Schweizerinnen auf Medaillenjagd

04.02.26 - Von Martin Merk

Wenn am Freitag in Mailand das olympische Feuer brennt, betritt die Schweizer Frauen-Nationalmannschaft die Bühne mit einem klaren Ziel. Nach Jahren des Lernens, mehreren bitteren Niederlagen in Bronzespielen und einer Professionalisierung der Frauenligen in der Schweiz und in Nordamerika (PWHL) sind die Schweizerinnen hoffnungsvoll nach Italien angereist.

Die Erfahrung aus der nordamerikanischen Profiliga PWHL hat Alina Müller spürbar geprägt. «Ich fühle mich so bereit wie noch nie. Einfach weil ich jeden Tag dort gefordert werde», erklärt Müller. Das Tempo, die Physis und die Intensität dieser Liga seien ein entscheidender Faktor für den nächsten Schritt für sie in der Nationalmannschaft. Sie gehört zu den wenigen Spielerinnen im Turnier, die schon in Sotschi 2014 dabei waren.

Jung und doch erfahren

Sportlich geht die Schweiz mit einem Kader ins Turnier, das sich in den letzten Jahren nicht wesentlich verändert hat – und genau darin liegt eine der grössten Stärken. «Wir sind immer noch sehr jung, aber unglaublich erfahren», betont Müller. Fast alle Spielerinnen haben bereits Weltmeisterschaften und Olympische Spiele bestritten, obwohl viele erst Anfang 20 sind. Lara Stalder, Topscorerin und Aushängeschild der Schweizer Liga, spricht von einer gereiften Mannschaft: «Wir hatten recht lang ein junges Team. Jetzt haben wir viel Erfahrung, viele Junge, die schon viele Grossanlässe gespielt haben. Diese Truppe ist bereit für einen Grossanlass.»

< In der Vorrunde wartet auf die Schweiz eine anspruchsvolle, aber bekannte Aufgabe. Gegen die absoluten Topfavoritinnen USA und Kanada geht es primär darum, sich an das höchste Tempo zu gewöhnen und Selbstvertrauen zu tanken. Beide Nationen sind weiterhin das Mass aller Dinge. Dahinter jedoch ist das Feld so offen wie nie zuvor. Finnland, Schweden und Tschechien sind direkte Konkurrentinnen um die Medaillenplätze. «Nach den USA und Kanada ist es extrem ausgeglichen. An jedem Tag kann man jeden schlagen», sagt Stalder. Genau diese Ausgeglichenheit macht die Gruppenphase wertvoll – und gefährlich.

Defensive Stabilität und Brändli als Schlüssel

Ein wichtiger Faktor für den Schweizer Erfolg liegt in der Defensive. «Defensiv wollen wir eine solide Leistung bringen, damit wir unsere Chancen offensiv nutzen können», erklärt Müller. Dazu kommt ein grosser Trumpf im Tor: Andrea Brändli. «Sie gibt uns die Chance, jedes Spiel zu gewinnen», so Müller weiter. In engen Playoff-Spielen kann dies durchaus den Unterschied machen.

Eine Torhüterin in Höchstform war schon bei den letzten Medaillengewinnen essenziell, damals mit Florence Schelling im Tor in Sotschi 2014 und bei der WM 2012. Brändli ist mit einer Fangquote von 94,4 Prozent die statistisch beste Torhüterin der schwedischen SDHL.

Der Traum von der Medaille – wie realistisch ist er?

Der Traum ist längst kein Geheimnis mehr. «Ganz klar: Wir wollen die Medaille holen», sagen sowohl Müller als auch Stalder unmissverständlich. Zwischen 2021 und 2023 verloren die Schweizerinnen in Peking 2022 und bei Weltmeisterschaften vier das Spiel um Bronze. Der Hunger ist daher riesig.

«Ich habe den Spielerinnen vom ersten Tag an gesagt, dass wir nicht hierher kommen um Fünfte zu werden. Unser Ziel ist es mit einer Medaille nach Hause zu fahren. Wir haben die Lücke zwischen uns und Finnland und Tschechien geschlossen. Wir sind nahe dran, es kann in beide Richtungen gehen in den Spielen», sagt der Trainer Colin Muller.

Realistisch betrachtet hängt vieles vom Viertelfinale ab – dort entscheidet oft ein einzelnes Spiel über Triumph oder Enttäuschung. Gelingt es der Schweiz, eine Nation wie Finnland oder Tschechien zu schlagen, ist alles möglich. Die Entwicklung im Schweizer Frauenhockey stimmt jedenfalls optimistisch. «Mehr Breite, mehr Visibilität, mehr Aufmerksamkeit – das macht den Sport attraktiver und die Nationalmannschaft besser», sagt Stalder.

Die gebürtige Luzernerin ist nach Jahren in den USA und Schweden 2023 in die Schweiz zurückgekehrt und treibende Kraft hinter der Gründung eines Frauenteams beim EV Zug. Für sie ist das mehr eine Herausforderung als ein sportlicher Abstieg – und sie konnte damit ein Zeichen setzen, damit die Schweizer Liga attraktiver wahrgenommen wird. Lange waren die ZSC Lions der Platzhirsch in der Liga. Durch den Einstieg des EVZ, des SC Bern und des HC Davos wurde eine Professionalisierung angetrieben. Die Frauenteams gehören nicht mehr der Amateurabteilung an wie in Zug bis zur Einstellung des früheren Frauenteams, sondern erhalten professionellere Konditionen.

Ein Besuch des Trainingslagers in Wollerau veranschaulicht, was in den letzten Jahren und Jahrzehnten geschehen ist. Als Leistungsträgerinnen wie Müller oder Stalder mit dem Eishockey begannen, war Frauenhockey höchstens in der Nische bekannt. Spielerinnen wussten zum Teil nicht einmal, dass es ein Frauennationalteam gab und man schaute zu männlichen Vorbildern herauf. Hinter der Bande warteten am Wochenende beim Schweizer Training zwei Mädchen mit Autogrammwünsche, so dass der Schreiber nicht nur seine Interviews mit dem Team-Management koordinierte, sondern auch Mädchenwünsche. Eines mit einem Trikot von Naemi Herzig wollte ihr grosses Vorbild sehen und ein Autogramm holen. Ihre Kollegin hatte ebenfalls Autogrammwünsche – alle Spielerinnen ausser jene des EV Zug, denn diese hatte sie bereits. Die Zugerinnen mit Stalder als treibende Kraft auf und neben dem Eis haben sich bislang auch die grösste Fangemeinde im Schweizer Frauenhockey aufgebaut mit einem Zuschauerschnitt von 1313 pro Spiel. So viel wie kaum irgendwo in Europa. Zum Vergleich: Schwedens Top-Club Luleå HF kam in der laufenden Saison auf 748 Fans.

Es bleibt zu hoffen, dass sich die besseren Bedingungen von den Spielerinnen auch auf Mailänder Eis zeigen wird.

Dass die Spiele so nah an der Heimat stattfinden, könnte zusätzlich Energie freisetzen. «Ich hoffe, dass viele Schweizerinnen und Schweizer den Weg nach Mailand schaffen. Die Unterstützung hilft sehr», meint Müller. Besuche sind bei den meisten Spielerinnen angekündigt, dauert doch eine Fahrt nach Mailand per Bahn oder Auto bloss etwas mehr als drei Stunden ab Zürich oder Luzern. Es wäre der perfekte Rahmen für ein Ausrufezeichen des Schweizer Frauen-Eishockeys zwölf Jahre nach dem letzten Medaillengewinn.

Die Voraussetzungen waren seither nie besser. Jetzt gilt es, den Traum auf dem Eis Wirklichkeit werden zu lassen.