Historisch knappe Niederlage gegen Kanada
Kanada
Schweiz
Spielbericht
Die Schweizer Frauen-Nationalmannschaft war gegen ein nach wie vor überlegenes Kanada so nahe dran wie noch nie, verlor jedoch das Halbfinalspiel 1:2 und spielt am Donnerstag gegen Schweden um Bronze.
In Mailand kam es zum 20. Aufeinandertreffen zwischen den kanadischen und Schweizer Frauen-Nationalteams in einem Ernstkampf (WM/Olympia). Die Kanadierinnen hatten alle 19 Spiele gewonnen, meistens deutlich. Die 1:2-Niederlage war das knappste Resultat aller Zeiten und löste die 1:3-Niederlage in Sotschi 2014, ebenfalls im Halbfinale, ab.
Die Schweizerinnen konnten Kanada in den ersten 15 Minuten lang gut vom eigenen Tor auf Distanz halten ehe die Kanadierinnen vermehrt zu Chancen kamen und im Mitteldrittel zweimal trafen. Rahel Enzlers Anschlusstreffer in der 45. Minute gab neuen Mut und die Schweizerinnen konnten bis zum Schluss auf den Ausgleich hoffen.
«Es machte Spass, dass wir erstmals in dieses Spiel gegangen sind um zu gewinnen. Wir hatten nichts zu verlieren», sagte die Nationalstürmerin Alina Müller, die den Treffer vorbereitete. «Wir sind enttäuscht, dass wir zwei Drittel lang nicht so spielen konnten wie im letzten Drittel, als wir Chancen kreierten. Wir können nun mit diesem Momentum weiterfahren. Es ist Zeit für eine neue Medaille. Wir kennen Schweden gut. Wenn wir so spielen wie im letzten Drittel, haben wir eine gute Chance.»
Kanada versuchte von Beginn an aufs Schweizer Tor zu ziehen, doch die Schweizerinnen standen hinten gut und gestanden ihren Gegnerinnen kaum eine Abschlussmöglichkeit zu, scheiterten auf der anderen Seite aber auch oftmals früh in den eigenen Angriffsbemühungen. Nach vorne sollte die Beförderung von Sinja Leemann (im Tausch mit Rahel Enzler) in die erste Linie mit Alina Müller und Lara Stalder zusätzliche Impulse setzen.
Die Statistik nach neun Minuten bis zur ersten Werbeunterbrechung: 2:0 Torschüsse für Kanada, 5:0 gewonnene Anspiele. Es lag das Gefühl des Abtastens in der Luft.
In der 11. Minute nahm Emma Maltais für ein übermotiviertes Checken nach der Puckabgabe gegen Alessia Baechler eine Strafe, doch die Schweizerinnen blieben weiterhin ohne Torschuss. Erst gegen Ende des Drittels hatten die Kanadierinnen gefährliche Chance. Etwa als Daryl Watts von hinter der Torlinie zum Schweizer Tor spielte und die Scheibe hinter der Schweizer Torhüterin durchkullerte. Lara Christen konnte befreien. Wenig später hatte Emily Clarke einen Pfostenschuss, während auf der anderen Seite auch die Schweizerinnen ihren ersten offiziellen Schuss aufs Tor durch einen Weitschuss Christens registriert erhielten. Die Pausensirene kam zu einem guten Zeitpunkt für die Schweizerinnen. Der Schweizer Plan ging in den ersten 20 Minuten auf: möglichst lange torlos halten und die Kanadierinnen nervös machen.
«Wir spielen defensiv sehr solid, hart, blocken viele Schüsse. Wir wollen ihnen Zeit und Raum nehmen, damit sie auch Fehler machen. Bislang hat es geklappt», sagte die Verteidigerin Alessia Baechler im Pauseninterview mit SRF. «Es ist ein wichtiges Spiel mit cooler Atmosphäre, aber wir dürfen sie nicht grösser machen als sie sind.»
Nachdem die Kanadierinnen mit normalen Schüssen wenig erreicht hatten, gingen sie nach 109 Sekunden im Mitteldrittel mit einem missglückten Schuss in Führung. Die Kapitänin Marie-Philip Poulin traf vor der blauen Linie den Puck nicht richtig, er prallte an der Schweizer Stürmerin Naemi Herzig ab und hüpfte ins Schweizer Tor.
Die Kanadier suchten gleich das 2:0, während die Schweizerinnen zu einem Angriff mit 2:1 Feldspielerinnen kamen, doch Kaleigh Quennec scheiterte an Ann-Renée Desbiens.
In der 29. Minute war es wieder Poulin, die traf. Die routinierte Stürmerin mit dem Torriecher verwertete einen Abpraller nach einem abgewehrten Schuss von Daryl Watts und überholte ihre Landsfrau Hayley Wickenheiser als beste Torschützin aller Zeite des olympischen Frauen-Eishockeyturniers.
«Wir wussten, dass es kein einfacher Schritt ins Finale wird. Die Schweizer haben ein gutes Team. Wir wussten, dass die Schweiz hart spielen würde und sie tat es, sie haben eine gute Torhüterin. Wir spielten besser im zweiten Drittel. Es war ein knappes Spiel, wir sind glücklich, dass wir gewonnen haben», sagten Poulin.
Bezüglich ihrer Tore und ihres Torrekords gab sich die 34-Jährige, die ihre fünfte Olympischen Winterspiele bestreitet, bescheiden: «Ich bin umgeben von tollen Teamkolleginnen. Ich bin glücklich, dass wir gewinnen konnten.»
Das Lob kam dafür umso mehr von ihren Teamkolleginnen und ihrem Trainer.
«Wir waren langsam am Anfang. Die Teams tasteten sich ab in einem grossen Spiel. Wir sprachen darüber in der Pause und natürlich war es Poulin, welche die Führungsrolle übernahm», sagte der kanadische Trainer Troy Ryan. «Sie ist eine spezielle Spielerin, eine spezielle Person und eine grossartige Leaderin.»
«Ich weiss nicht, wie sie das weiterhin macht. Es ist erstaunlich, dafür gibt es keine Worte», sagte ihre Teamkollegin Laura Stacey. «Sie trägt uns jede Nacht auf ihren Schultern. Wir sind es ihr schuldig, sie auf unseren Schultern zu tragen. Sie kam [nach der Verletzung] zurück, führte uns zum Sieg und ins Finale. Es gibt keine Worte um zu beschreiben, was sie für das Team und für das ganze Land tut.»
Poulin stand in der 33. Minute für einmal etwas anders im Mittelpunkt als sie Laura Zimmermann von hinten in die Bande checkte, was im Videostudium auf eine grosse Strafe überprüft wurde, es blieb jedoch bei zwei Minuten. Kaum war sie vorbei, fällte Blayre Turnbull die Schweizerin Leemann, womit es gleich weiter ging mit fünf gegen vier Spielerinnen. Dies brachte zumindest etwas Ruhe für die Defensive, doch grosse Chancen waren Mangelware. Auf der anderen Seite überstanden auch die Schweizerinnen ihr erstes Unterzahlspiel als Quennec wegen übertriebener Härte auf die Strafbank musste.
Brändli stand auch in diesem Spiel im Mittelpunkt, vor allem im aus Schweizer Sicht schwachen Mitteldrittel. 44 von 46 Schüsse (95,7%) wehrte die Schweizer Torhüterin insgesamt ab.
«Ich bin glücklich mit unserer Leistung. Wir gaben nie auf. Wir müssen so weitermachen im Spiel um Bronze», sagte Brändli.
Für das Schlussdrittel spielte Enzler wieder im Paradesturm und traf nach fünf Minuten nach einem Rückpass von hinter der Torlinie Müllers. Das Tor nährte die Hoffnung auf ein Wunder bei den Schweizerinnen. Sie hatten für einige Minuten eine starke Phase, agierten öfters in der Offensive, schossen mehr und die Kanadierinnen wirkten nervös, wobei in der 48. Minute Turnbull zu einer Kontermöglichkeit kam – Christen konnte sie aber noch im letzten Moment stören.
«Wir wussten, dass wir möglichst schnell ein Tor machen mussten um noch eine Chance zu haben. Es war ein super Forechecking meiner Teamkolleginnen und dann musste ich ihn nur noch rein machen», sagte Enzler. «Ich hatte schon paar Tore auf dem Stock in den vorherigen Spielen und ich bin froh, dass er nun rein ist und ich damit dem Team einen Schub geben konnte. Leider hat es nicht mehr ganz gereicht für ein zweites Tor.»
«Am Schluss spielten wir zu vorsichtig und ein Tor machte das Spiel knapper als es hätte sein müssen», sagte Ryan.
Die Schweizerinnen suchten weiter den Treffer und nahmen zwei Minuten vor Schluss gegen Kanada die Torhüterin raus, doch ein übermotivierter Check von Ivana Wey mit der dazugehörigen Strafe verhinderte eine grössere Schlussoffensive.
«Wir kamen wie geflogen im dritten Drittel. Wir müssen das mitnehmen. Kanada war zitterig und schlagbar», sagte Stalder. «Wir schliessen die Lücke zu den grossen Teams. Das Frauenhockey hinter Kanada und den USA entwickelt sich.»
Damit bestreitet die Schweiz am Donnerstag das Spiel um Bronze gegen Schweden um 14:40. Im Finale stehen die USA und Kanada um 19:30. In beiden Fällen nahm das Halbfinale einen ähnlichen Verlauf wie vor zwölf Jahren in Sotschi 2014 als die Schweizerinnen Kanada mit zwei Toren und Schweden den USA mit fünf Toren Differenz unterlagen. Damals besiegten die Schweizerinnen Schweden um Bronze 4:3, Kanada holte Gold gegen die USA. Ein Szenario, das die Schweizerinnen gerne wiederholen würden. Aus dem damaligen Team sind noch Müller und Stalder dabei, bei den Schwedinnen niemand und bei Kanada schoss Poulin das goldene Tor in der Verlängerung.
Kanada – Schweiz 2:1 (0:0, 2:0, 0:1)
Santagiulia Eishockey-Arena. – 9662 Zuschauer. – SR: Cooke (USA) / Doyle (USA), Buckner (USA) / Hajkova (CZE).
Tore: 21:49 Poulin (Jaques, Watts) 1:0. 28:21 Poulin (Watts, Shelton) 2:0. 44:53 Enzler (Müller) 2:1.
Strafen: 3-mal 2 Minuten gegen Kanada, 2-mal 2 Minuten gegen die Schweiz.
Schüsse aufs Tor: 46:8 (13:1, 22:3, 11:4)
Kanada: Desbiens (Ersatz: Maschmeyer); Fast, Larocque; Jaques, Shelton; Ambrose, Thompson; Tabin; Fillier, Poulin, Watts; Stacey, Turnbull, Clark; Jenner, Nurse, Maltais; Gardiner, O’Neill, Gosling; Spooner.
Schweiz: Brändli (Ersatz: Maurer); Christen, Baechler; Mériguet, Vallario; Sigrist, Wetli; Büchi; Stalder, Müller, Leemann; Marti, Wey, Enzler; Lutz, Herzig, Zimmermann; Quennec, Rüedi, Schaefer; Balzer.
Bemerkungen: Kanada ohne Osborne (überzählig). Schweiz ohne Wagner (überzählig). – 17. Pfostenschuss Clarke. – Schweiz von 57:58 bis 58:08 und ab 58:52 ohne Torhüterin.
