Lugano: Quali top, Playoffs flop

23.4.2021 - Von Maurizio Urech

Als am Mittwochabend um 23:35 Uhr Gian-Marco Wetter die Serie zwischen dem HC Lugano und den SCRJ Lakers nach 97 Minuten entschied, materialisierte sich eine der grössten Überraschungen in der Geschichte des Schweizer Eishockeys. Noch nie stand eine Mannschaft, welche die Qualifikation auf Platz zehn beendete, in den Halbfinals, natürlich auch, weil es vorher die Pre-Playoffs nicht gab. Die SCRJ Lakers setzten sich hochverdient gegen die favorisierten Teams au Biel und Lugano durch und stehen zum zweiten Mal in ihrer Geschichte in den Playoff-Halbfinals, Chapeau an Jeff Tomlinson und sein Team!

Die Saison der Mannschaft von Serge Pelletier muss in Phasen unterteilt werden, Qualifikation und Playoffs.

Die Bianconeri beendeten die reguläre Saison auf dem zweiten Platz, eine Platzierung die über den Erwartungen lag, da mindestens vier Teams auf dem Papier ein besseres Kader hatten. Zweimal konnte man acht Partien in Folge gewinnen, mit Tim Heed hatte man endlich wieder einen ausländischen Verteidiger, der Spiele entscheiden konnte, Arcobello und Bödker skorten regelmässig. Gegen Ende der Qualifikation war die Ausgeglichenheit des Kaders der grosse Trumpf. Alle vier Blöcke waren in der Lage Tore zu schiessen und die defensive Stabilität trug dazu dabei, dass die Mannschaft viele vnge Spiele zu ihren Gunsten entscheiden konnte. Damit stieg man mit hohen Erwartungen in die Playoffs, vor allem als man nicht wie erwartet gegen den EHC Biel spielen musste, sondern gegen die SCRJ Lakers.

Doch in den Playoffs waren alle Tugenden, welche die Mannschaft während 52 Spielen ausgezeichnet hatten, wie weggeblasen. Als Aussenstehender wurde man den Eindruck nicht los, dass man sich vom klaren 6:2-Sieg in Spiel 1 blenden liess und sich in Sicherheit fühlte. Anders ist der katastrophale Auftritt in Spiel 2 nicht zu erklären. Die erste Wende fand in Spiel 3 statt, als die Lakers das Break schafften. Natürlich hatte Lugano auch eine Prise Pech: die ersten zwei Gegentore passieren einmal pro Saison, aber die Leistung war trotzdem nicht überzeugend.

Nach diesem Spiel muss sich auch der Trainerstaff Kritik gefallen lassen. Bei einer realistischen Analyse der Leistungen hätte man sofort reagieren sollen und schon für Spiel 4 ein paar Spieler auf die Tribüne schicken müssen, welche versagt hatten und z.B. auch im Powerplay, das nicht funktionierte, etwas ändern müssen. Doch nichts passierte und während 40 Minuten war die Leistung erneut schlecht und dann stand man mit dem Rücken zur Wand. Sportchef Domenichelli bestätigte zwar Headcoach Serge Pelletier, doch von der erwarteten Reaktion war in Spiel 5 wenig zu sehen. Erst in extremis rettete man sich in die Verlängerung, wo dann die Lakers den entscheidenden Treffer schossen. Wenn man in einer Playoff-Serie zu Hause zweimal verliert, kann man nicht weiterkommen.

Es ist ein offenes Geheimnis, dass Serge Pelletier nächste Saison nicht mehr an der Bande von Lugano stehen wird. Man darf gespannt sein, wer sein Nachfolger wird. Sportchef Hnat Domenichelli steht zum ersten Mal unter Druck. Er muss für die nächste Saison eine jüngere Mannschaft zusammenstellen, die aber auch in den Playoffs ihre Leistung abrufen kann. Es ist anzunehmen, dass für einige Routiniers das Spiel vom Mittwoch das letzte im Dress von Lugano war. Die Abgänge von Dario Bürgler, Reto Suri und Thomas Wellinger standen schon vorher fest.

Von den Ausländer hat nur Mark Arcobello noch einen gültigen Vertrag für die nächste Saison. Ob Tim Heed und Mikkel Bödker – beide mit null Punkten – auch nächste Saison in Lugano spielen werden, wird sich zeigen. Anstelle von Jani Lajunen wird man wohl einen offensiven Flügel holen. Der Vertrag mit Niklas Schlegel wurde verlängert, auch wenn noch nicht kommuniziert. Sandro Zurkirchen wird einem jüngeren Platz machen müssen. Insgesamt wird das Kader der Bianconeri mindestens auf 6-7 Positionen verändert werden und ein paar junge der U-20 Elit werden Ihre Chance erhalten.

Um zu verdeutlichen, wie die Bianconeri in den Playoffs versagt haben, erhalten nur vier Spieler gute Noten: Goalie Niklas Schlegel, Verteidiger Romain Loeffel und die Stürmer Luca Fazzini und Giovanni Morini. Alle anderen Spieler müssen sich den Vorwurf gefallen lassen, ihre Leistung in der wichtigsten Phase der Saison nicht gebracht zu haben.