Ein Turnier fürs Selbstvertrauen

14.11.2022 - Von Martin Merk

Beim Karjala-Turnier und der Euro Hockey Tour sind die Schweizer für zumindest zwei Jahren unter den besten Teams Europas. Der Start mit dem zweiten Rang in Turku ist auch einer fürs Selbstvertrauen.

Unter Patrick Fischer möchte die Nationalmannschaft höhere Ziele anstreben. Und immerhin schaffte man es ja in den letzten zehn Jahren zweimal ins WM-Finale, 2013 und 2018. (Wer hier ein Muster erkennen will, kann für die WM 2023 optimistisch sein.) In den übrigens Weltmeisterschaften und drei Olympischen Spielen in diesem Zeitraum schaffte es das Herren-Nationalteam nicht zur absoluten Weltspitze, sondern schied meistens im Viertelfinale aus, manchmal unglücklich, manchmal auch unnötig.

Dass man nun zwei Jahre lang öfters gegen die Top-Nationen Europas spielen kann, soll helfen ein siegreiches Team für die WM aufzubauen. Für Hockeyfans und Experten war es ein interessanter November-Zusammenzug, denn das Nationalteam war nicht experimentell, wie oftmals beim Deutschland Cup, sondern nahe an der bestmöglichen Auswahl am Spielermaterial aus der National League. Und diese spielte gegen die „Grossen“ mit viel Selbstvertrauen, hielt die Spiele knapp, wendete Rückstände, erreichte in allen drei Spielen ein 2:2-Unentschieden nach 60 Minuten und beendete zwei der drei Partien siegreich.

„Das Selbstvertrauen kommt durch Vorbereitung und wir haben uns in den letzten Jahren gut geschlagen gegen Top-Nationen. Wir gehen ohne Allüren aufs Eis. Das ist die einzige Einstellung, die man haben kann. Früher waren wir sicher scheuer“, sagte Fischer.

Am Ende schaute ein zweiter Rang heraus mit der gleichen Anzahl Punkte und der gleichen Tordifferenz wie die Schweden. Jeder Punkt war verdient, denn durch Forechecking erkämpften sich die Schweizer mehr Chancen als die Gegner. Einzig bezüglich Strafen waren die Schweizer etwas weniger diszipliniert als ihre Gegner, wobei zehn kleine Strafen in drei Spielen nicht viel sind. Es resultierten aber drei Gegentreffer daraus (gegenüber einem geschossenen Powerplay-Tor). Ärgerlich war vor allem der Siegestreffer der Schweden durch eine geschenkte Strafe, der die Sieglosigkeit der Schweizer gegen diesen vermeintlichen Angstgegner auf neun Spiele ausweitete.

„Wir wollten natürlich Erster sein, aber hier Zweiter zu sein ist eine gute Sache. Wir kamen zweimal zurück um das Spiel zu gewinnen. Wir wuchsen Spiel für Spiel“, sagte Fischer und war über das gestrige Spiel gegen Tschechien am glücklichsten. „Wir gestanden ihnen wirklich wenig zu, sie hatten enorm Mühe mit unserem Forechecking. Die Art und Weise gefiel mehr. Jeder wollte alles richtig machen und in die Mannschaft reinkommen. Sie kämpften füreinander und standen füreinander hin. Das ist der einzige Weg zum Erfolg und wir haben es drei Drittel gemacht.“

Auch wenn man seit dem WM-Silber von 2018 viermal in Folge eine Halbfinal-Teilnahme verpasst hatte, liess das Nationalteam spüren, dass diese nicht im Bereich des Unmöglichen ist. 2019 fehlte gegen Kanada ein Sekundenbruchteil fürs Weiterkommen, 2021 hätte man gegen Deutschland eigentlich weiterkommen müssen und 2022 scheiterte man als Gruppensieger. Wie man die wichtigen Spiele gewinnt, soll auch durch Duelle wie jene in Turku gelernt werden. Im Turnier simulierte man mental eine WM-Finalrunde: Weiterkommen gegen Finnland, eine Niederlage im „Halbfinale“ gegen Schweden, ein Sieg um „Bronze“ gegen Tschechien.

„Wir wissen, dass wir gut sind. Klar haben wir in den letzten Jahren Viertelfinalspiele verloren, daraus müssen wir lernen. Wir müssen lernen, die wichtige Spiele zu gewinnen. Das war unsere Herausforderung. Wir wollten das letzte Spiel gewinnen“, sagte Fischer.

Als Kernwerte strich er die „Team first“-Mentalität und die Intensität des Spiels heraus. „Wir werden nie ein talentierteres Team haben als die besten Mannschaften der Welt. Wir müssen das über den Kampf, die Leidenschaft und Intensität wettmachen. Das weiss auch jeder und wenn er es nicht macht, ist er nicht in unserer Mannschaft“, so Fischer. „Wir zeigten Charakter, indem wir einen Rückstand mehrmals aufholten. Das gibt ein gutes Gefühl für uns. Wir müssen lernen bei den engen Spielen gegen Top-6-Nationen weiter zu drücken und dann wird man belohnt.“

Einzelne Spieler wollte Fischer dabei nicht hervorheben. Es gab Sieger wie auch Verlierer, mehr von ersterer Sorte. Hervorheben kann man sicher Andres Ambühl. Trotz der Verjüngungskur bleibt der 39-jährige Jungbrunnen im Team, fiel nicht nur durch sein 300. Länderspiel auf, sondern war auch Topscorer seiner Mannschaft mit drei Punkten. Sein Jubiläumsspiel war sein Bestes und er bekam auch am meisten Eiszeit aller Stürmer. Sven Andrighetto und Grégory Hofmann zeigten als Arrivierte was man sich von ihnen erhofft. Der etwas weniger prominente Sven Senteler fiel vorne aktiv auf und war der beste Bullyspieler der Schweizer. Tyler Moy sorgte, obwohl er weniger Eiszeit erhielt, ebenfalls für viel Gefahr. In der Abwehr setzte Fischer vor allem auf Patrick Geering, Tobias Geisser, Dean Kukan und Christian Marti, wobei Roger Karrer mit 4:1 die beste +/- Bilanz im Team hatte. Man könnte hier auch mehr Spieler aufzählen, was für eine Leistungsdichte im erweiterten Nationalmannschaftskreis spricht, die man so vor etwa 20 Jahren noch nicht hatte.

„Wir haben einige offensive Spieler, die viel geleistet haben. Was mir aber auch gefiel ist, und das erwarte ich, dass defensiv gut gespielt wird, dass sie hinten gut zu machen und offensiv kreieren. Wir sahen, dass wir zwei gute Torhüter hatten, dass wir Verteidiger hatten, die gut verteidigt hatten. Wir kriegten sechs Tore [in regulärer Spielzeit], davon waren drei im Powerplay. Es war unser Ziel, dass wir nicht mehr als zwei Tore kassieren wollen“, so Fischer.

Gutes Verhältnis mit Clubtrainern

Was man sich vor dem Turnier fragte war auch, wie Fischer und die Clubs mit der neuen Situation um die Euro Hockey Tour umgehen. Denn die Aufnahme verpflichtet die Schweiz auch zu Leistungen und dass man mit konkurrenzfähigen Teams kommt. Ein „Prospects-Team“ wie früher in der einen oder anderen Länderspielpause wird nicht drin liegen. Mit bestmöglichen Auswahlen anzureisen war früher eigentlich normal, doch weil die Clubs immer mehr Spiele wollten, sind Länderspiele und Aufgebote dafür bei ihnen mässig beliebt. Wenn man über den eigenen Gartenzaun hinausdenkt, sind Erfolge der Schweizer Nationalmannschaft aber auch für die Liga wichtig. Eine international stark positionierte Nationalmannschaft macht die Sportart populärer und wenn sich die Spieler bei solchen Turnieren weiterentwickeln, kommt dies auch dem spielerischen Niveau und den Clubs zu Gute. Das Verletzungsrisiko besteht natürlich, beim Karjala-Turnier erlitt aber zum Glück niemand ernsthafte Blessuren.

Druck von den Clubs gibt es aber offenbar nicht. Vielmehr nimmt die Führung des Nationalteams auf die potenzielle Belastung von Spielern Rücksicht und hofft so einen Aufschrei der Clubs zu vermeiden. So bestritten die meisten Spieler der ZSC Lions und des EV Zug nur zwei von drei Spielen um im Hinblick auf die Champions Hockey League Energie zu haben. Einige Spieler flogen bereits gestern mit einem knappen Zeitplan via München in die Schweiz zurück anstelle des Montagmorgenflugs von Helsinki.

„Ich möchte, dass sie eine gute Leistung bringen werden und deswegen nur zweimal spielen. Es ist ein Geben und ein Nehmen. Unsere Spiele hier sind wichtig, aber die Spiele in der Champions Hockey League sind auch wichtig für unser Land, so dass wir dort überzeugen und hoffentlich eines Tages die CHL gewinnen können. Das gäbe auch einen Boost. Daher nehmen wir auch Rücksicht auf sie“, erklärte Fischer. „Das wurde uns nicht gesagt, das kam einfach von uns aus. Ich habe auch ein super Verhältnis mit den Trainern der Clubs, daher ist es mir wichtig, dass sie auch eine Mannschaft haben, die nicht müde ist. Es ist ein gemeinsames Ziel. Für die Clubs müssen die Spieler im April in den Playoffs fit sein, für uns im Mai an der WM. Darum gibt es eine gute Kommunikation.“

Planungen für das Heimturnier und Februar

Das Aufgebot für das Heimturnier nächsten Monat in Fribourg wird auch von der Situation der CHL-Teams abhängen.

Wahrscheinlich wird aufgrund des zum Turnier zeitnah gelegenen Spengler Cups auf Spieler des HC Davos und des HC Ambrì-Piotta verzichtet. „Aber es gibt immer Spieler, die verletzt waren und für die es gut sein kann, wenn sie spielen. Wir werden individuell mit den Clubs schauen, was am besten ist für die Spieler“, sagte Fischer dazu.

Ansonsten ist zu erwarten, dass die Schweizer mit dem bestmöglichen Team antreten und ihre Ambitionen vor heimischem Publikum unterstreichen werden.

Im Februar, wenn die Schweizer ein Spiel des Turniers in der neuen Swiss Life Arena in Zürich und die beiden weiteren im schwedischen Malmö bestreitet, möchte Fischer auch weniger erfahrenen Spielern eine Chance geben. „Wir werden eine jüngere Mannschaft haben mit erfahrenen Elementen“, so Fischer.

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Coach Fischer


Patrick Fischer hinter der Schweizer Bande beim Karjala-Turnier in Turku. Foto: JustPictures / Vedran Galijas