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Hintergrund
Die Adler Mannheim


Adler Mannheim: Der Star ist der Trainer

In der vergangenen Saison ist Trainer Bill Stewart mit den Adlern Mannheim auf Anhieb Deutscher Meister geworden - und dieses Kunststück will er in der laufenden Spielzeit natürlich wiederholen. Um Erfolge zu erreichen, geht der Kanadier aber oftmals ungewöhnliche Wege, die in den Medien und bei den Fans für Aufsehen sorgen.

Dass Bill Stewart kein Trainer ist wie alle anderen, das wussten die Adler bereits, bevor sie ihn verpflichtet hatten. Dennoch haben die Verantwortlichen - auch als es zu Beginn der Meistersaison noch schlecht lief - nie an Bill Stewart gezweifelt. Die tägliche Arbeit mit der Mannschaft, das System, der Wille und die Leiden schaft, die er an den Tag legte, mussten früher oder später von Erfolg gekrönt werden. Spätestens als die Adler-Cracks Anfang Dezember letzten Jahres das System und die Anweisungen des Coaches umzusetzen wussten, verstummten auch die letzten Kritiker. Doch nicht nur wegen des sportlichen Erfolgs ist Bill Stewart kurz davor, in der Deutschen Eishockey-Liga (DEL) zu einer Kultfigur zu werden. Die Liste mit Episoden, bei denen der Mannheim-Trainer die Hauptrolle spielte, verlängert sich fast täglich.

Den gegnerischen Trainer verprügelt

So zum Beispiel auch diese Saison nach der 0:5-Niederlage gegen die Nürnberg Ice Tigers vor eigenem Publikum. Stewart schloss seine Mannschaft unmittelbar nach dem Spiel über eine Stunde lang in der Kabine ein und nahm sie ins Gebet. Eine Woche später entschuldigte sich der Adler-Coach in einer Pressekonferenz für den Auftritt seines Teams und verglich es mit dem einer Damen-Softball-Mannschaft.

Eine andere Geschichte hat in den Playoffs der letzten Saison für Aufsehen gesorgt, als sich Bill Stewart sprichwörtlich mit faustdicken Argumenten Gehör verschaffte. In der Playoff-Serie gegen die Berlin Capitals vermöbelte er nämlich eigenhändig den gegnerischen Coach Pavel Gross. Diese Tat trug ihm nicht nur 15 000 Mark Busse ein, sondern auch zwei Spielsperren. Ausserdem reichte Gross eine zivilrechtliche Klage ein. Dass Stewart mit dieser Vorgeschichte für die nächste Partie in Berlin Polizeischutz benötigte, versteht sich von selbst. Berlins Teammanager reagierte übrigens auf seine Art auf Stewarts Ausraster: Er trug bei der nächsten Partie demonstrativ einen Anzug mit Blutflecken und forderte - allerdings erfolglos - ein sofortiges Berufsverbot für Stewart.

Fachlich unumstritten

Der Mannheimer Trainer ist jedoch nicht nur eine impulsive Persönlichkeit, sondern auch ein Meister in der psychologischen Kriegsführung: Unvergessen ist sein vorgetäuschter Kreislauf-Kollaps in der Final-Serie gegen die München Barons. Mit diesem «Künststück» ermöglichte er seinem damaligen Goalgetter, dem heutigen ZSC-Stürmer Jan Alston, dessen stumpfe Kufen neu schleifen zu lassen.

Bill Stewart ist als Trainer eine interessante Persönlichkeit, unter dessen Führung sich die Spieler entfalten können und der es versteht, ein Team von Individualisten zu einer Einheit zusammenzuschweissen. Dabei war er vor seiner Ankunft in Deutschland und Europa ein unbeschriebenes Blatt. Sein Palmares umfasste nicht vielmehr als den Titel des AHL-Trainers des Jahres, welcher ihm 1998 für sein Wirken bei St. John Flames verliehen worden war. Als Spieler stand Stewart in 274 NHL-Begegnungen mit Buffalo, St. Louis, Toronto und Minnesota auf dem Eis - doch schon damals war er einer, der kräftig austeilte, aber auch einstecken konnte. Diese Eigenschaft behielt er als Trainer bei. Dennoch gilt Stewart als sehr seriöser Trainer, der seine Mannschaft hervorragend auf den Gegner einzustellen versteht. Seine Berufskollegen erzählen von ihm, dass er das gegnerische Team oft besser kenne als sein eigenes…

Picard lässt Alston vergessen...

Trotz dem Meistertitel in der letzten Saison liess Stewart mit Penney, Lukes, Hynes und Alston gleich vier bei den Fans sehr beliebte Spieler ziehen. Stattdessen drängte er auf die Verpflichtung des AHL-Torschützenkönigs Michel Picard. Dieser erzielte in der vergangenen Saison in der AHL für die Philadelphia Phantoms 79 Punkte und in fünf NHL-Spielen für die Philadelphia Flyers 5 Punkte. In der Tat liess der Stürmer den Publikumsliebling Jan Alston schnell vergessen. Mit bisher 26 Punkten (11 Tore/15 Assists) führt der Franko-Kanadier per Ende November die interne Skorerliste der Adler vor Devin Edgerton und Dave Tomlinson an. Auch wenn der Kanadier im Spiel oftmals nicht sonderlich auffällt, erfüllt er die ihm gestellten Aufgaben zu Stewarts Zufriedenheit. Im Team gilt der 32-Jährige als Führungsspieler und zeigt diese Fähigkeit nicht nur auf, sondern auch ausserhalb des Eisstadions. Er hilft den jungen Spielern im Team und übernimmt Verantwortung, wenn einmal nicht alles rund läuft.

Eine Eigenschaft, die bei den Adlern wichtig ist. Denn in Mannheim ist die Integration von jungen Talenten ins Kader der ersten Mannschaft elementarer Bestandteil der Klubphilosophie. Diese trägt bereits erste Früchte. So gilt der 17-jährige Yannic Seidenberg von den «Jungadlern Mannheim» (Nachwuchsabteilung) als Newcomer der Zukunft. Und diese wollen die Verantwortlichen mit Bill Stewart als Trainer bestreiten. Erst kürzlich verlängerten sie den Vertrag mit dem Kanadier vorzeitig bis Frühling 2003 mit einer einseitig einlösbaren Option bis 2004.