Vallario: Reservistin in New York, Heimspiel in Mailand
Die Schweizer Nationalverteidigerin Nicole Vallario ist in der nordamerikanischen PWHL die zweite Schweizerin. Als «Reservistin» kommt sie kaum zum Einsatz, möchte die Erfahrung aber für ihre Weiterentwicklung nutzen und freut sich auf das «Heimspiel» in Mailand 2026.
Viel Freude brachte den Schweizerinnen der hart erkämpfte Sieg gegen Tschechien. Und auch eine Last, die von der Schulter gefallen ist, denn seit die Tschechinnen zu den Top-Nationen aufgerückt sind, gab es für die Schweiz in Ernstkämpfen sechs Niederlagen in Folge.
«Es waren tollen Emotionen am Schluss, für meine Nerven fast zu viel», sagte die Schweizer Nationalverteidigerin Nicole Vallario. «Es ist speziell hier, auch weil wir so nahe zur Schweiz sind und es so viele Zuschauer hat. Wir haben sonst im Frauenhockey leider nicht so viele Zuschauer. Wenn man so rauf schaut, denkt man schon, dass sehr viele Leute dabei sind. Sie machten die Welle. Auch meine Eltern, meine Nachbarin, mein Bruder und einige Kollegen sind gekommen.»
Für die gebürtige Tessinerin aus Lugano mit bestem Schweizerdeutsch ist es quasi ein Heimspiel und so fühlt sie sich auch in Mailand. Die 24-Jährige wechselte nach vier Jahren College Hockey auf höchster Stufe in der University of St. Thomas im Sommer zunächst zurück in die Schweiz zum EV Zug, bekam jedoch die Gelegenheit als Reservespielerin in der nordamerikanischen Profiliga bei den New York Sirens anzuheuern.
Was ist ihre spezielle Rolle bei den «Sirenen»?
«Du machst als Reservespielerin alles mit dem Team mit, trainierst, spielst einfach nicht», erklärt Vallario. Auch die Löhne gehören in der Regel zu den tieferen. Aufgrund eines Ausfalls kam Vallario zum Saisonauftakt der Liga zu zwei PWHL-Spielen und erzielte einen Treffer. «Leider kann nur eine limitierte Zahl an Spielerinnen im Kader sein.» 23 Spielerinnen und drei Reservistinnen, wie sie präzisiert.
Vallario fand ursprünglich keinen Unterschlupf in der Liga, nahm dann aber das Angebot mit dem Vertrag als Reservespielerin an. Sie nahm es als Chance und als möglichen Türöffner für die Zukunft.
«Ich habe gedacht, dass es eine richtig gute Erfahrung für mich ist. Es ist auch gut für sie, so dass ich ihnen helfen kann. Ich unterschrieb den Reservevertrag und spielte gleich, weil wir ein paar Verletzungen im Team hatten», sagt die Tessinerin.
Auch mit dem Toreschiessen ging es schnell. «Ich habe nicht gross kapiert, was geschah. Es war mein erster Einsatz, meine erste Scheibenberührung, und dann war die Scheibe im Netz.»
Auch wenn sie mehr trainiert als spielt, schätzt sie die neue Umgebung. «Es ist das Beste vom Besten. Da sind sehr viele Leute, die auch international immer für Kanada und die USA spielen. Spielerinnen, die von der NCAA in diese Liga kommen. Das Niveau ist wirklich sehr hoch. Auch deswegen ist es schwierig, in dieser Liga reinzukommen und einen normalen Vertrag zu erhalten.»
In der PWHL ist sie die zweite Schweizerin nach Alina Müller, die zu den Top-Spielerinnen Bostons zählt. Vereinzelt sind auch andere Europäerinnen anzutreffen – aus Deutschland, Finnland, Österreich, Russland, Schweden und gleich deren acht aus Tschechien.
Vor allem das Körperspiel nennt sie als Unterschied zur Schweiz, auch wegen den kleineren Eisfeldern. Einen Vorgeschmack bekam sie dafür auch schon bei ihrem früheren College-Team im US-Bundesstaat Minnesota. Fürs heutige Frauenhockey sei das physische Spiel eine wichtige Eigenschaft, gerade wenn die Regeln mehr Bodychecking zulassen. Gerade als Verteidigerin ist es ein neues Element um die Gegnerinnen vom Puck zu trennen. In Mailand zeigten die Unparteiischen bislang eine eher tolerante Linie gegenüber Körpereinsatz.
Das Turnier geht nun weiter. Es gilt gegen Kanada und die USA zu bestehen und mit einem Sieg gegen Finnland könnte der dritte Rang in der Gruppe A winken. Dieser würde ein Viertelfinale gegen die Siegerinnen der Gruppe B mit Ländern wie Schweden, Japan oder Deutschland ermöglichen anstelle eines Duells zwischen dem Vierten und Fünften der Gruppe A.
«Das Ziel ist wieder eine Medaille», sagt Vallario, die zum zweiten Mal an den Olympischen Winterspielen teilnimmt, das Ziel in Peking 2022 aber knapp verfehlte mit dem vierten Schlussrang.
«Wir haben das letzte Mal die Medaille verpasst und das tut immer noch weh. Wir wollen mit einer Medaille nach Hause kommen und die Schweiz stolz machen.»
Als kompetitivsten Gegnerinnen hinter den Nordamerikanerinnen, die eine Klasse für sich sind, sieht sie nicht nur Finnland und Tschechien. «Ich würde die anderen auch von der B-Gruppe nicht unterschätzen. Ich glaube Schweden ist auch recht gut dran mit den jungen Leuten, die gut sind und besser werden», gibt sie zu bedenken aus den Erfahrungen in den Länderturnieren im Laufe der Saison, die für sie im Winter die einzige Spielpraxis war.
Die fehlende Spielpraxis möchte sie aber nicht nur als Nachteil sehen. Sie trainiert umso mehr in der PWHL auf und versucht sich mit dem Trainerstab mit spezifischen Einheiten weiterzuentwickeln. Für nächstes Jahr hofft sie auf einen «richtigen» Vertrag in der PWHL und dass mit einer Expansion der Liga ihre Chancen steigen könnten.
Kontakte dafür möchte sie knüpfen. Doch momentan ist ihr Fokus auf Mailand, wo sie durch die Rekrutenschule als Spitzensportlerin auch einige Olympia-Teilnehmende andere Sportarten kennenlernen durfte. Dass in Mailand auf einem kleinerem Eisfeld gespielt wird, sieht sie dabei als Vorteil, da die Schweiz in der Euro Hockey Tour eher auf der verteidigenden Seite war.
Nach dem wichtigen Sieg gegen Tschechien wartet heute Nacht mit Kanada ein Gegner anderen Kalibers auf die Schweizerinnen. Ob Vallerio und ihre Teamkolleginnen die Favoritinnen ärgern können?
Foto und Mitarbeit: Andreas Robanser
