Servette: Mehr als ein Trainerwechsel

5.9.2017 - Von David Leicht

Nach dem etwas enttäuschenden Viertelfinal-Out gegen den EV Zug geschah im März in Genf, was viele bis dahin als schier unmöglich hielten: Coach Chris McSorley gab nach 16 Jahren an der Bande der Grenat das Zepter ab und amtet fortan als vollamtlicher Sportchef. Der neue Trainer Craig Woodcroft übernimmt dabei eine Mannschaft, die an Tiefe dazugewonnen hat - und die sich den notorisch hohen Erwartungen in der Rhonestadt stellen muss.

Kurz nach der Jahrtausendwende nach Genf gekommen, war Chris McSorley in den letzten Jahren das Aushängeschild des Klubs schlechthin. Er führte die Grenat zuerst in die höchste Spielklasse, danach in mehrere Playoff-Finals. Zwei Mal gewann Genf unter ihm den Spengler Cup und letztes Jahr folgte mit dem Cup-Final ein weiteres Highlight.

Das Ende eines Systems

Hingegen zeigten die letzten Saisons auch deutlich auf, dass das System McSorley den Zenit überschritten hatte. Das auf hohe Intensität und ein möglichst rasches Durchqueren der neutralen Zone (oft auch durch Schüsse auf das gegnerische Tor aus der eigenen Zone) ausgerichtete Spielsystem wurde von den Gegnern unlängst durchschaut und führte im eigenen Lager zu vielen Verletzungen. In der vergangenen Saison konnte der GSHC so in keinem einzigen Spiel in Bestbesetzung und ohne Verletzte antreten.

Ein neues Kapitel

So haben die kanadischen Inhaber des Genfer Clubs, für die eine gänzliche Entlassung von Chris McSorley imagemässig, professionell und finanziell zu teuer gewesen wäre, ihren Landsmann in die Funktion des Sportchefs "transferiert" - und mit Craig Woodcroft (zuvor Dynamo Minsk, KHL; nominiert als Assistenzcoach für das Team Canada an der Olympiade 2018) einen dynamischen und in der Hockeywelt respektierten neuen Cheftrainer verpflichtet. Mit ihm kommt ein neues Spielsystem, das gänzlich auf Scheibenbesitz ausgerichtet ist. Das durchaus kreative und spielstarke Genfer Ensemble soll mehr Raum für Kreativität und Spontanität auf dem Eis erhalten.

Die richtige Mannschaft dazu

McSorley leistete seinen Beitrag dazu, indem er dem neuen Coach Woodcroft ein wettkampfstarkes Team überlässt. Die jungen Zuzüge Tanner Richard und Makai Holdener haben viel Potential, dazu steht mit Kay Schweri, der letzte Saison in Genf sein ganzes Potential noch nicht ausschöpfen konnte, ein weiterer talentierter, junger Anwärter auf eine Breakout-Saison im Kader. Die Offensive wird auch diese Saison Genfs Trumpf bleiben, mit Nathan Gerbe und Nick Spaling stehen zwei NHL-erfahrene Punktegaranten auf dem Eis und mit Cody Almond, Kevin Romy, Damien Riat und Jeremy Wick haben die Westschweizer vier Nationalspieler der vergangenen Saison im Lineup. Was sich aber auch unter Trainer Woodcroft nicht ändern wird, ist das Element Kampf und Härte: Tim Traber, Floran Douay und Neuzuzug Adam Hasani dürften dabei die Hauptrolle innehaben.

In der Verteidigung haben sich die Genfer punktuell verstärkt. Der spielfreudige Schwede Johan Fransson bekommt mit Henrik Tömmernes einen ebenso kreativen Mannschaftskameraden. Letzterer gewann in der vergangenen Saison die Salming Trophy in Schweden (bester Verteidiger der Liga) und war der offensiv produktivste Verteidiger mit 39 Punkten. Die beiden Ausländer werden ergänzt durch mehrere gestandene NLA-Verteidiger: Jonathan Mercier, Eliot Antonietti, Daniel Vukovic, Nationalverteidiger Romain Loeffel (der in der Vorbereitung schon wieder zu Bestform auflief) - und - Rückkehrer und Ex-Captain Goran Bezina. Sein Vertrag wurde vor wenigen Tagen um eine Saison verlängert - es ist Bezinas vierzehnte in Genf - nachdem er bereits die Playoffs der letzten Saison mit den Calvinstädtern spielte.

Die grosse Torhüterfrage

Neben einigen kleineren und mittleren Verletzungen bei Feldspielern dreht sich die grösste Unsicherheit in Genf um die Personalie Robert Mayer: Der Stammtorhüter und defensive Rückhalt erlitt im Sommer bei einen Quad-Unfall schwere Verletzungen, stand zuletzt aber bereits wieder auf dem Eis - hingegen noch ohne Kontakte jeglicher Art. Während der Zeitpunkt seiner Rückkehr nach wie vor offen ist, wird das Genfer Staff nicht müde, zu betonen, wie viel Vertrauen man den Backup-Goalies Christophe Bays und Gauthier Descloux schenkt.

Eine schwierige erste Saisonhälfte?

Obwohl diese zwei Torhüter ihre Tauglichkeit für die oberste Liga mehrmals bewiesen haben, könnte die erste Saisonhälfte für Genf schwierig werden: Das neue Spielsystem, einige Verletzte - dazu hat Coach Woodcroft angekündigt, seine Aufstellung regelmässig rotieren lassen zu wollen. An das müssen sich die Spieler zuerst gewöhnen. Ist dies erst mal abgehakt, hat die Mannschaft durchaus das Potential, mit einer guten zweiten Saisonhälfte für Furore zu sorgen. Und so ist unsere Prognose für Genf-Servette gleich wie in letzten Jahren: In der Regular Season wohl im Mittelfeld, mit jedem möglichen offenen Ausgang für die Playoffs.

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Coach Woodcroft

Mit Craig Woodcroft hat Genf-Servette hat Genf-Servette nach 16 Jahren einen neuen Trainer an der Bande. Foto: Andreas Robanser