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Rückblick Torino 2006

Kanada enttäuschte, Schweiz überraschte und Schweden verdient Olympiasieger

Von Urs Berger

Während den letzen elf Tagen war Turin der Schauplatz des Eishockeys. Während elf Tagen konnten sich die besten der Welt auf höchstem Niveau miteinander messen. Namen wie Saku Koivu, Martin St-Louis oder Jaromir Jagr vollführten ihr Handwerk vor einem Millionen-Publikum am Fernsehen und zehntausenden Fans in den beiden Eishockeyhallen in Turin. Ein Turnier, das allen Beteiligten in guter Erinnerung bleibt. Eine Zusammenfassung der Nationen im Einzelnen.

1. Platz Schweden
Mit einem Sieg gegen die bisher unbesiegten Finnen schoss man sich in den Eishockeyhimmel. Doch die Schweden mussten auch einen "Mini-Skandal" überstehen. Ihr Trainer, Bengt-Ake Gustafsson, hat sich im Vorfeld des Spieles gegen die Slowaken diplomatisch ungeschickt ausgedrückt. Doch das ist vergessen und vergeben, die Schweizer hat man im Viertelfinal programmgemäss ausgeschaltet und im Halbfinale waren die Tschechen kein richtiger Gradmesser. Mit Spielern wie Forsberg, Zetterberg und einem sehr guten Henrik Lundqvist konnte (fast) nichts schief gehen. Zu guter Letzt ging ja die Rechnung dennoch auf. Dies gehört eben auch zu Mannschaftsbildung.

2. Platz Finnland
Die Finnen hätten es verdient gehabt. Mit einer perfekten Bilanz zog man in das Finale ein und hatte alle sieben Spiele gewonnen. Die Berechtigung war gross, dass man seit 1995 wieder einmal an einem grossen Turnier Gold gewinnen könnte. Die Mannschaft war noch nie so geschlossen, die Spieler ausgeglichen und man merkte ihnen die Freude am Eishockeyspielen förmlich an. Doch wieder wollte es nicht sein, dass man den ewigen Konkurrenten aus Skandinavien in die Schranke weisen konnte. Die Schweden waren taktisch ein ganz kleines bisschen besser. Genau dieses Quäntchen fehlte dann den Finnen zum totalen Erfolg. Doch, wer weiss, vielleicht rächen sie sich in Riga wieder an den Schweden?

3. Platz Tschechien
In der Vorrunde flop, in der Finalrunde top. Wie soll man diese Leistung schlussendlich einstufen? Die Tschechen traten in den wichtigen Spielen geschlossen als ein Team auf, spielten das, was sie konnten und arbeiteten sich in das Spiel um Platz drei hoch. Sie waren bereit alles zu geben und hatten auch noch das benötigte Glück auf ihrer Seite. Zum Beispiel im Spiel gegen die Slowaken, als man den Nachbarstaat mit 1:3 schlug und man so in die Halbfinale vordrang. Dies war eine der besten Leistungen unter Trainer Alois Hadamczik, der sein Team gut einstellen konnte. Doch noch hat die Schillerfigur Jaromir Jagr zu viel Einfluss im Team. Zudem hatten die Tschechen auch noch Pech zu verzeichnen, als Dominik Hasek nach 10 Minuten im ersten Siel das Eisfeld wegen einer Leistenzerrung verlassen musste und durch die beiden Torhüter Tomas Vokoun und Milan Hnilicka ersetzt wurde. Beide konnten nicht immer überzeugen. In den nächsten Jahren wachsen in der Tschechei weiter Spieler heran, welche Jaromir Jagr und Dominik Hasek ersetzen sollen und dadurch wieder etwas Stabilität in die Mannschaft bringen können.

4. Platz Russland
In Russland wird man den vierten Rang als Erfolg verbuchen. In der Eishockeywelt wird man sich nicht einig sein, was man aus diesem Auftritt der russischen Nationalmannschaft für Lehren ziehen soll. Individuelle hätten die Russen jede Mannschaft vom Eis fegen können. Doch als Mannschaft hat man sich nie gefunden. Die Einzelkämpfer waren in der Überzahl. Alexander Ovechkin, der in Washington eine überraschend gute Saison spielt, konnte mit dem Team nur phasenweise überzeugen. In den wichtigen Spielen gegen die Finnen und die Tschechen war er zu selbstverliebt und übernahm keine defensiven Aufgaben. Aber auch die anderen grossen Namen enttäuschten mit Undiszipliniertheiten. Ilya Kovalchuk, Evgeny Malkin, Maxim Afinogenov und Alexei Yashin spielten immer an der Grenze zwischen Fairness, Arroganz und latenter Selbstüberschätzung. In dieser Zusammensetzung und unter dem überforderten Trainer Vladimir Krikunov, der voraussichtlich nach Sibirien geschickt wird, müssen die Russen auf die nun kommende Weltmeisterschaft viel an sich Arbeiten. Werden sie die Lehren aus dem Auftritt in Turin ziehen, dann sind sie ein ernsthafter Titelaspirant, wenn nicht, dann folgt der Abstieg der ehemaligen Grossmacht langsam aber stetig.

5. Platz Slowakei
Die Slowaken dominierten ihre Gruppe B und konnten ins Viertelfinale einziehen. Dort unterlag man den Tschechen in einem interessanten Spiel mit 1:3. Der "grosse" Bruder hat die schlechte Platzierung wieder wettgemacht. Die Slowaken waren denn auch entsprechend enttäuscht. "Wir waren noch müde vom Spiel gegen die Schweden, welches wir am Vorabend spielen mussten. Dennoch können wir stolz auf das erreichte sein. Wir platzierten uns vor Kanada und den USA. Dies ist für uns ein historischer Erfolg."
Der beste Punktesammler in den Reihen der Slowaken war Marian Hossa, der Sohn von Trainer Frantisek Hossa. In 6 Spielen konnte er 10 Punkte sammeln und ging mit einer Plus-9-Bilanz vom Eis. Bereits 2002 spielte er in Salt Lake City im Team der Slowakei mit und war dort ebenfalls der beste Punktesammler (6 Punkte) im Team, obwohl er nur zwei spiele bestritt.

6. Platz Schweiz
Die Schweizer mochten an den Olympischen Spielen zu überzeugen. Man machte einen weiteren Schritt Richtung Top-Nationen und konnte sich unter den besten Acht in der Weltrangliste etablieren. Es zahlt sich aus, dass Trainer Ralph Krueger mit einem Kern an Spielern seit der Schmach von Salt Lake City arbeitete. Jeder im Team wusste, wie er zu spielen hatte. So musste man denn nicht zuerst improvisieren, um ein Team zu werden und hatte gegen die grossen Nationen einen Vorteil. Dennoch schied man gegen ein gutes Schweden im Viertelfinale aus. Noch kann die Schweiz nicht ein ganzes Turnier auf konstant hohem Niveau spielen. Doch die Basis ist nun gelegt und darauf wird man in den nächsten Jahren aufbauen. Wie sagte doch der Assistentstrainer Köbi Kölliker am Ende des Turniers? "Wir reden in den U18- und U20-Nationalmannschaften bereits von Vancouver 2010. Denn das ist nun das Ziel dieser jungen Leute und auch unser. Wir müssen dies als einen Ansporn für unsere Jugend sehen und nutzen."

7. Platz Kanada
Welch eine Enttäuschung für das Mutterland des Eishockeys. Man trat an um Gold zu gewinnen und verlor gegen die Finnen, die Schweiz und zuletzt gegen die Russen. Das Team hat sich nicht gefunden. Anders als in Salt Lake City, als Wayne Gretzky eine "Verschwörung" gegen die Kanadier auszumachen glaubte, konnte er diese hier nicht finden. So nahm er dann vor dem Spiel gegen die Tschechen die eigenen Spieler in die Verantwortung. Doch es half nichts. Die wohl teuerste Mannschaft der Welt verlor gegen eine läuferisch, technisch und kämpferisch besser eingestellte russische Mannschaft nicht unerwartet mit 2:0. Zudem, so sickerte es während dem Turnier durch, betrieben die Kanadier lieber Fore- und Backchecking an den Bars und Restaurants in Turin, anstelle mit der richtigen Einstellung an den Spielen teilzunehmen. Eine heilende Ohrfeige für das kanadische Eishockey? Man wird es in den kommenden Weltmeisterschaften sehen. Denn nun ist der Nationalstolz der Kanadier gereizt.

8. Platz USA
Von den USA hätte man eher mehr erwarten können als "nur" den achten Platz. Dennoch entspricht die Klassierung in etwa dem Kräfteverhältnis, das zurzeit im Welteishockey herrscht. Wie die Kanadier hat man es versäumt einen Kaderschnitt zu machen und der jüngeren Generation eine Möglichkeit zu geben an den Spielen teilzunehmen. Doch aus Schaden wird man klug und aus Spott lernt man. So wird man denn an den kommenden Weltmeisterschaften eine neue Mannschaft aufbauen. Es kann gut sein, das der eine oder andere verschmähte Namen in Lettland dabei sein wird.

9. Platz Kasachstan
Die Kasachen wussten zu überraschen und zeigten, dass sie zu Recht an den Olympischen Spielen dabei sind. Mit einer soliden Defensive und viel Einsatz erarbeitete man sich den Respekt in der Eishockeywelt. Zudem konnte man gegen die Letten gewinnen. Was will man noch mehr?

10. Platz Deutschland
Welch eine Enttäuschung für die Deutschen. Man war ausgezogen, um die Grossen zu ärgern und die Schweiz zu überwinden. Die Realität sah dann aber anders aus. Die Mannschaft um Uwe Krupp versagte auf der ganzen Linie. Weder Olaf Kölzig noch Stefan Ustorf oder Denis Seidenberg konnten die Deutschen vor der Blamage retten. Kein einziges Mal vermochte man einen der Grossen ärgern. Auch gegen Italien und die Schweiz resultierten nur Unentschieden. Was wird nun geschehn? Die Deutschen stecken in einer tiefen Krise, seit der Kölner Trainer Hans Zach nicht mehr die Mannschaft führt. Die harte Hand und der Respekt vor dem Trainer fehlten an diesem Turnier. Können die Deutschen mit dieser Mannschaft den Wiederaufstieg erreichen? Diese Frage wird im April an der Division I Weltmeisterschaft in Amiens (F) beantwortet werden. Doch in dieser Verfassung würde ein sofortiger Wiederaufstieg überraschen.

11. Platz Italien
Die Italiener hatten eine gute Mannschaft und zeigten ansprechende Leistungen. Doch zu mehr als einem elften Platz reichte es nicht. Das Gastland spielte mit vielen Italo-Kanadiern, welche sich in der eigenen Liga einen guten Namen verschaffen haben. Doch ob sie nun weiter in der Nationalmannschaft spielen werden, bleibt offen. Die Italiener werden sich in den nächsten Jahren auf einen Umbruch im Eishockey gefasst machen müssen. Die Zukunft ist ungewiss.

12. Platz Lettland
Die Generalprobe für die Weltmeisterschaften im eigenen Land in Riga ist missglückt. Mit einem Schnitt von 6 Gegentoren pro Spiel war denn auch rasch klar, dass das Auftaktunentschieden gegen die USA nur eine Eintagsfliege war. Zu offen war die Defensive gestaltet. Zudem war die Offensive nicht genügend produktiv und man erzielte im Schnitt nur zwei Tore pro Spiel. So kann man keine Spiele gewinnen. Dennoch können die Letten zu Hause in Riga wieder überraschen. Speziell wenn man diese Fans im Rücken weiss. Sicher einer der schönsten Momente an den Spielen hier in Turin, als die lettischen Fans trotz allem noch Stimmung und Farbe in das Stadion brachte. Hut ab!


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