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Torino 2006 und seine Vorgeschichten

Von Martin Merk

Das Herren-Eishockeyturniere der diesjährigen Olympischen Winterspiele wird als eines der kurzfristig geplantesten der letzten Jahre in die Geschichte eingehen, fast vergleichbar mit dem Stadionbau der letzten Sommerspiele in Athen, als getreu dem griechischen Sirtaki-Tanz erst gegen den Schluss schneller gearbeitet wurde. Auch der diesjährige Turniermodus stammt aus der Heimat der Olympiade.

Dass in den vergangenen zwei Jahren aber so vieles ungewiss war, hat seinen Grund: die NHL. Auch wenn die Teilnahme der NHL-Spieler im Interesse (fast) aller im Eishockey ist, war sie wegen des Arbeitskampfes lange ungewiss. Zum dritten Mal nach 1998 (Nagano, Japan) und 2002 (Salt Lake City, USA) sind die Weltstars vertreten. Die Schweizer, welche an ihren Heimturnieren in St. Moritz (1928, 1948) jeweils Bronze gewannen, kämpfen in erster Linie um den Viertelfinaleinzug in den fünf Gruppenspielen.

Modusentwicklung und die NHL

Aufs Ganze ging bei dieser Entwicklung mit der NHL der IIHF-Präsident René Fasel. Der internationale Eishockeyverband übernimmt als Partner grosse Verantwortung für die beiden Eishockeyturniere der Herren und Damen, die Qualifikation der Teilnehmer, der Spielerauswahl und Spielleitung. Lange pokerte Fasel hoch. Denn für 2002 war noch klar: Wenn die NHL pausieren soll, umfasst das Turnier nur acht Mannschaften, ansonsten zwölf. Die NHL pausierte damals für zwölf Tage und liess die Spieler gehen, die Schweizer verpassten das Hauptturnier der besten acht Mannschaften mit Nebengeräuschen. Bereits in Salt Lake City bekundete Fasel seinen Unmut über die damalige Turnierform in zwei Phasen, bei welcher die NHL auch nur für die zweite Phase pausierte. Der NHL-Comissionar Gary Bettman bezeichnete Fasels Vorschlag mit einem grossen Turnier für zwölf Mannschaften auch im Auftrag seiner Klubs als geschäftsschädigend - mehr als zwölf Tage könne die NHL nicht pausieren.

Der Olympische Geist von Kreta

Doch Fasel hatte neben den Landesverbänden auch die NHL-Stars und ihre Spielergewerkschaft NHLPA an seiner Seite. Denn auch für die kanadischen und US-amerikanischen Profis ist es ein Traum, an der Olympiade dabei zu sein. Diese zieht im Gegensatz zur alljährlichen, europäisch angehauchten WM auch in Nordamerika. Ausgerechnet im Olympischen Mutterland, bei den Griechen im kretischen Touristenort Chersonissos, entschied man sich im September 2003 beim IIHF mit dem drohenden NHL-Arbeitsstreit im Hinterkopf für die Variante von einem Turnier mit zwölf Nationen. Für die Finalisten steigt damit das Pensum von sechs auf acht Spiele. Man werde das Turnier so spielen, ob mit oder ohne NHL-Spieler, betonte Fasel dabei noch während des Lockouts im Winter 2004/05. Und der Poker ging auf: Die NHL pausiert nun drei Tage mehr, nämlich deren 15, wie im Sommer 2005 bestimmt wurde. Hauptgrund war die NHL-Spielergewerkschaft NHLPA, welche zwar im Allgemeinen den Arbeitskampf als Verliererin verliess, jedoch als ein Trostpflaster die Forderung nach einer Olympia-Pause in der NHL durchsetzen konnte.

Intensivstes Turnier aller Zeiten

Für die Mannschaften bedeutet dies ein unsäglich dichtes Programm: Vom 15. bis 20. Februar 2006 muss jedes Team fünf Partien innerhalb von sechs Tagen bestreiten - selbst der NHL-Spielplan wirkt dagegen noch harmlos. Danach geht es mit den Viertelfinal-Spielen weiter. Hart wird es auch für die NHL-Spieler, welche teilweise noch in der Nacht auf den 13. Februar Spiele bestreiten (dann stehen auch die Teams von Aebischer und Gerber im Einsatz, ein Tag davor Streits Montréal) und sich somit unvorbereitet ins Olympia-Abenteuer stürzen. Dies kann ein Vorteil für die kleineren Nationen sein: So werden dann die meisten Schweizer Spieler bereits von elf Tagen Trainingslager profitieren. Ein wichtiger Faktor in einem Turnier, das hochkarätig besetzt sein wird und bei welchem 2002 die weniger NHL-gestärkten Mannschaften Deutschland und Weissrussland teils Kanterniederlagen einstecken mussten.

Fasel: "Wir wurden rechts überholt!"

Die nicht immer harmonische Partnerschaft zwischen dem IIHF (Hauptgesichtspunkt: Sport) und der von ihr und den nordamerikanischen Landesverbänden unabhängigen NHL (Hauptgesichtspunkt: monetärer Profit) basiert jedoch nicht nur aus derartigem Strategie-Poker, sondern auch aus der operativen Zusammenarbeit. Diese wurde durch die "neue NHL" und ihre Regeländerungen nicht einfacher. Neben den unterschiedlich grossen Eisfeldern hat die NHL Regeländerungen eingeführt, die es teilweise in Europa schon gab, die teilweise beim IIHF aber erst zur Diskussion standen. Etwa das in den vergangenen Jahren immer währende Thema der strengen Regelinterpretation, in der Presse auch "Null-Toleranz" genannt. "Call the games by the rules" (pfeift die Spiele nach den Regeln) war beim IIHF schon vor dem NHL-Lockout ein Motto, zu welchem 2004 auch ein Schiedsrichter-Austauschprogramm startete. Die Idee: Man solle die geltenden Regeln erst einmal strikt durchsetzen und über die Nationen harmonisieren, bevor man an Änderungen daran denkt - wie dies auch früher in Europa und der NHL der Fall war. Man wollte gegen die Zunahme der vergangenen Jahre und Jahrzehnten von weichen Fouls wie Haken, Halten und Behinderung vorgehen - und auch gegen die gewachsene Torhüterausrüstung. Die NHL des neuen Zeitalters vereinte diese Ideen und setzte damit auch Druck auf denn IIHF auf, leben doch die Olympischen Spiele von den NHL-Stars. "Wir wurden rechts überholt", beschreibt Fasel die Situation, nachdem seine Organisation in dieser Hinsicht lange am fortschrittlichsten war. Die Konsequenzen sind bekannt: Noch während der Saison passte sich der IIHF an. Von seinen Verbänden folgten Schweden, die Schweiz und später Deutschland mit strikten Anweisungen an ihre Schiedsrichter. Der Erfolg der Nationalmannschaft spielte dabei eine wichtige Überlegung in dieser kurzfristig hervorgerufenen Reaktion des SEHV, welche für viel Unmut bei den überrumpelten Klubmanagern und -trainer, aber auch bei den Fans sorgte. Bezüglich Torhütermassen gelten noch die bisherigen, grossen Masse. Es steht den NHL-Torhütern jedoch frei, die kleineren Ausrüstungen nach NHL-Norm zu nutzen. Ab Juli 2006 gelten auch beim IIHF kleinere Masse.

Herausforderung für die Schiedsrichter

Doch können die Schiedsrichter diese Weisungen auch durchsetzen? "Es wird eine grosse Herausforderung für die Schiedsrichterkommission und Schiedsrichter wegen dem unterschiedlichen Stand in den Ligen", befindet Fasel und befürchtet Probleme wie an der U20-WM. In Turin stellt die NHL vier Schiedsrichter, der IIHF sechs. Darunter mit Danny Kurmann ein Schweizer und auch zwei Schweden, welche mit den neuen Weisungen eingeübt sind - im Gegensatz zu den anderen drei aus Finnland, Russland und Tschechien. Hinzu kommt, dass in der NHL die Spiele mit je zwei Schieds- und Linienrichtern geleitet werden - eine Idee die beim IIHF auch schon getestet und für unnütz befunden wurde. Entsprechend wird es in Turin nur einen Head-Schiedsrichter geben - eine Umgewöhnung für die Profirefs aus der NHL.

"Haben aus Wien gelernt"

Ansonsten ist man aber guter Hoffnung, dass am 15. Februar das Olympische Eishockey-Turnier reibungslos starten kann, nachdem in Turin die Finanzierung und der Hallenbau gesichert werden konnten. Und es bleibt zu hoffen, dass das Eis die Belastung der täglich sechs Spiele verteilt auf zwei Hallen standhält. Denn wenn das Herren-Eishockey einmal pausiert, sind die Damen an der Reihe. Mit einer Lichtstärke von 1800 Lux für High Definition TV wird das Eis auch bezüglich Wärme beansprucht. Pannen wie an der vergangenen WM in Österreich soll es aber keine mehr geben. "Wir haben aus Wien gelernt", so Fasel, entsprechendes Personal ist daher schon seit längerer Zeit vor Ort, damit alles mit rechten Dingen zugeht. Einige Spiele - aber noch längst nicht alle, sind in Turin ausverkauft. Am begehrtesten war im Verkauf übrigens die Partie Schweiz - Kanada. Für die anderen Schweizer Partien sind Tickets ab 40 Euro online erhältlich. Die Hauptstadt des Piemonts ist in rund anderthalb Stunden ab der Schweizer Grenze im Tessin (Chiasso) oder Wallis (grosser St. Bernhard) erreichbar.

Morgen: Wir beginnen nun mit der Vorstellung der zwölf teilnehmenden Mannschaften des Herren-Turniers - als erste jene von Mütterchen Russland.


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