Frauen feiern, hoffen auf Mailand-Effekt
Die Frauennati feierte Bronze und hofft auf eine gute Zukunft mit einem neuen Schub fürs Frauenhockey. Eine spezielle Belohnung könnte für Andrea Brändli warten mit einem Profivertrag in Nordamerika.
Nach dem 2:1-Sieg in der Verlängerung um Bronze war die Freude riesig bei den Schweizerinnen. Ein paar Stunden später, als das Finale mit einem Sieg der USA gegen Kanada ebenfalls in der Verlängerung endete, konnten die Schweizerinnen schliesslich auch ihre Bronzemedaillen abholen und nochmals miteinander und später mit Familie und Freunden weiterfeiern.
Alle vier Jahre während den Olympischen Winterspielen ist das Frauenhockey auf der grossen Bühne. Der sportliche Gehalt ist nicht zwingend höher als an einer WM, der Modus mehr oder weniger derselbe. Je nach Land hat es auch an einer Frauen-WM tausende von Fans. Doch das Drumherum mit all den anderen Sportlerinnen und Sportlern und der medialen Begleitung ist vergleichsweise von einem anderen Stern.
Dass die Frauennati diese Bühne nutzen konnte, und einem Tag nach der grossen Enttäuschung bei den Herren Bronze gewinnen konnte, kann dem Frauenhockey nur guttun.
Sportlich bietet der Vierjahresrhythmus auch eine Chance, Vergleiche zu ziehen. Die Schweizerinnen sind mit dem dritten Rang wieder ganz am oberen Ende der Bandbreite ihrer Platzierungen angelangt. Sie haben sich seit dem letzten Bronze-Gewinn 2014 in jedem Zyklus weiterentwickelt. Doch das haben die meisten anderen Nationen auch. Einige sind in dieser Weiterentwicklung im Schnellzugtempo etwas weiter vorgerückt (z.B. Tschechien), andere wurden überholt und haben sich weiter von der Spitze entfernt (Z.B. Japan, China).
«Es ist total anders», sagt die Siegestorschützin Alina Müller zum Vergleich mit 2014. «Eine andere Zeit, eine andere Rolle im Team, ein anderer Status des Frauensports. Daher bedeutet es uns umso mehr. Ich bin froh, dass wir nicht mehr über 2014 sprechen müssen und dass wir jetzt eine neue Story haben.»
Was sie damals betrübte ist, dass das Frauenhockey eine Randerscheinung war, welche durch die Bronzemedaille, bei der sie und Lara Stalder bereits als Neulinge dabei waren, etwas mehr Aufmerksamkeit erhielt.
«Ich sah damals, dass das Frauehockey kaum wahrgenommen wurde. Sah, welch starke Athletinnen es im Turnier hatte und ich wusste, dass ich eines Tages auch da sein möchte», sagt Müller.
«Ich hoffe, dass es mehr auslösen wird als nach 2014 in dieser Ära des Frauensports. Es macht so viel Spass. Ich probiere meinen Teil dazu beizutragen auf dem Eis und ganz viele andere versuchen etwas beizutragen neben dem Eis. Ich hoffe, dass wir gemeinsam etwas Grosses bewegen können.»
Was sie ebenfalls freut ist, dass die Lücke zu den Europäerinnen und den Nordamerikanerinnen kleiner wird. Auch dieses Jahr standen wie fast immer die USA und Kanada im Finale, doch mit einer 1:2-Halbfinalniederlage gegen Kanada waren die Schweizerinnen so nahe dran wie noch nie.
«Jedes Jahr wird es besser, athletischer, physischer, schneller, mit mehr Leuten auf der Tribüne. Früher wären 100 Leute hier gewesen», sagt Müller.
«Was für ein Spiel fürs Frauenhockey. Ich bin so glücklich, dass Alina es so beendete. Sie ist eine phänomenale Spielerin», sagte die Kapitänin Lara Stalder über ihre langjährige Wegbegleiterin.
«2014 war ich noch ein Küken, erlebte zum ersten Mal eine Olympiade. Nun bin ich mit Alina eine Leaderin. Ich bin stolz, wie wir als Gruppe zusammengekommen sind, füreinander gekämpft haben. Wir möchten Frauen unterstützen, ihnen eine Perspektive geben in dieser Welt, dass sie etwas erreichen können.»
Die Spielerinnen hoffen, dass nun einige Kinder, gerade auch Mädchen, am Fernsehen gesehen haben, was für Schweizer Eishockeyspielerinnen möglich ist und mit Eishockey beginnen.
Wachsendes Interesse der grossen Clubs
Viele ihrer Teamkolleginnen erinnern sich noch an 2014. Die Antwort ist bei den meisten dieselbe: Sie sahen vor zwölf Jahre als Mädchen im Elternhaus vor dem Fernseher zu. Und als sie selbst ins Nationalteam kamen, hörten sie von den älteren Spielerinnen, was für ein Erlebnis es war.
Überhaupt: Dass Spielerinnen wie Alina Müller (27) und Lara Stalder (31) noch im Nationalteam sind, zeigt die Entwicklung des Schweizer Frauenhockeys. Vor zwölf Jahren hätten die meisten Nationalspielerinnen in diesem Alter ihre Karriere mangels Perspektiven schon längst beendet. Heute können die besten Spielerinnen den Sport vermehrt in professionellen Strukturen bestreiten. In der neuen nordamerikanischen Profiliga PWHL oder mit bescheidenerem Lohn auch in Schweden oder vermehrt auch in der Schweiz.
Vor zwölf Jahren war die nationale Meisterschaft ein Zweikampf zwischen den ZSC Lions und dem HC Lugano ergänzt um Amateurclubs. Lugano ist zwar mittlerweile ausgestiegen – die Tessinerinnen haben mit Ambrì eine neue Anlaufstelle –, dafür sind aus dem Herren-Profibereich in den letzten Jahren Bern (übernahm Thun), Davos (übernahm Weinfelden) und Zug (Neugründung) quer und mit Ernsthaftigkeit in die höchste Liga eingestiegen, nachdem sie jahrelang kein Interesse an Eishockey spielenden Frauen gezeigt hatten.
Mit einer Ernsthaftigkeit im Frauenhockey geben die Clubs etwas zurück an all die Frauen, die sich als Mütter, Helferinnen oder Angestellte an der Entwicklung des Eishockeys beteiligen. Und sie fördern das Wachstum des Eishockeys, denn jedes Mädchen, das Eishockey spielt, zieht auch andere Menschen zum Sport, egal ob männlich oder weiblich. Davon profitieren auf langer Frist Clubs auf lokaler Ebene genauso wie die Nationalteams.
Spezielle Belohnung für Brändli
«Es wird ein Boost fürs Frauenhockey und für die Förderung junger Mädchen geben. In ein paar Jahren wird man es sehen», glaubt Andrea Brändli, die zur besten Torhüterin des Turniers ausgezeichnet wurde. «Wir machten es auch für alle junge Mädchen da draussen, die kämpfen, dass sie ins Training gehen können.»
Für Brändli dürfte sich das tolle Turnier auch persönlich auszahlen. Sie ist bereits auf diese Saison hin zu Frölunda nach Göteborg gewechselt, dem wahrscheinlich stärksten europäischen Clubteam in Europa. Nun ist sie im Visier der Professional Women’s Hockey League, die in Mailand gut vertreten war und für eine weitere Expansion neue Spielerinnen sucht.
Die Liga startete 2023 mit drei Teams in Kanada (Montréal, Ottawa, Toronto) und drei in den USA (Boston, Minnesota, New York). Auf diese Saison hin expandierte sie an die Westküste mit Teams in Seattle und Vancouver. Für nächste Saison könnten zwei oder vier weitere Clubs hinzukommen. In einem Expansionsdraft könnte Brändli als erste Torhüterin gezogen werden. Von einem nordamerikanischen Medienvertreter darauf angesprochen, sagte sie mit einem Lächeln: «Ich hoffe so. Wir werden sehen.» Abgeneigt in Nordamerika zu spielen, wo sie bereits fünf Jahre im College-Hockey tätig war, wäre sie ganz und gar nicht. «Wer weiss. Ja, ich würde es in Betracht ziehen», sagte sie.
