Ein Kapitel Schweizer Eishockeygeschichte ist zu Ende gegangen: Die letzte Partie in der Hertihalle in Zug ist gespielt. Ein Abschied mit ein wenig Wehmut und ein Ausblick mit viel Hoffnung.
Die Hertihalle in Zug ist ein Mittelding aus einer Abstellhalle für Baumaschinen und einem NHL-Stadion. Mit dem Charme eines Provisoriums. Sie wurde am 4. September 1976 mit einem Vorbereitungsspiel gegen den damaligen CSSR-Spitzenklub Sparta Prag vor 4817 Fans und einer 3:7-Niederlage des EV Zug eröffnet. Am 5. April 2010 ist der EV Zug beim letzten Auftritt in dieser Arena vor 5524 Zuschauern ähnlich chancenlos und scheidet mit einem 2:7 gegen Servette aus den Playoffs aus.
Die Hertihalle ist die vielleicht typischste Schweizer Arena der letzten 25 Jahre: Kalt, wenig Komfort, vieles improvisiert und an guten Abenden eine tolle Stimmung. Allerdings ohne den Kultstatus des Hockeytempels in Bern, der Valascia in Ambri oder des hölzigen Ilfisstadions in Langnau und deshalb kein Eishockey-Weltkulturerbe.
Es ist am späten Ostermontagnachmittag ein Abschied mit nur wenig Wehmut. Die Vorfreude auf die neue Arena gleich nebenan ist bei weitem grösser als das Bedauern über den Abbruch der alten. Das Zuger Publikum zeigt weniger Emotionen als die Zuschauer in Ambri oder Langnau oder Fribourg oder Bern. Aber das Zuger Publikum hat Stil. Obwohl die Partie schon nach zehn Minuten (0:3) entschieden ist, geht niemand vorzeitig nach Hause. Zum Schluss gibt es eine "Standing Ovation" für die Mannschaft. Eine "Standing Ovation" ist der Ausdruck der Billigung oder des Gefallens einer Darbietung.
Für den neutralen Reporter, der diesem Abschied beiwohnt, kommt doch noch Wehmut auf. Wir haben in diesem Stadion unvergessliche Augenblicke erlebt. Den einzigen Titel haben die Zuger zwar nicht hier vor eigenem Publikum geholt. Sondern im Frühjahr 1998 in Davos. So ist das beste Spiel aller Zeiten keines aus der Meistersaison. Sondern eines aus dem Frühjahr 1987. Die Zuger sichern sich unter Kulttrainer Andy Murray mit einem 6:2 gegen den ZSC den Wiederaufstieg in die NLA. So wie die Zuger, angeführt von Leitwolf John Fritsche, ist nur selten eine Mannschaft über ihren Gegner hinweggebraust. Die ZSC-Fans drehten durch. Da wurden Schläuche ausgerollt und die Zürcher mit kaltem Wasser abgespritzt - diese Partie ist und bleibt eine der stimmungsvollsten und emotionalsten, die es in der Neuzeit auf Schweizer Eisbahnen gegeben hat. Ein Freund aus Kanada, Saisonkartenbesitzer in der NHL, begleitet mich zu diesem Spiel. Er will eigentlich erst gar nicht kommen: Zweite Liga in der Schweiz! Geits no? Inzwischen sind 23 Jahre vergangen. Er spricht noch immer von diesem Spiel.
Was dürfen wir nun in der neuen Arena erwarten? Eine Wiederholung dieses Wasserspektakels wird es in der neuen Arena wahrscheinlich nicht geben. Nicht weil die Zuger wirklich ruhiger geworden sind. Sondern weil die dazu notwendigen Wasseranschlüsse fehlen.
Der EV Zug ist und bleibt ein nordamerikanisch geprägtes Hockeyunternehmen. Durch alle Zeiten haben die Zuger den Anstand bewahrt. Aber sie verstehen es, das Publikum (und die Medien) vortrefflich zu unterhalten. Kein Jahr ohne Polemik. Charismatische Präsidenten und Trainer, trinkfeste ausländische Schillerfalter, grosse, eigenwillige Spielerpersönlichkeiten: Die erfolgreiche Mischung der Vergangenheit wird auch die erfolgreiche Mischung der Zukunft sein. Der EVZ garantiert Eishockey mit hohem Erlebniswert. Der EVZ wird gottseidank immer ein wenig zu wild und zu emotional sein, um konstant erfolgreich und damit am Ende gar langweilig zu werden. Die Leidenschaft wird auch in der neuen Arena nicht erlöschen.
Vor einem Jahr blieben die Zuger im Halbfinale mit leeren Tanks stehen: Vier Niederlagen, null Siege gegen die Kloten Flyers. Jetzt haben sie gegen Servette im Halbfinale schon zwei Spiele gewonnen.
Die logische Fortsetzung im Frühjahr 2011 in der ersten Saison in der neuen Arena: Vier Siege in den Halbfinals. Erstmals seit 1998 wieder im Finale.
Das Scheitern gegen Servette war (noch) nicht zu vermeiden. Die Zuger haben (noch) nicht die Tiefe im Kader, um Meister zu werden. Sie mussten ihre besten Spieler (vor allem Josh Holden) bereits während der Qualifikation zu stark forcieren um einen Spitzenplatz zu erreichen.
Aber es ist viel einfacher, ein Team in der Breite zu ergänzen als mit Spitzenspielern auf Meisterstärke aufzurüsten. Die Zuger brauchen keine Superstars einzukaufen. Sie müssen nur die dritte und vierte Linie verstärken. Dann können sie um den Titel spielen.
06.04.2010
Ihr wisst ja, für wen Klaus Zaugg schreibt.
Ich finde diesen Bericht ausgezeichnet. Meiner Ansicht nach trifft Zaugg den Nagel auf den Kopf. Man darf sich also getrost auf die neue Saison freuen.