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Eine sympathische WM ist zu Ende

Von Martin Merk, Fotos von Thomas Oswald

Mit "Paldies Latvija", danke Lettland, schloss der IIHF-Präsident René Fasel in der Sonntagnacht die Eishockey-WM 2006 in der lettischen Hauptstadt ab. Der Dank galt an den Gastgeber, das Gastgeberland und die guten Fans. Wie Fasel werden auch viele anderen die WM im jungen Land als sympathisch in Erinnerung behalten. Der Ton macht die Musik und Freude, Begeisterung, Aufopferungsbereitschaft und Atmosphäre in einer vielen Leuten eher weniger bekannten Region machte die WM speziell.

Auch 324'794 Zuschauer dürfen als Erfolg bezeichnet werden, bedenkt man doch, dass die Preise nicht wesentlich tiefer als an anderen Weltmeisterschaften waren, Lettland jedoch das ärmste EU-Land ist. Für die einmalige Gelegenheit von WM-Spielen mit der eigenen Mannschaft oder das Finale hat mancher Lette ein bis zwei Wochenlöhne bezahlt.

Organisationsprobleme durch Schattenwirtschaft

Zugegeben: Als bestorganisierteste WM wird Riga 2006 wohl nicht in die Geschichte eingehen. Denkt man etwa an das Ticketchaos. Im August 2005 waren die lettischen Spiele nach offiziellen Angaben innert Stunden ausverkauft. In der Tat gingen, wie sich später herausstellte, nur ein Teil der Tickets über den offiziellen Verkauf. Ein anderer Teil landete in schwarze Kanäle und wurde danach überteuert angeboten, so dass am Schluss nur zwei Spiele wirklich ausverkauft waren. Schwarzmarkthändler mussten viele Tickets schlussendlich unter dem eigentlichen Wert loswerden oder abschreiben. In der Skonto Halle kaufte der lettische Staat Tickets und gab sie vergünstigt an Schüler und Studenten ab. Auch ab den Viertelfinals blieben viele Plätze leer, weil man sich die Ticketpreise nicht leisten konnte. Während die Letten zahlreich in der Arena Riga auftauchte, blieben die in Riga ähnlich stark vertretenen russisch-stämmigen Einwohner den Spielern bis auf das Viertelfinal-Out gegen Tschechien grösstenteils fern aufgrund der teuren Eintritte. Auch aus dem Ausland kamen bis auf etwa 3000 Finnen und 1000 Schweizer nur kleinere Fangruppen. Denn auch die Hotels hatten sich verspekuliert und blieben auf einige leere, überteuerte Hotelbetten sitzen.

Auch im sportlichen Bereich wirkte "Vitamin B" einem grösseren Erfolg der Letten entgegen. Der bei Spielern und Fans ungeliebte Leonids Beresnevs, der nach dem Olympiadebakel vom Headcoach zum Assistenten rückversetzt wurde, ist ein guter Freund des Verbandspräsidenten Kirovs Lipmans. Letzterer gab dem öffentlichen Druck erst nach, als ein Teil der lettischen Mannschaft wenige Tage vor WM-Beginn mit Boykott drohte und entliess Beresnevs "auf Wunsch des Headcoachs", wie es offiziell hiess. Ein Ausmisten im Verband und Arbeiten nach effizienten Gesichtspunkten täte hier Not.

Probleme in Kauf genommen

Derartige Zustände hatte man beim IIHF aber bereits bei der Vergabe 2001 in Kauf genommen, denn die Organisatoren hatten keine Erfahrung mit einem Anlass dieser Grösse. Man erlaubte es so auch, die Skonto Halle - der wohl schlechteste Zweitaustragungsort der letzten zehn Jahre - für die WM zu nutzen und mit der Drohung, Schweden als Ersatzkandidaten im Rücken zu haben, wurde die Arena Riga rechtzeitig fertig. Die unsicher wirkende Skonto Halle erhielt erst am Tag vor WM-Beginn, und wohl mit politischem Druck, die Nutzungsgenehmigung der Polizei und Feuerwehr. Schlussendlich klappte aber alles und es entspricht auch eher der lettischen Mentalität, dass es genügt, wenn etwas klappt, auch wenn es dies nicht perfekt tut.

Umstrittener Zweitspielort

Ohnehin ist es aber umstritten, dass die Zweithalle unbedingt eine Grossarena sein muss. "Für wenige tausend Zuschauer reicht eine solche Grösse", befindet der SEHV-Direktor Peter Zahner. Deshalb hofft man beim IIHF für die WM 2009 auch auf Gnade, falls die Schweizer WM statt in Bern und Zürich wie kandidiert in Bern und einer kleineren Halle stattfinden soll. Bei der Basler Kandidatur erwägt der SEHV im Falle einer Annahme gar, die kleinere St. Jakob-Arena (6600 Zuschauer) statt die renovierte Mehrzweckhalle St. Jakobshalle (8000 Zuschauer) zu nutzen, welche 1998 zu den wenigen WM-Stadthallen ohne Eisprobleme gehörte, wenn man an Wien oder die Skonto Halle denkt. Auch die anderen Kandidaten weisen eine Kapazität um 7000 bis 8000 Zuschauer auf.

Eishockeysupport abseits des Mainstreams

Gerade für ärmere Länder wie Lettland, welche rein von der Infrastruktur her nicht mit anderen Bewerbungen wie Deutschland, Schweden oder Kanada mithalten können, daher auf Sympathie und Hilfe angewiesen sind, ist es wichtig, dass man solche Kompromisse eingeht und das Eishockey auch an solchen "Nebenschauplätzen" fördert. Unzufrieden äusserten sich die IIHF-Vertreter in Riga daher nur hinter vorgehaltener Hand, offiziell wurden die Organisatoren gelobt. Doch auch die Landesverbände im IIHF gaben den Segen für solche "Entwicklungshilfen". 2011 wurde mit der Slowakei ein weiterer Verband für die WM ausgewählt, der noch nie eine WM organisierte, die politischen und baulichen Hürden für eine neue Halle, welche wenige Gehminuten vom Zentrum Bratislavas geplant ist, nehmen. Für die kommenden Kandidaturen machen sich mit Ungarn, Weissrussland und Dänemark weitere kleinere Eishockey-Nationen Hoffnungen. Auch sie könnten inhaltlich kaum mit Bewerbern wie Schweden mithalten, mit viel Einsatz, Leidenschaft, Sympathie und nötiger Begeisterung aber eine WM organisieren, welche wie jene in Lettland insgesamt positiv in Erinnerung bleibt.

Die "Big-3" kristallisieren sich heraus

Wenig geändert hat sich an der WM sportlich. Die WM zeigte auf, dass Länder mit schmalerem Kader wie die Schweiz oder die Slowakei bei zu vielen Abwesenheiten Mühe bekunden, ihren sonst üblichen Ambitionen gerecht zu werden. Etwas, was etwa dem Vizeweltmeister Tschechien mit zwölf WM-Neulingen besser gelang. Aber auch, dass Weissrussland mit einer gestärkten heimischen Liga und ausländischen Gastteams, guten Resultaten in Nachwuchs und kanadischen Trainern einen Schritt nach vorne gemacht hat und in den kommenden Jahren der Schweiz den achten Rang streitig machen könnte. Innerhalb der viel zitierten "Top-7" haben die vergangenen Weltmeisterschaften und Olympischen Spiele eine "Big-3" ergeben. Bis auf Schweden, Tschechien und Kanada scheinen derzeit keine anderen Nationen für Gold in Frage zu kommen.


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Sorgten für eine gute Atmosphäre:
Die lettischen Fans


Sorgten für Gold: Schweden