Finnische Schweiz-Insiderin

14.02.26 - Von Martin Merk

Die Finninnen kommen! Und das nicht nur im Viertelfinale als Schweizer Gegner bei den Olympischen Winterspielen, sondern auch in unsere Frauenliga. Wir sprachen vor dem Spiel mit der Ambrì-Stürmerin Julia Liikala, die in der Vorrunde das Siegestor der Finninnen gegen die Schweiz erzielte.

In Europa gilt bei Topspielerinnen die schwedische Liga SDHL als das Mass aller Dinge. Als Liga, wohin man wechseln möchte und die besten Bedingungen vermutet bezüglich des Status des Frauen-Eishockey, der Bedingungen, der Lebensumstände. Die Russische ZhHL galt diesbezüglich lange ebenfalls als Ziel gerade bei den mittelosteuropäischen Ländern, hat seit Russlands Krieg in der Ukraine aber an Anziehungskraft eingebüsst. Mit der früheren tschechischen Nationalverteidigerin Pavlina Horalkova ist genau eine ausländische Spielerin übrig geblieben.

Die Schweizer «Women’s League» galt da eher als dritte oder vierte Wahl in Europa, zumal sie lange als reine Amateurliga geführt wurde. Es gab immer mal Importspielerinnen aus Nordamerika und sie war schon länger beliebt bei Spielerinnen aus den hockeymässig «kleineren» Nachbarländern Frankreich, Italien und Österreich sowie aus Tschechien und der Slowakei.

Seit den letzten Olympischen Winterspielen wirkt die Liga aber professioneller. Der frühere Ligadominator ZSC Lions erhielt Konkurrenz anderer Proficlubs der Herrenwelt, die mehr oder weniger quer ins Frauenhockey eingestiegen sind wie Bern (übernahm Thun), Davos (übernahm Thurgau) und Zug.

Und nun kommen auch die Finninnen in die Schweiz! Finnland ist ein hockeyverrücktes Land. Ja, eines der hockeyverrücktesten Ländern Europas. Viele Hockeyspieler werden produziert, auch sehr gute. Das Frauen-Eishockey ist da keine Ausnahme. In Finnland gibt es 6551 registrierte Eishockeyspielerinnen. Das sind mehr als doppelt so viele wie in der Schweiz. Nur in Schweden gibt es auf unserem Kontinent mehr Spielerinnen.

Finnland hat Lebensqualität und ist in diesem Aspekt immer hoch eingeschätzt in verschiedenen Rankings, auch wenn es etwas kalt ist da oben, und im Winter entweder grau oder weiter im Norden ganz ohne Tageslicht. Und doch zieht es immer wieder Eishockeyprofis weg in andere Länder. Nach Nordamerika, nach Schweden, früher auch öfters nach Russland. Und bei den Männern natürlich auch die Schweiz. 33 Finnen haben diese Saison in der National League gespielt, mit der Rückkehr von Juha Lammiko aus der NHL zu den ZSC Lions werden es 34. Die einheimische «Liiga» verkommt so beinahe zur Ausbildungsliga, die finanziell weniger lukrativ ist als andere, sportlich aber trotzdem etwas hergibt, wie man anhand der Resultate in der Champions Hockey League unschwer erkennen kann.

Was man bei den Männern schon lange kannte, zeigt sich immer mehr auch im Frauenhockey. Die SDHL im Nachbarland Schweden gilt als Traumliga. 15 Finninnen kamen da zum Einsatz. Noch stärker ist einzig die neuen, nordamerikanische Profiliga PWHL, wo vier Finninnen unter Vertrag stehen.

Und dann ist da noch die Schweizer Frauenliga, die immer mehr an Attraktivität gewinnt. 2022/23 kam mit Maija Otamo die erste Finnen der vergangenen Jahre in die Liga zu Thun (heute Bern). Ein Jahr später waren es schon vier Finninnen, in dieser Saison sogar fünf.

Eine davon spielt auch in Mailand. Julia Liikala hat sogar ihr einziges Saisontor mit dem Nationalteam beim Vorrundensieg gegen die Schweiz erzielt. Sie ist damit auch ein bisschen eine Spionin, die ihren Teamkolleginnen und dem Trainerstab das Eine oder Andere über die Schweizer Spielerinnen erzählen kann, auch wenn sich die Gegnerinnen aufgrund der Weltmeisterschaften und der Women’s Euro Hockey Tour durchaus auch ohne Insidertipps kennen.

«Ich mag es in der Schweiz zu spielen und dass Bodychecks in dieser Liga erlaubt sind. Es entwickelt das Spiel. Man muss schneller sein. Das Schweizer Frauenhockey geht in die richtige Richtung», sagt die 24-jährige Stürmerin vor dem Viertelfinalduell gegen die Schweiz.

Die beiden Teams haben sich bereits begegnet in der Vorrunde. Die Schweizerinnen kamen dabei nicht auf das erhoffte Niveau und verloren beim Aufwärmen Lara Stalder, die für das Viertelfinale wieder mit von der Partie sein wird. Die Partie ging 1:3 verloren, wobei ausgerechnet Liikala mit einem Weitschuss das Siegestor zur zwischenzeitlichen 2:0-Führung erzielte. Sie bezwang dabei Saskia Maurer vom SC Bern, gegen die sie auch in der Liga ihre Schüsse abgibt.

«Es ist speziell, wenn man beim Gegner Spielerinnen hat, die man aus der Liga kennt, aber auf dem Eis sieht man sie nicht als Freundin, sondern als Feindin und versucht sie zu checken, wenn man kann und alles zu geben», gibt Liikala den Tarif durch an ihre Ambrì-Teamkollegin Lena Marie Lutz und all die anderen Schweizerinnen, die sie kennt und schätzt.

Beim HC Ambrì-Piotta ist Liikala die viertbeste Scorerin. Mehr Punkte haben nur die ebenfalls in Mailand präsenten Michaela Pejzlova (Tschechien) und Lutz, sowie die schwedische Ex-Nationalstürmerin Fanny Rask, deren Bruder ebenfalls in der Schweiz (Rapperswil) spielt. Gleich hinter ihr in der Scorerliste ist Nicole Bullo, die ehemalige Nationalverteidigerin, die für den Tessiner Sender RSI ebenfalls in Mailand ist.

Für die Schweizerinnen liegt Finnland in Reichweite. In den vergangenen Jahren waren die Resultate bei Weltmeisterschaften und Olympischen Winterspielen teilweise ebenfalls knapp: 1:2 bei der WM 2025, 2:5 und 1:3 bei der WM 2024. Den letzten Sieg in einem Ernstkampf gab es in der Vorrunde der Olympischen Winterspiele 2022, ein 3:2-Erfolg. Elf Tage später verloren die Schweizerinnen aber das Spiel um Bronze in Peking 0:4 und sehnen sich auch deshalb nach Revanche.

«Es ist immer speziell ein zweites Mal gegen ein Team zu spielen und nun wird es ein Viertelfinale. Wir wissen, wie die Schweiz spielt und dass sie talentierte Spielerinnen haben. Wir müssen in Bestform sein um zu gewinnen», sagt Liikala. «Im Viertelfinale wird es härter. Es ist ein anderes Hockey. Alle werden ihr bestes Hockey zeigen.»

Los geht es heute um 21:10.

Foto: Andreas Robanser