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Schweiz - Traum von einer Medaille

Von Urs Berger

In Turin erhofft man sich eine gute Leistung der Schweizer. Doch der Grat zwischen Erfolg und Misserfolg ist schmal. Erfolg ist nicht programmierbar, Misserfolg ist umso schneller da, wenn man in der Spirale des Verlierens ist. Kein Wunder also, ist man beim schweizerischen Eishockeyverband mit der Zielsetzung dementsprechend zurückhaltend. Die Viertelfinals sind als offizielles Ziel ausgegeben. Dies zu erreichen sollte im Bereich des Machbaren sein. Speziell, da die Eisgenossen auf zwei gleich starke Gegner treffen, welche man bezwingen muss, wenn man in die Viertelfinals kommen will. Doch ist das Team heiss genug, um das Ziel zu erreichen?

Im Zentrum des Spiels steht ein grundsolider Torhüter. Martin Gerber hat in den letzen Jahren Erstaunliches geleistet. Nach dem er aus der 2. Liga seinen Weg kontinuierlich nach oben gearbeitet hatte, steht er nun als unbestrittene Nummer eins im Tor der Carolina Hurricanes. Auch in der Nationalmannschaft ist er vor Marco Bührer und David Aebischer die klare Nummer eins. Mit seinen Paraden konnte er in vielen knappen Entscheidungen gegen gleich starke Gegner die Entscheidung sein. Mit seiner Ruhe steckt er auch seine Vorderleute an. Diese fühlen, dass Gerber in jeder Situation ein sehr guter Schlussmann ist. Seine Reflexe, sein Stellungsspiel und sein Wille sind die drei Merkmale von ihm. Man kann ihn als typischen Emmentaler bezeichnen, der auf dem Eis selten laut wird, seine Arbeit verrichtet und nur dann laut wir, wenn etwas nicht so geht, wie er es gerne möchte. In der NHL ist er einer der besten Torhüter der Liga geworden und figuriert in den wichtigsten Statistiken unter den Top 15 der Torhüter. David Aebischer und Marco Bührer werden sich an diesen olympischen Spielen wohl um die Position des zweiten Torhüters streiten. Aebischer ist im Tor nicht mehr so unbestritten wie zu seinen besten Zeiten. Dies kann verschiedene Ursachen haben. Zum einen ist dies sicher der neue Coach, der nicht mehr auf eine explizite Nummer eins setzt, zum anderen bekam er durch den Slowaken Petr Budaj starke Konkurrenz als Backup. Des Weiteren erwischte Aebischer einen der schlechtesten Saisonstarts in seiner Laufbahn und konnte sich erst langsam wieder in die Mannschaft zurückarbeiten. Zudem steht auch seine Verteidigung im Zwielicht. Diese arbeiten in manchen Spielen unkonzentriert und zu wenig konsequent auf den Mann. Doch dies hat sich in den letzen Spielen gelegt und auch Aebischer wurde sicherer. Doch ihn als die unbestrittene Nummer zwei zu sehen, wäre kühn. Er muss seinen Kritikern beweisen, dass seine Vorstellung in Salt Lake City Schnee von gestern ist und er besser und konstanter auf internationalem Niveau wurde. Dies alleine wird jedoch nicht viel einbringen. Er muss auch einmal entscheidende Spiele für die Schweiz gewinnen können. Dies tat er jedoch, im Gegensatz zu Gerber, noch zu wenig. In seinem Nacken sitzt Marco Bührer. Die unbestrittene Nummer eins der Berner verbesserte sich konstant und wurde zu einem "grossen" Torhüter, der auch in engen Spielen für seine Mannschaft einen grossen Wert hat. Er wirkt immer konzentriert, steckt faule Tore sehr schnell Weg und ist in ganz engen Spielen immer zu einer sehr guten Leistung bereit. So auch am Deutschland Cup in Hannover, als er im Spiel gegen die Deutschen mehrere gute Chancen zunichte machte, oder im Spiel gegen die Slowaken in Piestany auf der Höhe war. Auch wegen ihm gewannen die Berner in der Schweizer Meisterschaft viele Spiele, verloren aber nie wegen ihm ein Spiel.

In der Verteidigung baut Ralph Krueger seit Jahren auf die international erfahrenen Mark Streit, Martin Steinegger, Mathias Seger oder Julien Vauclair. Alle vier sind begabte Verteidiger mit verschiedenen Ansätzen. Mark Streit ist der unbestrittene Leader und Captain des Eisgenossen. Er kann in allen Situationen das Spiel beschleunigen, verfügt über ein ausgezeichnetes Auge und lässt sich auch durch widrige Umstände im Klub, den Montreal Canadiens, nicht Quirre machen. Mit seiner professionellen Einstellung auf und neben dem Eis hat er schon viele Kritiker zum verstummen gebracht. Streit ist einer der wenigen Spieler, der ein Spiel als Quarterback bestimmen kann. In der National Football League ist der Quarterback der Spieler, den es gilt aus dem Spiel zu nehmen, so dass er keinen Pass auf einer seiner Widereciver spielen kann. Auf Mark Streit heruntergebrochen, bedeutet das, dass er aus der Defensive das Spiel aufbaut und seine Flügel oder seinen Center mit einem genauen Pass auf die Reise sendet. Spielen aber die Schweizer in Überzahl, dann steuert er das Powerplay von der blauen Linie, sucht den Abschluss oder die beste Passmöglichkeit für ein Tor. In der Defensive ist er sich aber auch nicht zu schade, seinen Gegenspieler durch harte, aber faire Checks aus dem Verkehr zu nehmen. Seine einzige Schwäche zurzeit ist die mangelnde Spielpraxis. Aber ein Mark Streit lässt sich auch dadurch nicht beirren und wird seinen Weg und seine Verantwortung an den Spielen in Turin wahrnehmen. Sag mir wie Mark Streit spielt und ich sage dir, wie die Verfassung der Schweizer Nationalmannschaft ist.

Martin Steinegger geniesst seit Jahren die Wertschätzung von Ralph Krueger. Nicht zu unrecht, wie wir finden. In seiner Rolle als Abräumer, Checker und defensives Arbeitstier, das sich auch nach vorne einschaltet, sich vor keinem Gegner versteckt und unheimlich wichtig für die Mannschaft ist. Läuft es der Mannschaft nicht gut, dann rüttelt er sie mit einem so genannten Wake-Up Check auf. Im Boxplay ist Steinegger einer der wichtigsten Verteidiger des Teams. In Unterzahlsituationen macht er dem Gegner das Leben schwer. Selten gelingt es dem Gegner ihn auszutanzen oder zu überlaufen. In der Schweizer Mannschaft ist der gebürtige Bieler die Antwort auf Doug Gilmour, eine Pest auf Kufen, der jedem Gegenspieler unter die Haut geht. Seine Checks sind bei den Gegnern gefürchtet, bei der eigenen Mannschaft geliebt und bei den Fans begehrt. Manchmal zeigt auch er Schwächen. Diese äussern sich dann in unnötigen Strafen. Meistens greift er dann zu einem Haken oder Halten, wenn der Gegner ihn überlaufen hat oder er einen zu langen Einsatz auf dem Eis hatte. Ralph Krueger tut gut daran, Martin Steinegger gut einzusetzen und seine Eiszeiten zu kontrollieren. Denn ein guter, aggressiver Steinegger bringt mehr als ein Müder und zu Fouls neigender. Mit der neuen Regelinterpretation wird dies auf internationalem Niveau um so wichtiger sein.

Mathias Seger ist in der Defensive ein verlässlicher Arbeiter, der sich aber auch gerne in die Offensive einschaltet. Er hat in Abwesenheit von Mark Streit dessen Part übernommen. Auch wenn es ihm im Klub nicht wie erwünscht läuft, so war er doch in den bisherigen Spielen in der Nationalmannshaft einer der besten und konstantesten Verteidiger. Sorgenfalten muss sich Ralph Krueger bei Julien Vauclair machen. Kurz nachdem der Luganesi von seiner Verletzung wieder genesen war, zog er sich im Spiel gegen die Rapperswil-Jona Lakers einen Fingerbruch zu. Die Frage ist nun, ist Vauclair wieder gesund oder nicht? Dies ist eine der entscheidenden Fragen im Team der Schweiz. Doch Krueger hat dennoch einen valablen Ersatz in Cyrill Geyer oder Beat Gerber. Geyer ist eher offensiv orientiert und Gerber defensiv. Doch ob einer von beiden noch eine Chance hat, in die Nationalmannschaft vorzustossen bleib abzuwarten. Denn mit Thomas Zielger verfügt Ralph Krueger einen valablen Ersatz in der Defensive.

Das grösste Sorgenkind von Ralph Krueger dürfte die Offensive sein. An den beiden Turnieren in Deutschland und der Slowakei war diese nicht das Prachtstück der Schweizer. Nur gerade mal acht Tore konnten die Schweizer erzielen. An den Weltmeisterschaften waren es nur 11 Tore und dennoch konnte man die Viertelfinals erreichen. Dieses Manko soll Martin Plüss beheben helfen. Mit seinem Auftritt in der Slowakei und an der letztjährigen Weltmeisterschaft in Wien hat er die Teilnahme hier in Turin mehr als verdient. Er kann als Spielmacher eingesetzt werden, verfügt über einen schnellen Antritt und kann in den entscheidenden Momenten mit seinem guten Schuss für Gefährlichkeit vor dem gegnerischen Tor sorgen. Das Gleiche kann man von Marcel Jenni sagen. Doch der sensible Klotener kam bis her nicht auf Touren in seinem Klub. Mit der Nationalmannschaft konnte er aber an seine Leistungen anknüpfen und wusste zu überzeugen. Das Einzige was fehlt, war seine Kaltblütigkeit vor dem Tor. Doch diese, da sind wir überzeugt, wird in diesem Turnier kommen. Jenni braucht einen guten Center um besser zu scoren. So kann es sein, dass Flavien Conne mit Marcel Jenni in einer Linie spielen wird. Von Conne wird erwartet, dass er mit seinem Block Schnelligkeit in das Spiel bringt. Ebenfalls wird defensive Arbeit erwartet. Denn die Schweizer werden viel mit defensiven Arbeiten ausgelastet sein. Diese defensive Arbeit muss auch Paul Di Pietro verrichten. Der einzige Schweizer Feldspieler mit einem Stanley Cup Sieg kann nun hier beweisen, dass er immer noch einer der gefährlichsten Spieler sein kann. Di Pietro verfügt über einen seht guten Torinstinkt, liest das Spiel ausgezeichnet und fährt auch dorthin, wo es blaue Flecken absetzt. Im Powerplay kann er sehr viel Gefahr vor dem Tor des Gegners heraufbeschwören.

Alles in allem hat Ralph Krueger einen guten Kader zusammengestellt. Der Kern der Mannschaft besteht nun seit vier Jahren. Selbst wenn Ersatzspieler in das Team kommen müssen, sind diese in der Lage sofort in das Konzept der Nationalmannschaft und ihre Rollen zu schlüpfen. Jeder Spieler weiss genau, was er in welcher Situation machen kann und wie er sich innerhalb der Mannschaft verhält. Diese Situation kann für die Schweizer bedeutend werden. Die meisten anderen Teams müssen sich in einem langen Prozess zu erst finden, müssen gewisse Positionen ausloten und sehen, wer wo steht. Dies entfällt beim Team aus der Schweiz. Die Mannschaft um Ralph Krueger wird geschlossen als Mannschaft in das Turnier starten und dies kann eine grosser Vorteil sein. Doch reicht es für eine Medaille? Diese Frage wird uns das Team selber beantworten. Für die eine oder andere Überraschung sind die Schweizer bereit.


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Short Notes

Short Notes Schweiz Einwohner: 7'415'100 (Ende 2004)
Eingetragene Eishockeyspieler: 24'974
Eishallen: 90

Beste Spieler: Martin Gerber, Mark Streit
Zu beobachten: Kevin Romy
Überbewerteter Spieler: David Aebischer
Coach: Ralph Krueger

Was geschieht wenn.....
.... die Schweizer nicht in den Viertelfinal vorstossen? Dann werden die Kritiker von Ralph Krueger auf den Plan gerufen und verdammen ihn wegen seinem Augebot. Hat er aber Erfolg, wird jeder nach ihm schreien und wissen, dass dies Krueger immer gekonnt hat. Aber so ist der Sport. In der Krise der Trainer weg, ist das Team erflogreich, dann wars wegen dem Trainer.