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Ukraine: Ein Auslaufmodell?

Von Martin Merk, Fotos von Melanie Beyli

Mit der Ukraine erhält die Schweiz einen eher ungewohnten Gegner. Einen Gegner, über den weniger bekannt ist. Ein Gegner, der auf internationalem Parkett zunehmend Mühe bekundet, seit Klassespieler aus den Sowjetzeiten die Bühne verliessen und kaum gute Nachwuchskräfte nachkommen. Zu den Zurückgetretenen gehört auch der Nationalliga-Routinier Waleri Schirjajew, welcher seit zwei Jahren Assistentstrainer und für die morgige Partie Chefspion ist.

Schirjajew ist Assistent von Alexander Seukand, DIE Figur im ukrainischen Eishockey. Er ist seit Jahren nicht nur Nationaltrainer, sondern auch Headcoach des einzigen Profiteams des Landes, von Sokol Kiew. Sokol ist kein unbekannter Name: Er war einst Spitzenclub in der sowjetischen Liga und brachte die berühmtesten Namen an ukrainischen Topspielern heraus. Doch während sich etwa Lettland und Weissrussland nach der Loslösung von Moskau eine neue Identität aufbauen konnten, tun sich die Ukrainer damit schwer. Als die ukrainische Nationalmannschaft letztes Jahr durch den einzigen Sieg am Turnier gegen Dänemark die Zwischenrunde schaffte, zeigte sich Seukand erleichtert mit den Worten, dass ein Abstieg das Ende des ukrainischen Eishockeys bedeutet hätte. Etwas überspitzt formuliert hat Seukand damit nicht unrecht: Die Nationalmannschaft ist noch das einzige, was an erstklassigem Eishockey erinnert. Sokol Kiew lockt kaum mehr Fans an und spielt in der offenen weissrussischen Liga, der stärksten Liga im Gürtel zwischen der Slowakei und Russland, mit. Statt Dynamo und ZSKA Moskau heissen gehören nun Namen wie Keramin Minsk oder Khimvolokno Mogilev zur Tabellennachbarschaft. Statt einst rund 8000 Zuschauer im grossen Sportpalast spielt man vor dreistelligen Zuschauerzahlen im 700 Fans fassenden Sokol-Eispalast. Auch die Nationalmannschaft bestritt ihre Testspiele dort. Für eine WM wird sich die ukrainische Hauptstadt wohl nie aufdrängen können. Sokol holte zuletzt vier Meistertitel in Serie. Für das Finale der Landesmeisterschaft ist man als einziges Profiteam automatisch qualifiziert. Der einzige ernsthafte Gegner der letzten zehn Jahre, Berkut Kiew, ging Konkurs und zog sich aus der multinationalen Liga mit Weissrussland und Lettland zurück.

Wie bei den Erwachsenen fristet der einst fleissige Spielerproduzent für die Sbornaja auch bei den Junioren ein tristes Dasein. Für einen richtigen Spielbetrieb im Nachwuchs fehlt es an Geld und Teams. Deshalb nahmen die U16- und die U15-Mannschaft von Sokol Kiew in der sechs Mannschaften umfassenden höchsten Liga der Ukraine teil und belegten die letzten Ränge. Die U16-Mannschaft brachte es in 20 Spielen auf 9 Punkte und einem Torverhältnis von 25:125, die jüngere Mannschaft auf 3 Punkte und 12:273 Tore. Bereits in jungem Alter wird den Hockeyspielern in der Ukraine das Verlieren beigebracht. Neben dem Fussball hat es kaum Platz für andere Mannschaftssportarten in einem professionellen Rahmen. Seit 2002 hat es die Ukraine deshalb auch nie mehr in die Top-10 der Eishockey-Welt geschafft und macht mehr mit Doping-Sündern als starken Leistungen international von sich reden. Die Juniorennationalmannschaften stehen mittlerweile der Drittklassigkeit näher als der Erstklassigkeit. Die U20-Nati gegen Japan sowie die U18-Nati gegen Südkorea entgingen nur knapp dem Abstieg in den Bereich, wo man gegen Nationen wie Spanien, Mexiko oder Neuseeland um die goldene Ananas des internationalen Nachwuchseishockeys kämpft. Wenn die letzten Überbleibsel der sowjetischen Hockeyausbildung vom ukrainischen Eis verschwunden sind, kann auch bei den Männern das Schicksal drohen.

Noch aber trifft die Schweiz auf einen Gegner, welche sehr wohl rund zwei Blöcke an erstklassigen Spielern als harte Gegenwehr stellen kann und ebenfalls einen eingespielten Kern an Spielern aufweist. Sechs Spieler aus dem Aufgebot bestritten die Saison in der russischen Superliga. Der Rest in der russischen Zweitklassigkeit sowie in der weissrussischen Liga für Sokol Kiew oder weissrussischen Teams. Die Spieler sind, ob mit oder ohne anabole Hilfsmittel, physisch stark. Andrej Michnow von Lada Togliatti ist mit 2 Metern der zweitgrösste WM-Spieler. Die Ukrainer setzen daher auch nicht auf Schönspielerei, sondern auf eine solide Abwehr. Im Gegensatz zu den offensiven Italienern sind sie damit ein typischeres Team aus dem hinteren Bereich der 16 WM-Teams.

Viel weiss man nicht über die Ukrainer. Erst drei Länderspiele gab es zwischen den Nationen. Zweimal siegte die Schweiz, beim wichtigsten Spiel blamierte sie sich: In Salt Lake City unterlag man am Olympischen Vorturnier 2:5, was das vorzeitige Verpassen des Hauptturniers und rauschende Nächte bei gewissen Spielern einleitete. Noch neun Spieler der damaligen ukrainischen und acht Spieler auf Schweizer Seite von damals sind an der diesjährigen WM angemeldet. Es gilt aus Schweizer Sicht eine Rechnung zu begleichen. Das bislang einzige Spiel seither gewann man als Testspiel vor einem Jahr 4:0.

Gestern bei der 2:4-Niederlage der Ukrainer sahen Ralph Krueger und sein Trainerstab von der Tribüne aus, was ihnen erwartet. Sie waren für Schweden ein harter Gegner und mussten erst im Schlussdrittel die Niederlage eingestehen. Auch einige Videos der WM-Vorbereitung sah man sich an. Weil es an Renommée und Geld fehlt, mussten die Osteuropäer gegen die Reservemannschaften der russischen Clubs Dynamo Moskau und Lada Togliatti antreten. Gegen die Slowakei unterlag man danach in der Vorbereitung 2:4, gegen die als stärker eingestuften Nachbarn aus Weissrussland holte man trotz statistischer Unterlegenheit drei Punkte in zwei Spielen - etwas, was man sich auch gegen die Schweiz erhofft. Was sicher ist: Über die Schweiz wird man informiert sein. Dafür garantiert der Assistentstrainer Waleri Schirjajew, der seit 15 Jahren als Eishockey-Profi in der Schweiz lebt und mittlerweile auch die Staatsbürgerschaft erhielt.


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