Streits Krönung mit dem Stanley Cup

2.8.2017 - Von Martin Merk

Für viele gilt er als bester Schweizer Eishockeyspieler der Neuzeit. Doch auch mit 39 Jahren ist seine Karriere noch nicht vorbei. Mit dem Stanley-Cup-Sieg hat sie aber ihren späten Höhepunkt gefunden. Heute, einen Tag nach dem Schweizer Nationalfeiertag, konnte Mark Streit die Trophäe in seinem Heimatland in Empfang nehmen und darf noch bis morgen mit ihr feiern. Und: Sein Name wird doch noch darauf eingraviert!

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Jeder Meisterspieler hat den Cup einen Tag zu Gute. Der Cup kam heute Morgen am Flughafen Zürich an mit dem Flug aus Stockholm. Davor hatten ihn einige Spieler in Nordamerika bevor die Trophäe nach Moskau, Deutschland, Finnland und Schweden ging. In den nächsten Tagen wird der Cup anlässlich einer 100-Jahre-NHL-Tour in Columbus gezeigt und am Montag ist Sidney Crosby an seinem 30. Geburtstag als Nächster dran. Streit wartete eine Weile, bis er die Trophäe rausnahm. Erst im Rosengarten in Bern machte er den Koffer auf mit den beiden Begleitern und Wächtern der Hockey Hall of Fame.

Zweimal war der "heilige Gral" schon in der Schweiz. David Aebischer gewann ihn 2001 als Ersatztorhüter der Colorado Avalanche hinter Patrick Roy und präsentierte ihn in einem Einkaufszentrum seiner Heimatstadt Fribourg. Martin Gerber verlor 2006 den Platz im Tor während den Playoffs an Cam Ward und gewann den Stanley Cup mit den Carolina Hurricanes ebenfalls ohne Finaleinsatz. Ähnlich ging es Mark Streit, der kurz vor Transferschluss nach Pittsburgh kam und dort als Joker spielte, wenn mal jemand ausfiel, was im Finale nicht mehr der Fall war. Der Freude tat dies aber keinen Abbruch, ging er doch durch dick und dünn mit dem Team.

Hier gibts ein paar Eindrücke aus unserer Facebook-Liveübertragung:

Der Stadtpräsident Alec von Graffenried bereitete Streit einen offiziellen Empfang im Erlacherhof in der Berner Altstadt bevor hunderte von Fans ein Autogramm holten und ein Foto schiessen konnten.

„Er ist ein grosses Vorbild für die Berner und die Schweizer Sportjugend. Mark Streit als ‚Bärner Giu‘ konnte das alles miterleben mit den Pittsburgh Penguins. Bei ihm kommen die Höhepunkte alle nahe beieinander und wir hoffen, dass er die Sportstadt Bern weiterhin in die Welt hinaustragen kann“, sagte von Graffenried, der von Streit ein Penguins-Trikot überreicht erhielt.

Die Höhenpunkte dieses Jahr fanden nicht nur auf dem Eis statt. Anfangs Jahr wurde Streit erstmals Vater. Victoria heisst die Tochter von ihm und seiner Frau Fabienne.

„Die Geburt meiner Tochter Victoria war sicher das schönste Erlebnis, das ich erleben konnte und der Stanley Cup folgte als Höhepunkt meiner sportlichen Karriere“, sagte Streit dazu.

„Ich bin überglücklich. Es ist surreal, dass ich das erleben darf. Ich war schon 12 Jahre in der NHL und kam nie nahe und dann war ich plötzlich zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Ich musste lange warten, bin aber sehr stolz. Ich hatte in meiner Karriere sehr viele coole Erlebnisse, Höhen und Tiefen. Es war ein langer Weg, wenn auch manchmal steinig.“

Streit war nur für einige Woche ein Teammitglied. Er bestritt 19 Partien in der regulären Saison und drei Playoff-Spiele, jedoch keines im Finale. Trotzdem war seine Wertschätzung gross genug, dass er nach dem letzten Finalsieg als einer der ersten Spieler den Pokal von seinen Teamkollegen erhielt. Und nun wurde auch ein Antrag für eine Ausnahme angenommen, damit sein Name auf dem Pokal eingraviert wird. Denn da ihm ein Spiel im Finale fehlte, erfüllte er die Kriterien eigentlich nicht, um automatisch darauf zu landen. Sozusagen ein weiteres Happy End.

„Als Hockeyspieler ist man für immer verewigt und dass ich dies zu dem Zeitpunkt meiner Karriere noch schaffen konnte, ist herrlich. Die Trophäe stellt etwas dar, sie ist mit viel Geschichte verbunden, von mir aus gesehen gibt es im Sport keine schönere Trophäe. Es ist ein Riesenmoment, dieser auch der Familie und Freunde zu zeigen und mit ihnen zu feiern“, sagte Streit.

Dass es immer wieder ein Thema war, dass er nicht spielte, ist ihm durch die Medien bewusst, trübt den Erfolg für ihn aber nicht. „Es braucht mehr als 22 Spieler für so einen Cup-Sieg und jeder musste seine Rolle erfüllen und ich denke ich habe die Rolle so gut wie es geht erfüllt“, so Streit. Seine Mitspieler und sein Club wussten dies sehr wohl zu schätzen, wie man sah.

Vor dem Empfang am frühen Nachmittag verbrachte er die Zeit mit dem Cup zuerst im engsten Familienkreis. Dass er dies in seiner Heimatstadt machen konnten, freut ihn sehr.

„Ich bin ein Heimweh-Berner, auch wenn in den letzten Jahren nicht so viel hier war. Ich bin jeweils im Sommer hier und verbrachte im Rosengarten den grössten Teil meiner Jugend, daher ist es megaschön zurückzukommen und hier zu feiern“, sagte er. Auch die bald sieben Monate alte Tochter fand noch knapp Platz im Cup. „Sie hockte zuerst rein und weinte wie verrückt, aber danach ging es besser und wir hatten ein paar schöne Erinnerungsfotos“, sagte Streit.

Der Tag ist wie eine Krönung einer Karriere, bei der zu Beginn kaum jemand an den Stanley Cup dachte. Streit erhielt bei den Berner Junioren keine grosse Rolle und wechselte zu Fribourg-Gottéron. Dort bestritt er als 18-Jähriger seine ersten NLA-Spiele, kam zweimal an die U20-WM und als 20-Jähriger bestritt er die Heim-WM 1998 in Zürich und Basel. Drei Jahre lang spielte er beim HC Davos bevor er es in Nordamerika versuchen wollte. Er war jedoch nicht gedraftet und die NHL-Scouts nahmen kaum Notiz von seinen Vorzügen, die in der „alten NHL“ mit mehr Härte und weniger Kreativität damals ohnehin nicht gefragt waren. Offensiv-Verteidiger sollten erst einige Jahre später gefragt sein.

Streit spielte bei den Springfield Falcons in der AHL, musste zeitweise aber gar mit der drittklassigen ECHL Vorlieb nehmen. Nach einer Saison brach er sein Abenteuer ab und kehrte 2000 in die Schweiz zurück, spielte fünf Jahre bei den ZSC Lions, holte einen Meistertitel, wurde zum Captain, zum Top-Verteidiger in der Liga und in der Nationalmannschaft. Das war nun auch Musik in den Ohren für die NHL-Scouts. 2004 drafteten ihn kurz vor dem Lockout die Montréal Canadiens in der neunten Runde. Die Lockout-Saison mit NHL-Stars in der Schweiz war seine beste in der NLA. Danach wechselte er nach Montréal, schaffte es auf Anhieb ins Team und spielte 12 NHL-Saisons für die Canadiens, die New York Islanders, die Philadelphia Flyers und nun kurz für die Pittsburgh Penguins.

Den Traum, den Stanley Cup zu gewinnen, hatte Mark Streit als Kind im Gegensatz zur heutigen Jugend nicht, zu weit schien die Liga entfernt. „Die NHL war das höchste aller Gefühle, es gab keinen Schweizer da. In meiner Jugend hat man keinen Gedanken daran verschwendet, dass es ein Schweizer schafft. Man träumte, Eishockeyprofi zu werden. Man träumte in der NLA zu spielen und dann wollte ich in der Nati spielen. Ich war aber immer ein Riesenfan der NHL und verfolgte sie immer. Wenn man dann dort spielt und gar den Cup gewinnt, ist dies ein wunderschönes Gefühl“, blickte Streit zurück.

Viel war geplant heute. Streit verglich die Intensität mit einer Hochzeit, hatte er doch so in der letzten Sommerpause. „Der Tag geht schnell vorbei, man möchte ihn geniessen“, sagte er.

Es folgte eine Autogrammstunde mit den Fans, die vor dem Gebäude Schlange standen. Danach ging es zum Bundeshaus, wo er vom Bundesrat und Sportminister Guy Parmelin empfangen wurde. Am Abend gibt es ein Fest mit Familie und Freunde, rund 100 Gäste wurden eingeladen. Auch die beiden Schweizer der unterlegenen Nashville Predators, Roman Josi und Yannick Weber, wurden eingeladen, wobei Weber in den Ferien weilt. Ob Josi kommen würde, wusste Streit nicht und hat Verständnis für die Situation.

Ob er etwas Verrücktes mit dem Pokal vorhat? „Etwas Flüssiges wird schon noch reingeleert werden, vielleicht etwas Erfrischendes für die Kinder und danach für die Erwachsenen Champagner oder so“, prophezeite er.

Nach der Feier verlässt der Pokal die Schweiz und Streit wird sicher wieder der Vorbereitung auf die neue Saison widmen. Er kehrt nach Montréal zurück.

„Mit der Unterschrift in Montréal schliesst sich der Kreis in meiner Karriere, dort wo ich gedraftet wurde und mich in der NHL etablieren konnte. Ich kenne die Stadt und den Club und freue mich riesig“, sagte er. „Ich hatte dort drei super Jahre. Es war am Anfang sicher schwierig, mich in der Mannschaft zu etablieren. Ich dachte manchmal in den letzten Jahren, dass ich in super Teams spielen durfte und Montréal ist eine der Original-Six-Teams mit sehr viel Geschichte, einer Riesenorganisation. Es ist eine Ehre, für diesen Club zu spielen und nochmals für ihn aufzulaufen, ist eine Riesenfreude für mich.“

Streit erhält zwar mit 700'000 Dollar nur ein Bruchteil dessen, was er sich als Jahressalär gewohnt war, mochte aber in seinem Alter nicht lange warten und Risiken eingehen, als die Anfrage aus der franko-kanadischen Metropole kam. „Wenn man den Free-Agent-Markt anschaut und sieht, dass einer der bekannten älteren Spieler [Jaromir Jagr, Anm.] noch nirgends unterschrieben hat, bin ich sicherlich stolz und froh, dass ich bei Montréal unterschreiben konnte und freue mich drauf“, sagte Streit.

Wie es in Montréal genau aussehen wird, weiss er noch nicht. Der Russe Andrei Markov verlässt die „Habs“ nach 16 Jahren. Man wurde sich nicht einig und weil Markov bei den Olympischen Spielen dabei sein wird, kehrt er nach Russland zurück. Bei Ak Bars Kasan unterschrieb er einen Zweijahresvertrag, der einige Millionen Franken wert sein dürfte. Streit gilt zwar nicht direkt als Nachfolger, zumal der Transfermarkt noch läuft, doch dürfte er eine grössere Rolle erhalten, als zuletzt in Pittsburgh.

„Meine Rolle in Montréal damals war speziell und nun nehme ich es, wie es kommt“, sagte Streit. „Ich habe viel Erfahrung und gehe ins Trainingslager, werde so gut wie möglich spielen und dann werden die Rollen verteilt.“

Der Berner, der während der kommenden Saison seinen 40. Geburtstag feiern wird, machte schon früher klar, dass er seine Karriere in der NHL beenden wolle. Nochmals in die NLA auf die grösseren Eisfelder möchte er nicht. Schliesst sich der Kreis vollständig, so könnte er in einem oder mehreren Jahren seine Karriere in Montréal beenden, wo ihm einst der Einstieg in die beste Liga der Welt gelang.

„Ich bin überglücklich über das Jahr in Montréal und danach schaue ich weiter. Die Karriere wird sicher nicht fünf Jahre weitergehen, das ist ein Fakt. Ich geniesse es und fühle mich fit und bin sehr motiviert diese neue Herausforderung anzunehmen“, sagte Streit.

Doch zuerst darf noch gefeiert werden. Dabei wünschen wir Mark Streit viel Freude und dann „bonne chance à Montréal“!

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Streits Tag mit dem Cup

Mark Streit mit dem Stanley Cup ob der Aare. Foto: Alexander Raemy
 

Ein Kuss auf den "heiligen Gral". Foto: Alexander Raemy
 

Familienfoto mit dem Stanley Cup. Foto: Alexander Raemy
 

Mark Streit präsentiert den Stanley Cup den Fans. Foto: Alexander Raemy
 

Mark Streit und Junioren des SC Bern mit dem Cup. Foto: Alexander Raemy
 

Mark Streit und der Hausherr, Stadtpräsident Alec von Graffenried. Foto: Alexander Raemy
 

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