Audienz beim Verteidigungsminister

13.5.2017 - Von Maurizio Urech

Vor dem Spiel mit den Kanadiern sprachen wir mit dem neuen «Verteidigungsminister» der Schweizer Nationalmannschaft, dem Schweden Tommy Albelin, der mit den New Jersey Devils 1995 und 2003 zwei Stanley-Cups gewann. Seit Juni ist er einer der Assistenten von Patrick Fischer.

Sie müssen nach dem 3:0-Sieg gegen Weissrussland glücklich sein.

Es ist immer schön wenn die Jungs das System richtig umsetzen. Die Weissrussen kamen nur zu 14 Schüssen unser Boxplay war gut und unser Powerplay schoss ein wichtiges Tor. Es ist ein Schritt in die richtige Richtung und darauf können wir für die nächsten Spiel hoffentlich aufbauen.

Gibt es eine genaue Regel wir die Spieler das Forechecking ausführen wollen und wird sich gegen die stärkeren Teams daran etwas ändern?

Falls wir den Gegner an unserer offensiven blauen Linie früh unter Druck setzten können, sind wir aggressiv. Falls aber der Gegner die Scheibe zuerst zurückspielt, müssen wir Geduld zeigen und nicht kopflos agieren. Wir wollen ja nicht, dass wir dem Gegner Freiräume anbieten. Wir wollen in der Mittelzone kompakt stehen. Die stärkeren Teams sind so gut mit dem Puck, dass wir uns nicht erlauben können zwei Spieler «zu verlieren» und dem Gegner eine Überzahl zugestehen. Wir wollen kompakt bleiben und mit unserem Speed angreifen.

Mussten sie ihr System an den «Schweizer» Stil anpassen?

Seit ich in New Jersey Mitte der 80er-Jahre gespielt hatte, fühlte ich mich immer gut, wenn ich aus einer soliden Defensive agieren konnte, intelligent mit der Scheibe umgehen und im richtigen Moment auf offensive umschalten konnte. Auf dieser Ebene kannst du dir nicht erlauben zu spekulieren und in die Offensive zu gehen ohne die defensive Absicherung zu haben. Es gilt also safety first.

Gegen die Slowenen hat die Schweiz einen Vier-Tore-Vorsprung verspielt. Spürten sie auf der Bank, dass etwas Negatives passierte?

Du siehst vor allem, dass wir zu viele Strafen genommen haben, und als Konsequenz davon wurden einige Spieler überbeansprucht. Andere, die auf der Bank waren, wurden aus der Partie genommen. Und die Slowenen haben davon profitiert, zwei Tore geschossen und plötzlich war es ein Ein-Tor Spiel. Wir haben mit dem Team darüber gesprochen. Man kann natürlich nicht drei Strafen nach Fouls in der Offensiv-Zone, alle mit dem Stock, kassieren. In den nächsten Spiele werden diese Strafen sofort bestraft. Auf der Bank ist es nicht einfach zu reagieren. Wenn du als Coach überreagierst, dann werden auch die Spieler nervös. Das Beste ist es die Ruhe zu bewahren und ihnen klar zu machen, einfach zu spielen, gute erste Pässe zu spielen von Stock zu Stock und zu versuchen mit jedem Shift wieder ins Spiel zurückzukehren, aber dies geht nur bei numerischem Gleichstand.

In den Spielen gegen die «Grossen» wird genau das Boxplay noch wichtiger sein. Wie schwierig wird es gegen diese Teams das richtige Mass zu finden zwischen Aggressivität und Passivität?

Wir haben im Boxplay genaue Regeln, wann wir aggressiv sein können und gegen gute Spieler ist es schwierig, diese unter Druck zu setzen, wenn sie den Puck kontrollieren. Es liegt an den Spielern zu sehen wann sie aggressiv sein können, keine leichte Aufgabe, doch laut andere Mannschaften versuchen wir zu lernen, Video zu schauen und den Spielern aufgrund von Szenarien aufzuzeigen wie man am besten agiert.

Sie haben ja selber mit den Tre Kronor an Weltmeisterschaften gespielt. Welches sind ihre Erinnerungen daran und wie ist es hier in Paris als Assistent zu sein?

Ich habe einige sehr gute, aber auch negative Erlebnisse an Weltmeisterschaften. Es begann 1985 in Prag. Es war eine tolle Erfahrung zum ersten Mal auf diesem Niveau zu spielen auch wenn wir gegen das grosse, russische Team Lehrgeld bezahlten und chancenlos waren. Ein Jahr später in Prag verloren wir gegen die Russen im Final. Das Highlight war sicher den Weltmeistertitel, den ich 1997 in Wien gewinnen konnte. Zehn Jahre später standen wir in einem best-of-three Finale gegen Kanada, gewannen die erste Partie, doch dann drehten die Kanadier auf und wir hatten keine Chance. Zum Turnier hier in Paris: Wir hatten einen «soften» Start, da wir nicht sofort gegen die Top-Teams antreten mussten. In den nächsten Spielen müssen wir uns steigern um gegen diese Mannschaften bestehen zu können. Ich sehe gute Signale und bin zuversichtlich, dass wir diesen zusätzlichen Schritt machen können.

Wie funktioniert konkret die Zusammenarbeit mit Patrick Fischer?

Mit ihm und den anderen Mitgliedern des Staff haben wir einen offenen Dialog, wir sprechen viel miteinander und tauschen unsere Ideen aus wie wir spielen wollen. Es ist ein guter Mix, wenn du auf einer Seite einen Coach hast der Stürmer gespielt hat und auf der anderen Seite einen Verteidiger. Er denkt mehr an die Offensive, während es mein Part ist zu schauen, wie ich das Team defensiv stabilisieren kann. Am Schluss treffen wir gemeinsam die Entscheidungen auch beim Aufgebot für diese WM. Wir haben nicht nur an die ersten vier Partien gedacht, sondern an alle sieben Vorrunden-Spiele.

Sollten mehr Schweizer Spieler ins Ausland wechseln um ihr Niveau zu verbessern?

Schwierig zu sagen. Ich kann ja nicht für sie sprechen. Persönlich habe ich nach fünf Jahren in Schweden das internationale Niveau entdeckt und gesehen, dass ich mit den besten Nationen mithalten kann und daher war es für mich die logische Entscheidung in die NHL zu wechseln, wo die besten Spieler der Welt sind. Ich kann nur hoffen, dass weitere Schweizer Spieler den Schritt ins Ausland wagen werden. Es ist besser einmal probiert zu haben um zu sehen, ob man auf diesem Niveau mithalten kann, als später zu bereuen es nicht gewagt zu haben. Man kann ja den Schritt zurück immer noch machen. Mein Spiel war gut für die schwedische Liga aber war besser geeignet für das internationale Niveau. Ich glaube auch in der Schweiz gibt es Spieler, deren Spielweise besser für internationale Eishockey passt und umgekehrt. Jeder Spieler muss dies selber herausfinden. Aber wie gesagt, wenn du die Chance bekommst im Ausland zu spielen, solltest du diese nutzen. Du wirst dich nicht nur als Spieler, sondern auch als Person weiterentwickeln.

Wer ist im heutigen Eishockey der «perfekte» Verteidiger für sie persönlich?

Spontan fällt mir ein Name ein, Drew Doughty von den LA Kings. Er ist sowohl defensiv solid, aber kann auch offensive Akzente setzen. Wenn ich ihn mit Erik Karlsson vergleiche, der tolle Playoffs spielt, dann war Karlsson bis vor zwei Jahren ein reiner Offensiv-Verteidiger. Jetzt hat er begonnen auch defensiv härter zu arbeiten. Doughty hat das komplette Paket. Natürlich steht auch Roman Josi ganz oben auf meiner Liste, eine gute Person, ein toller Spieler, den ich jederzeit in meiner Mannschaft haben möchte. Ich habe schon mehrmals mit ihm gesprochen, er ist ein spezieller Spieler wie man ihn nur selten sieht. Jeder junge Verteidiger hat sein Idol, meins war Björe Salming, einer der ersten Ausländer, der die NHL geprägt hat. Natürlich ist es schön heute als Idol Erik Karlsson zu haben, aber dann muss ich mich auch fragen, ob ich ein Erik Karlsson werden kann und seine Qualitäten habe, vielleicht bin eher einer wie Chris Pronger oder Scott Stevens. Wichtig ist in diesem Fall das Gespräch mit dem Coach, der dir aufzeigen kann, welcher Typ Spieler du bist.

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Albelin

Tommy Albelin ist seit dieser Saison Assistenztrainer und defensives Gewissen für Patrick Fischer. Foto: Andreas Robanser