Zurück in die Berge in 2022?

24.5.2012 - Von Martin Merk

Das Sportparlament von Swiss Olympic hat am Donnerstagabend einstimmig Ja gesagt zur Kandidatur Graubünden für die Olympischen Winterspiele und die Paralympics 2022. Ueli Maurer und die Sportpolitik wollen die Olympiade zurück in die Berge bringen und zum dritten Mal nach 1928 und 1948 in die Schweiz, zum dritten Mal im Bündnerland. Die Hintergründe und Stimmen zum ambitiösen Projekt.

Die Bündner Kandidatur war letztes Jahr ausgewählt worden und heute haben sich die Sportverbände und sonstige Stimmberechtigte ohne Gegenstimmen und ohne Enthaltungen für das Einreichen der Bewerbung entschieden. Egal ob Eishockey oder Kanu, alle standen hinter dem Projekt. Das Endresultat war 76:0. Vor der Einreichung beim Internationalen Olympischen Kommittee im September 2013 steht jedoch am 3. März 2013 eine wegweisende Abstimmung im Kanton Graubünden bevor.

Zurück in die Berge

Es ist eine Kandidatur, die man getreu dem Motto "zurück zu den Wurzeln" umschreiben kann, denn die einzigen Olympischen Spiele die je in der Schweiz stattfanden waren 1928 und 1948 in St. Moritz. Die Rückkehr in die Berge wäre eine komplette Trendwende zu den Stadtkandidaturen wie zuletzt Vancouver oder Turin, oder in zwei Jahren Sotschi. Man möchte eine Alternative zum "Gigantismus" präsentieren.

"Ein noch grösser, noch umfangreicher, noch aufwändiger sind wir nicht bereit mitzumachen. Wir wollen im Winter dort sein, wo der Winter zu Hause ist", sagt Jörg Schild, der Präsident von Swiss Olympic. "Wir wollen kurze Wege, nicht eine graue Stadt, wo man zuerst zwei Stunden fahren muss zu den Wettkämpfen. Wir sprechen nicht nur von Nachhaltigkeit, sondern streben diese auch an von der Beherbergung bis zum Verkehr. Wir sind uns unserer Verantwortung der Natur gegenüber den nächsten Generationen bewusst."

Diesen Anforderungen kam die Kandidatur Graubünden 2022 am nächsten, welche sich letztes Jahr gegen die Genfer Kandidatur durchgesetzt hatte.

Swiss Olympic möchte eine Kandidatur, die auch neben dem Sport etwas erwirken kann. Die Olympischen Spiele seien gesellschaftlicher Anlass, bei dem es mehr als um Sport gehe.

"Es geht uns darum, einen Grossanlass zu nutzen, um visionäre Projekte anzupacken, die wir sonst nicht anpacken", sagt Schild. "Wir wollen die Welt mit unserer Bergwelt überzeugen mit einer Olympiade mit echten und sorgfältigen Werten für Mensch und Natur. Der Wintersport soll zu seinen Wurzeln zurück. Und Leute und Kinder sollen dazu animiert werden, Sport zu treiben."

Schneeräumung statt Schneekanonen

Der Bündner Gian Gilli ist der Direktor des für die Bewerbung gegründeten Vereins Graubünden 2022, nachdem er eine ähnliche Position bei der Eishockey-WM 2009 in Bern und Kloten inne hatte. Weisse Spiele und kurze Wege sind seine Vorgaben. Während man andererorts Schneekanonen aufbauen musste, plant er bereits mit mehr Schneeräumungsmaschinen, falls es Frau Holle zu gut meinen sollte und der Strassen und Schienenverkehr behindert werden könnte.

St. Moritz wird der Hauptort sein und die Region Davos ebenfalls einige Anlässe erhalten. Die Olympiadörfer sind laut Gilli in St. Moritz Bad und Davos Wolfgang geplant.

Spielstätten im Raum St. Moritz:
Corviglia: Ski Alpin
Olympiaschanze St. Moritz: Skispringen, Nordische Kombination.
Bobrun St. Moritz-Celerina: wird für die Nutzung modernisiert und mit neuen Zuschauerrängen erweitert.
Samedan: neue Multifunktionshalle für Eiskunstlauf, Eisschnellauf, IBC beim Flugplatz, Mitnutzung des Hangars.
Silvaplana: Nordische Kombination

Spielstätten im Raum Davos:
Davos-Bolgen: Snowboard/Freestyle
Davos-Usser Isch: Ski Cross, Slope Style
Davos-Seewiese: temporäre Hallen für Eishockey und Eisschnelllauf, Langlauf-Anlage
Davos-Zentrum: Erweiterung Eishalle, Trainingshalle, Eisschnellauf-Feld
Klosters: Multifunktionshalle für Curling
Davos-Lantsch: Biathlon-Anlage

Eishockey fände also vollständig in Davos statt mit einer neuen temporären Halle auf der Seewiese zwischen Davos Dorf und dem Davosersee mit einer Kapazität für 10 000 Zuschauer. Eine Nachnutzung der Halle ist an diesem Ort nicht vorgesehen, allenfalls an einem anderen Ort. Es würde ein temporärer Busbahnhof und eine temporäre Bahnhaltestelle direkt neben der Halle gebaut. Die bestehende Vaillant Arena mit einer Kapazität für 6930 Zuschauer würde als zweite Halle (z.B. fürs Frauenturnier) genutzt und renoviert. Ein Eisfeld soll überdacht und nachhaltig als Trainingshalle genutzt werden.

Hotels und Infrastruktur stehen

Laut Gilli sei selbst bei strengen Annahmen kein Ausbau der Verkehrsinfrastruktur nötig. Es werden mehr Busse zum Einsatz kommen und die Austragungsorte vom Privatverkehr durch Auswärtige befreit. Die Rhätische Bahn könnte zur Kapazitätssteigerung einen Einbahn-Ringverkehr Chur-St. Moritz-Davos-Landquart-Chur fahren. Fürs Sicherheitskonzept bringt man anhand des WEF und der Euro 2008 erstklassige Erfahrung mit.

Un die Unterbringung, abgesehen der Athleten in den Olympiadörfern? "Innerhalb von 90 Minuten Fahrzeit von St. Moritz und Davos gibt es 35300 Zimmer und 70000 Betten in Hotels, dazu 51100 Betten in der Parahotellerie", sagt Gilli. "Im Vergleich zu Vancouver wird es ein verzetteltes System mit kleineren Einheiten. Trotzdem werden Wege kürzer sein als in Vancouver. In St. Moritz ist es gar Gehdistanz für Athleten."

Positiver Bundesrat

Auch der Bundesrat und Sportminister Ueli Maurer sprach zur Versammlung und lobte die Gründlichkeit und Sorgfalt der bisherigen Arbeit. Der Bundesrat habe das Projekt einstimmig begrüsst. „Es besteht eine positive Grundstimmung im Bundesrat“, so Maurer.

Maurer spricht von Wurzeln, Werte und Weitblick. Aber auch von Wollen, wohl auch in Erinnerung an das Debakel um die verlorene Abstimmung der Kandidatur Bern-Montreux 2010. Damals hatte das Berner Stimmvolk während der Kandidatenselektion durch das IOK der Kandidatur eine Absage erteilt.

"Wir Schweizer werden weit über unsere Grösse wahrgenommen. Die Schweiz muss sich wieder auf ihre starken Wurzeln besinnen", sagt Maurer. "Olympische Winterspiele können eine Bühne sein, um die Leistungsfähigkeit wieder zu beweisen. Es braucht aber eine starke Bewegung."

Als Sportminister hoft er auch, dass sich durch eine Olympiade in der Schweiz der Sport in der Schweizer Gesellschaft weiter verankern würde. Im Gegensatz zu beispielsweise Sotschi muss dafür aber nicht extra etwas aus dem Boden gestampft werden.

"Der Ansatz muss sein, dass die Olympischen Winterspiele Teil eines Entwicklungsprojekt für die nächsten 20 Jahre sind mit dem Event, der zufälligerweise mittendrin stattfindet", sagt Maurer. "Der Wintersport und der Tourismus werden sich verändern. Die Schweiz muss aufzeigen, wie man Tourismus und Sport mit der Umwelt im Gebirge verbinden kann, nicht nur in Graubünden, aber für alle Bergregionen der Welt. Wir können mit unserer Kandidatur den Gigantismus der Olympischen Spiele mit unseren Werten die Spitze brechen."

Will das IOK überhaupt in die Berge?

Doch wollen dies die IOK-Mitglieder, welche dereinst über die Vergabe der Olympischen Winterspiele 2022 abstimmen werden?

"Wenn wir als Bündner uns bewerben wollen, müssen wir uns den Bergen anpassen. Falls das nicht möglich ist, muss das IOK sagen, dass sie nur noch in Städte wollen", sagt der Bündner Regierungsrat Hansjörg Trachsel zum Vergleich der letzten und kommenden Winterspiele. "Eine Rückkehr zu den Bergen anstatt Gigantismus sind auch für das IOK eine Möglichkeit, einen alternativen Weg zu gehen."

"Bei Sotschi hat man gesagt, Putin wolle ein St. Moritz Russlands machen", fügt Schild hinzu. "Wir haben St. Moritz bereits."

Einen kleinen Einblick gab René Fasel, der momentan für das IOK in Québec ist.

"Ich glaube fest, dass die Chance da ist für die Schweiz. Die Leute im IOK wollen wieder mal in die Berge nach den Spielen in Turin, Vancouver und Sotschi", sagt der Präsident des internationalen Eishockeyverbandes IIHF und Mitglied des IOK-Exekutivrats in einer Videobotschaft. "Es ist eine einmalige Chance für den Sport und für die Schweiz. Ich denke wir müssen uns nicht verstecken."

Langer Weg nach Kuala Lumpur

Die Kosten für die Kandidatur werden auf 36 Millionen Franken geschätzt, welche vom Bund (12 Mio. Fr.), dem Kanton Graubünden (6 Mio.), den Gemeinden St. Moritz (4 Mio.) und Davos (2 Mio.) sowie durch Beiträge aus der Schweizer Wirtschaft (12 Mio.) gedeckt werden sollen.

Bei einer Annahme des Bündner Stimmvolkes am 3. März 2013 wird die Bewerbung "St. Moritz 2022" im September 2013 beim IOK eingereicht. Ende 2014 wird das IOK aus den Bewerbern die Kandidaten-Städten auswählen. Die definitive Vergabe erfolgt im Juni 2015 anlässlich der 127. IOK-Session in Kuala Lumpur (Malaysia).

Weitere Bewerbungen sind aus Kasachstan (Almaty/Astana), Norwegen (Oslo), Schweden (Östersund/Åre), Spanien (Barcelona) und der Ukraine (Lwiw) angekündigt. Projektideen gibt es aber auch in China (Harbin), Kroatien (Split/Mosor), Finnland (Tahkovuori, Kuopio, Helsinki), Frankreich (Nizza) und Rumänien (Brasov). Deutschland sieht "derzeit" von einer erneute Kandidatur mit München ab, nachdem man für 2018 den Südkoreanern unterlegen war. Dafür werden in den USA Stimmen über eine Kandidatur laut, etwa mit Denver.

Background-Portal

Ja im Sportparlament

Ueli Maurer, Bundesrat und Sportminister, und Swiss Olympic Präsident Jörg Schild nach der Annahme der Bewerbung durch das Sportparlament von Swiss Olympic. Foto: Martin Merk

Jörg Schild bei der Präsentation der Kandidatur. Foto: Martin Merk