Kleines olympisches Feuer in Mailand

18.02.26 - Von Martin Merk

Die olympische Flamme in Mailand am Triumphbogen ist vergleichsweise ein Flämmchen. Die Stadt ist nicht so recht im Banne der Olympischen Winterspiele, sondern lebt ihren Alltag weiter. Das gibt die Chance, auf Entdeckungstour zu gehen.

Dezentrale und deswegen nachhaltige Spiele versprechen die italienischen Organisatoren. Die Eissportarten in der norditalienischen Metropole und die Schneesportarten in den Bergen der Lombardei, Venetiens, Trentinos und Südtirols trennen rund vier Fahrstunden, manchmal auch mehr. Dafür musste weniger gebaut werden. In Mailand ist einzig die Arena Santagiulia neu erstanden, die irgendwann noch auf die ursprünglich angekündigte Kapazität von 17'000 Zuschauer weitergebaut wird wo aktuell schwarze Vorhänge Unfertiges verdecken und als erste Arena dieser Grösse für die Millionenstadt weitere Sportevents und Konzerte beherbergen wird.



Es ist ein kleiner Vorgeschmack darauf, was die Schweiz für 2038 plant. Ausser dass die Eröffnungs- und Schlussfeier im Gegensatz zur italienischen Ausgabe gemeinsam stattfinden soll statt dezentral, was hier von vielen Athletinnen und Athleten kritisiert wurde.

Weil die Orte weit auseinanderliegen, kommt in den vereinzelten Bergdörfern oft so viel oder wenig Olympiastimmung auf wie bei einem normalen Weltcup. In Mailand sind die Sportstätten an drei Standorten verteilt am östlichen, südlichen beziehungsweise westlichen Stadtrand und mit rund einer Stunde Fahrzeit zwischen den Spielorten. Die olympische Flamme ist ein Flämmchen im Triumphbogen, das im Vergleich zu früheren Versionen nachhaltiger wirkt, aber wenig Sichtbarkeit zeigt. Dies hat Symbolwirkung, denn in Mailand geht der Alltag trotz Olympiazeit mehr der weniger dem gewohnten Trott weiter. Der Verkehr rollt fast normal, die Menschen gehen zur Arbeit und Schule und im San Siro wird nach der Eröffnungsfeier bereits wieder Fussball gespielt mitten in der Olympiazeit.

Wären die Metroansagen bei den Knotenpunkten nicht um die olympischen Spielstätten erweitert, man würde den Anlass ausserhalb der Spielstätten und deren Umgebungen kaum mitbekommen.

Da ist es höchst willkommen, dass die italienischen Organisatoren im Herzen der Stadt, dem Domplatz, immerhin ein temporäres Gebäude für den Souvenirshop der Olympischen Winterspiele errichtet haben. Hier bildet sich von morgens bis abends eine Schlange, die so lange erscheint, dass man abwinken möchte. Doch es geht zügig vorwärts. Aus der Befürchtung, eine Stunde anstehen zu müssen, werden 15 Minuten. Hier findet man zu gefühlten 90 Prozent Bekleidung der Veranstalter für gross und klein, aber auch der italienischen Olympiadelegation designt vom im Herbst verstorbenen Giorgio Armani. Natürlich nicht ganz zu Schnäppchenpreisen. Ab 100 Euro für einen Rucksack ist man dabei. Und bezahlt werden kann wie auch im Ticket-Shop und den Spielstätten ausschliesslich mit Visa als «offiziellem» Kreditkartenanbieter der Olympischen Spiele. Vor Ort wird üblicherweise Euro-Bargeld angenommen.



Während die Plüschtiere bereits ausverkauft sind und man bei den Pins nichts mehr mit Eishockey findet, gibt es noch Hüte, Tassen, Schneekugeln oder Poster. Und wer einen dicken Geldbeutel oder Platinum-Kreditkarte hat, findet nebenan die bekannte Galleria Vittoria Emanuele II mit seinen Luxusmarken, die aus architektonischen Gründen aber auch ohne Einkäufe einen Spaziergang wert ist.

Ebenfalls im Zentrum hinter dem Centro Svizzero befindet sich das House of Switzerland, erreichbar vom Piazza Cavour in die Via del Vecchio Politecnico. Hier kann man mit Landleuten Wettkämpfe auf Grossleinwand schauen, Raclette, Würste, Nusstorten oder Ovoriegel speisen, Schweizer Biere und Weine trinken. Auch einige Athletinnen und Athleten machten hier schon ihre Aufmachung, ebenso wie der Bundespräsident Guy Parmelin.



Zu den Eishallen geht es mit Metro, S-Bahn oder Tram. Die grössere Santagiulia Eishockey-Arena hat immerhin noch einen Shuttle ab dem Bahnhof Rogoredo. Das Gelände ist Teil eines riesigen Neubauprojekts unweit des Flughafens Linate, wo quasi ein neues Quartier um die Arena entstehen soll, die momentan noch isoliert und nur teilweise fertig erscheint. Wegen Verzögerungen waren im Endspurt bis zu 1600 Arbeiter gleichzeitig tätig. Doch das Eis ist da, die Spielerinnen und Spieler sind da, ebenso die Fans.



Vom kulinarischen Weltkulturerbe Italiens ist dort aber wenig zu erwarten. Die Pizza kann schon mal aussen heiss und innen noch halbgefroren sein und die Mikrowellen-Pasta, naja. So erhält man zumindest die Motivation, das Randquartier etwas kennenzulernen. Ab etwa 10 Minuten Fussmarsch findet man die eine oder andere Quartierbeiz. Und wer aufgrund der Spiele die traditionellen Essenszeiten verpasst, ist beispielsweise bei der Pizzeria «il Pirata» gut bedient, der den Pizzaofen auch nachmittags anlässt und auch sonst etwas untypischerweise die ganze Bandbreite der italienischen Küche anbietet wie beim Italiener in der Schweiz.

Noch authentischer wird ein Besuch bei Mercato Comunale Morsenchio gleich bei der Tramhaltestelle an der Viale Ungheria, von welcher man die Arena vom Norden her erreicht. Ausser sonntags von 7:30 bis 13:00 und von 15:50 bis 19:30 geöffnet, kann man bei den verschiedenen Ständen dieser kleinen Markthalle nicht nur einkaufen, sondern sich auch verpflegen. Bei der Pescheria wird der Fisch auf Wunsch gleich frittiert, der Käseverkäufer bietet Gerichte an, bei der Panetteria/Pasticceria gibt es neben Desserts auch eine einfache Pizza und auch die Polleria mit verschiedenen Pouletangeboten und Beilagen freut sich derzeit über den internationalen Besuch, wie uns das italienisch-ukrainische Betreiberpaar Fabrizio und Mira bestätigt. Südlich am Shuttleende des Bahnhofs Rogoredo warten einige lokale Fastfoodlokale mit Pizza, Burger und Piadina auf, die zumindest mittags und abends öffnen.



Anders als die grosse Arena ist die zweite Eishockeyhalle in einem Messezentrum untergebracht. Die Fiera Milano an der Stadtgrenze zum Vorort Rho ist die viertgrösste der Welt. Die Olympischen Winterspiele scheinen da nicht an erster Stelle zu stehen, so kann in vorderen Hallen auch mal in eine Ferienmesse oder Gartenmesse laufen, während man am hintersten Ecken die Wettkampfstätten für Eishockey und Eisschnelllauf findet. Vom Bahnhof und der Metrostation Rho Fiera muss man mit einem Fussmarsch von 20 bis 25 Minuten rechnen.



Auf einen Shuttle, wie es ihn bei anderen Olympischen Spielen für eine solche Distanz gäbe, verzichtete man. Ausnahmen gibt es nur für die Teams und Menschen mit Behinderung. Ansonsten heisst es täglich viele Schritte laufen und etwas mehr Zeit einzuplanen. Der Optimist wird sich dagegen freuen, wie nachhaltig und gesund die Spiele auch etwa für Medienschaffende sind. Dafür kann man sich mit etwas Glück (und Wartezeit in der Schlange) mit dem Maskottchen abbilden lassen, wer das schon immer mal wollte.



Wir sind ehrlich: Für die olympische Stimmung fehlt uns schon bisschen ein Eispark für die gemeinsame Stimmung wie 2014 oder 2018. Oder mehr Präsenz in einer Millionenstadt wie in Vancouver 2010. Doch vorerst wird es weitergehen mit Olympischen Winterspielen der grossen Distanzen. Für 2030 sind die beiden Eishockey-Hallen im zu überdachenden Fussballstadion von Nizza geplant, etwa fünf bis sieben Autostunden entfernt von den Schneesportstätten in den französischen Alpen. Da werden die Schweizer Pläne für dezentrale Spiele 2038 quer durch die Schweiz aufgrund der Kleinräumigkeit unseres Landes geradezu kompakt wirken.