Schweizerinnen als Favoritinnen um Bronze

17.02.26 - Von Martin Merk

Wie vor 12 Jahren bei den Olympischen Winterspielen verlor die Schweizer Frauen-Nationalmannschaft im Halbfinale knapp gegen Kanada und trifft im Spiel um den dritten Platz auf Schweden. Damals gewann sie als Aussenseiterinnen Bronze. Diesmal liegt die Favoritenrolle bei den Schweizerinnen.

Aus dem damaligen Bronzespiel sind nur noch die damaligen «Küken» und heutigen Teamleaderinnen Alina Müller und Lara Stalder dabei, bei den Schwedinnen gar niemand.

Es ist ein Déjà-vu für die beiden. Gemeinsam sind die Gegnerinnen und dass die Schweizerinnen eine starke Torhüterin und eine effiziente Teamleistung benötigen um gegen Nationen mit viel mehr Spielerinnen wie Schweden oder gar Kanada zu bestehen geschweige denn zu schlagen. Das war damals der Fall und bisher auch an diesem Turnier.

Ansonsten sind es andere Zeiten. Das Schweizer Frauenhockey hat sich stark entwickelt. Das Frauenhockey anderswo auch. Top-Spielerinnen wie Müller und Stalder sind im Alter von 27 und 31 Jahre noch dabei und können Eishockey als Beruf ausüben. Früher war man bis zu jenem Alter längst zurückgetreten und in die Privatwirtschaft übergetreten.

Die Erinnerungen

«Es war eine andere Zeit, ein anderes Team», sagt Müller, die als 15-Jährige das Siegestor um Bronze erzielte und ihre Medaille bei den Eltern lagert, während sie seit Jahren in Boston ihre Heimat im Clubhockey gefunden hat.

«Wir sind auf einem viel höheren Level. Wir sind viel mehr am Spielen als noch vor zwölf Jahre gegen solche Mannschaften. Wir müssen so spielen wie im letzten Drittel mit dem Puck, kämpfen und eine Top-Leistung von Andrea [Brändli] haben, dann sieht es gut aus.»

Bei Lara Stalder ist die Medaille in einer Vitrine ausgestellt. «Sie könnte einen Kumpel brauchen», sagt die Luzernerin. An Sotschi 2014 hat sie tolle Erinnerungen. «Aber es hilft uns heute nicht mehr. Wir müssen uns von Anfang an den Arsch aufreissen.»

Das Momentum

Was für die Schweiz spricht, ist das Momentum. Sie bezwangen im Viertelfinale die favorisierten Finninnen mit einer starken Torhüterin und Effizienz 1:0. Beides sorgte dafür, dass man im Halbfinale gegen Kanada «nur» 1:2 verlor. Kanada und die USA schossen gegen die Europäerinnen an diesem Turnier üblicherweise fünf Tore und mussten im letzten Drittel nicht zittern.

«Wir können nun mit diesem Momentum weiterfahren. Es ist Zeit für eine neue Medaille. Wir kennen Schweden gut. Wenn wir so spielen wie im letzten Drittel, haben wir eine gute Chance», sagt Müller. «Wir werden den Puck sicher öfters haben als gegen Kanada.»

«Wir konnte im letzten Drittel recht zulegen», sagt Rahel Enzler, die einzige Torschützin gegen Kanada. «Wir müssen genauso spielen, viel laufen, Chancen kreieren und vor allem auch defensiv gut stehen, damit wir keine Tore erhalten. Es wird ein enges Spiel. Wir fühlen uns gut und haben gute Chancen. Wir müssen von Anfang an bereit sein und mutig spielen.»

Die Bronze-Gegnerinnen aus Schweden unterlagen den USA im anderen Halbfinale 0:5, tankten dabei aber insofern Moral als dass sie durchaus gute Tormöglichkeiten kreieren konnten, so dass man sich nicht vom Resultat blenden lassen sollte. Wer Tschechien schlägt und gegen die USA mithält, darf man gewiss nicht auf die leichte Schulter nehmen. Aber das weiss man im Schweizer Team.

«Schweden spielte gut gegen die USA. Wir wissen, dass wir sie schlagen können. Wir müssen mit Selbstvertrauen spielen von Anfang an», sagt der Trainer Colin Muller. «Wir kamen hier um eine Medaille zu gewinnen. Nun haben wir es in unseren Händen.»

Die Bilanz

Schweden war zeitweise die beste Nation Europas im Frauenhockey. Zwischen 2002 und 2007 gab es vier Medaillen bei Weltmeisterschaften und Olympischen Spielen – dreimal Bronze und die historische Silbermedaille in Turin 2006 als man im olympischen Halbfinale die USA im Penaltyschiessen bezwang.

Schweden hat alle Voraussetzungen, um dies auch heute zu sein: die stärkste Frauenliga Europas, die meisten Spielerinnen Europas und das U18-Team holte 2018 und 2023 sogar sensationell Silber. Die Auswirkung darauf auf die «Damkronorna»? Null. Seit 2025 dümpeln die Schwedinnen in den grossen Turnieren zwischen dem fünften und neunten Rang herum, stieg 2019 sogar ab. Die Schmach, gegen zweitklassige Nationen spielen zu müssen, blieb nur erspart, weil Russland nicht mehr teilnehmen darf und man so nach der Pandemie auf dem grünen Tisch zurückkehren durfte.

Holten die Schweizerinnen 2014 Bronze noch als leichte Aussenseiterinnen, so sind sie 2026 leichte Favoritinnen. Denn die Schweiz holt aus ihrer Basis mehr heraus als Schweden. Sie waren über Jahre von Schweden klassiert, trafen aufgrund der Zweiteilung des Turnierfelds aber auch selten aufeinander. Bei der Frauen-WM im letzten Frühling gewannen die Schweizerinnen das Spiel um den fünften Platz 3:2 dank zwei Toren von Enzler und einem von Stalder. Der zweitletzte Ernstkampf liegt weiter zurück: ein 2:1-Sieg bei den Olympischen Winterspielen 2018.

Über die gesamte Geschichte seit 1997 hat die Schweiz zwei von drei Partien gegen Schweden im olympischen Frauen-Eishockey gewonnen, bei Weltmeisterschaften sind es dagegen nur drei von neun.

Die Hauptprobe

Näher liegt das letzte Testspiel. Beide Mannschaften hielten ein Trainingslager in Wollerau und bestritten am Tag vor der Abreise ein Testspiel in der Schwyzer Gemeinde am Zürichsee. Müller und Vanessa Schaefer brachten die Schweizerinnen bis zur 11. Minute 2:0 in Führung, das Spiel blieb jedoch bis zum Schluss offen. Die Schweizerinnen gewannen 4:2.

«Ein Sieg gibt immer Selbstvertrauen. Sie sind auf unserer Wellenlänge. Wir fokussieren auf uns und können unsere Stärken ausspielen», sagt Müller.

«Unsere Chancen gegen Schweden sind gut. Wir zeigten in der Vergangenheit, dass wir sie schlagen können. Wir müssen einfach über 60 Minuten Vollgas geben», fügt Brändli an.

Los geht der Kampf um Bronze gegen Schweden am Donnerstag um 14:40 in der Santagiulia Eishockey-Arena. Um 19:10 spielen die USA und Kanada um Gold.