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Schweizer mit Euphorie ins Viertelfinale?

Von Martin Merk

Morgen startet für die Schweizer Eishockey-Nationalmannschaft mit dem wegweisenden Spiel gegen Lettland die Weltmeisterschaft. Mit einem Sieg und einem "gewöhnlichen" Fortverlauf des Turniers könnten die Schweizer bereits die Weichen fürs Viertelfinale legen. Zwei Jahre vor der Heim-WM träumt man aber bereits von mehr.

Dass die diesjährige WM in Moskau ernster genommen wird als jene vor einem Jahr, wenige Monate nach der Olympiade, in Riga, ist überall spürbar. In der Schweizer Medienlandschaft wird mehr berichtet, mehr erwartet. Und auch in Moskau ist alles ein bisschen anders. "Das ist die beste WM-Garderobe bislang", lobt Mark Streit, der sich diesbezüglich aus Montréal eine Luxusgarderobe gewohnt ist. Die neue Khodynka-Arena für 14'000 Zuschauern ist das neue Aushängeschild diesbezüglich in Russland. Im Gegensatz zu vielen anderen Arenen wurde dabei nicht einfach geschaut, wie man möglichst kostengünstig eine Halle mit einer derartigen Kapazität erstellt, sondern auch dass das Umfeld und Räumlichkeiten stimmen. So haben die Spieler eine Trainingshalle gleich unterirdisch auf dem Areal, VIPs und Journalisten müssen nicht nach draussen in Zelte. Mit 57'500 Quadratmetern ist der am 15. Dezember 2006 eröffnete Moskauer Eispalast die grösste Sporthalle Europas. Nur ein Jahr älter ist die 7000 Fans fassende Arena Mytischtschi im gleichnamigen Moskauer Industrievorort, wo die Schweizer jedoch weder in der Gruppenphase noch in der Zwischenrunde hin müssten. Zwischen den offiziellen Hotels für Spieler, Verbände, IIHF, Organisator, Schiedsrichter und Medien gibt es zu beiden Hallen sowie zwischen den Hallen Transportbusse direkt von Eingang zu Eingang, auch wenn im Moskauer Stadtverkehr teilweise etwas Geduld gefordert ist. Die Russen kündigten bereits im Vornherein an, bezüglich Sicherheitsstandards neue Massstäbe setzen zu wollen. Neben scharfen Eingangskontrollen kreisen russische Armeehubschrauber über den Hallen. Alles soll in Moskau perfekt wirken, schliesslich wird mit der WM auch für die Olympia-Kandidatur von Sotschi 2014 am Schwarzen Meer geworben. Diese gehört zu den grössten Sponsoren. Und damit auch sonst alles finanziert wird, wird mit Zusatzleistungen zur Kasse gebeten. So kostet ein Internetzugang für Journalisten im Stadion oder für die Spieler im Hotel während der WM etwa so viel, wie in der Schweiz für ein ganzes Jahr. Und auch sportlich ist der Druck gross: Russland holte letztmals 1993 den Titel, versagte an der letzten Heim-WM 2000 in St. Petersburg mit einer Starauswahl kläglich (elfter Platz). Da ist es ein gutes Omen, dass in Moskau 1986 letztmals der WM-Gastgeber gewann - der heutige Nationaltrainer Vjacheslav Bykov erzielte beim 3:2-Sieg im Finale gegen Schweden den Siegestreffer.

Vorentscheidung gegen Lettland?

Vom ganzen Trubel sollen die Spieler in der russischen Hauptstadt, die alleine fast doppelt so viele Einwohner hat wie die Schweiz, jedoch möglichst wenig mitbekommen. "Es ist für uns nicht viel anders als sonst", sagt Marc Reichert. Von der Stadt sehen die Spieler nicht viel, bis etwa einen Ausflug zum Roten Platz. Die meisten Mannschaften, bis auf etwa den Gastgeber, leben im gleichen Hotel und ihre Gaumen werden dort von den lokalen Köchen verwöhnt. Niemand wüsste sich über etwas zu beklagen. Doch bald ist Schluss mit der friedlichen Stimmung, denn mit Lettland wartet morgen der wichtigste Gruppengegner. Während gegen Italien ein Sieg Pflicht und gegen Schweden ein Sieg ein Dürfen ist, so könnte das morgige Spiel am Ende die Entscheidung um die Viertelfinal-Qualifkation bedeuten. "Gegner wie Lettland, Weissrussland oder Deutschland sind dicht hinter uns und dürfen nicht unterschätzt werden", sagt Streit. "Es wird ein enges Spiel, ich erwarte einen Eintore-Sieg", äussert sich der Nationaltrainer Ralph Krueger vorsichtig, "die Letten sitzen uns schliesslich nicht umsonst in der Weltrangliste im Nacken." Krueger hat die Spieler auf eine laute Stimmung eingestellt. Normalerweise reisen tausende von lettischen Fans mit Hupen an die Spiele. Die lettischen Reiseveranstalter selbst erwarten für einmal nur rund 1000 Fans wegen den hohen Preisen und Visakosten in Moskau - doch auch die können reichen, damit die Anweisungen des Trainers während des Spiels nicht durchkommen.

Gegner im Aufwärtstrend

Lettland, das bezüglich Spieler lange als überaltert galt, hatte zuletzt mehr in den Nachwuchs investiert und dies zeigt langsam Früchte - nicht zuletzt gepusht durch die letztjährige Heim-WM. Statt in der niveaumässig biederen Liga Lettlands zu spielen, zieht es viele Junge ins Ausland. Dass Nationalspieler in kanadischen Juniorenteams spielen, ist daher nicht ungewöhnlich. Etwa im Fall des letztjährigen Drittrundendrafts Kaspars Daugavins, der die Saison in der OHL begann und gegen Ende Saison im Ottawa-Farmteam Binghamton AHL-Luft schnuppern durfte. Er erzielte bei der WM-Hauptprobe gegen Dänemark (5:2) gleich drei Treffer. Dagegen fehlen aus persönlichen Gründen die in der NHL eingesetzten Raitis Ivanans, Janis Sprukts, Sandis Ozolins sowie verletzungshalber Karlis Skrastins. Immerhin zehn Spieler des Kaders standen zudem auf höchstem Niveau in einer der europäischen Top-7-Ligen im Einsatz. In der Mannschaft von Olegs Znaroks stehen mit Leonids Tambijevs (Ex Basel, Chur) und dem diesjährigen Martigny-Stürmer Grigoris Pantelejevs zwei in der Schweiz nicht unbekannte Spieler im Team, mit Harijs Vitolins hat er einen früheren Nationalliga-Spieler als Assistenten an der Bande, der seine Trainererfahrungen beim Zweitligisten Oberthurgau aus Romanshorn sammelt. Die Letten, mit fünf Spielern unter 23 Jahren etwas verjüngt, zeigten starke Vorbereitungsspiele mit hohem Tempo, viel Engagement, aber auch einen Hang zur Verspieltheit, zu Disziplinslosigkeiten und Schlägereien. Sie werden wohl auch an dieser WM eine Stimmungsmannschaft sein, die bei ausgeglichenem Spielstand immer für Tore gefährlich sein kann, jedoch auch auseinanderfallen kann, wenn es nicht läuft. In sieben Ernstkämpfen haben die Schweizer bislang noch keinen Vergleich verloren.

Wenig Neues aus Italien und Schweden

Beim zweiten Schweizer WM-Gegner Italien gibt es wenig Neues. Auffallend ist der Name des frisch eingebürgerten Kanadiers Patrice Lefebvre, der diese Saison Topscorer des B-Ligisten Lausanne war. Zudem verzichtet man nach seiner abgesessenen Sperre auf Anthony Iob, der an der letzten WM für einen Skandal sorgte, als er beim Garderobentrakt einen ukrainischen Gegenspieler verprügelte. "Sein Verhalten ist nicht gut für das Team", sagte der Trainer Michel Goulet zu der Nicht-Nomination. Aus ähnlichen Gründen verzichtete er auch auf Tony Tuzzolino. Abwesend sind die in den Minor League beschäftigten Jason Muzzatti (Flint/UHL) und Jason Cirone (Rio Grande/CHL), auf die man gehofft hatte. Ansonsten bleiben die Italiener ein Gemisch von deutschsprachigen Südtirolern, ethnischen Italienern und eingebürgerten Nordamerikanern, welche mit unangenehmer Spielweise gegen den Abstieg kämpft und die Grossen fordern möchte. Letztes Jahr klappte dies nicht schlecht: Von den sechs Spielen gingen nur deren zwei mit mehr als zwei Toren Differenz verloren - im letzten Spiel schaffte man gegen Slowenien den Klassenerhalt. Ein Sieg sollte Pflicht sein - die letzte Niederlage liegt immerhin zwölf Jahre zurück.

Im Kader des letzten Gruppengegners, dem WM-Titelverteidiger und Olympia-Sieger Schweden, sind bis heute noch fünf Plätze in der Mannschaft offen, welche an NHL-Spieler vergeben werden könnten. Zum aktuellen Stand hat man ein All-Star-Team der schwedischen Elitserien verstärkt um einen NHL-Spieler, Torontos Alexander Steen, sowie drei NLA-Spielern: Zugs Per Hållberg und die beiden Luganesi Dick Tärnström und Rickard Wallin. "Wir erwarten keine weiteren NHL-Spieler. Wir haben letztes Jahr schliesslich auch so Gold geholt", erklärt der Nationaltrainer Bengt-Åke Gustafsson den Verzicht auf die grossen Stars, nachdem die NHL-Kandidaten Peter Forsberg, Mats Sundin, Fredrik Modin und Kristian Huselius abgesagt hatten. Schweden wird auch dieses Jahr zu den Favoriten gehören und ein Punktgewinn für die Schweizer kein einfaches Unterfangen. Jedoch schafften Kruegers Jungs an der letzten WM ein sensationelles 4:4. Den letzten Sieg an einer WM gab es indes vor 14 Jahren.

Hirschi und Paterlini ab Spiel vier

Für den morgigen WM-Auftakt hat Krueger sämtliche drei Torhüter sowie die erlaubten zwanzig Feldspieler angemeldet. Steve Hirschi und Thierry Paterlini müssen in den ersten drei Spielen überzählig zuschauen, für die Zwischenrunde sind zwei zusätzliche Nominationen möglich. Beide werden auf das Spiel vier hin vorbereitet und sollen dann Energie reinbringen. Hirschi sei als Zweiweg-Verteidiger ideal zum Einsatz im späteren Turnierverlauf, während Paterlini nach seiner Hirnerschütterung erst heute voll mittrainieren konnte und daher auf die Zwischenrunde hin aufgebaut wird. "Er ist noch nicht bereit für drei volle Spiele", so Krueger. Damit geben Duri Camichel, Thibaut Monnet und Julien Sprunger ihr WM-Debüt. Sprunger war in der Vorbereitung der "Hit-Leader": Krueger hat in sechs Spielen 19 Checks gezählt. "Und wir zählen nur jene, welche dem Gegner auch Schmerzen bereiten", schmunzelt Krueger. Wie beim "Neuaufbau von Riga" ist wieder eine Schweizer Mannschaft zu erwarten, die physisch mehr an die Grenzen geht. Das sah auch Mark Streit in den Trainings so, sieht einerseits die neuen jungen Spieler, andererseits die strenge Regelauslegung als mögliche Gründe. Und diese wird erneut streng sein. Krueger: "Uns wurde mitgeteilt, dass die Tolerant niedrig sein wird und man strenger gegen Checks mit Verletzungsfolge vorgehen wird."

Offene Torhüterfrage

Mit den in den nordamerikanischen Playoffs beschäftigten Nationalspielern Martin Gerber und Timo Helbling plant Krueger nicht. Noch offen ist die Torhüterfrage: Sowohl der NHL-Goalie David Aebischer als auch der Davoser Meistertorhüter Jonas Hiller brennen darauf, sich im Schaufenster Moskau für einen NHL-Vertrag zu präsentieren. Krueger fällt heute die Entscheidung, will sie jedoch erst vor dem morgigen Spiel der Öffentlichkeit zugänglich machen. Denkbar scheint, dass David Aebischer gegen Lettland und Jonas Hiller gegen Italien spielt. Definitiv wird man dies aber erst morgen wissen.

Fakten zur Schweizer Gruppe

Schweiz

Torhüter: David Aebischer (Montréal/NHL), Jonas Hiller (Davos), Daniel Manzato (Basel).

Verteidiger: Goran Bezina (Servette/Salzburg), Severin Blindenbacher (ZSC Lions), Beat Forster (ZSC Lions), Beat Gerber (Bern), Martin Steinegger (Bern), Mark Streit (Montréal/NHL), Julien Vauclair (Lugano).

Stürmer: Andres Ambühl (Davos), Duri Camichel (Zug), Patric Della Rossa (Basel), Paul Di Pietro (Zug), Sandy Jeannin (Lugano), Romano Lemm (Kloten), Thibaut Monnet (Fribourg), Marc Reichert (Bern), Ivo Rüthemann (Bern), Raffaele Sannitz (Lugano), Julien Sprunger (Fribourg), Adrian Wichser (ZSC Lions), Valentin Wirz (Lugano).

Überzählig: Steve Hirschi (Lugano), Thierry Paterlini (ZSC Lions).

Trainer: Ralph Krueger Assistenten: Jakob Kölliker, Peter Lee.

WM-Vorbereitung: Tschechien 3:1, Tschechien 3:5, Russland 1:4, Russland 1:4, Deutschland 2:3, Deutschland 5:1.



Lettland

Torhüter: Edgars Masalskis (clublos), Sergejs Naumovs (Bozen/ITA), Martins Raitums (Riga 2000).

Verteidiger: Guntis Galvins (Riga 2000), Alexanders Jerofejevs (Poprad/SLK), Rodrigo Lavins (Brynäs/SWE), Georgijs Pujacs (Khimik Moskovskaja Oblast/RUS), Arvids Rekis (Augsburg/DEU), Agris Saviels (Zvolen/SLK), Olegs Sorokins (Södertälje/SWE2), Atvars Tribuncovs (Färjestad/SWE).

Stürmer: Armands Berzins (Riga 2000), Martins Cipulis (Poprad/SLK), Lauris Darzins (Vsetin/CZE), Kaspars Daugavins (Binghamton/AHL), Alexanders Macijevskis (Odense/DAN), Alexanders Nizivijs (Nizni Novgorod/RUS2), Grigorijs Pantelejevs (Ponteba/ITA), Mikelis Redlihs (Junost Minsk/WRU), Alexanders Semjonovs (Traktor Cheljabinsk/RUS), Alexejs Sirokovs (Khimik Moskovskaja Oblast/RUS), Leonids Tambijevs (Meran/ITA2), Herberts Vasiljevs (Krefeld/DEU).

Trainer: Olegs Znaroks, Assistenten: Harijs Vitolins, Vitalijs Samoilovs.

WM-Vorbereitung: Deutschland 3:2 n.P., Deutschland 1:3, Finnland 3:7, Slowakei 2:3, Österreich 4:0, Dänemark 5:2.



Italien

Torhüter: Andrea Carpano (Pontebba), Günther Hell (Bozen).

Verteidiger: Christian Borgatello (Milano), Armin Helfer (Milano), Carlo Lorenzi (Alleghe), Florian Ramoser (Bozen), André Signoretti (Herning/DAN), Michele Strazzabosco (Milano), Carter Trevisani (Södertälje/SWE2).

Stürmer: Luca Ansoldi (Cortina), Paolo Bustreo (Ritten), Mario Chitarroni (Milano), Flavio Faggioni (Bozen), Patrice Lefebvre (Lausanne/SUI2), Stefano Margoni (Pontebba), John Parco (Asiago), Roland Ramoser (Bozen), Luca Rigoni (Milano), Giulio Scandella (Milano), Giorgio de Bettin (Cortina), Manuel De Toni (Alleghe).

Trainer: Michel Goulet, Assistent: Fabio Polloni.

WM-Vorbereitung: Japan 5:2, Dänemark 3:4, Japan 3:2, Weissrussland 1:4, Weissrussland 1:3, Dänemark 2:2.



Schweden (aktualisiert 28.4.)

Torhüter: Johan Backlund (Timrå), Daniel Henriksson (Färjestad).

Verteidiger: Johan Åkerman (HV71), Tobias Enström (MoDo), Per Hållberg (Zug), Kenny Jönsson (Rögle/SWE2), Anton Strålman (Timrå), Dick Tärnström (Lugano/SUI).

Stürmer: Nicklas Bäckström (Brynäs), Fredrik Bremberg (Djurgården), Johan Davidsson (HV71), Fredrik Emvall (Linköping), Jonathan Hedström (Timrå), Patric Hörnqvist (Djurgården), Jörgen Jönsson (Färjestad), Tony Mårtensson (Linköping), Alexander Steen (Toronto/NHL), Rickard Wallin (Lugano/SUI).

Trainer: Bengt-Åke Gustafsson, Assistenten: Tommy Samuelsson, Jan Karlsson, Tommy Boustedt.

WM-Vorbereitung: Ungarn 1:2 n.V., Ungarn 7:1, Russland 3:2, Russland 4:2, USA 5:3.




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   Krueger spricht im heutigen Training zur Mannschaft
   Foto: Thomas Oswald.

   
   Gegen Lettland gilt es erstmals ernst - sehr ernst.
   Archivfoto: Martin Merk.

   
   Gegen Italien ist Jubeln Pflicht
   Archivfoto: Thomas Oswald.

   
   Die Schweden will man auch in Moskau ärgern.
   Archivfoto: Thomas Oswald.