Hoffen auf eine neue Eishockey-Welle

23.05.13 - Von Martin Merk

Die Silber-Helden sind seit einigen Tagen zurück. Langsam dürfte auch bei ihnen die Freude über Silber der Wehmut der Goldhoffnungen überwiegen. Und im Schweizer Eishockey hofft man, dass dieser Erfolg, den auch Bundespräsident Ueli Maurer in Stockholm als sporthistorisch umschrieb, einen nachhaltigen Boom auslösen könnte.

Mit neun Siegen stiegen die Schweizer in die WM, führten auch im Finale dank einem der vielen starken Torläufen des Verteidigers Roman Josi zwischenzeitlich 1:0. Bis im Schlussdrittel mit einem 1:2-Rückstand war noch alles offen. Entsprechend niedergeschlagen waren die Spieler nach Spielende, konnten sich weder mit den Silbermedaillen noch mit Awards so richtig anfreunden.

Auch der Trainer Sean Simpson war enttäuscht, hob aber auch schnell die historische Gesamtbilanz hervor.

„Was wir für das Schweizer Eishockey erreicht haben, ist eine Sensation. Die ganze Schweiz muss stolz auf die Mannschaft sein. Sie ist ein Vorbild mit diesem Willen, Charakter und Energie“, sagte Simpson. „So nah an einen WM-Titel zu kommen ist super. Wir werden es wieder versuchen. Ich hoffe, dass die Nati jetzt als cool wahrgenommen wird, dass sie attraktives Eishockey spielt und ein Vorbild ist und momentan ist sie es. Wir müssen kämpfen, um nächste Saison wieder auf dieses Niveau zu kommen.“

Auch Verbandspräsident Marc Furrer war der Stolz auf die Mannschaft anzusehen. Sie sei ein Vorbild für die Sportler und Leute in der Schweiz. Man war zwar überzeugt, den richtigen Weg zu gehen trotz der Kritik in den letzten zwei Jahren. „Dass wir aber eine Medaille gewinnen könnten, daran hatten wir nicht im entferntesten gedacht und vor allem in dieser Art und Weise. Diese Konstanz und Qualität der Mannschaft hat uns überrascht“, so Furrer.

Die Euphorie wird wohl eine Weile anhalten und mit der neuen Briefmarke auch weiterverschickt. Schon 1998 gab es einen Boom, als die Schweiz innerhalb eines Jahres von einer B-Nation zum WM-Vierten vor heimischem Publikum in Zürich und Basel wurde. Auch damals ging man mit geringen Erwartungen ins Turnier und überraschte. Es war das erste von 13 Jahren mit Ralph Krueger und der damalige Nationaltrainer konnte über Jahre an diesen Erfolg zehren, die Träume einer weiteren Halbfinal-Teilnahme aber nicht wiederholen. Geschadet hat der damalige Boom aber nicht, wie man heute sieht. Viele der jüngeren Nationalspieler wurden in dieser Zeit ausgebildet. Beim Schweizer Eishockeyverband (SIHF) hofft man auch dieses Mal auf eine nachhaltige Wirkung.

Klar ist, dass dem Verband, aber auch den Clubs bei Verhandlungen um Sponsorenverträge die euphorischen Wochen bestimmt nicht schaden.

„Ich gehe davon aus, dass uns dies in gewissen Verhandlungen hilft, das ist klar“, sagte Furrer. „Man sieht, dass Eishockey ein guter Werbeträger ist. Wir haben keine Skandale, wir spielen korrekt, führen den Sport korrekt aus, das ist wichtig für den Sponsor. Wir haben auch Erfolg und so eine Welle, wie wir sie nun in der Schweiz ausgelöst hat, muss einem Sponsor natürlich auch gefallen.“

Nachhaltigkeit bedeutet aber nicht nur Geld für den Eishockey-Sport zu generieren, sondern auch mehr Leute für den Sport zu gewinnen, sei dies in den Hallen – wo die Schweiz jetzt schon die Nummer 1 in Europa ist – vor dem Fernseher, aber nicht zuletzt auch auf dem Eis. Obwohl die Sportart beim Publikum so beliebt ist, dass sie die meisten Schweizer Sportmillionäre generiert, wird sie verhältnismässig selten ausgeübt. Mit 26'166 registrierten Spielern muss sich die kleine Schweiz zwar auch im internationalen Vergleich nicht verstecken, doch ist die Zahl der Fussballer achtmal höher. Die Hürde, aufs Eis zu gehen und sich eine Ausrüstung besorgen, gilt es bei vielen Eltern und Kinder zu überwinden. Dazu benötigt es aber auch genug Eiszeit.

„Ich hoffe, dass viele Junge zum Eishockey kommen, dass sie sehen, dass es ein lässiger Sport ist bei dem Teamgeist gefragt ist. Ich hoffe wirklich, dass wir im Wettkampf mit anderen Sportarten wieder die Nase vorne haben nicht nur für die Zuschauer, sondern auch bei jenen, die Sport treiben“, sagte Furrer. „Ich hoffe auch, dass es bei den mühsamen Diskussionen um den Bau von Stadien mit Gemeinden, die kein Geld locker machen wollen, einfacher wird und sie sehen, dass die Schweiz ein Hockeyland ist.“

Dass Eisbahnen wie in Huttwil und nun Sissach geschlossen werden, mit Sierre ein Traditionsclub aus der NLB verschwindet und der Bau von Grossprojekten in Zürich und Genf mehr politische Zeit in Anspruch nimmt als erhofft, passt beim nun entfachten Boom nicht so ganz ins Bild. Mit den Projekten in Zürich und Genf hofft man aber auch auf eine mögliche WM-Kandidatur in der Zukunft.

„Wir haben für 2019 oder allenfalls 2020 mal gesagt, dass wir an der Austragung einer WM interessiert wären. Nun haben wir den anderen Ländern erst einmal unser Interesse angekündigt. Wir müssten auch schauen, wo wir das machen würden, aber wir haben ja gute Stadien, die wir WM-tauglich machen können“, so Furrer.

„Wir gehen mal über die Bücher in den nächsten Jahren und rechnen das aus und müssten dies dann offiziell beantragen. Eine WM gibt auch sehr viel Goodwill und Interesse und wenn man eine solche Mannschaft hat sowieso.“

„Stellen Sie sich vor, wir würden so in der Schweiz spielen!“

Das machen wir noch so gerne.

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