Brändli von Quarantäne ins amerikanische Kreuzfeuer
Andrea Brändli ist als nominelle Torhüterin Nummer 1 nach Mailand gekommen. Eine Norovirus-Infektion verzögerte für sie den Start, doch im dritten Spiel gegen die USA konnte sie ihr erstes Spiel bestreiten und stellt nun den Trainer Colin Muller vor einem Dilemma.
Als das Frauen-Nationalteam vor einer Woche vom Trainingslager in Wollerau nach Mailand aufbrach, schien nichts darauf hinzudeuten, dass der Trainer Colin Muller im Tor nicht wie gewohnt planen konnte mit einer Eiszeitverteilung für Andrea Brändli als Nummer 1 und Saskia Maurer als Nummer 2 im Tor.
«Wir sind gut angekommen und dann hatte ich plötzlich nach einem Abendessen Symptome. Es ging mir nicht so gut, aber zum Glück nur kurz», sagte Brändli, deren Norovirus-Erkrankung nie offiziell kommuniziert wurde. Doch man nahm sie alles andere als locker, zumal bei den Finninnen gleich neun Spielerinnen infiziert wurden, was zu einer Spielabsage führte. Brändli musste daher den ersten beiden Spielen und Trainings fernbleiben und man kündigte an, dass die Mannschaft auf die Eröffnungsfeier verzichtete, weil bei einer Spielerin das Virus bestätigt wurde.
«Wir wollten das Team nicht gefährden. Man sah ja bei Finnland, wie schnell das rumging, daher wollten wir nichts riskieren, denn die wichtigen Spiele kommen erst noch. So sass ich alleine im Zimmer und schaute von dort aus zu», blickte Brändli zurück.
Eine Situation, die ihr nicht ganz neu war. Nach einer abgesagten Frauen-WM wegen der Coronaviruspandemie fand die WM 2021 in Calgary unter höchsten Pandemieschutzmassnahmen statt. Als Bedingung für die Einreise und Durchführung der WM verbrachten alle Spielerinnen fünf Tage in Einzelzimmern in Isolation und machten dort Trockenübungen per Videokonferenz.
Woher das Virus kam, bleibt für sie und ihre Kolleginnen ein Rätsel. «Wir hielten zu den Finninnen strikt Abstand», sagte sie, möchte aber ohnehin nicht in die Vergangenheit schauen, sondern nach vorne.
In Mailand trainierte sie anfänglich alleine im Zimmer und schaute die Spiele aus der Ferne. «Das war mental hart, daher war es toll so zu starten. Ich fühlte mich gut», so Brändli.
So zu starten, damit meint sie eine gehörige Portion Arbeit erhalten zu haben bei der 0:5-Niederlage gegen die USA, wo sie 45 von 50 Schüssen abwehrte.
«Gegen Kanada und die USA sind es anstrengende Spiele, aber auch sehr coole. Man weiss, dass man keine Zeit für irgendwas hat. Man muss reagieren. Das habe ich ab und zu noch gerne. Es ist schön so ins Turnier zu starten», sagte sie.
Brändli wuchs in einer Sportfamilie auf. Ihre Mutter spielte Basketball, ihr Vater Handball. Die Kinder hatten es aber mehr mit Eishockey, wo sie beim EHC Kloten im Nachwuchs starteten. Ihr älterer Bruder Patrick, der einige Saisons für den HC Thurgau in der Swiss League spielte und nun dort Sportchef ist, stellte sie dabei ins Tor. Und auch die Nummer 20 nahm sie in Kloten an – jene, welche die Klotener Goalielegende Reto Pavoni trug.
Die 28-Jährige ist seit der Frauen-WM 2016 fix im Nationalteam. Bis und mit den Olympischen Winterspielen 2018 musste sie sich allerdings gedulden, da Florence Schelling jede Minute im Tor bestritt. Es hiess also zuschauen, lernen und geduldig sein bis sie seit der WM 2019 selbst ins Tor der Nationalmannschaft durfte. Seither hat sie sich als Nummer 1 im Tor etabliert.
Nach Jahren bei den Buben, im Herren-Amateurhockey und der höchsten Frauenliga machte sie den ähnlichen Schritt wie Schelling: Sie ging durchs College-Hockey in den USA (4 Jahre Ohio State University, 1 Jahr Boston University), wo sie Psychologie und Kriminologie studierte, und wagte 2023 den Schritt nach Schweden. Zwei Jahre spielte sie für MoDo Hockey, schaffte es 2024 ins Finale und war 2025 Torhüterin des Jahres in der SDHL – jener Liga, welche die Nationalspielerinnen verschiedener Nationen als die attraktivste und beste Europas sehen. Seit dieser Saison spielt sie für den Titelverteidiger Frölunda in Göteborg. Ihre ohnehin schon starken Werte konnte sie nochmals steigern. Ihre Fangquote von 94,4 Prozent in der regulären Saison ist die beste der Liga und Frölunda grüsst vom ersten Platz.
«Es geht mir extrem gut. Der Schritt vom Norden in den Süden hat es gebraucht. Der Tapetenwechsel war wichtig, um eine neue Herausforderung zu haben. Diese habe ich nun», erklärte die Zürcherin. «Es ist dort sicher eine andere Situation. Ich blühe auf. Das sieht man im Spiel und in der Statistik. Wir sind im Rennen für die Titelverteidigung.»
Die wegen eines Virus’ durcheinander geratene Einsatzplanung im Schweizer Tor bringt nun den Trainer Colin Muller in ein Dilemma. Heute folgt das wichtige Spiel, das wohl um den dritten Schlussrang der Gruppe A hinter den Nordamerikanerinnen entscheiden wird, gegen Finnland. Stellt er 23 Stunden nach Brändlis intensivem Einsatz gegen die USA wieder die nominelle Nummer 1 ins Tor? Oder bringt er Maurer, die ihre Chance genutzt hat und in den Spielen gegen Tschechien und Kanada zeigen konnte, dass auf sie Verlass ist?
«Das ist eine Frage für unseren Head Coach», sagte Brändli mit einem Schmunzeln. Und dieser kam bei der Frage ziemlich ins Grübeln.
«Ich wünschte, ich wüsste es. Ich muss es gut überlegen und bald entscheiden. Es ist möglich, dass wir zurückgehen auf Maurer, weil Brändli 50 Schüsse hatte, vielleicht auch nicht. Wir werden sehen», formulierte der Trainer seine Gedanken unmittelbar nach dem Spiel.
Wenn zwei Torhüterinnen in Form sind, darf man ohnehin von einem Luxusproblem sprechen. Entscheidend wird nicht nur sein, wie stark die Frau im Tor hält, sondern wie gut die Defensive spielt und was die Schweizerinnen nach vorne mit der Scheibe kreieren können. Hierbei sahen die Spiele unterschiedlich aus. Für die Kapitänin Lara Stalder geht es nun darum, die positiven Aspekte der bisherigen Spiele zusammenzusetzen wie ein Puzzle.
«Wir müssen alles aus den letzten Spielen zusammensetzen. Gegen Tschechien hatten wir einen guten Auftakt, gegen Kanada spielten wir defensiv gut und gegen die USA konnten wir offensiv Akzente setzen. So können wir den dritten Rang holen», sagte die Stürmerin.
Gegen die USA konnten sich die Schweizerinnen nach vorne gewiss steigern. 21 Schüsse gegen einen solchen Gegner sind ungewöhnlich viel. Gegen Kanada, wo man defensiv ohne die Scheibe gut spielte, aber wenig kreierte, waren es gerade einmal sechs. Und weil die Gegnerinnen darauf aus sind, die Top-Linie um Stalder und Alina Müller zu neutralisieren, können gerade auch andere Stürmerinnen den Unterschied ausmachen.
Was Muller auch lobte ist eine veränderte Mentalität. «Wir haben gut gekämpft. Letztes Jahr im Spiel gegen Tschechien gaben wir nach einigen Toren auf, hier nicht. Wir sind viel belastbarer», so Muller.
Für starke 60 Minuten gegen einen Gegner wie Kanada und die USA schien es zwar noch nicht zu reichen. In den Duellen gegen die Europäerinnen schaut es aber anders aus.
Wenn die Schweizerinnen heute gegen Finnland (21:10) um den dritten Vorrundenrang kämpfen, geht es auch um die Playoff-Position. Mit einem Sieg erhält man im Viertelfinale den Sieger der «unteren» Gruppe B, Schweden, gegen den die Frauennati die Olympia-Hauptprobe in Wollerau 4:2 gewann. Im Falle einer Niederlage dürfte Tschechien den dritten Rang erben und die Schweiz und Finnland träfen im Viertelfinale erneut aufeinander.
Finnland hatte wegen des Norovirus einen noch unglücklicheren Start als die Schweizerinnen und wartet auf den ersten Sieg, doch es ist die Nation, die an solchen Turnieren am öftesten mit Bronze nach Hause ging und einige starke, erfahrene Spielerinnen im Kader hat. Es darf daher ein interessantes Spiel erwartet werden.
«Wir können hier sehr viel erreichen, so wie wir aufgetreten sind. Wir zeigen Herz und wir zeigen Willen», sagte Brändli zu den Aussichten in Mailand. «Wir wussten, dass es gegen Kanada und die USA ein Wunder braucht um zu gewinnen. Nur schon 21 Schüsse gegen die USA zu haben, auch gute Chancen, zeigt, dass sehr viel drin liegen kann.»
