Kein Sieg, aber Schritt nach vorne

13.11.2017 - Von Fabian Lehner

Einige träumen von einer Olympia-Medaille mit den Winterspielen ohne die NHL. Doch hier muss gleich von Beginn an gesagt werden: Die Schweiz ist kein Medaillenkandidat. Dazu sind die Top-6-Nationen, mit Ausnahme der USA, mit ihren Spielern in Europa deutlich breiter aufgestellt. Das sah man auch an diesem Turnier wieder. Die Medaille ist mit oder ohne NHL für die Schweiz näher gerückt als noch vor zehn Jahren, aber es wäre immer noch eine Überraschung wie die Silbermedaille von Stockholm 2013.

Es ist zwar richtig, seine Ziele hoch zu setzen und alles dafür zu tun, wie etwa wenn der Nationaltrainer Patrick Fischer immer wieder sagt: «Eines Tages werden wir Weltmeister!» Ehrlich muss man aber sagen: Das Viertelfinale bleibt realistisch, alles andere ist Zugabe. Mit den Top-Nationen beim Karjala-Turnier konnte man meistens mithalten und das Argument entkräften, dass man nicht gut genug für dieses Turnier ist, mehr aber nicht.

Die Resultate entsprachen dem Wetter im hohen Norden. Es war kalt, aber nicht so richtig, feucht aber nicht nass, dunkel und trotz der guten Umgebung etwas niederschmetternd. So ähnlich könnte man auch die Leistung der Schweizer betrachten, wenn man nur die Resultate zur Hand nimmt. Zweimal nahe dran, aber alle dreimal verloren. Doch diese Spiele waren auf einem anderem Level, als das es sich die Schweizer von den Vorbereitungsturnieren gewöhnt sind. Das war kein Russland B wie beim Slovakia Cup. Und Kanada und Tschechien sind nicht Weissrussland und die Slowakei. Die Schweiz war hier in der fantastischen Situation, gegen Teams anzutreten, welche es normalerweise in vergleichbarer Qualität erst im Frühling hat. Das dürfen wir nicht vergessen.

«Resultatmässig können wir nicht zufrieden sein. Wir sind sicher nicht in den hohen Norden gereist um dreimal zu verlieren. Spielerisch sieht die Sache anders aus. Bei fünf gegen fünf haben wir teilweise eine sehr gute Falle gemacht und konnten die Spiele ausgeglichen gestalten», sagte der Nationalteam-Direktor Raeto Raffainer. «Die Spiele verloren wir in den Spezialsituationen. Daran müssen wir arbeiten, müssen aber auch die Zeit dafür haben, um daran zu arbeiten. Wir konnten mit dem Team in Biel und dem Team hier jeweils nur einen Tag, auf Grund des engen Spielplans, trainieren. Da haben wir sicher Steigerungspotenzial, aber das können wir aber auch verbessern.»

Wenn man gesehen hat, welches Tempo und taktische Disziplin die Finnen an den Tag legten, ist man nicht verwundert, wieso sie das Heimturnier gewannen. Vom Tempo her konnten nur die Russen mithalten, und vom taktischen am ehesten die Kanadier. Schaut man auf die Kader der anderen Mannschaften, waren das echte Topteams. Anbetracht dessen stimmt die Aussage vom Assistenztrainer Jan Cadieux: «Der Karjala Cup ist ein Riesenvorsprung im Vergleich zum Deutschland-Cup der letzten Jahre.»

Wenn man besser werden will, dann muss man gegen die Besten spielen. Zwei 3:2-Niederlagen gegen Kanada und Tschechien, bei denen man über weite Strecken bei fünf gegen fünf die bessere Mannschaft war, zeigten dies auf. Gegen Russland hielt man zwei Drittel mit, brach aber am Schluss ein, auch weil die Russen davor einen spielfreien Tag hatten. Dadurch werden die Resultate erklärbar, bleiben aber trotzdem ungenügend. Wenn unter dem Strich null Punkte dastehen, dann kann man nicht zufrieden sein. Auch wenn die Leistung über weite Strecken stimmte.

Wo sind die Hebel, die man ansetzen muss? Einerseits das Boxplay und die Disziplin auf internationalem Niveau. Es ist verständlich, wenn man nur einmal Boxplay trainieren konnte, nicht alles optimal läuft, das war bei anderen Teams aber auch so und da gibt es Steigerungspotenzial. Bei der Disziplin kann mehr gemacht werden. Einerseits müssen sich die Spieler bewusst sein, dass international das Regelbuch etwas genauer durchgesetzt wird. Dies wird eine Aufgabe für den Trainerstab und die Spieler zugleich, denn bei den Olympischen Winterspielen wird es nicht anders sein.

«Insgesamt hat man aber gesehen, dass wir besser auf unsere Stöcke aufpassen müssen. International hat der Stock auf Höhe der Hände nichts zu suchen. Das wurde konsequent abgepfiffen und tat uns sehr weh. Da müssen unsere Spieler auf internationaler Stufe von der ersten Sekunde bereit sein und sich umstellen. Das wissen wir. Aber die Stockdisziplin zu verbessern, ist ein fortlaufender Prozess, an dem wir arbeiten», erklärt Raffainer. «Die Spieler welche für uns auf dem Eis stehen müssen sich bewusst sein, dass international die Schiedsrichter absolut nichts tolerieren. Das hat uns den Sieg gegen die Tschechen gekostet. Auch bei den Bullys müssen wir disziplinierter sein. Das sind Themen, welche man gut verbessern kann. Die Arbeit wird uns in den nächsten Wochen und Monaten sicher nicht ausgehen.»

Die Einzelkritik der Spieler gestaltet sich schwierig. Keiner ist so richtig positiv oder negativ herausgestochen. Ausserdem wurden auf Grund der CHL viele Spieler aufgeboten, und nur die wenigsten machten mehr als zwei Spiele. Doch einige möchte ich hier erwähnen.

Jonas Hiller und Gilles Senn hatten beide gute Einsätze, aber keine überragenden. Das ist auch verständlich. Hiller läuft seiner Form noch etwas hinterher und wird sich bis zu Olympia hoffentlich noch steigern. Er könnte der einzige Torhüter sein in PyeongChang, welcher bei den letzten beiden Olympiaden dabei war. Gilles Senn hatte auch ein gutes Spiel, aber auch er war nicht in der Lage, uns zu einem Sieg zu hexen. Doch der junge Davoser konnte von seiner Erfahrung hier nur profitieren. Es besteht also auf dieser Position Grund zur Hoffnung, auch weil mit Leonardo Genoni ein weiterer guter Torhüter gar nicht dabei war und mit Goalies wie Tobias Stephan oder Lukas Flüeler weitere Torhüter bereitstehen.

Tristan Scherwey hat gezeigt, dass er auch auf diesem Niveau ein guter Energiespieler sein kann. Nicht mit der gleichen Durchschlagskraft wie in Bern, aber er kann der Nati sicher helfen. Vincent Praplan zeigte, dass er einer der wenigen Schweizer Stürmer ist aus der heimischen Liga ist, der auch auf internationalem Level das nötige Durchsetzungsvermögen im Slot hat. Anders Ambühl rutscht immer mehr in die Rolle des Energiespielers, doch wenn es sein muss, kann er immer noch mit einem Sololauf etwas erzwingen. Gaëtan Haas beweist weiterhin, dass er seit seinem Wechsel zu Bern nochmals einen Sprung nach vorne gemacht hat. Er war gefühlt der beste Center der Schweizer in Helsinki und Biel.

Fazit: Die Resultate sind ernüchternd, aber nicht gravierend. Die Teilnahme am Turnier ist eine tolle Erfahrung für die Spieler und eine Schritt nach vorne für das Schweizer Eishockey. Wenn es Raffainer gelingt, mit Hilfe der Russen, welche schon seit zwei Jahren die Schweiz gerne mit an Bord hätten, die restlichen Teams der Euro Hockey Tour zu überzeugen, dass die Schweiz mehr als nur ein Gast wegen Olympia war, hat sich das Karjala-Turnier für die Schweiz mehr als gelohnt. Die spielerischen Argumente hat die Mannschaft geliefert, jetzt kann hoffentlich die Politik nach liefern.

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Auszeichnung

Auszeichnungen nach dem letzten Schweizer Spiel: Andrei Zubarev (mit Trainerlegende Vladimir Jursinov) und Gaëtan Haas (mit Nationalteamdirektor Raeto Raffainer) werden als beste Spieler ihres Teams ausgezeichnet. Foto: Vedi Galijas