Abplanalp: «So ist das hier»

2.12.2017 - Von SLAPSHOT/Matthias Müller - SLAPSHOT Ausgabe Nr. 3, Nov./Dez. 2017

Erstens kommt es anders, und zweitens als man denkt. Wie aus dem mässig talentierten Verteidiger und Realschüler Marc Abplanalp aus Grindelwald eine Gottéron-Integrationsfigur und ein Masterstudent wurde.

«Bykov auf Sprunger, Tor!» In etwa so dürfte es meist klingen, würde man jemanden bitten würde, Gottéron mit Namen zu illustrieren. Natürlich, auch Rathgeb könnte hier und da genannt werden, wahrscheinlich auch Cervenka oder Brust. Aber Abplanalp? Wohl kaum. Gottéron, dieser Glutofen der Emotionen, wie es ein Autor einst einmal schön ausgedrückt hatte, lebt in den Köpfen der Leute vom blendenden Licht und vom tief- schwarzen Dunkel. Von Spektakel und Tragödie. Nicht von Akkordarbeit und Handwerk. «Für mich geht das in Ordnung. Himmelhochjauchzend, zu Tode betrübt? Das entspricht nicht meinem Charakter», sagt MarcAbplanalp und lächelt mild. Der 32-Jährige sitzt in der Cafeteria der Fakultät für Wirtschafts- und Sozialwissenschaften der Universität Fribourg. Seine Vorlesung ist eben zu Ende gegangen, die Gänge füllen sich mit Studenten. Abplanalp hat in diesem Semester mit dem Lehrdiplom begonnen, im kommenden Frühling wird er sein Sportstudium mit dem Master abschliessen. Das Endziel ist es, im Sommer 2019, just wenn sein Vertrag ausläuft, fertig ausgebildeter Sport- und Biologie-Lehrer auf Gymnasialstufe zu sein. Er schaut sich um und sagt: «Es ist schon verrückt. Ich hätte doch nie gedacht, dass ich eines Tages an eine Universität gehen würde.»

Abplanalp ist einfach Abplanalp

Erkennen tut ihn hier niemand. Zum einen ist die grosse akademische Gesellschaft in der Universitätsstadt kulturell heterogen zusammengesetzt, was dazu führt, dass Eishockey hier nicht so stark interessiert wie in anderen Teilen Fribourgs. Zum anderen ist Marc Abplanalp einfach Marc Abplanalp. Einer dieser Eishockeyspieler, die man nur als Figur mit Helm auf dem Eis der BCF-Arena erkennt. Ein Defensiv-Verteidiger, der offensiv wenig punktet, niemanden verprügelt und sich nicht inszeniert. Der stattdessen seine Arbeit in der eigenen Zone still und pflichtbewusst erledigt. «Ich erinnere mich noch an eine Autogrammstunde », erzählt Abplanalp. «Eine Handvoll Spieler war aufgeboten, der Andrang war gross. Die Fans kamen, schauten in die Runde und fragten: ‹Wo sind Sprunger und Bykov?› Ja, so ist das hier.» So ist das hier. Tatsächlich verteidigt Marc Abplanalp seit zehn Jahren ununterbrochen für Gottéron. Zuvor war er zwischen 2001 und 2004 als Junior beim Klub im Sold gestanden, ehe er ein dreijähriges NLB-Intermezzo bei La Chaux-de-Fonds und Visp einlegte. Abplanalp mag in fast allem nicht wie Julien Sprunger oder Andrei Bykov sein. Aber er ist wie die beiden «as Gottéron as it gets». Neben den beiden Stars hat er hier nämlich am meisten Dienstjahre auf dem Buckel. «Ich komme aus dem Berner Oberland», sagt der Grindelwaldner, «aber ich habe den Klub, die Stadt und den Kanton längst ins Herz geschlossen.» Über fehlende Wertschätzung kann und will er sich nicht beklagen. Wer etwas von Hockey verstehe, der wisse, für was es einen wie ihn braucht. Und dass er zum Wohlergehen seines Klubs ebenso viel beiträgt wie seine populären Teamkollegen. Es passt, dass er sich wünscht, seine Karriere eines Tages bei den Drachen beenden zu können.

Einen langen Weg gegangen

Um an diesem Punkt zu kommen, ist Marc Abplanalp indessen einen sehr langen Weg gegangen. Ja, wer vor 20 Jahren gesagt hätte, der jüngere Sohn der Stadionrestaurantbetreiber von Grindelwald werde eines Tages eine Gottéron-Integrationsfigur werden, den hätte man wahrscheinlich für verrückt erklärt. Über einen Zufall – der Verwaltungsrat von Gottéron war auf der Eisbahn zu Gast – erfahren die Eltern, dass man in Fribourg einen Berufssportlerlehrgang lancieren will. Sodann melden sie Marc und seinen ein Jahr älteren Bruder Sandro, einen grossen, kräftigen Stürmer, an. Ersterer hätte eigentlich eine Lehre als Schreiner, letzterer eine Lehre als Landschaftsgärtner beginnen sollen. Obschon beide nicht übermässig talentiert sind und auch nie für Auswahlmannschaften aufgelaufen waren, werden sie angenommen. So ziehen sie 2001 gemeinsam nach St. Ursen – die Mutter bestand darauf, dass ihre Söhne nicht in der Stadt lebten – und in Gottérons Nachwuchsabteilung. Beide entwickeln sich unter den professionellen Bedingungen gut, debütieren in der ersten Mannschaft und werden 2004 an La Chaux-de-Fonds in die NLB ausgeliehen. 2005, die Brüder haben die Sportlerlehre nun beendet, wechseln sie, immer noch im Gleichschritt, nach Visp. Während Sandro sich eine Gehirnerschütterung zuzieht und fast zwei Jahre ausfällt, startet Marc in seiner zweiten Saison dermassen durch, dass sich Gottéron-Trainer Serge Pelletier 2007 entschliesst, die beiden noch einmal zurückzuholen. Sandro, heute Polizist und Starspieler des MySports League-Teams Düdingen, kann sich in der NLA nicht mehr richtig festsetzen, Marc hingegen schon. «Dass ich es geschafft habe und Sandro nicht? Gesundheit, die richtige Position, der richtige Trainer, der an dich glaubt und Glück», mutmasst Marc Abplanalp.

Arbeit wird vom Mittel zum Zweck

Was den beiden bis heute gemein ist, ist der Wille zur Arbeit. Ja, für Marc Abplanalp scheint er zeitweilig sogar vom Mittel zum Zweck zu werden. Als er zu Gottéron zurückkehrt, packt ihn nicht nur der sportliche, sondern auch der schulische Ehrgeiz. Mit dem Ziel, Sportlehrer zu werden und Gottérons Konditionstrainer Bruno Knutti nachzueifern, absolviert er zuerst die Berufsmatura, ehe er merkt, dass er vor dem Übertritt an die Universität noch die Passarelle absolvieren muss. Als er diese 2010 trotz höchster Arbeitsbelastung nicht erfolgreich abschliessen kann, nimmt er sich vor, die Prüfung ein Jahr später zu wiederholen. Wie sich schnell herausstellen wird, ein zu ambitioniertes Vorhaben. «Ich hatte gedacht, dass ich das schaffe. Aber dann bin ich ans Limit gekommen. Ich spielte Hockey, ging nach Hause und lernte bis abends spät. Jeden Tag. Bis ich realisierte, dass es so nicht gehen wird. Weder das eine, noch das andere», erinnert er sich. Es ist für ihn der Moment, den bekannten Schritt zurückzutreten, um den nächsten nach vorne zu machen. Abplanalp muss seine Grenzen erkennen. 2012 schliesst er die Passarelle ab, wechselt an die Universität und durchläuft in der regulären Zeit seinen Studiengang: drei Jahre für den Bachelor, drei Jahre für den Master, parallel dazu beginnt er im Sommer 2017 mit dem Lehrdiplom. All dies ist so freilich nur möglich, weil Gottéron seinen Vertrag immer wieder verlängert. Zuletzt im Dezember 2016, mitten in einer Zeit, als das Team defensiv so anfällig war, dass es in die grösste Krise seit Jahren stürzte. «Etwas komisch» möge das schon ausgesehen haben, gibt Abplanalp denn auch zu, verweist aber zu Recht darauf, dass er selbst mit 14 Punkten die produktivste Saison seiner NL-Karriere hingelegt hatte. «Ich bin immer hier gewesen und habe auch nie daran gedacht zu gehen», sagt er bestimmt. Und: «Ich würde 2019 gerne noch einmal verlängern.» Denn nach all den Jahren Akkordarbeit im Glutofen der Emotionen, träumt auch der nüchterne Handwerker vom himmelhochjauchzenden Gefühl. «Mit Gottéron den Titel gewinnen», sagt er, «das möchte ich einmal erleben.»

Background-Portal

Abplanalp

Gottéron-Verteidiger Marc Abplanalp hindert den PostFinance Topscorer des EHC Biels, Gäetan Haas, am Durchkommen. Archivfoto: PHOTOPRESS/Marcel Bieri

Dieser Artikel stammt von der aktuellen Ausgabe des Eishockey-Magazins SLAPSHOT. Bestelle das Hockey-Magazin der Schweiz (8 Ausgaben und 1 Hockey-Guide) jetzt in unserem Shop. Auch die soeben erschienene Ausgabe des Hockey-Guides ist erhältlich.