Lettland wurde auf Distanz gehalten

   
   Gegen Schweden zu Zuschauern degradiert

   
   Die Schweiz sei von den Top-7 physisch weit entfernt, sagt Krueger

   
   Einer der Entdeckungen: Julien Sprunger

   
   Auch Jonas Hillers Leistungen halfen nicht ins Halbfinale


Fortschritt oder Stagnation?

Von Martin Merk, Fotos von Thomas Oswald

Die Schweiz konnte sich in Moskau gegenüber dem Vorjahr um einen Rang verbessern auf Rang acht - jenen Platz, den man in der Weltrangliste inne hat und für die Olympia-Qualifikation reicht.

"Wir haben zwei unterschiedliche Turniere bestritten", fasst der Nationaltrainer Ralph Krueger die WM zusammen. Gegen schwächer klassierte Gegner gewann man alle drei Spiele mit einem Torverhältnis von 8:3. Gegen die stärkeren Gegner, welche sich letztendlich auch alle fürs Halbfinale qualifizierten, unterlag man in sämtlichen Spielen und kam auf ein Torverhältnis von 4:19. Auch wenn man in der Mannschaft und im Trainerstab von Fortschritten spricht, so sind die Annäherungen an die Top-7-Nationen auf dem Papier nicht sichtbar. "Momentan sind wir im Niemandsland zwischen den Top-7-Nationen und unseren Verfolgern. Wir sind physisch noch nicht auf dem Level der Top-7-Nationen, die Spieler müssten im Sommer noch mehr dran gehen", sagte Krueger über die aktuelle Position der Schweizer.

Olympia-Qualifikation quasi gesichert

Nach der WM 2008 werden die neun Fixplätze für die Olympischen Spiele 2010 in Vancouver vergeben. In der Vor-WM-Rangliste 2008 stehen die Schweizer auf Rang acht, nur 75 Punkte hinter der Slowakei, 115 Punkte vor dem Neunten Weissrussland und 180 Punkte vor dem Zehnten Lettland. Oder anders ausgedrückt: Lettland müsste rund sieben Ränge, Weissrussland fünf Range besser sein an der WM 2008 in Kanada, um den Schweizer Fixplatz noch zu gefährden. "Wir haben das Hauptziel erreicht, auch wenn es nicht immer schön zum Zuschauen war", befindet der Captain Mark Streit, "in Hinblick auf die Olympiade 2010 haben wir einen Riesenschritt gemacht. Man muss auch sehen, was hinter uns ist. Wir müssen Kontinuität in die Mannschaft bringen und es liegt schon noch Arbeit vor uns." Auf den achten Rang ausruhen will sich aber eigentlich niemand. Weder er, noch seine Mitspieler, Trainer oder Verband. "Es ist schon mein Ziel, einmal mit der Nationalmannschaft vorwärts zu kommen, einmal eine Medaille zu gewinnen, dafür komme ich schliesslich. Ein grosses Ziel ist auch die Olympiade 2010, wofür wir uns unbedingt direkt qualifizieren sollten", so Streit weiter.

Nur noch eine WM bis zum Heimturnier

Euphorie wollte man entfachen und hat während dieser WM bereits seine Partner auf das Heim-Turnier 2009 eingestimmt. Der OK-Präsident Gian Gilli, der am Mittwoch in Moskau eingetroffen war, muss die unreife Leistung im Viertelfinale gegen Kanada mit Wehmut mitangesehen haben, hängt doch der Erfolg der WM nicht zuletzt von den sportlichen Leistungen der Schweizer ab. Bis auf Finnland war man gegen die grossen Nationen, gegen die man auf einen Coup hofft, defensiv nicht auf der Höhe, gegen keine in offensiver Hinsicht. Gegen Kanada konnte man anfangs gut mithalten, war laut kanadischen Beobachtern gar einer der hartnäckigsten Gegner bislang am Turnier, mit Disziplinslosigkeiten brachte man sich jedoch selbst um diese Ausgangslage. Man konnte den Anschein nicht loswerden, dass man spielerisch dem neunten Rang näher ist als dem siebten. Weil man seit 1998 vergeblich darauf hofft, einmal wieder unter die besten Vier zu kommen, wird in der Öffentlichkeit wieder über den Nationaltrainer diskutiert. Dies ist man sich beim Verband offenbar bestens bewusst, weshalb das Thema auch explizit angesprochen wurde. Renato Eugster, der sportliche Verantwortliche im SEHV-Vorstand: "Wir wollen Richtung 2009 und 2010 den Weg der Kontinuität weitergehen. Die Philosophie, dass die Mannschaft an erster Stelle kommt und danach einzelne Spieler, an der haben wir gar nichts auszusetzen und stehen hinter Ralph Krueger. Seine hervorragende Arbeit wird bei uns nicht in Frage gestellt. Die Realität ist die, dass wir zwischen den Rängen acht und zwölf sind und diese direkten Gegner geschlagen haben. Diese Realität gilt auch in der nahen Zukunft."

Lob von Andy Murray

Rückendeckung bekommt die Schweizer Nationalmannschaft vom kanadischen Nationaltrainer Andy Murray, der bestens mit dem internationalen Eishockey und der NHL vertraut ist: "Die Schweiz hat in den letzten Jahren so viele Fortschritte gemacht wie kaum eine andere Eishockey-Nation, was sicher für die Arbeit im Verband spricht." Krueger nahm das Lob mit Genugtuung zur Kenntnis und hatte auch nach der 1:5-Niederlage im Viertelfinale seine stets positive Grundhaltung nicht verloren: "Die Mannschaft hat Spass gemacht und sich die ganze Saison aufgeopfert. Wir haben Fortschritte gemacht. Bei den Mannschaften, die wir nun hinter uns gelassen haben, waren wir früher mitten drin."

Rekordverdächtiger Tormangel

Doch damit alleine scheint man viele Fans nicht glücklich zu stellen. Insbesondere, weil man weder schön noch übermässig erfolgreich gespielt hat. "Es war sicher nicht immer schön anzuschauen", sagt auch der Captain Streit. Nur zwölf Mal in sieben Spielen sah man am gesamten Turnier Schweizer Torjubel. Weit muss man zurückblättern, um eine schlechtere Zahl zu finden: 1933 an der WM in Prag traf man in sechs Spielen nur zehn Mal - holte jedoch den fünften Rang. 74 Jahre später scheint die Devise nicht anders zu lauten. "Nur mit einer guten Defensivleistung können wir an solchen Turnieren bestehen", sagt Krueger. Dass es in der Offensive nicht für mehr reichte, überraschte jedoch nicht. Mit Spielern wie Patrick Fischer, Martin Plüss, Thomas Ziegler, Reto von Arx und Michel Riesen fehlen Stürmer der nationalen Spitzenklasse, welche einsetzbar gewesen wären, teilweise aber keine Lust verspürten. Dazu waren Patrik Bärtschi, Flavien Conne und Kevin Romy verletzt. Defensiv-Stürmer spielen unter Krueger eine grosse Rolle. "Wir bieten Stürmer auf, die man nicht so einfach anhand Statistiken beurteilen kann", so Kruegers Antwort auf den Tormangel. Das Spiel ohne Puck, die Störarbeit an vorderster Front ist dem Deutsch-Kanadier wichtig.

Kann nur die NHL helfen?

Ein Allzweckrezept, wie die Schweiz den langersehnten Sprung nach vorne schaffen kann wie dies einige Juniorenjahrgänge teilweise vormachen, hat Krueger nicht. Er sieht die einzige Entwicklungsmöglichkeit für die Schweiz durch die NHL: "Wir müssen mehr an unseren technischen Mängeln arbeiten, dafür brauchen wir mehr Spieler in der NHL, nur dort sind Verbesserungen möglich. Ich hoffe, dass Mark Streit mit seiner Saison die Türe und Motivation für andere Spieler geöffnet hat." Die NLA und die Juniorennationalmannschaften sind für die jungen Spieler gut, ab einem gewissen Reifegrad sollten Schweizer jedoch den Weg nach Übersee suchen. "Auch Streit ist im Alter von 27 Jahren rüber", will Krueger andere Schweizer motivieren. Nicht vergessen werden dürfte jedoch hierbei, dass mit Russland und Schweden zwei der besten Mannschaften praktisch ohne NHL-Spieler an diesem Turnier erfolgreich sind. Trotzdem gibt es für die Zukunft auch Positives abzugewinnen. Während Routiniers wie Mark Streit, Sandy Jeannin oder Paul Di Pietro momentan kaum wegzudenken sind, gab es auch Neuentdeckungen. Jonas Hiller hat an seiner ersten WM als Stammtorhüter ein gutes Turnier gezeigt, von den Neulingen hat vor allem Julien Sprunger überzeugt. Ob er einer er NHL-Kandidaten wird?