Hallenstadion Halt. Hier gibt’s ein paar interessante und kuriose Fakten zur KHL und den teilnehmenden Teams.

Gründung: Die KHL wurde 2008 gegründet mit dem Ziel die russische Liga zu erweitern und besser zu vermarkten. Aber auch als Gegenpol zur NHL und um Spieler in Europa zu behalten. In einem ersten Schritt kamen Teams aus Ländern der ehemaligen Sowjetunion hinzu mit Dinamo Riga (Lettland), Dynamo Minsk (Weissrussland) und Barys Astana (Kasachstan) – für Russland auch eine Art Hockey-Diplomatie in der Nachbarschaft, wo die politischen Beziehungen von unterschiedlicher Freundlichkeit geprägt sind.

Expansion: Später kamen Teams aus anderen europäischen Ländern, darunter mit Jokerit Helsinki (Finnland) und Slovan Bratislava (Slowakei) auch zwei Traditionsclub, hinzu. 2016 expandierte man nach China mit Red Star Kunlun, das seine Spiele in Peking und Schanghai austrägt. Mit den World Games in Zürich und Wien geht man nun noch ein bisschen weiter Richtung Westen, wenn auch nur für Gastspiele.

Riesenreich: Noch weiter im Osten als das chinesische Team befinden sich die russischen Teams Amur Chabarowsk und Admiral Wladiwostok an der Pazifikküste. Die KHL erstreckt sich damit über neun Zeitzonen. Damit ist das Einzugsgebiet der KHL geographisch noch grösser als jenes der NHL, wo die Differenz zwischen den Clubs an der Ost- und Westküste bloss drei Stunden beträgt. Sollte es einst ein Team in London geben, wären es gar zehn Zeitzonen Unterschied.

Expansionsgelüste: Über Expansionen gab es schon immer Gerüchte und einige wie in Prag gingen auch schief. Verschiedene Städte in Deutschland, dazu Mailand, Stockholm, Paris, London, Genf oder gar Abu Dhabi wurden schon erwähnt. Und zwischen den Grossstädten auch das bodenständige Huttwil. Im Winter 2011/12 gab es Medienberichte über irrwitzige Pläne, dort wo sonst 1. Liga gespielt wurde ein KHL-Team hinzupflanzen das über 20 Millionen Franken pro Jahr kosten würde. Die Visitenkarten-Webseite mit dem coolen Logo gibt es noch heute, mehr Spuren als diese haben die «Helvetics» jedoch nie hinterlassen.

Markttest: Sind die Spiele in Zürich auch eine Art Markttest für ein Team in der Schweiz? «Wir untersuchen neue Märkte, auch hier in der Schweiz, und wir wollen wissen, ob hier Interesse besteht. Wir wollen den Schweizer Fans zeigen, wie wir die Spiele in der KHL ausführen. Es ist nicht nur ein Spiel, es ist eine Show mit Eröffnungszeremonie und spannende Spiele. Es ist Hockey und Show. Die Zuschauer können die Spiele zwischen der KHL und der Schweizer Meisterschaft vergleichen und wir hoffen, dass wir nicht verlieren», sagte uns der KHL-Vizepräsident Georgi Kobylyansky kürzlich. «Zürich oder Genf wären gute Plätze. Grosse Städte mit internationalen Flughäfen. Ich denke wenn wir in der Schweiz einen Club hätten, wäre es ein neuer Club mit einem neuen Namen», sagt er. «Wir werden sehen.»

Weg zum Gagarin Cup: Ähnlich wie in der NHL wird in einer Ost- und Westgruppe gespielt, wobei es auch zu einzelnen Spielen zwischen den Gruppen kommt. Die Playoffs werden wie in Nordamerika ebenfalls strikt innerhalb der Ost- und Westgruppe gespielt. Das Finale um den Gagarin Cup – benannt nach dem ersten Mensch im Weltall – ist dann ein Duell zwischen West und Ost. Im Westen sind der SKA St. Petersburg und der ZSKA Moskau, die beide in Zürich zu Gast sind, die bekanntesten Teams. Im Osten kämpfen in den letzten Jahren Mannschaften wie Metallurg Magnitogorsk, Titelverteidiger Ak Bars Kasan, Salawat Julajew Ufa, Avangard Omsk oder neuerdings Awtomobilist Jekaterinburg um den Finaleinzug.

Mäzenentum: In Russland haben sich in den chaotischen 90er-Jahren nach dem Zerfall der Sowjetunion viele Insider Firmenwerte über Millionen und Milliarden von Franken aneignen können. Es gehört in Russland deshalb zum guten Ton, der Gesellschaft über Sport und Kultur etwas zurückzugeben, ob aus der eigenen Kasse oder jener der Firma. Dass sich der Präsident Wladimir Putin in seiner Amtszeit stärker fürs Eishockey zu interessieren begann und in den letzten Jahren gar selbst auf dem Eis stand, hat diese Tendenz während seiner Amtszeit eher verstärkt. Leute aus seinem Freundeskreis wie die Rotenberg-Familie in St. Petersburg oder dem früher auch bei Genf-Servette spendablen Gennadi Timchenko, Staatsbetriebe im Öl- und Gasbereich wie Gazprom und Rosneft sowie zahlreiche regionale Firmen und Regierungen – bekannt etwa das riesige lokale Stahlkonglomerat hinter Metallurg Magnitogorsk – finanzieren die Teams massgeblich. Jeder hat und braucht in der KHL seinen Geo Mantegazza oder Walter Frey – und zwar in hohem Masse. Kobylyansky schätzte uns gegenüber kürzlich, dass nur 10 bis 20 Prozent der Ausgaben der Clubs durch operative Einnahmen gedeckt sind. Eine Zahl, die man in sieben Jahren auf 40 bis 45 Prozent erhöht sehen möchte.

Löhne: Im internationalen Spielermarkt ist die KHL zumindest was Löhne betrifft die erste Adresse hinter der NHL – noch vor der Schweiz. Vor allem für russische Stars von NHL-Kaliber greifen die Top-Clubs tief in die Tasche um sie in Russland zu behalten. Alexander Radulov soll rund sieben Millionen Franken jährlich in der KHL verdient haben, Ilya Kovalchuk immerhin rund 5,5 Millionen Franken. Zahlreiche andere russische Nationalspieler und Top-Ausländer verdienen zwischen eine und zwei Millionen Franken, darunter auch einige Finnen, Kanadier, Schweden und Tschechen. Budgets kennt man nicht so genau, sie dürften je nach Club aber zwischen sechs und 45 Millionen Franken liegen.

Tabellenlage: Entsprechen der Diskrepanz bei den Budgets ist auch die Diskrepanz auf dem Eis zwischen den Top-Clubs und den Hinterbänklern gross. Diese versuchte man zuletzt durch Ausschlüsse hoffnungslos wirkender Provinzclubs zu minimieren und seit dieser Saison durch ein neues Punktesystem. Neu werden wie in der NHL nur noch zwei Punkte für einen Sieg vergeben. Für eine Niederlage nach Verlängerung oder Penaltyschiessen gibt es einen Punkt. Damit ist Russland das einzige Land in Europa, wo nicht die Drei-Punkte-Regel gilt, dafür soll die Tabelle schöner aussehen. Nach 31 Spielen hat der ZSKA Moskau 54 Punkte und wurde soeben neuer Leader. Admiral Wladiwostok, das Mühe hat die Löhne zu bezahlen, nicht mal ein Drittel – 16. Statistisch gesehen ist die National League trotz den Lakers als Ausreisser nach wie vor ausgeglichener. Die drei KHL-Teams in Zürich sind alle in der oberen Tabellenhälfte. Der ZSKA Moskau führt im Westen vor dem SKA St. Petersburg. Dinamo Riga kämpft auf dem siebten Rang erfolgreich um den Playoff-Einzug.

Länder: Die KHL spielt nun in sieben Ländern. Dazu kommen die World Games in der Schweiz und Österreich sowie regelmässige Spielverschiebungen in der Nachbarschaft wie in Estland oder Litauen. Zwischenzeitlich spielten auch Clubs aus Kroatien, Tschechien und der Ukraine mit. Spieler aus 16 Ländern sind bei den 25 KHL-Teams angestellt.

Sowjetische Namen: Die Namen der Clubs sind auch heute noch sehr sowjetisch geprägt. SKA bedeutet Sportclub der Armee, ZSKA zentraler Sportclub der Armee. Der ZSKA Moskau konnte einst über Armeeaufgebote die besten Spieler der Sowjetunion einziehen und hatte in Nordamerika Gastspiele als «Red Army», die rote Armee. Heute teilen sich der SKA und der ZSKA mit finanziellen Anreizen fast das gesamte russische Nationalteam unter sich auf. Der kommunistisch geprägte Name Dynamo oder Dinamo kommt noch bei drei KHL-Clubs aus Minsk, Moskau und Riga vor. Dazu haben noch bei zahlreichen Clubs industriell-geprägte Namen wie Awtomobilist, Lokomotiv, Metallurg (Metallindustrie), Neftechimik (Petrochemie), Severstal (Nordstahl) oder Traktor überlebt. In den weiteren angeschlossenen Ligen VHL und MHL spielen noch Diesel, Khimik (Chemie), Lada (die klassisch-russische Automarke), Reaktor, Sputnik (Satellit) oder die Stahlfüchse mit.

Dinamo Riga – der Gastgeber: Dinamo Riga ist in Zürich Gastgeber und gilt als Traditionsclub in der KHL. Zwar wurde das heutige Unternehmen formell erst 2008 – gleichzeitig mit der KHL – gegründet, die Wurzeln gehen jedoch tief in die Sowjetzeit zurück, als es schon mal einen gleichnamigen Club gab. Lettland spielte vor dem 2. Weltkrieg noch bei Weltmeisterschaften mit, verschwand jedoch durch die Einverleibung in die Sowjetunion nahezu aus den Augen der westlichen Öffentlichkeit. Als 1946 das sowjetische Eishockeyprogramm gegründet wurde, gehörte Dinamo Riga zu den Teilnehmern der ersten Landesmeisterschaft, zumal die Letten viel Eishockey-Erfahrung hatten. Der Sport wurde daher in Riga während der Sowjetzeit weitergefördert. Im Eishockey konnten es die Letten den Russen zeigen. Der Gang nach Riga war auch für die dominierenden Teams früher wie heute nie einfach und 1988 feierte man den grössten Erfolg der Clubgeschichte als sowjetischer Vizemeister. Helmuts Balderis und Arturs Irbe gehören zu den bekanntesten Spielern jener Zeit, der grosse Viktor Tikhonov begann seine Trainerkarriere bei Dinamo Riga. Die Neuzeit-Version von Dinamo Riga war nicht derart erfolgreich. Bei Nationalisten mag der sowjetische Name und die russischen Gelder für Kritik sorgen, was aber nichts daran ändert, dass Dinamo Riga der wichtigste Arbeitgeber für lettische Spieler auf WM-Niveau geworden ist und dafür sorgt, dass Fans auch ausserhalb der WM gutes Eishockey sehen. Nachdem man die Playoffs viermal in Folge verpasste und zum Sorgenkind wurde, ist man diese Saison auf Kurs. Der Schwede Linus Videll war zeitweise Topscorer der Liga, zog sich aber eine Verletzung zu. Der kanadische Verteidiger Mathew Maione ist ebenfalls ein Top-10-Scorer. Dazu kommen Nationalspieler wie Lauris Darzins oder im Tor Kristers Gudlevskis. Auch vor den Grossclubs versteckt man sich nicht. Gegen den SKA verlor man vor einem Monat knapp 1:2, das letzte Spiel gewannen die Letten daheim vor 8479 Zuschauern am Freitag 3:0 gegen Avangard Omsk.

SKA – Russlands Dream-Team: Der SKA St. Petersburg hat in den letzten Jahren mit Geldern von Putin-nahen Geschäftsleuten so aufgerüstet wie kein anderes Team in Europa. Die Mannschaft gilt als teuerste des Kontinents, man will eine Basis für Nationalspieler sein wie einst der ZSKA Moskau, hat auch den Nationaltrainer Vorobjov hinter der Bande und plant auch die grösste Eishalle der Welt. Nur das Beste ist gut genug. Antriebshilfe gibt es von Gazprom, als Präsident amtet Gennadi Timchenko, der einst Genf-Servette alimentierte. Musste man sich zu Sowjetzeiten mit Bronzemedaillen als das höchste der Gefühle hinter den Moskauer Clubs begnügen, holte sich SKA 2015 und 2017 zweimal den Gagarin Cup. Viermal wurde man auch Spengler-Cup-Sieger (1970, 71 und 77 als SKA Leningrad sowie 2010). Nikita Gusev ist derzeit Topscorer der Liga, Kirill Kaprizov gehört zu den Top-Torschützen, im Tor steht Igor Shestyorkin und den Captain Pavel Datsyuk braucht man kaum vorzustellen. Der zweite Platz hinter dem ZSKA Moskau in der West-Gruppe ist nicht ganz das, was man möchte, doch die Saison dauert noch lange.

ZSKA – die rote Armee: Kein russisches Team holte soviele Titel wie der ZSKA Moskau, das einstige Armeeteam, das in Nordamerika als «Red Army» bezeichnet wird. Zwischen 1948 und 1989 holte der ZSKA 32 sowjetische Meistertitel, zwischen 1969 und 1990 20 Mal den Europacup. Doch mit Zerfall der Sowjetunion und dem Übergang in eine kapitalistische Gesellschaft verlor der Armeeclub an Glanz und Spieler. Machten früher die Moskauer Clubs die Meisterschaft unter sich aus, gab es plötzlich in der Provinz Geld und Meistertitel. Der ZSKA ging dagegen über 20 Jahre lang leer aus. Bis Rosneft als Geldgeber einstieg. Unter den Augen Putins unterzeichnete der staatliche Ölkonzern 2011 den Vertrag mit dem Ziel dem namhaften Club zu neuem Glanz zu verhelfen. Es half. 2015, als der Sieger der regulären Saison sich Meister nennen durfte, wurde der ZSKA russischer Meister. Nur in den Playoffs setzte man sich in der KHL bislang noch nie durch. Als Leader im Westen sind die Chancen aber da, auch dieses Jahr das Finale zu erreichen. Dafür sollen Spieler wie der Stürmer Kirill Kaprizov oder Mikhail Grigorenko sorgen.

Die Spiele: Am Montag spielt Dinamo Riga um 19:30 gegen den SKA St. Petersburg, am Mittwoch um 19:30 gegen den ZSKA Moskau. Tickets gibt es hier.

Background-Portal

KHL kommt nach Zürich

Dinamo Riga in den lettischen Nationalfarben spielte schon am Spengler Cup mit. Foto: Christoph Perren
 

Der SKA St. Petersburg hatte 2010 in Davos schon einmal ein KHL-Spiel in der Schweiz. Hier jubeln die Spieler gegen Spartak-Moskau-Torhüter Dominik Hasek. Foto: Michael Zanghellini
 


 

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