Die grösste Sensation seit 29 Jahren

22.4.2021 - Von Pascal Zingg

Überraschungen gab es in den NL-Playoffs in den letzten Jahren immer wieder. So ist es auch nichts Aussergewöhnliches, dass der Zweite der Qualifikation eine Playoff-Serie verliert. Blickt man in die Geschichtsbücher, hat der Sieg der SCRJ Lakers in diesem Jahr aber doch eine leicht andere Dimension. Schliesslich war selten eine Mannschaft ein derart grosser Aussenseiter, wie die Rosenstädter in diesem Jahr. Was macht es also aus, dass die Rapperswiler in dieser Saison ein solch grosses Playoff-Märchen schreiben können?

In der Geschichte der National League oder der Nationalliga A, wie sie früher hiess, findet man eine Serie, die man mit dem diesjährigen Lakers-Sieg vergleichen kann. Es ist die Serie aus dem Jahre 1992, als der Zürcher SC als Siebter den HC Lugano aus dem Rennen kegelte. Der Sieg der Zürcher war deshalb so überraschend, weil die Luganesi seit Einführung der Playoffs immer bis mindestens ins Finale gekommen waren. In der Serie von 1992 änderte sich dies. Der ZSC stellte dem Grande Lugano mit 3:1-Siegen grandios ein Bein. Die Helden von damals hiessen Arno Del Curto, der noch ganz zu Beginn seiner Trainerkarriere stand und Wladimir Krutow, der am Abend seiner Karriere die Serie mit einem Treffer im Penaltyschiessen entschied.

Vergleicht man die 92er-Serie mit Lakers-Sieg, so muss man gestehen, dass der HC Lugano 29 Jahre später nicht mehr derart «grande» ist, wie noch zu Beginn des Playoff-Zeitalters. Das Potential der Rapperswiler darf aber durchaus mit jenem der Zürcher Löwen von damals verglichen werden, wobei die Lakers in der Setzliste als Zehnter natürlich noch tiefer lagen. Insofern ist der Sieg der Rosenstädter durchaus mit jenem des ZSC zu vergleichen.

Lassen wir nun aber die Geschichte ruhen und fragen uns, was die SCRJ Lakers gemacht haben, um ein solches Playoff-Märchen zu realisieren. «Viele Teams sind im Stande Grosses zu erreichen. Der grosse Unterschied ist, dass wir immer dran geglaubt haben», erklärt Daniel Vukovic. Der Kanada-Schweizer gehört durchaus zu den Baumeistern des Rapperswiler Erfolges. Zusammen mit Captain Andrew Rowe gehört er zu den Leadern in der Garderobe. Daneben ist der Verteidiger aber auch auf dem Eis ein Vorkämpfer. Er legt sich in die Schüsse und zerreisst sich permanent fürs Team. Dass Vukovic mit diesen Tugenden auch andere anstecken konnte, zeigt die Tatsache, dass die Lakers die Liga in der Statistik der geblockten Schüsse anführen. «Dies zeigt, wie solidarisch wir als Team verteidigen. Dabei blocken nicht nur die Verteidiger, nein auch die Stürmer erledigen ihre Arbeit in der Defensive», lobt Vukovic.

Neben einer kompakten Verteidigung können die Lakers in diesen Playoffs einmal mehr auf einen äusserst starken Melvin Nyffeler zählen. «Melvin ist mental unglaublich stark. Ausserdem spielt er in entscheidenden Spielen nochmals eine Klasse besser», erkennt Trainer Tomlinson. Genau wie Nyffeler ist auch der Trainer seit sechs Jahren bei den Lakers. In dieser Zeit hat er einiges an Erfahrung gesammelt. Verlor man in der Swiss League noch zwei Finalserien, scheint der Kanadier nun sehr genau zu wissen, wie man ein Team auf eine Playoff-Serie vorbereitet. Dies beweist auch seine Reaktion auf den ärgerlichen Ausgleich in Spiel fünf. «Ich habe meinen Spielern gesagt, dass es egal ist, ob wir dieses Spiel nach 60 Minuten oder in irgendeiner Overtime gewinnen», erklärt der Trainer. Dabei fügt er an, dass es für ihn schon ein Erfolg war, dass man die Entscheidung in einem Spiel in Lugano in der Verlängerung suchen durfte. Es spricht dabei für den Charakter und das Selbstvertrauen der Mannschaft, dass man sich durch den Rückschlag nicht aus dem Konzept bringen liess.

Neben all den Motivationstricks zeigte sich Tomlinson aber auch als Taktikfuchs. So setzte er auch in der Verlängerung konsequent vier Linien ein. Nicht ganz überraschend liefen die Luganesi zum Ende der Überzeit auf den Felgen. Schliesslich hatten die Tessiner über weite Strecken mit nur mehr zwei Linien gespielt. Dass die Taktik von Tomlinson vollends aufging, zeigt auch die Tatsache, dass bei den Rapperswilern in beiden Verlängerungen jeweils ein Spieler aus der vierten Linie traf.

Nachdem die Rapperswiler den EHC Biel und den HC Lugano aus dem Wettbewerb geworfen haben, stellt sich nun unweigerlich die Frage, was der SCRJ im Halbfinale noch erreichen kann. «Nun haben wir ein riesiges Selbstvertrauen, wer weiss, wo uns das noch hinträgt», erklärt Daniel Vukovic. Ihm ist klar, dass die Rapperswiler unter den besten vier nichts mehr zu verlieren haben. Trotz einer äusserst solidarischen Teamleistung werden sich die Rapperswiler aber auch bewusst sein, dass in den beiden Serien gegen Biel und Lugano fast alles aufgegangen ist. Dabei wird man sich eingestehen müssen, dass sowohl der EHCB als auch der HCL in ihren Serien nicht an die Leistungen der Qualifikation herangekommen sind. Ebenfalls ist es eigenartig, dass die Lakers mit einem schwachen Powerplay gleich zwei Playoff-Serien gewinnen konnten. Die Rapperswiler sollten deshalb versuchen, die Special Teams während der kurzen Pause noch einmal zu verbessern. Darüber hinaus können wir jedoch erwarten, dass man auch im Halbfinale aus einer stabilen Defensive heraus agieren wird. Wie schon gegen Lugano und Biel die wenigen offensiven Nadelstiche effizient zu nutzen.

Ob es den Rapperswilern auch im Halbfinale gelingen wird den Gegner zu ärgern und das Playoff-Märchen gar um ein Kapitel zu erweitern wird sich zeigen. Sicher ist jedoch, die Lakers haben mit dem Sieg über Lugano Geschichte geschrieben. Einerseits sind sie zum zweiten Mal in der Clubgeschichte ins Halbfinale eingezogen. Andererseits haben sie dies mit der grössten Sensation seit 29 Jahren geschafft!

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Lakers auf Kurs


Zwei Hauptdarsteller der Lakers umarmen sich nach dem gestrigen Sieg: Trainer Jeff Tomlinson und Torhüter Melvin Nyffeler. Foto: JustPictures.ch / Jari Pestelacci