Nachwuchs-Sommertendenzen gewürzt mit Tie Domi

19.8.2012 - Von Thomas Roost

Das traditionelle Ivan Hlinka U18-Gedenkturnier ist in jeder Saison das erste grosse Stelldichein im internationalen Junioreneishockey. Über 180 Scouts, GMs und Agenten haben sich für dieses Turnier akkreditieren lassen; dies ein untrügliches Indiz für den Stellenwert dieses immer hochkarätig besetzten Juniorenturniers. Nicht akkreditiert aber anwesend war z.B. der berühmte Ex-Goon Tie Domi, doch dazu später. Nur wenige - falls überhaupt - Vertreter von Schweizer Clubs fanden den Weg nach Piestany/Breclav.

Internationale Hierarchietendenzen:

Die Finnen sind die nächste grosse Eishockeynation, die hart daran arbeitet, den Anschluss an die absolute Weltspitze zu bewerkstelligen. Ihr Juniorenprogramm hat sich sehr positiv entwickelt. Nach wie vor sind die Kanadier, die Schweden und die USA das Mass aller Dinge, mit Abstrichen gefolgt von den Finnen und den Russen. Russland zeigt betreffend Basis-Skills nach wie vor die beste technisch/läuferische Grundausbildung der Spieler, dies zusammen mit den Schweden, aber die Russen weisen nach wie vor teils erhebliche Schwächen im Spiel ohne Scheibe auf. Dies führt dazu, dass sie optisch hoch überlegene Spiele zu oft verlieren. Die Schweden produzieren Jahr für Jahr Weltklassespieler, die USA leben weitgehend von ihrem hochkarätigen Ann-Arbor-Projekt und Kanada ist wie immer: Bei Kanada sieht man immer den einen oder anderen zukünftigen NHL-Starspieler. In diesem Jahr öffnete sich die internationale Bühne vor allem für Nathan MacKinnon, aber auch Curtis Lazar, Jonathan Drouin, Sam Reinhart und vermutlich auch Max Domi, der ungleich talentiertere Sohn des erwähnten Tie Domi, werden eine gute Karriere haben. Ebenfalls noch talentierter als sein auch bei uns bekannter Vater ist der Schwede Andre Burakowsky. Das resultatmässig positive Abschneiden der Tschechen täuscht über die Probleme im tschechischen Nachwuchshockey hinweg. Die vorgenannten Nationen sind gegenüber den Tschechen ein gutes Stück voran und es war schwierig, im effizient harmonierenden Team der Tschechen künftige NHL-Spieler zu lokalisieren. Ganz klar nicht mithalten mit den Besten konnten die Schweizer und die Slowaken.

Die Schweiz:

Nach wie vor leiden wir unter dem Defizit der mangelnden Scheibenkontrolle, der ungenügenden Pass- und Schussqualität und in Teilbereichen auch im Skating. Personell dünn besetzt sind bei diesem Jahrgang vor allem die Defensivpositionen. Die Torhüterleistungen waren durchzogen und die Verteidiger waren überfordert, wenn die gegnerischen Stürmer aggressives Forechecking betrieben haben. Im Sturm zeigten sich einige solide Talente mit reifem Zweiwegspiel (Aeschlimann, Hischier) und dem einen oder anderen Flash (Högger, Fiala). Der 96er Kevin Fiala wird übrigens die nächste Saison in Malmö, Schweden, spielen. Zwecks Weiterbildung nach Schweden zu gehen ist grundsätzlich ein nachvollziehbarer Entscheid. Irritierend nur, dass eine (zu grosse) schwedische Scoutingmehrheit der Meinung ist, dass Malmö auf Juniorenstufe nicht eben eine Topadresse sei. Trotzdem: Kevin Fiala ist sicher ein Versprechen für die Zukunft.

Was ist zu tun? Personelle Konsequenzen zu fordern ist zwar populär, zielt aber am Ziel vorbei. Es ist für die Entwicklung unseres Eishockeys unerheblicher als viele glauben, wer und wie man die U16, U18- oder U20-Teams coacht. Entscheidend wäre eine deutliche Verbesserung der Grundausbildung unserer Spieler und diese geschieht im Alter von ca. 7-12 Jahren. In diesem Bereich sehe ich die grösste Hebelwirkung von Verbesserungen. Wenn die Spieler in die Auswahlteams kommen dann geht es nur noch um "Finetuning". Selbstverständlich muss auch beim "Finetuning" das Beste vom Besten angestrebt werden und das bereits realisierte Stützpunktprojekt sowie die künftige Hockey-Academy in Winterthur sind hierfür wichtige Mosaiksteine. Hingegen kann man grundlegende Defizite in den Altersstufen von 16-20 nur noch schwer beheben. Es müssen Anstrengungen unternommen werden, um die Trainerausbildung für unsere Allerjüngsten noch besser zu machen.

Von meinem ersten Augenschein beim 98er-Jahrgang in Grindelwald war ich nicht sehr angetan. Viele gute Spieler aber (noch) keine herausragenden Talente in Sicht, vielleicht mit Ausnahme des einen oder anderen Goalies. Positiv sind hingegen meine aktuelle Einschätzung der 97er, die sich in Zuchwil mit Deutschland gemessen haben. Dieser Jahrgang macht Hoffnung; es gibt aus heutiger Sicht eine Handvoll vielversprechender Talente und diese Einschätzung gilt auch im internationalen Vergleich. Ich freue mich auf die hoffentlich positive Weiterentwicklung beim 97er-Jahrgang. Noch nicht beurteilen will ich - mit Ausnahme des erwähnten Fiala - die aktuelle U17-Auswahl (Jahrgang 96).

Tie Domi

Das traditionelle U18-Turnier in Piestany/Breclav ist immer auch ein Nährboden für Stories am Rande. In diesem Jahr will ich den Lesern folgendes nicht vorenthalten: Beim Training der Kanadier hat der schwedische Videospezialist Aufnahmen gemacht, was die Kanadier mit gezielten Schüssen in Richtung Kamera quittiert haben. Der erboste schwedische Videospezialist begab sich darauf runter zur Spielerbank und stellte die kanadischen Coaches zur Rede. In der Zwischenzeit schlich sich der Ex-NHL-Goon, Tie Domi, Vater von Max Domi, zum schwedischen Videoequipment und behändigte Kamera und Filmmaterial. Als der schwedische Video-Mann dies bemerkte, kam es zu einem kurzen Handgemenge. Die Kamera fand darauf den Weg zurück in schwedische Hände, nicht aber so das Filmmaterial... Nicht genug damit: Am nächsten Tag versperrten die Kanadier die Wandelhallen des Stadions, so dass die Schweden nicht mehr zur Toilette konnten... Fairerweise muss an dieser Stelle gesagt werden, dass es sich hierbei um die schwedische Version der Story handelt. Die kanadische Version tönt etwas weniger spektakulär. Lustig ist, dass offensichtlich Tie Domi seine Rolle als NHL-Goon in die Zeit nach seiner Spielerkarriere "retten" konnte...

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Fiala

Kevin Fiala, hier gegen den Russen Rinat Valiev, gehörte zu den talentiertesten Schweizern bei der U18-Auswahl. Foto: Andreas Robanser
 



Der Schweizer NHL-Scout Thomas Roost hat die zweite Auflage von "Puck-Dreams - Der steinige Weg in die „Big League“,die legendäre NHL" veröffentlicht und befasst sich unter anderem mit dem Thema Schweizer und die NHL. Er sucht nach Gründen, wieso sich bis jetzt erst sehr wenige Schweizer Spieler in der NHL durchsetzen konnten. Darüber hinaus findet der Leser Erkenntnisse aus der übergeordneten Talentmanagement-Forschung. Wie wird aus einem Talent ein Weltklasse-Performer? Es finden sich wertvolle Tipps für Eishockeytalente und alle die das Ziel haben, in ihrer Disziplin Weltklasse werden zu wollen.

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