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Finnland – Bereit für eine Medaille?

Von Urs Berger

Die Finnen befinden sich in den letzen Jahren im Dilemma. An Weltmeisterschaften spielen sie mit Legionären aus den europäischen Ligen, verstärkt mit Spielern aus der NHL, welche nicht mehr um den Stanley-Cup spielen. An den olympischen Spielen so wie am World Cup 2004 spielte man mit den besten Spielern des Landes. Doch wo kann man aktuell die Finnen einordnen? Eine Momentaufnahme aus dem hohen Norden.

Schaut man die Kaderliste der Finnen an, so kann man die eine oder andere Überraschung feststellen. So fehlen wegen Verletzungen die Spieler Miikka Kiprusoff (Calgary), Tuomo Ruutu (Chicago), Kari Lehtonen (Atlanta) und Sami Kapanen (Philadelphia). Speziell die Ausfälle der beiden Torhüter Lehtonen und Kiprusoff dürfte den finnischen Coach Erkka Westerlund auf dem Magen liegen. Mit Kirpusoff hätte man einen starken Starting Goalie gehabt und mit Lehtonen einen starken Backup. Der dritte Torhüter hätte, nach dem Willen der Finnen, Niitimäki sein sollen, der Erfahrungen an den Spielen hätte sammeln sollen. Nun stehen mit Antero Niitimäki und Niklas Backstrom zwei gleichwertige Torhüter in der Verpflichtung. Wer wird den begehrten Job als erster Torhüter bekommen? Ist es Niitimäki, der bei den Philadelphia Flyers mit Robert Esche um die Nummer eins Position kämpft, oder wird es der an den letzen Weltmeisterschaften überzeugende Niklas Backstrom werden? Backstrom, der beim finnischen Meister Kärpät Oulu spielt, gab an der letzten WM in Wien und Innsbruck seine Visitenkarte ab und kann auf die erste Position aufrücken, um die Finnen zu den nötigen Siegen zu führen. Der dritte Torhüter wird Fredrik Norrena sein, der in der schwedischen Liga bei Linköpings HC spielt.

Die Torhüter sollten aber nicht viel Arbeit bekommen, steht ihnen doch eine ausgezeichnete Verteidigung zur Verfügung. Veteran in der Defensive der Finnen ist Teppo Numminen. Der bereits 37-jährige Numminen spielt seine vierten olympischen Spiele und kann auf eine lange und erfolgreiche Karriere zurückblicken. Er wird denn auch der Verteidigungsminister der Finnen sein. Mit seiner Ruhe, seiner Spielübersicht und seiner Erfahrung ist er einer der wichtigsten Spieler im Team auf und neben dem Eis.

Ein weiterer Verteidiger, der hinten Defensive spielt und von Zeit zu Zeit nach vorne orientiert ist, ist Sami Salo. Salo ist denn auch bei den Vancouver Cannucks der Verteidiger, der das Powerplay steuert und mit seinen harten Schüssen ab der blauen Linie immer wieder für gefährliche Chancen vor dem Tor des Gegners generieren kann. Nicht zu unterschätzen ist der zudem, wenn es darum geht, einen knappen Vorsprung seines Teams zu verteidigen. Dies ist eine Spezialität des cleveren Finnen. In der so genannten "Crunch-Time" ist er kaum noch vom Eis zu bekommen und er liebt es, in diesen Situationen sein Können zu zeigen.

Ein weiterer gestandener Verteidiger ist Aki-Petteri Berg. Er nimmt nun zum dritten Mal an den olympischen Spielen teil und kann den Finnen, wie auch Teppo Numminen, in der Verteidigung viel Stabilität verleihen. Er kann in der Defensive seine Arbeit machen oder kann in der Offensive seine Akzente setzen. Dennoch ist er eher ein Verteidiger, der in der eigenen Zone mit seinem Stellungsspiel die Angreifer zur Verzweiflung bringt, liebt er es doch nicht, seinen massigen Körper einzusetzen. Dies ist denn auch einer der Punkte, in denen man die Finnen bezwingen kann. Mit einem harten Spiel auf den Körper kann man sie so weit in Verlegenheit bringen, dass sie das Spielkonzept für eine kurze Zeit vergessen und der Gegner ein Tor erzielen kann.

Um diesem Umstand Rechnung zu tragen, wurde denn ein spezielles Augenmerk auf die Offensive gelegt. Hier ist eine Spielerpersönlichkeit hervorzuheben, die es sich lohnt näher vorzustellen: Saku Koivu. Der in Turku geborene Koivu führte 1995 die Finnen zum bisher einzigen Weltmeistertitel. 1999 übernahm er bei den Montreal Canadiens, als erster Europäer im Team der Habs, das Amt eines Kapitäns und hat das noch heute inne. Auch seine Krebskrankheit, welche ihn zu einer langen Pause während der Saison 2001/02 zwang, warfen ihn nicht aus der Bahn. Er kämpfte sich zurück und spielte in dieser Saison noch 15 Spiele (inklusive Playoffs) für die Habs. Wie wichtig er für die "Les Habitants" ist, zeigen auch seine aktuellen Werte, führt er doch die interne Skorerwertung mit 38 Punkten aus 40 Spielen an. So erstaunt es denn auch nicht, dass er an diesen olympischen Spielen das C auf der Brust tragen wird. Er wird wohl kaum mit seinem "kleinen" Bruder in einer Linie spielen. Mikko Koivus Aufgebot war denn auch eine Überraschung in Finnland, aber schlussendlich sicher notwendig, brauchten doch auch die Finnen einen grossen Center für die zweite oder dritte Linie.

Ebenfalls zu den erfahrenen Spielern im Team gehören Jere Lehtinen und Teemu Selänne. Beide sind zum vierten Mal an den olympischen Spielen dabei und kennen den Trubel an solchen Anlässen gut. Für beide ist dies denn auch die letzte Möglichkeit, der Welt zu zeigen, dass die Finnen auf internationalem Parkett nicht stagniert haben. Zu beweisen, dass man Finnland nicht abschreiben soll, haben aber auch die Neulinge, welche an den olympischen Spielen teilnehmen. Zu diesen gehört auch der in der Schweiz bekannte Jukka Hentunen, der beim HC Lugano spielt. Der Tempo- und Spektakelmacher bei den Tessinern ist denn an der Seite mit Sami Kapanen eine gefährliche Waffe, um jede Verteidigung in Verlegenheit zu bringen und zu punkten. Ein weiterer Spieler aus Lugano ist Ville Peltonen, der läuferisch exzellent ist, aber weniger spektakulär als Hentunen spielt. Peltonen spielte mit Olli Jokkinen an der letzen Weltmeisterschaft und am World Cup 2004 in einer Linie. Auch Jokkinen hat bereits Erfahrung in der Schweiz gesammelt, konnte jedoch bei den Kloten Flyers nicht überzeugen.

Über alles gesehen Verfügen die Finnen über einen guten und ausgeglichenen Kader. Der einzige Schwachpunkt scheint die Position des Torhüters zu sein. Wenn beide Torhüter nicht ihre gewohnten Leistungen abrufen können, hilft auch die beste Verteidigung nichts. Dies ist sich auch der finnische Coach bewusst. So verzichtete er weitgehend auf Experimente in der Mannschaft. Die meisten Spieler, 17 an der Zahl, wissen, wie es sich fühlt, wenn man im Finale steht. Denn an inoffiziellen Weltmeisterschaften, dem World Cup 2005, erreichten sie das Finale und verloren gegen die Kanadier nach einem packenden und hochstehenden Finale knapp mit 2 zu 3. So kann den bei den Finnen alles möglich sein. Ein Absturz auf einen enttäuschenden siebten oder achten Platz oder aber auch den Gewinn einer Medaille. Entscheidend wird die Tagesform der Mannschaft sein, welche von Anfang an mit viel Herz den finnischen Löwen auf der Brust tragen muss. Gelingt dies, dann sind die Finnen heiss für eine Überraschung.

Im nächsten Teil: Deutschland – Die Schmach von Wien vergessen machen


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Short Notes Finnland
Einwohner: 5'190'785
Eingetragene Eishockeyspieler: 52'597
Eishallen: 216

Beste Spieler: Saku Koivuv Zu beobachten: Nicklas Backström
Überbewerteter Spieler: Jukka Hentunen
Coach: Erkka Westerlund

Was geschieht wenn.....
.... Finnland keinen Erfolg hat? Ein Versagen an den olympischen Spielen würde das vorzeitige Ende des Coachs bedeuten. Der Präsident des finnischen Eishockeyverbandes würde dann gefordert sein. Eine Lösung wäre bereits in den eigenen Reihen zu finden. Timo Juttila (Ex-SC Bern), der als Marketing und PR Verantwortlicher im Verband arbeitet, wäre ein möglicher Nachfolger.