Die WM-Teams unter die Lupe

Von Martin Merk

Nachdem die Schweiz den ersten Tag siegreich überstanden hat, nimmt hockeyfans.ch sämtliche 16 WM-Teams unter die Lupe. Heute geht es weiter mit vier weiteren Spielen, bevor es am Sonntag zum Klassiker Schweiz-Deutschland kommt.

GRUPPE A

Kanada

Der alljährliche Favorit aus dem Eishockey-Mutterland. Nach der Heim-WM in Québec und Halifax vor einem Jahr steht für die Kanadier eine weitere wegweisende WM vor der Tür. Zwar findet sie weit weg von daheim statt, doch geht es für die Kanadier in Bern und Kloten um die Vorbereitung auf das für sie grösste Turnier seit vielen, vielen Jahren: Die Olympischen Winterspielen vor der Haustüre, in Vancouver, in Februar 2010. Entsprechend wurden im Team-Management die Stellen gleich für beide Turniere besetzt und potenziellen Spielern klargemacht, dass die WM 2009 als Sprungbrett ins Olympia-Team gilt. Kaum ein Spieler, der nicht in den NHL-Playoffs beschäftigt ist, wird es sich leisten können, wegen einem Bobo oder aus "familiären Gründen" abzusagen. Das Kader umfasst grosse Namen wie Dany Heatley, Martin St. Louis oder Jason Spezza, den alljährlichen Captain Shane Doan, aber auch frisches Blut wie durch den 19-jährigen Stürmer Steven Stamkos.

Slowakei

Die Slowaken sind nach dem Fall in die Abstiegsrunde letztes Jahr auf Wiedergutmachungstour. Vom Verbandsmanagement wurde Jan Filc als Trainer reaktiviert. Er hatte die Slowaken bei der Jahrtausendwende zum einzigen Weltmeistertitel geführt und soll nun die guten Geister heraufbeschwören. Ganz so einfach ist die Rechnung allerdings nicht. Die alten Stars verschwinden langsam von der Bildfläche, immer weniger Spieler schaffen den Sprung in die NHL, entsprechend wenige sind aus Nordamerika auch dabei. Die Partie gegen Weissrussland wird zum Schlüsselspiel werden. Zumindest ein vierter Platz wie vor einem Jahr sollte in der Gruppe mit Aufsteiger Ungarn aber nicht mehr zu wiederholen sein.

Weissrussland

Weissrussland hat grosses vor. Der autoritäre Präsident und Hockeyfan Alexander Lukaschenko will die WM 2014 nach Minsk holen. In den letzten Jahren sind die Weissrussen damit gescheitert. Wohl nicht zuletzt, weil in den meisten Ländern demokratische Grundwerte vermisst werden. Dieses Jahr sieht es besser aus. Die Konkurrenz ist geringer, die Hallen spriessen quer durchs Land aus dem Boden und Gäste der Landesverbände werden zum Augenschein eingeladen, als ob es um eine Olympiade ginge. Gute Resultate der Nationalmannschaft sind dadurch mehr als willkommen. Und dafür wurde Glen Hanlon als Nationaltrainer zurückgeholt, der die Weissrussen vor drei Jahren auf Kosten der Schweiz ins Viertelfinale führte. Aus der NHL ist Mikhail Grabovsky gekommen. Dieser ist aber im Zwist mit den Kostitsyn-Brüdern, die bislang nicht gemeldet wurden und deren Fehlen ein grosser Verlust wäre.

Ungarn

Der Aufsteiger ist erstmals nach 70 Jahren wieder an einer WM. Eishockey ist während der sozialistischen Zeit beinahe untergegangen, doch im Jugendbereich kommen langsam die ersten Früchte. Nach langer Drittklassigkeit schloss die U18-Nationalmannschaft auf den 16. Rang ab. Die Früchte sind bei den „Grossen“ aber noch wenig sichtbar. Die wichtigsten Spieler sind Routiniers, die schon seit über zehn Jahren an den WMs der Zweitklassigen spielen. Der jüngste Verteidiger ist gerade mal zarte 29 Jahre alt mit dem in Frankreich spielenden Omar Ennaffati. Der „höchstklassige“ Spieler ist dafür mit 25 Jahren einer der jüngeren Garde: Janos Vas spielt für Brynäs in der höchsten schwedischen Liga und war während drei Jahren in der AHL tätig. Er ist der einzige Spieler einer Topliga. Immerhin spielt das beste ungarische Team Alba Volan Szekesfehervar in der österreichischen Liga, was das Niveau dieser Spieler etwas erhöht. Vieles wird auch vom Torhüter Levente Szuper abhängen. „Szuperman“ ist berühmt dafür, dass sich gute Paraden mit faulen Eiern abwechseln können. Im Zwist steht der Aufstiegscoach Pat Cortina: Der Kanadier hatte sein Clubteam EHC München vorzeitig verlassen müssen, das nun im Finale der 2. Bundesliga steht.

GRUPPE B

Russland

Russland gehört als Titelverteidiger und durch das hohe technische Niveau der Spieler automatisch zu den Favoriten. Slava Bykov hat es geschafft, aus einem Haufen zickender Egoisten ein erfolgreiches Team zu formen und wurde mit dem ersten Weltmeistertitel seit fast 20 Jahren belohnt. Nun coacht er praktisch vor der Haustür seiner Familie im Freiburgerland, während er sonst parallel den ZSKA Moskau trainierte (jedoch eine Vertragsverlängerung ausschlug, um sich auf die Olympiade zu konzentrieren). Erstmals seit Bykov es verstanden hat, die Spieler aus der NHL ins Trikot der Sbornaja zu zwängen, setzt die Gottéron-Legende nun aber vornehmlich auf einheimische Kraft. Was nicht zuletzt daran liegt, dass die ausgeschiedenen NHL-Clubs wenig Russen hergeben und einige Russen von NHL-Format wie Alexej Jaschin oder Alexander Radulov in die Heimat zurückgekehrt sind, wo es für Top-Spieler bislang nicht weniger zu verdienen gab. Viele vermuten dahinter aber einen politischen Entscheid. Schliesslich wollen die Russen mit der KHL die weltbeste Liga aufbauen. Und davon sind sie überzeugt, wenn diese Überzeugung internationale Experten kaum teilen.

Schweiz

Ralph Krueger geht in seine 12. Weltmeisterschaft und es mache ihm immer noch Spass – jedes Turnier sei anders. Krueger ist mittlerweile zu einer Art Nationalteam-Version von Arno Del Curto geworden wenn es um die Zusammensetzung der Mannschaft geht. Auch ohne den von Arx Clan. Oder gerade deshalb. Seit dem Absturz in Salt Lake City hält er strikter an seine Strukturen und Rollen fest, lässt sich weniger dreinreden und hält die Schweiz um den achten Rang herum fest. Das Team ist im Grossen und Ganzen ähnlich wie in den letzten Jahren, der einzige grosse Neuling (im wörtlichen Sinne) ist Ryan Gardner. Wie weit hervor kann sich die Schweiz diesmal kämpfen? Die Spiele gegen Deutschland und Russland werden die Richtung weisen.

Deutschland

Deutschland steht vor einer der wichtigsten Phase in der Eishockey-Geschichte. Mit der Olympiade 2010 und der WM 2010 im eigenen Lande wird Eishockey in aller Munde sein. Zwar wird Eishockey nie an die Popularität von Fussball rankommen, dafür wird man aber ein Spiel in der Fussball-Kultstätte von Schalke 04 in Gelsenkirchen austragen. Das Eröffnungsspiel, notabene, gegen ein noch zu definierendes Top-Team. Weil die Arena ein Dach hat, wurde diese Ausnahme genehmigt. Mit diesem Top-Event vor knapp 80 000 Zuschauern wird Eishockey in aller Munde sein und die Organisatoren hoffen sich, damit unter den Indoor-Sportarten gegenüber Basketball und Handball Boden gut zu machen. Das weiss man und noch nie zuvor waren sich die zerstrittenen Eishockey-Organisationen so nahe für das gemeinsame Ziel, Eishockey populärer zu machen. Bundestrainer Uwe Krupp steht im Nachbarland für die „Hauptprobe“ unter medialem Druck, dafür kann er als Gastgeber aber nicht absteigen und seine Kreativität voll ausspielen.

Frankreich

Frankreich gehört ohne Sébastien Bordeleau zu den Abstiegskandidaten. Der Trainer Dave Henderson verzichtet auf seinen besten Feldspieler, weil er auf Clubsuche sei und sich damit nicht voll ins Teamgefüge integrieren lasse. Eine Entscheidung, die man bei einem Team dieser Stärkeklasse noch selten gehört hat. Gegen die Schweizer konnten sie zwar resultatmässig mithalten, doch der Niveauunterschied war unverkennbar und dürfte sich im einen oder anderen Spiel auch im Schlussresultat widerspiegeln.

GRUPPE C

Schweden

Das Drei-Kronen-Team gehört für einmal nicht zu den Favoriten. Trainer Bengt-Ake Gustafsson musste viele Absagen einstecken und hat damit einen Neuanfang eingeleitet. Gleich elf Spieler kommen zum WM-Debüt, neun Spieler sind 25 Jahre alt oder jünger. Bloss vier NHL-Spieler hat er zu Beginn zur Verfügung, darunter ein Dallas-Trio um Nicklas Grossman, Joel Lundqvist und Loui Eriksson. Die andere Hälfte umfasst ein Gerüst an erfahrenen Spielern die teilweise seit vielen Jahren schon im Team sind.

USA

Für die USA geht es wie für Kanada auch um die Vorbereitung zu den Olympischen Spielen. Wer dort dabei sein will und nichts zu tun hat, muss sich in Bern für höhere Aufgaben empfehlen. Ein wirkliches Gesicht muss der Toronto-Trainer und frühere HCD-Topscorer (als Verteidiger!) Ron Wilson der Mannschaft verpassen, welche hauptsächlich aus Spielern jünger als 30 Jahre besteht. Vorbei scheinen vorerst die Zeiten der US-Dinosaurier um Chris Chelios und Co. Die Ausnahmen sind Toronto-Stürmer Jason Blake und der frühere NHL-Torhüter Robert Esche, der nach Russland zu St. Petersburg wechselte.

Lettland

Wegen dem beinahe Staatsbankrott werden es sich nicht mehr Tausende von Letten leisten, an die WM zu reisen, doch in den schwierigen Zeiten hofft der ganze Kleinstaat auf einen Erfolg in seiner Nationalsportart nach der gelungenen Olympia-Qualifikation. Durch die KHL hat sich einiges verändert: Die Mehrheit der Spieler kommt vom neugegründeten Dinamo Riga. Dazu einige zusätzliche Spieler aus anderen Ligen, auch jeweils zwei aus der NHL und AHL. Trainer Olegs Znaroks lässt die Fans mit offensivem Eishockey mit Speed und Kurzpassspiel verwöhnen. Die Balten sind seit längerem ein Geheimtipp fürs Auge, das lieber Tore als taktische Fesseln sehen möchte. Wirklich Erfolg brachte dies aber nur selten.

Österreich

Österreich hat mit dem deutschsprachigen Raum keine guten Erfahrungen. Vor heimischem Publikum stiegen sie 2005 in Wien ab – und zwei Jahre später in Moskau erneut. Nun geht’s in die Schweiz und nächstes Jahr möchte man auch in Deutschland wieder mit von der Partie sein. Dafür soll unter anderem der Langnau-Stürmer Oliver Setzinger sorgen, vor einem Jahr Topscorer beim Aufstieg in die A-Gruppe. Und auch der mit Abstand berühmteste Österreicher ist dabei: Thomas Vanek, einer der bestbezahlten Spielern der NHL. Er alleine wird aber nicht reichen. Diese Erfahrung mussten vor einem Jahr die Slowenen mit Anze Kopitar machen.

GRUPPE D

Finnland

Finnland gehört zu den regelmässigen Medaillengewinnern, doch der Weltmeistertitel liegt schon länger zurück. Diese konstante Spitzenmannschaft zählt somit aber zumindest auch dieses Jahr zum erweiterten Favoritenkreis und kann auf einige altgesessenen Spielern setzen. Allen voran Lugano-Verteidiger Petteri Nummelin, der in seine 14. Weltmeisterschaft steigt. Einige aktuelle oder ehemalige NHL-Spieler sind im Team dabei. Das eishockey-verrückteste Land ausserhalb von Kanada wird wohl auch diesmal nicht enttäuschen.

Tschechien

Zweimal in Folge hat Alois Hadamczik das Halbfinale verpasst und machte Platz für den früheren Weltmeistertrainer Vladimir Ruzicka. Ob alte Besen gut kehren, wird sich weisen. Talent ist jedenfalls in dieser Mannschaft mit Spielern aus Ost und West vorhanden und mit Jaromir Jagr kehrt das grosse Eishockey-Idol der Nation aufs internationale Parkett zurück.

Norwegen

Nach der überraschenden Viertelfinal-Qualifikation kommt nun das Jahr der Bestätigung für Norwegen. Luganos Patrick Thoresen ist erneut mit von der Partie und wird eine wichtige Teamstütze sein, doch auch andere Spieler kennen erstklassiges Eishockey, spielen doch vor allem viele Stürmer (6) in der höchsten Liga Schwedens. Etwas weniger prominent ist die Abwehr und das Tor besetzt, doch die Norweger haben es mit ihrer skandinavischen Spielweise oft geschafft, den Kasten mehr oder weniger dicht zu halten.

Dänemark

2003 bestritt Dänemark seine erste WM (bis auf ein einmaliges Turnier in 1949) und ist bisher bis auf ein Jahr auch oben geblieben, konnte in den letzten zwei Jahren gar die Zwischenrunde erreichen. Doch die Dänen wurden in der Weltrangliste unlängst vom Nachbarn Norwegen überholt, verloren das Heimrecht für die Olympiaqualifikation an die Norweger und mussten sich dem Team in Oslo auch noch mit 5:3 geschlagen geben. Die Lust auf Revanche ist gross, doch Favorit sind die Norweger. Während die Norweger die besseren Spieler in Europa hat, können die Dänen dafür auf Phoenix-Stürmer Mikkel Bødker setzen sowie auf drei AHL-Spieler.