Frisch aus dem Hotel geht es mit Hilfe von Blaulicht auf die Strasse

   
   Fasel posiert mit dem ihm während der WM zugeteilten Polizisten Sergej und einem Geschenk

   
   Fasel im Büro von Vjacheslav Fetisov (rechts) mit Bundesrat Samuel Schmid (links)

   
   Prunktvolle Empfangshalle der tschechischen Botschaft

   
   Fasel als einer der Redner beim Jubiläum mit Skoda

   
   Ankunft in der Präsidenten-Lounge...

   
   ...wo gesorgt wird, dass niemand Hunger und Durst haben muss

   
   René und Fabienne Fasel

   
   Auch Samuel Schmid gastiert in der Loge

   
   Fasel bespricht im Fauteuil mit seinen Gästen

   
   Fernseh-Interview mit dem tschechischen Fernsehen

   
   Die Journalistenpreise werden vergeben



Einen Tag mit dem IIHF-Präsidenten

Von Martin Merk

Was läuft an einem Tag des IIHF-Präsidenten René Fasel während einer Eishockey-WM ab? Wo haust er, wo arbeitet er, wie lebt er, wie gibt er sich und mit wem bekommt er es zu tun? hockeyfans.ch nahm es Wunder und begleitete den Freiburger während des Halbfinaltages an der WM in Moskau. Ein Querschnitt durch einen Tag mit der Vielfalt des Eishockey-Business.

Moskau ist eine Stadt der Extreme. Kann es im Mai sonnig und 28 Grad warm sein, so kann das Quecksilber auch genauso gut die Hälfte anzeigen und von Regen umgeben sein. Eher letzteres Wetter kam über Russlands Hauptstadt am Tag des grossen Halbfinals gegen den Nachbar Finnland. Morgenessen war angesagt im Luxushotel Mezhdunarodnaja, am nordwestlichen Rand des Zentrums in Richtung zur Khodynka-Arena gelegen und zum Welthandelszentrum gehörend. Sein Fahrer Igor und der Polizist Sergej warten bereits in ihren Autos. Sergej schaut mit Blaulicht und Sirene, dass es schneller durch Moskaus Strassendschungel geht. Igor folgt hintendrein und muss immer wieder aufpassen, dass nicht wagemutige Trittbrettfahrer sich in die kleine Lücke zwischen den beiden Autos drängen. Die Hupe wird wohl öfters getätigt als die Bremse. Durch die Stadt geht es mit bis zu 100 Stundenkilometern, teilweise gar auf der Gegenfahrbahn. Fasel vertraut seinem Fahrer mit dem er sich in einigen Brocken Russisch unterhält. Fremdsprachenkenntnisse haben in Moskau nur wenige Leute, da kommen einige Sätze in der Landessprache gut an. "Ich möchte in jedem Land Sachen wie "Guten Tag" und "Danke" sagen können", gibt sich der IIHF-Präsident respektvoll zu den Gastgebern. Bereits vor seiner Zeit im jetzigen Amt hatte er als Vorsitzender des Schweizer Verbands russische Gäste mit seinen Sprachkenntnissen beeindruckt - nicht zuletzt durch solche Details erntete er jene Beliebtheit, die ihn im internationalen Eishockey nach ganz oben führte. Angst hat er in der rasanten Fahrt durch Moskau nicht, viele Leute sind sich dies hier gewohnt. "Anderen geht dies aber nicht so. Guy Drut etwa hoffte voller Angst, dass er wieder lebend aus dem Auto kommen wird", schmunzelt Fasel. Der frühere Leichtathlet Drut ist wie Fasel im IOC und einst Frankreichs Sportminister.

Fasel gilt seit jeher als ein Verehrer des russischen und sowjetischen Eishockeys. Wer die Spiele der diesjährigen WM sah, kann dies leicht nachvollziehen. War das Finalspiel eher zum Gähnen, so konnten die Russen ihr Publikum in jedem Spiel verzaubern - auch wenn es nicht zu mehr als Bronze reichte. "Während meiner Schulzeit musste ich teilweise schon unten durch als einziger Fan. Besonders nach dem Prager Frühling", sagte der gelehrte Zahnarzt Fasel, der in seinen jungen Jahren für Fribourg-Gottéron in der NLB spielte, bevor er die Schiedsrichterlaufbahn einschlug. Die Politik und den Sport hatte er stets getrennt, weshalb er guten Gewissens die "Sbornaja" bewunderte und nach dem Zerfall der Sowjetunion am Freiburger Transfer-Coup mit dem heutigen russischen Nationaltrainer Vjacheslav Bykov und Andrej Khomutov mitwirkte. Seit 1986 letztmals eine WM in Moskau stattfand, habe sich viel verändert. "Man sieht viel mehr Licht in der Nacht und mehr Geschäfte. Früher gab es vor diesen lange Schlangen, auch vor dem Lenin-Mausoleum", sagt Fasel. Auch Verkehrsprobleme habe man damals noch nicht gekannt. "Obwohl die Leute fast nichts hatten, waren sie immer gastfreundlich und gaben einem immer etwas. Die Russen haben eine unglaubliche Gastfreundschaft, wenn man akzeptiert ist", beschreibt Fasel seine Erfahrungen. Dass dies nicht jeder so sieht, bezweifelt er aber nicht: "Sie können auf den ersten Blick grob wirken, dies ist jedoch eher eine Maske, um sich zu schützen."

Mittlerweile wird es gegen 11 Uhr - Fasel ist beim früheren NHL-Star und heutigen russischen Sportminister Vjacheslav Fetisov eingeladen. Anlass ist ein Gespräch mit Fetisovs Schweizer Amtskollegen Samuel Schmid und dem Schweizer Botschafter. Ich werde der Wache vorgestellt. "Sie nehmen einen Journalisten mit?" fragt dieser sichtlich verwundert. "Ich habe keine Angst vor Journalisten, ich habe nichts zu verstecken", antwort Fasel mit einem Schmunzeln. Ohnehin bin ich nicht der einzige Journalist. In Moskau ist Vsevolod Kukushkin, kurz Seva genannt, Fasels rechte Hand, ständiger Begleiter, Übersetzer und Sprachlehrer. Seva ist mit dem Freiburger seit vielen Jahren befreundet und ist langjähriger Mitarbeiter der renommierten, russischen Tageszeitung "Sport-Express".

Nach einem Tee im Wartezimmer trifft Fetisov ein, wenig später auch der Schweizer Tross um Schmid. Fasel muss das frühe Ausscheiden der Schweizer sowie Konflikte mit diversen, nicht-teilnehmenden Spieler und dem Trainer seit der Olympiade 2002 erklären. "Ralph Krueger? Gegen ihn habe ich glaub mal gespielt", erinnert sich Fetisov. Fasel klärt auf, dass Krueger einst deutscher Nationalspieler war. Wie Fetisov stand Krueger 1986 noch als Spieler auf dem Moskauer WM-Eis. Der IIHF-Präsident stellt Fetisovs grosse Karriere als ein Spieler des "Triple Gold Club" vor - jene Spieler, welche Olympia- und WM-Gold sowie den Stanley Cup gewonnen haben. Fetisov scheint die Grösse dieses Zirkels von 18 Legenden zu gross zu sein und schlägt die "Diamond Five" vor. Der "World Cup of Hockey" (früher Canada Cup) und die U20-WM sollten doch auch noch dazuzählen. Fasel weiss nicht auswendig, welche Weltstars in jener Gruppe dabei wären. "Doch falls er nicht alleine ist, werden ihm schon noch weitere Kriterien einfallen", lacht Fasel. Fetisov entgegnet als Möglichkeit seine 14 Superliga-Titel in Serie.

Nach der sportlichen Einleitung geht es dann mehr zur Sportpolitik. Schmid will sich in Moskau schliesslich für die kommenden Anlässe in der Schweiz inspirieren. Dabei dürfte er nicht nur an der Eishockey-Weltmeisterschaft 2009 gedacht haben, sondern an die grosse Fussball-Europameisterschaft 2008 in Basel, Bern, Genf und Zürich. Schmid fragt nach den Gründen, wieso es im etwas schwierigen Pflaster Moskau so gut mit der Organisation klappt und was die Schweiz davon lernen könnte. Sein russischer Amtskollege hebt die Wichtigkeit von Eishockey und Sport in Russland und der früheren UdSSR hervor, welche vieles erleichtere. Zudem sei man in Moskau für die Olympischen Sommerspiele 2012, welche an London gingen, vorbereitet gewesen. Eishockey und Fussball seien in Russland die wichtigsten Sportarten und helfen auch soziale Probleme zu lösen, sagt Fetisov und berichtet stolz von einem grossen Sportprogramm für Jugendliche im Alter von 15 bis 19 Jahre über rund 800 Millionen Franken - ohne die Budgets der Regionen und Gemeinden. Schmid scheint bei solchen Zahlen und Optimismus vor Neid zu erblassen, auch wenn die Schweizer Zahlen pro Kopf bezogen nicht viel schlechter aussähen. "Zwei Drittel unserer Bevölkerung bewegen sich zuwenig", ärgert sich Schmid, erwähnt jedoch eine Kurskorrektur mit Programmen, die im Alter von fünf Jahren einsetzen. Fetisov zieht Parallelen zwischen diesbezüglichen Problemen beider Länder: "Die Schule gibt nicht mehr genug Acht auf den Sport. Die Kinder spielen mehr Videospiele, werden faul und essen zu viel." Auch Computer würden viel verändern, etwa weniger soziale Kontakte, teils gar Eingriffe in die Persönlichkeit und Religion. Der Schweiz empfiehlt er, wie bei sich "Rossport", eine eigenständige Körperschaft für den Sport einzurichten. Auch Fasel kann ähnliche Erfahrungen anhand der Schulzeit seiner vier Kinder bestätigen: Der Sport werde in den Schweizer Schulen gekürzt und es fehle an Fachpersonal. "Man muss die Kinder im Sport erziehen und auch das Verlieren gelernt sein. In der Schule hat die Disziplin abgenommen, es herrscht mehr Gewalt, es wird in der Schule telefoniert", klagt der IIHF-Präsident. Der Sport würde helfen, Aggressionen abzubauen - schon die Römer hätten gewusst, dass der Sport wichtig für die Gesundheit und das Wohlbefinden sei.

Nach den Schweizer Turnieren wird von Schmid auch der nächste Versuch Russlands, die Olympiade zu bekommen, angesprochen: Sotschi im Winter 2014. Fetisov betont, wie wichtig diese Spiele für die Entwicklung jener Region vom Schwarzen Meer zum Kaukasus sei. Er scheint zuversichtlich und hebt hervor, wie sportfreundlich der Präsident Vladimir Putin sei. Fasel warnt jedoch vor der starken koreanischen Bewerbung. "Für 2010 sind sie nur mit zwei Stimmen an Vancouver gescheitert, das ein wirklich starke Kandidatur war", so Fasel, und neben PyeongChang wäre auch noch die Bewerbung von Salzburg, das vom IOC letztes Jahr die beste Note in der Vorausscheidung erhielt. Gewählt wird am 4. Juli an der IOC-Vollversammlung in Guatemala-Stadt. Zu den Wählern wird auch Fasel gehören. Es wurde in den Medien gemutmasst, dass seine Stimme für Sotschi fallen werde. Der Freiburger mag seine Wahl in der Öffentlichkeit nicht zu bestätigen, jedoch gibt er zu, dass seine Wahl gefallen sei. "Ich habe den drei Kandidaten gesagt, für wen ich meine Stimme geben werde und dass sie mich nicht umwerben müssen", so Fasel. Er scheint nicht zu jenen IOC-Mitgliedern zu gehören, welche von grosszügigen Geschenken der Kandidaturkomitees im Balzen um den Grossanlass profitieren will. Dafür hätte er wohl auch zuwenig Zeit, ist er doch im IOC auch Präsident der Evaluationskommission für Vancouver 2010. Lange diskutieren konnte Fasel in Fetisovs Büro nicht und musste vorzeitig gehen: Um 12 Uhr steht bereits der nächste Termin an und es geht wieder zu Igor und Sergej, welche den Weg freimachen. Der Generalsekretär Horst Lichtner hat ihn bereits vor der Abreise vom Hotel gewarnt, dass er das niemals alles schaffen werde zeitlich. Schon an anderen Anlässen musste er seinen Präsidenten strengen Blicks zum Weitergehen ermutigen, etwa als er nach einer Medienkonferenz Radiojournalisten aus der Romandie zu lange Red und Antwort stand. Das Sprechen seiner Muttersprache im fernen Moskau schien ihn sichtlich zu erfreuen. Lichtner wird aber wohl gewusst haben, wieso er trotzdem keine Wette einging, zumal mit Kukushkin jemand dabei war, der genau auf die Uhr schaut.

Weiter geht die Fahrt. Fasel spricht mit Überraschen, wie klar Finnland die Wahl zum WM-Ausrichter 2012 gegen Schweden gewonnen hat. Die Schweden werden sich wohl mit den Tschechen um 2013 duellieren. Auch Lettland bewirbt sich - jedoch mehr um Druck auf die Behörden zu machen, damit man eine zweite, moderne Eishalle im Land erhält. Noch ist dies aber ferne Zukunftsmusik und es geht in Russland um den Titel 2007. In Moskau ist Fasel kein Unbekannter. "Ich werde hier viel öfters erkannt als in anderen Ländern - sogar mehr als in der Schweiz", so Fasel. Wie das so aussehen kann, beschreibt Kukushkin: "Er geht nie mit Bodyguards raus, verteilt dann Autogramme und lässt sich fotografieren." Auch ansonsten scheint Fasel antastbar und nie in Überheblichkeit zu verfallen. Einig sind sie sich in einem: Die WM 2007 sie die bestorganisierteste aller Zeiten. "Nummer zwei ist St. Petersburg 2000", sagt Kukushkin. Fasel nickt nach anfänglichem Überlegen. Um 12 Uhr steht der Termin in der tschechischen Botschaft von Moskau an - die 15-jährige Partnerschaft mit dem tschechischen Automobilhersteller Skoda wird gefeiert. Pünktlich erscheint er - die Wette mit dem ebenfalls anwesenden Lichtner hätte er gewonnen und war wohl auch Motivationsspritze zugleich. Neben Lichtner begrüsst er auch den russischen Verbandspräsidenten Vladislav Tretjak, wenig später trifft auch seine Frau Fabienne ein. Sie kam für einige Tage beim Ende des Turniers, auch die Kinder schauten zeitweise rein. Seit ihr Mann IIHF-Präsident ist, habe sie noch keine WM verpasst, sagt sie, und schaue jeweils für einen Teil des Turniers rein. Danach geht es zum grossen, prunkvollen Saal, wo man vom festlichen Mittagsbuffet und Ludwig van Beethovens Mondscheinsonate empfangen wird. Der tschechische Botschafter begrüsst Fasel und zeigt sich davon überzeugt, dass Tschechien an der nächsten WM sich für das enttäuschende Abschneiden rehabilitieren werde. Der Globetrotter Fasel, der rund eine Million Flugmeilen jährlich sammle, lobt als einer der Redner, wie er selbst die tschechischen Wägen lieb gewonnen habe und Skoda in den 15 Jahren Fortschritte gemacht habe. Seit damals, als die WM 1992 in Prag und Bratislava vor der Türe der Skoda-Fabriken stattfand. "Damals wusste noch niemand so recht über Skoda Bescheid", trägt Fasel vor, "Skoda kann stolz sein, wie es sich seither entwickelt hat." Dass er von Igor in einem Skoda durch Moskau kutschiert wird, versteht sich von selbst. Die verschiedenen Redner betonen, wie Skoda zum internationalen Eishockey und das Eishockey zu Skoda gehören. Neben den höchsten Personen vom IIHF, Skoda und dem WM-Vermarkter Infront war auch eine Vertreterin der Guinness World Records aus London anwesend. Die 15-jährige Partnerschaft wurde als Rekord beurkundet als längste Partnerschaft eines Hauptsponsoren an einer Weltmeisterschaft in der Sportgeschichte. Der Skoda-Vorsitzende Detlef Wittig erhielt das entsprechende Zertifikat ausgehändigt.

Während es für die meisten ans Buffet geht, muss Fasel bereits wieder weiter und verabschiedet sich bis zum Spiel. Er ist bei Sergej Ivanov zum Lunch eingeladen. Ivanov war in den vergangenen sechs Jahren Verteidigungsminister und ist seit Februar erster stellvertretender Ministerpräsident. Er gilt als ein potenzieller Nachfolger Putins. Man merkt um seine Wichtigkeit: Die Einfahrt zum Ministerium wird minutiös geplant. Es wird vor der Russischen Staatsbibliothek gehalten. Die ehemalige Lenin-Bibliothek ist die weltweit grösste nach jener in Washington. Die Wartezeit verbringt Fasel jedoch nicht mit dem Lesen von Büchern, dafür kontrolliert er die Gästeliste für den Finaltag um den Tross von Monacos Fürst Albert II. Der Wintersportfan wird mit einigen Gästen erwartet, wobei über einen der Namen abgesprochen werden muss. Um 13:30 Uhr geht es dann schliesslich zum streng bewachten Ministerium und Ivanov. Für Fasel gehört dies zu den persönlichen Highlights in Moskau, dass er einflussreiche Männer wie ihn und auch Präsident Putin treffen konnte, dazu mit den sportpolitisch wichtigen Fetisov und Tretjak ständig in Kontakt steht. Auch dass er vom Moskauer Oberbürgermeister Juri Luzhkov nach Hause zum Essen eingeladen wurde, ehrte ihn. Er hatte Fasel den Bau der Khodynka-Arena versprochen, welche nach anfänglichen Verzögerungen innert nur 14 Monate Bauzeit fertig gestellt wurde. Fasel zeigt sich erfreut über die hohe Bedeutung des Sports. "Sportsleute werden hier wie Staatsmänner respektiert", sagt Fasel. Nicht nur er, auch sämtliche Mannschaften werden mit Polizeiautos durch den dichten Strassenverkehr gelotst. In Westeuropa sei dies undenkbar. Einziges Manko scheinen die fehlenden Zuschauer zu sein, wenn nicht Russland oder Lettland mit seinen 5000 mitgereisten Fans spielt. Dabei erscheint der Nebenspielort Mytischtschi jeweils so gut gefüllt. "Sie machen dort alles mit Liebe und wollen zeigen, was sie gegenüber der Stadt können", sagt Fasel. Die Khodynka-Arena wirkt dagegen oft leer. Die verschiedenfarbige Stühle sowie aufgeputschte Zuschauerzahlen lassen sie einzig einigermassen gefüllt wirken. "Es wurden viele Pakete verkauft, jedoch besuchen die Leute nicht alle Spiele", versucht Fasel die Differenzen zwischen den offiziellen und tatsächlichen Zuschauerzahlen zu erklären und ist weniger erfreut darüber, dass deswegen viele Fans auf WM-Spiele verzichten müssen.

Schon bald geht es aber zu einem gut besuchten Spiel: Das erste Halbfinale zwischen Russland und Finnland. Wir erleben auf der Fahrt zum Stadion, wie dabei ranghohe Politiker transportiert werden. Die sechsspurige Strasse Vozdvizhenka wird für den Verkehr vor dem Ministerium von Staatskarossen gesperrt. Auf menschenleerer Strasse geht die Fahrt weiter, alle hundert Meter sichert ein Polizist ab und salutiert. In Rekordzeit geht es zur Khodynka-Arena, wo Fasel vor dem Eingang nochmals auf den nervösen Fetisov trifft, danach geht es rauf zur Logenetage in die Präsidentenloge. "Da habe ich mal meine Ruhe", sagt Fasel, der noch weitere Gäste empfängt. Samuel Schmid und Mitarbeiter der Schweizer Botschaft sind auch eingetroffen. Auch Denis Oswald gehört zu den Gästen. Er wie Fasel eines von fünf Schweizer IOC-Mitglieder. Weiter anwesend sind das IIHF-Management, Familienmitglieder und auch der Präsident des Bewerbungskomitees für Sotschi 2014 schaut herein. Und der Gazprom-Manager Alexander Medvedev. Mit ihm war er wenige Tage zuvor noch auf dem Eis gestanden, als Fasel ein Prominentenspiel zwischen der verstärkten Gazprom-Auswahl und einem Team aus früheren Weltstars leitete. Dabei führte Fasel bereits vorzeitig das Vier-Mann-System ein: Der frühere, russische Weltklasse-Schiedsrichter Nikolai Morozov war zweiter Schiedsrichter. Medvedev äusserte den Wunsch, dass man an der WM 2008 in Kanada wieder so ein Spiel bestreiten könnte. Noch mehr Gäste werden am Finaltag erwartet. Neben Monacos Fürsten etwa auch Jean-Claude Killy, IOC-Mitglied und französische Ski-Legende.

Die Uhr zeigt 16:45 - zumindest bis auf jene Uhr aus Deutschland, welche in der Loge hängt und drei Stunden hintendrein ist. Für Fasel steht in der zweiten Drittelspause der nächste Termin an. Das "Ceska televize" aus Tschechien bittet ihn zum Fernsehinterview. Dimitri, Fasels Begleiter durch die Khodynka-Arena, und der Kommunikationschef Szymon Szemberg führen den IIHF-Präsidenten durch den Sicherheitsdschungel an gesperrten Etagen und Eingänge weit nach oben zum Fernsehstudio. Mit Szemberg wird abgesprochen, welche Themen man den Tschechen bringen könnte neben den Einschätzungen des Spiels und der WM. Das Verhältnis zur NHL wird angesprochen - der tschechische Reporter zeigt sich über die Problematik betrübt, dass die besten Spieler fehlen. Das Jubiläum mit Skoda wird angesprochen wie auch Fasels Spiel als Schiedsrichter. Zum Erstaunen kam der Reporter dafür bei Fasels Aussage, dass die WM 2008 in Kanada einen neuen Besucherrekord bringen werde, wusste dieser doch natürlich, dass der aktuelle Rekord von der WM 2004 in Tschechien stammt.

Weiter geht es zum Schlussdrittel des Spiels. Als der russische Nationaltrainer Vjacheslav Bykov eingeblendet wird, stichelt Fasel gegen einen Gast aus Québec, wie er und die Freiburger damals nach dem Fall des Eisernen Vorhangs dem damaligen NHL-Teams Québec Nordiques Bykov und Andrej Khomutov weggeschnappt haben. Das Spiel ist eines der hochstehendsten und spannendsten der WM - auch wenn nicht viele Tore fallen. Die Verlängerung musste her. Um 65:40 stockt den meisten Personen der Atem. Die Stimmung sank auf den Tiefpunkt als Mikko Koivu für Finnland das Siegestor erzielt. Das Unfassbare geschah: Nach Sturmläufen und Bombardements auf das finnische Tor, die an allem Denkbaren scheiterten, verpassen die Russen das Finale. Das Traumfinale Russland-Kanada findet nicht statt. Für Fasel geht jedoch die Arbeit weiter: Eine Vertragsunterzeichnung steht an für den letzten Austragung European Champions Cup in St. Petersburg im Januar 2008. Ab 2008/09 soll schliesslich die einstige Euroliga als "Champions Hockey League" sein grosses und finanzkräftiges Comeback feiern.

Um 18:10 Uhr steht die nächste Sitzung mit den Organisatoren und Mitarbeitern an. Fasel tröstet sie nach dem Ausscheiden ihrer Mannschaft und überreicht verbal die Goldmedaille für die Organisation neben dem Eis. Jeder bekommt vom IIHF ein Geschenkpaket. Handshakes hier, Küsschen da. Nach zwanzig Minute geht es zurück. Auf dem Weg sind die Garderoben, wo Fasel noch die Schweden und Kanadier begrüsst vor ihrem Spiel. Danach wird ein Auto organisiert für seine Frau, welche im berühmten Café Pushkin zu Gast ist. Um 18:55 Uhr steht die Pressekonferenz der internationalen Journalistenorganisation AIPS an, welche jährlich drei Preise an Journalisten aus dem Eishockey vergibt. Der Slowake Jozef Jarkovsky sowie die Russen Vladimir Bezzubov und Andrej Petrov werden ausgezeichnet. Den Preis des letzteren holt sein Chef ab - Petrov schmerzte die russische Niederlage zu sehr und reiste vorzeitig ab. Um 19 Uhr wird Fasel vom russischen Fernsehen über das Ausscheiden interviewt, danach werden die Fernsehwünsche vom Finaltag besprochen. Zehn Minuten später kommt Fasel zwei Etagen weiter oben in der russischen Lounge an, wo er auf Fetisov und Medvedev trifft. Die Loge unterscheidet sich nicht allzu sehr von seiner eigenen, ausser dass reichlich Vodka-Gläser für die enttäuschten Russen eingeschenkt warten. Von der Mannschaft trifft auch der Assistentstrainer Sergej Nemchinov ein. Die Russen hoffen nun, dass Kanada verliert und ihr Gegner um die Bronze-Medaille wird. Nach dem 3:0 der Kanadier im Startdrittel schwinden diese Hoffnungen aber dahin.

Zum zweiten Drittel geht es für Fasel wieder in die eigene Lounge sowie in jener des Vermarkters Infront, wo er auf Sponsoren trifft. Das Spiel verlor an Interesse und am kanadischen Sieg änderte sich nichts. Danach ging es wieder runter zum Parterre, wo um 21:45 Uhr die Direktionssitzung angesagt war. Während die meisten, modernen (amerikanischen) Aufzüge vor allem durch Ausfälle auf sich aufmerksam machen, so steht nach dem Eingang für die IIHF-Leute und VIPs eine bessere Version, welche auch gleich einen kurzen Alarm auslöst, als sie das zu schwere Gewicht mass. Zwei Personen müssen raus und runter ging es - wie immer zum Sitzungsraum führt der Weg an die Garderoben vorbei. Fasel gratuliert zum Finaleinzug und Kanadas Masseur, der Schweizer Andy Hüppi (Rapperswil), freut sich, einmal mehr eine Medaille von Fasel überreicht zu erhalten. Aus allen Ressorts kommt ein kurzer Rapport. Probleme gab es eigentlich keine, ausser dass etwas mit der finnischen Nationalhymne nicht in Ordnung gewesen sei: Sie sei verkürzt abgespielt worden - ja die Finnen vermuteten gar die ähnlich tönende estnische Hymne dahinter. Klar, dass man für das Finale mit der Korrektur beauftragt wurde, immerhin wird dann die finnische Staatspräsidentin Tarja Halonen im Stadion mitfiebern, da darf man sich keinen Hymnenskandal leisten. Ansonsten war alles in Ordnung, speziell die medizinische Betreuung während des Turniers wird gelobt und diesmal waren sämtliche Dopingkontrollen negativ. Die Heimrechte für die letzten beiden Spiele werden festgelegt und die Trikotfarben durch die Verbandsvertreter gewählt. Um 22:15 Uhr ist Fasels Tag in der Khodynka-Arena abgelaufen, draussen warten Igor und Sergej für die Fahrt zum Hotel. Fasel wird ausschlafen, steht doch ein anstrengender Finaltag bevor mit hohen Gästen und die nächste Eisbegehung - diesmal jedoch nicht mehr als Schiedsrichter, sondern wieder in seiner üblichen Form als IIHF-Präsident, der die Medaillen überreicht.