Müller schiesst Schweiz zu Bronze
Schweiz
Schweden
Spielbericht
Die Schweizer Frauen-Nationalmannschaft bezwingt Schweden um Bronze 2:1 nach Verlängerung. Wie schon beim Bronze-Gewinn 2014 schoss Alina Müller den Siegestreffer.
Das Spiel ging lange hin und her, hatte Höhen und Tiefen. In der Verlängerung drückten aber vor allem die Schweizerinnen und holten sich 50,6 Sekunden vor der Sirene den Sieg.
«Es war ein hartes Spiel, nicht das beste von uns. Wir kämpften so hart für diesen Moment. Wir gaben uns die Möglichkeit, dieses Gefühl zu fühlen», sagte Müller. «Man kann es nicht beschreiben. Ich dachte schon gestern im Bett daran zu denken, wie es wäre. Nach dem Schuss drehte ich mich um und alle Spielerinnen rannten zu mir.»
Die Schweizerinnen strebten ihre erste Medaille an einem grossen Turnier an seit sie bei den Olympischen Winterspielen 2014 in Sotschi ebenfalls gegen Schweden Bronze holten. Bei den Schwedinnen lag die letzte Olympia-Medaille sogar noch länger zurück, Silber in Turin 2006.
«Was für ein Spiel fürs Frauenhockey. Ich bin so glücklich, dass Alina es so beendete. Sie ist eine phänomenale Spielerin», sagte die Kapitänin Lara Stalder. «Vor vier Jahren waren wir auch nahe dran und wollten es vielleicht zu fest, mit der Brechstange, und dann klappt es nicht. Ich wollte daher Ruhe einbringen. Egal was war, nun ist der Moment. Manchmal muss man einfach ein Lächeln im Gesicht haben, damit man in den Moment kommt.»
Die Schweizerinnen starteten fast wie bei der knappen Halbfinal-Niederlage gegen Kanada. Rahel Enzler kehrte dabei zurück in die erste Sturmreihe mit den Stars Müller und Stalder, Andrea Brändli war erneut im Tor. Sie hatte erneut viel Arbeit und hielt 32 von 33 Schüssen (97%).
«Es war pure Freude. Ein tolles Gefühl. Ich glaubte von Anfang an, dass wir gewinnen können», sagte Brändli. «Sie setzten uns unter Druck. Es war ein Kampf 50-50 bis zum Schluss. In der Verlängerung kamen wir stärker raus und konnten den Ton angeben, aber sie blieben gefährlich.»
Langes Abtasten
Die Schwedinnen hatten zunächst mehr Puckbesitz. Erst nach vier Minuten hatte Lara Christen den ersten Schweizer Torschuss. Viel lief im Drittel aber auf beiden Seiten nicht.
Nach 16 Minuten konnten die Schweizerinnen erstmals in Überzahl spielen. Ein kleines «Geschenk» der schwedischen Kapitänin Anna Kjellbin, die vor ihrem Tor abseits vom Puck die Schweizerin Alina Marti mit einem Crosscheck von hinten umstiess. Die Schweizerinnen konnten von diesem Aussetzer aber nicht profitieren. Enzler und im Nachschuss Ivana Wey hatten die einzige Möglichkeit.
Auch im Mitteldrittel ging das Spiel hin und her mit etwas mehr Schüssen für Schweden, die grösste Chance kam aber für die Schweiz als Wey alleine losziehen konnte. Da sie von Thea Johansson zurückgehalten wurde, bekam Wey einen Penaltyschuss zugesprochen, scheiterte aber auch auf diese Art an der schwedischen Torhüterin Ebba Svensson Träff.
Gegentor zur Unzeit, schnelle Reaktion
Die Schweizerinnen waren nun aber besser im Spiel und öfters in der Vorwärtsbewegung. Und kassierten ausgerechnet in dieser Phase den ersten Treffer. In der 32. Minute traf Mira Jungåker mit einem Weitschuss, ihre Teamkollegin Hanna Olsson verdeckte Brändli die Sicht.
«Leider sah ich nichts. Ich schaute es später in der Wiederholung nochmals an. Es war ein unglaublich guter Schuss. Schweden hat gut gespielt, es hätte auf beide Seiten gehen können», sagte Brändli.
Jungåker gehörte zu den auffälligsten Spielerinnen von Schweden. Wie all ihre Teamkollegin haderte sie hart nach dem Spiel.
«Das erste und zweite Drittel war nicht gut genug. Wir spielten nicht 60 Minuten Hockey. Wir waren nur 20 Minuten gut. Es ist enttäuschend, dass wir nicht auf eine gute Weise abschliessen konnten», sagte die Schwedin.
Vier Minuten später konnten die Schweizerinnen aber wieder ausgleichen. Sinja Leemann nahm Olsson vor dem Tor die Scheibe ab und verschoss, doch Alina Marti kam an die Scheibe, passte zurück und Leemann traf im zweiten Anlauf zu 1:1.
«Alina Marti war im Forechecking und ich musste sie nur noch reintun. Es war ein toller Teameffort», sagte Leemann. «Es ist sehr schön, dass wir die Medaille holen konnten. Es war ein enges Spiel. Wir kämpften, hielten dagegen und dann hatten wir das wunderschöne Tor in der Verlängerung. Unglaublich.»
Brenzlige Schlussphase
Die Richtung gaben zu Beginn des Schlussdrittels aber die Schwedinnen vor. In der 48. Minute musste wieder Kjellbin auf die Strafbank wegen Behinderung gegen Laura Zimmermann, doch auch dieses Powerplay blieb ungenutzt.
«Zwei Drittel spielten wir gut, Schweden blockierte viele Schüsse. Das letzte Drittel ging nicht unseren Weg. In der Verlängerung kann es auf jede Seite gehen. Die Schwedinnen haben auch ein super Spiel geliefert», sagte der Nationaltrainer Colin Muller. «Riesenkompliment an unsere Frauen. Sie waren müde und haben trotzdem etwas zeigen können in der Verlängerung.»
Drei Minuten vor Drittelsende hatte Enzler eine gute Chance als sie vor dem Tor die Scheibe erhielt, doch kurz danach holte sich Lena Marie Lutz übermotiviert wirkend mit einem Cross-Check gegen Maja Nylén-Persson eine Strafe. Schweden nahm ein Time-out und versuchte die Entscheidung zu erzwingen, doch die Schweizerinnen überstanden die Strafe und retteten sich in die Verlängerung, hatten dabei auch Pech als Jungåker von hinten Müller umstiess, aber straffrei davonkam.
Als Müller in sich ging
Die Partie ging in die maximal zehnminütige, drei gegen drei geführte Verlängerung. Bereits zuvor hatte Muller seine besten Kräfte gebündelt. Annic Büchi und Kaleigh Quennec erhielten bereits nach wenigen Einsätzen keine Eiszeit mehr. In der Verlängerung wurden im Sturm vor allem Müller und Wey forciert, eine Wahl, die sich am Schluss als goldrichtig erweisen sollte.
«Zehn Minuten lang drei gegen drei ist für einen Trainer sehr schwierig. Man muss auch schauen, wer müde ist und wer nicht. Die Energie, die Alina Müller findet, wenn wir so gespielt haben... Kompliment!» sagte Muller.
Das Format schien den Schweizerinnen besser zu liegen als den Schwedinnen, welche zuvor die Schweizer Top-Spielerinnen gut neutralisieren konnten.
«Bei grösserem Raum können die einzelnen Spielerinnen den grösseren Unterschied machen und das sah man», sagte Christen zur Verlängerung. «Es war unser Teamwille. Egal was geschieht, wir bleiben zusammen.»
Lange lief wenig, dann hatte nach zweieinhalb Minuten Zimmermann die erste grosse Chance nach einem schwedischen Fehlpass, ansonsten versuchten die Teams vor allem die Scheibe zu halten, wobei die Schweizerinnen deutlich mehr Möglichkeiten kreierten. Für die Schweizerinnen war es der stärkste Spielabschnitt.
In der 68. Minute scheiterte Stalder mit einem abgelenkten Schuss an den Pfosten. Doch in der letzten Minute trafen die Schweizerinnen doch noch. Wey konnte sich links durchtanken, fand Müller, die auch beim zweiten Gewinn der olympischen Bronzemedaille das Siegestor erzielte.
«Ich probierte einfach alles zu geben, gute Wechsel zu machen, immer daran zu glauben. Ich war müde, die Beine waren schwer», sagte Müller. «Ich hoffte einfach, dass Ivana mich sah. Es war ein super Pass von Ivana und dann musste ich nicht viel machen. Ich schoss und sah, dass alle auf mich zukommen.»
Die Hände gingen in die Höhe, die Handschuhe flogen. Die Schweizerinnen gewannen Olympia-Bronze und sind nach zwölf Jahren wieder das beste Nationalteam Europas.
«Ich war froh, nicht ins Penaltyschiessen zu müssen, ich wüsste nicht, ob meine Nerven standgehalten hätten», sagte Brändli. «Es ist teilweise pures Glück, da kann man noch so gut sein.»
Die Schweizer Torhüterin fühlte, dass etwas in der Luft lag, gerade bei Müller.
«Ich merkte in der Pause vor der Verlängerung, wie sie in sich ging», sagte sie. «Man merkte, wie die Körpersprache immer energischer wurde. Ich wusste, dass sie es in sich hatte, dass sie es machen würde.»
«Ich habe gute Menschenkenntnisse», sagt die Psychologieabsolventin mit einem Lächeln.
«Ich war einfach am Schnaufen. Ich versuchte einfach runterzufahren und ruhig zu sein. Es gibt genug, die rumschreien. Ich musste einfach meine Energie bündeln und wusste, dass es möglich ist», sagte Müller.
«Ich war ruhig vor dem Spiel, während des Spiels. In Boston und der PWHL zu spielen hilft mir, bei allem professionell zu sein. Ich hoffe, dass viele junge Kinder nun mit Eishockey beginnen wollen.»
Müller trug bei den Feierlichkeiten auf dem Eis ein Trikot von Noemi Ryhner mit sich, die kurz vor der Abreise einen Wadenbeinbruch erlitt und nicht in Mailand spielen konnte. Viele Tränen flossen bei der EVZ-Spielerin. «Ich hoffe, dass sie ein bisschen lachen konnte daheim», sagte Müller zur Aktion.
Hoffen auf einen Schub fürs Frauenhockey
Einig waren sich alle Spielerinnen: Sie glauben und hoffen, dass dieses Spiel das Frauenhockey in der Schweiz vorwärtsbringen wird und mehr Mädchen animieren wird, Eishockey zu spielen.
Nicht mehr dabei sein wird in der Zukunft Trainer Muller. Er glaubt, dass die Zeit für etwas Neues gekommen sei. «Es war wahrscheinlich mein letztes Spiel. Aber ich bin froh, dass ich so weggehen kann», sagte Muller nach dem Sieg.
Muller holte nun sowohl bei den Frauen wie auch bei den Männern (WM 2013 als Assistenztrainer) eine Medaille an einem grossen Turnier, freute sich aber vor allem fürs Team.
«Ich bin für die Frauen sehr glücklich. Wir haben am Schluss die richtige Mannschaft zusammengestellt. Wir sagten vor dem Turnier, dass wir hierher kommen um eine Medaille zu gewinnen und nicht auf dem 4. oder 5. Platz zu sein», sagte Muller. «Das Land soll stolz sein. Hoffentlich bringt es einen grossen Schub fürs Frauenhockey.»
Schweiz – Schweden 2:1 (0:0, 1:1, 0:0, 1:0) n.V.
Santagiulia Eishockey-Arena. – 8243 Zuschauer. – SR: Mantha (CAN) / Nurmi (FIN), Clarke (CAN) / Todd (CAN).
Tore: 31:40 Jungåker (Svensson, Thea Johansson) 0:1. 35:40 Leemann (Marti) 1:1. 59:09 Müller (Wey, Christen) 2:1.
Strafen: 1-mal 2 Minuten gegen die Schweiz, 2-mal 2 Minuten gegen Schweden.
Schüsse aufs Tor: 25:33 (5:8, 7:10, 6:13, 7:2)
Schweiz: Brändli (Ersatz: Maurer); Christen, Baechler; Mériguet, Vallario; Sigrist, Wetli; Büchi; Stalder, Müller, Enzler; Marti, Wey, Leemann; Lutz, Herzig, Zimmermann; Quennec, Rüedi, Schaefer; Balzer.
Schweden: Svensson Träff (Ersatz: Söderberg); Nylén-Persson, Jungåker; Kjellbin, Raunio; Karlsson, Adolfsson; Andersson; Thea Johansson, Olsson, Svensson; Thuvik, Hjalmarsson, Lisa Johansson; Bouveng, Lundin, Hallin; Hall, Ljungblom, Hedqvist; Wikner Zienkiewicz.
Bemerkungen: Schweiz ohne Wagner. Schweden ohne Holm (beide überzählig). – 26:21 Wey scheitert mit Penaltyschuss. – 57:33 Time-out Schweden. 59:40 Time-out Schweiz. – 67:37 Pfostenschuss Stalder.
