Rückblick U18-WM
Der NHL-Scout Thomas Roost blickt für hockeyfans.ch auf die U18-WM zurück und wagt eine Vorhersage betreffend künftiger NHL-Stars.
Die Schweiz
Die diesjährige U18-WM startete aus meiner Sicht mit für einmal ziemlich hohen Erwartungen an unsere Mannschaft. Dies aus folgenden Gründen: Weltweit gilt der Jahrgang 93 nicht als besonders gut. Selbst die Top-Nationen USA und Schweden waren dieses Jahr nicht mit einer „ausserirdischen“ Besetzung an der WM, auch sie litten unter einem „nur“ durchschnittlichen Jahrgang. Die Russen waren sogar mit einem schwachen Jahrgang am Start und konnten froh sein, dass zwei, drei hochklassige Individualisten den Absturz ins Mittelmass oder sogar in die Relegationszone verhindern konnten. Kanada spielt – im Gegensatz zum 8-Nations-Sommerturnier – an der WM nie mit der bestmöglichen Auswahl sondern lediglich mit Spielern aus Teams die bereits in den Junioren-Playoffs ausgeschieden sind; nicht verwunderlich darum, dass auch Kanada nicht restlos überzeugen konnte. Anders die Schweizer: Unser Team hat mich während der gesamten Saison überzeugt mit frischem, optimistischem Spiel und ich freute mich ohne grosse Abstiegssorgen auf diese WM; dies sogar mit der Erwartung im Hinterkopf, dass die Viertelfinals gegen Deutschland und die Slowakei im Normalfall erreicht werden sollten. Unser 93er-Team ist ziemlich talentiert, läuferisch ok und ziemlich mobil – dies mit Abstrichen bei einigen Verteidigern – und hat lediglich das Manko des Grössennachteils bei den Stürmern. Unsere diesjährigen Stürmer waren gut aber klein. Fragezeichen gab es auf der Goalieposition.
Die WM begann aus Schweizer Sicht mit einer recht guten Leistung gegen die USA, die 1:2-Niederlage war zwar verdient – vor allem dank einem verbesserten US-Schlussdrittel – aber nicht zwingend. Im zweiten Spiel dann der negative Paukenschlag: Die Deutschen – die in diesem Jahrgang nominell schwächer besetzt sind als die Schweizer – erdrückten unsere Jungs richtiggehend und feierten einen verdienten Erfolg. In den engen Zonen rund um die Tore waren die Deutschen physisch überlegen und agierten mit grösserer Entschlossenheit. Zudem zeigte der Deutsche „Underage-Goalie“ CUPPER eine hervorragende Leistung währenddem unsere Goalieleistung in diesem Spiel nur durchschnittlich war. Eine Niederlage gegen Deutschland liegt zwar immer drin – weil die Deutschen Junioren nur marginal schwächer sind als unsere – aber die Art und Weise sowie die Klarheit der Niederlage war etwas erstaunlich. Sehr erstaunlich war nach dem Spiel ein „Statement“ eines Spielers aus dem hervorgeht, dass sie die Deutschen in den ersten 30 Minuten unterschätzt haben. Falls dies stimmt ist dies schlicht inakzeptabel. Wie kann man einen Gegner unterschätzen, der die gesamte Saison in den Direktvergleichen auf Augenhöhe gespielt hat? Aber hallo?!
Nach diesem Spiel war plötzlich klar, dass der Abstieg droht und der Direktvergleich mit den Slowaken eine diesbezügliche Vorentscheidung bringen wird. Die Spieler in beiden Teams agierten auch entsprechend nervös, so dass ich nach dem Spiel konstatieren musste, dass dies wohl das niveauärmste Spiel gewesen ist, das ich je an einer U18-A-WM verfolgt habe. Beide Goalies flatterten und die Feldspieler produzierten Eigenfehler am Laufmeter. Hinzu kamen viele Stockfehler und eigenartigerweise prägte auch fehlende Intensität dieses Zitterspiel. Die Schweizer hatten Vorteile im Spiel 5 gegen 5, die Slowaken waren dafür in Powerplay-Situationen spürbar gefährlicher. Am Schluss konnte ich mich lediglich über die wichtigen Punkte freuen, das Spiel an sich war unterirdisch. Wiederum wunderte ich mich über ein Interview nach dem Spiel. In diesem Interview sprach unser Head Coach Manuele Celio von einem weitgehend guten Spiel unserer Mannschaft, was ganz und gar nicht meinem Eindruck entsprach und mit dieser Meinung war ich in den NHL-Beobachterreihen nicht allein. Ok, die Coaches wollten vermutlich auf „positiv“ machen und die vorherrschende Alarmstimmung nicht noch zusätzlich verschärfen, anders kann ich mir dieses „Statement“ nicht erklären.
Auch die Leistung gegen Norwegen war eher mittelmässig, obwohl es aus Schweizer Sicht vermessen ist, gegen einen solchen Gegner eine klare Angelegenheit zu fordern, zumal die Norweger auf eine gute Goalieleistung zählen konnten. Der Sieg im Kehrausspiel gegen Tschechien brachte uns tabellenmässig nahe in die erhoffte Region und Siege gegen Tschechien sind noch immer hoch einzustufen, zumal die Tschechen in diesem Jahr mehr oder weniger in Bestbesetzung antreten konnten, d.h. inkl. den „High-End-Prospects“ FRK, MUSIL und JASKIN. Der 7. Platz täuscht aber darüber hinweg, dass die Schweizer U18 um ein Haar abgestiegen ist. Dieses Fakt darf in einer Nachbetrachtung nicht verniedlicht werden. Nicht alles ist gut gelaufen an dieser WM. Ich bin aber überzeugt, dass die Verantwortlichen selbstkritisch genug für eine kritische Nachbetrachtung sind.
Nicht vergessen werden darf aber auch die über die gesamte Saison gesehen gute Leistung dieses Teams. Wie gesagt, unser 93er-Jahrgang hat viele talentierte kleine Stürmer und den einen oder anderen Verteidiger mit Potenzial. Positiv überrascht hat Tanner RICHARD – allerdings deutete sich sein Leistungssprung bereits seit einigen Wochen an – Richard war zu Beginn der Saison noch ein Wackelkandidat, in Dresden/Crimmitschau gehörte er bereits zu den Leistungsträgern. Der „Underager“ Christoph BERTSCHY hat in einigen Szenen ebenfalls angedeutet, dass er in der nächsten Saison ein Spieler sein wird auf den die Scouts ein Auge werfen werden. Andere Schweizer, die im Verlaufe der Saison immer wieder als Leistungsträger in Erscheinung getreten sind, taten sich schwer, in diesem Turnier auf Touren zu kommen. Für den kommenden Draft im Juni 2011 hat – mit Ausnahme von Tanner Richard - im Vergleich zu den bereits veröffentlichten Listen kein Schweizer Spieler zusätzlichen Druck nach vorne gemacht.
Die besten WM-Spieler für den NHL-Draft 2011
Die U18-WM ist immer auch ein wichtiges Schaufenster für den kommenden Draft und bietet sich dafür an, Prognosen zu stellen, welche Spieler dieses Jahrgangs künftig in der NHL eine wichtige Rolle spielen können. Von den Spielern mit Jahrgang 1993 die im Juni 2011 gedraftet werden hat sich keiner als kommender Star präsentiert. Viel guter Durchschnitt, kaum aber Spieler, die in der NHL einen entscheidenden Unterschied ausmachen werden. Folgende WM-Spieler können sich für den Draft 2011 eine frühe Erstrundenselektion ausrechnen:
Ryan MURPHY, D, CAN, der klein gewachsene Verteidiger wurde für das 8-Nations-Sommerturnier mit lautem Getöse aus dem Kader gekippt und bewies an dieser WM, dass dies wohl ein Fehler war. Murphy ist ein hoch talentierter Offensivverteidiger und trotz seiner körperlichen Defizite und Schwächen im Spiel ohne Scheibe erwarte ich ihn in der ersten Hälfte der ersten Runde im Draft. Er hat das Potenzial, ein sehr produktiver Punktesammler zu werden. Sein Skill-Level, sein Selbstvertrauen und sein Skating sind schlicht phantastisch.
Mika ZIBANEJAD, F, SWE, ein Powerforward nordamerikanischen Zuschnitts gepaart mit einem ziemlich hohen Skill-Level. Im Sommer hatte er ein enttäuschendes 8-Nations-Turnier aber in der Saison-Fortfolge bestätigte sich der Sohn einer Finnin und eines Iraners als Toptalent in seinem Jahrgang. Auch Zibanejad erwarte ich in der ersten Hälfte der ersten Runde.
Bei den USA gilt es den nur 1.68m grossen Stürmer Rocco GRIMALDI zu beachten. Er gehört zu denjenigen Spielern die eigentlich zu klein sind fürs Profihockey, uns aber eines besseren belehrt. Ein phantastisches Talent, Leader und Dirigent auf dem Eis, eszellenter Eisläufer der es mit seinem Speed schafft, selbst gute Verteidiger auch aussen rum zu überspielen; Grimaldi erwarte ich in der ersten Runde, trotz seiner mangelnden Körpergrösse.
Tyler BIGGS, F, USA, entspricht viel eher dem Prototyp eines nordamerikanischen Powerforwards. Biggs skorte das Overtime-Goal gegen Kanada, fiel aber mehr als einmal auch durch unnötige Tripping-Strafen auf. Biggs hat nicht immer glücklich gespielt an dieser WM, trotzdem ist auch er ein sicherer Erstrundenpick.
Der US-Goalie John GIBSON sollte aus meiner Sicht der erste Goalie sein der im Juni 2011 gedraftet wird. Er hat diesen Status mit sehr solidem Spiel an dieser WM untermauert. Obwohl man in diesem Jahr nicht von einem Goalie-Jahr im Draft spricht zählt John Gibson mit seiner ruhigen, unspektakulären Spielweise zu denjenigen die an der ersten Runde „kratzen“ können.
Etwas kontrovers wird der Russe Nikita KUCHEROV, Topskorer an dieser WM, beurteilt. Alle sind sich einig, dass er seine Draftchancen durch seine WM-Leistungen stark verbessert hat, die Frage ist aber: Wie gut ist er? Ist er besser als Yakupov und Grigorenko? Die Statistik lässt dies vermuten, diese Sichtweise entspricht aber nicht meine Meinung. Wieviel hat er von den beiden profitiert oder war es gar umgekehrt? Ich meine sehr wohl, dass Kucherov Erstrundenpotenzial mitbringt aber er ist nicht ganz auf dem Level der beiden russischen „Underager“ Yakupov und Grigorenko.
Kommende NHL-Starspieler?
Der Russe Nail YAKUPOV ist seiner frühen Favoritenrolle für den Draft 2012 gerecht geworden, obwohl diese Meinung nicht ungeteilt ist. Er zeigte viele „Flashes“ seines unglaublichen Talents. Wegen Spielern wie ihm kauft man Tickets, der Unterhaltungswert ist bei Nail Yakupov extrem hoch. Vor anderthalb Jahren ist sein Stern am 8-Nationsturnier 2009 aufgegangen. Für die abgelaufene Saison ist er bereits nach Nordamerika gewechselt und ich stelle fest, dass er in dieser Zeit spürbare Fortschritte betreffend Intensität und Körperspiel gemacht hat. Die NHL darf sich riesig auf Yakupov freuen. Auch wenn er höchstwahrscheinlich nicht ganz auf dem „Level“ eines Ovechkin oder Malkin anzusiedeln ist, so bin ich trotzdem überzeugt, dass er in einigen Jahren zu den Starspielern in der NHL zählen wird.
Ähnliches Potenzial sehe ich beim gross gewachsenen Center Mikhail GRIGORENKO, auch er kann die Nummer 1 im 2012-Draft werden. Seine Spielweise ist eine Mischung aus dem jungen Viktor Kozlov und Joe Thornton. Trotz seiner Gardemasse bewegt er sich erstaunlich gut und gewandt auf dem Eis und besticht durch weit überdurchschnittliche Spielmacherqualitäten; sein Pass-Timing ist allererste Sahne. Grigorenko muss noch etwas an Intensität zulegen. Falls er dies kann dann wird er eine bessere Karriere machen als der genannte Viktor Kozlov.
Den kräftigen und sehr talentierten schwedischen Rechtsausleger Filip FORSBERG erwarte ich ebenfalls in den Top10 des 2012-Drafts. Diese WM war eine Art „Coming-Out-Party“ für ihn auf internationalem Parkett. Er dominierte vor zwei Jahren das berühmte schwedische Juniorenturnier TV-Pucken und hat jetzt an seiner ersten Junioren-WM sein grosses Talent mehr als bestätigt. Ein exzellenter Skorer mit guter Schusstechnik, mit grosser Durchschlagskraft, exzellenter Grundausbildung, sehr guten Stick-Skills und gutem physischen Potenzial.
Die Finnen warten ebenfalls mit einem sehr guten Talent für den 2012er-Draft auf: Olli MAATTA, ein kräftiger Verteidiger der mit guter Intensität spielt, sich gut bewegt und bereits extrem abgeklärt und reif spielt. Er spielt mit einem sehr kräftigen Stock und auch seine Handgelenke sind bereits stark ausgebildet. Er steht stabil auf den Schlittschuhen, hat aber noch etwas Verbesserungspotenzial im Skating-Bereich. Auch Maatta hat Top10-Potenzial.
Bei den Slowaken hat Marko DANO sehr gutes Potenzial. Er kommt erst 2013 in den Draft, schiesst sehr gut, spielt majestätisch mit erhobenem Kopf und entsprechender Spielübersicht, auch sein Skating ist wirklich gut. Der erst 16-jährige Dano wird wohl bald im slowakischen U20-Kader auftauchen.
Sehr viel erwarte ich vom dunkelhäutigen US-Verteidiger Seth JONES, auch er wird erst 2013 gedraftet. Er ist der Sohn der NBA-Legende „Popeye“ Jones und dies lässt erwarten, dass der bereits 192cm grosse, rechts schiessende Verteidiger noch weiter wächst... Erstaunlich wie gut er sich mit dieser Grösse auf dem Eis bewegt, extrem gut seine Arbeit entlang der Bande und in den Ecken, exzellent sein defensiver Stock und eindrücklich seine Abgeklärtheit. Gut sein Speed wenn er in Fahrt ist, gut seine Scheibenkontrolle. Er muss noch an seinem Shot-Release arbeiten, etwas an Kreativität zulegen und aus dem Stand an Explosivität zulegen. Wenn ihm das gelingt dann wird er ein Star-Verteidiger in der NHL!
Jones, Forsberg, Maatta, Grigorenko und viele andere mehr werden allesamt an der nächsten U18-WM in der Schweiz zu bestaunen sein. Ich empfehle allen „Puck-Heads“, sich diese Leckerbissen nicht entgehen zu lassen. Die U18-WM ist immer ein fantastisches Schaufenster für künftige NHL-Stars und bietet beste Unterhaltung!
