„Zeigen, dass wir hier hingehören“

11.11.2022 - Von Martin Merk

Die Schweiz wurde anstelle Russlands in die geschlossene Gesellschaft der grossen vier europäischen Eishockeynationen der Euro Hockey Tour aufgenommen mit Finnland, Schweden und Tschechien. Nationalmannschaftscaptain Andres Ambühl und der Trainer Patrick Fischer sprachen mit uns über diese neue Ära für das Nationalteam.

„Okay“, sei das Spiel gewesen, sagte Andres Ambühl, bevor er sich auf Nachhaken eines Journalisten auf „gut“ korrigierte. „Es ist cool, wenn man gegen Finnland gewinnen kann.“

Donnerstagnacht in Turku. Die Schweiz hatte soeben Finnland besiegt. Den Olympiasieger und Weltmeister dieses Jahres. Auf dessen Eis, an dessen Turnier der Euro Hockey Tour, das Karjala-Turnier. Also eigentlich eine Sensation. Nur ist es halt das Karjala-Turnier und nicht das WM-Finale. Aber immerhin. Die Schweiz hat sich von ihrer guten Seite gezeigt und genau das will die Mannschaft auch zum Start einer neuen Ära.

„Es ist etwas vom Besten, was hat passieren können für das Schweizer Hockey. Wir durften hier schon vor der Olympiade in PyeongChang (2018) spielen. Es ist wichtig, uns mit solchen Gegnern zu messen um einen Schritt vorwärts zu kommen“, sagte Ambühl.

Für Finnland, Schweden und Tschechien sind Spiele gegen Russland tabu, zu gross ist der moralische und politische Druck, zu geächtet das Land aufgrund der Invasion in der Ukraine, zu vernetzt das russische Eishockey mit dem Kreml. Deswegen haben Finnland, Schweden und Tschechien auch Russland aus der Euro Hockey Tour ausgeschlossen und zusammen mit der Schweiz und anderen Eishockeyverbänden offene Briefe geschrieben. Für 2022/23 und 2023/24 nimmt deswegen die Schweizer Nationalmannschaft den Platz der „roten Maschine“ ein, wie sich das russische Nationalteam auch nennt. Und die Schweiz übernahm schon im ersten Spiel in weiss und rot die Rolle des Spielverderbers beim Gastgeber Finnland mit dem wohlverdienten 3:2-Sieg nach Penaltyschiessen.

„Für dass wir hier reingerutscht sind, wollen wir auch zeigen, dass wir hier hingehören und nicht nur hier sind, weil Russland fehlt, sondern dass wir hier sind, weil wir Hockey spielen können und gut sind“, stellte Ambühl klar. „Das wollten wir zeigen und das ist uns gelungen, aber es sind noch zwei Spiele und dann müssen wir es wieder zeigen.“

Für das Nationalteamprogramm ist es eine neue Ära. Sich öfters mit den Grossen zu messen – daran können die Spieler wachsen. Davon profitiert die Nationalmannschaft, aber auch das Schweizer Eishockey als Ganzes kann sich so weiterentwickeln. Um mithalten zu können, müssen die Schweizer aber mit ihrer bestmöglichen Auswahl kommen. Wie zu alten Zeiten. Arrivierte Spieler werden damit öfters aufgeboten statt nach „Prospects“ zu suchen und mit diesen zu Turnieren zu reisen wie früher nach Deutschland oder in die Slowakei.

Der Nationaltrainer Patrick Fischer war zufrieden nach dem Sieg. Es hörte sich wie nach einem wichtigen Spiel an, wenn man ihm zuhörte, auch wenn die Schweizer hier (zu Unrecht) grösstenteils in Abwesenheit ihrer eigenen Fans und Medien spielen. „Herz war der Schlüssel zum Sieg. Wir haben gekämpft. Die Finnen kamen und wir konnten und schnell an sie gewöhnen“, sagte Fischer. „Wir standen nicht zurück, kämpften, gewannen Zweikämpfe, das ist sicher ein Grund. Wir wussten, was wir benötigen um auf diesem Niveau zu spielen. Man muss bereit sein, sonst wirst du überfahren. Wir haben uns das erarbeitet, jeder kämpfte für jeden Zentimeter.“

Fischer freut sich auf diese neue Ära, die sich im Idealfalls auch bemerkbar machen wird, wenn die Schweiz an einer Weltmeisterschaft auf einen Grossen trifft, wenn sie erstmals seit WM-Silber 2018 wieder ins Halbfinale vorrücken will.

„Wir sind unglaublich dankbar, dass wir hier sein können auch wenn die Umstände, hier mitmachen zu dürfen, traurig sind. Es ist für uns als Team enorm wertvoll. Es ist ein super Turnier, mit starken Gegnern, einem guten Ambiente. Wir wollen hier kommen um jedes Spiel zu gewinnen, egal wer der Gegner ist“, sagte Fischer über das Gefühl Teil der Euro Hockey Tour zu sein. „Es war ein hart umkämpfter Sieg und wir sind stolz. Als Coach kannst du nur eines verlangen, dass die Mannschaft alles gibt und das hat sie definitiv gemacht.“

„Wir versuchen in den letzten Jahren uns gegen die Top-6-Mannschaften besser durchzusetzen. Wir kommen näher, wir müssen die Siegesquote raufbringen. Wir gewinnen etwa jedes dritte Spiel und wir müssen auf 60, 65 Prozent rauf, wenn wir um eine Medaille spielen wollen. Nun konnten wir die Finnen zweimal in Folge schlagen. Das macht mich stolz, denn die Finnen sind eine absolute Top-Mannschaft im Eishockey.“

Die zwei Saisons in der Euro Hockey Tour sind für die Schweiz eine Bewährungsprobe, immerhin wurde ihr der Vorzug gegeben gegenüber Ländern wie Deutschland oder der Slowakei. Die Schweizer möchten gerne langfristig diesem erlesenen Kreis angehören und falls Russland dereinst zurückkehren sollte, eine Aufstockung erreichen.

Teamcaptain Ambühl war nach seinem 298. Länderspiel auch glücklich darüber, wie das Team auf und neben dem Eis auftritt.

„Wir wollen offensiv spielen und kreieren, aber trotzdem die Defensive nicht vernachlässigen. Das haben wir gemacht. Wir sind stolz darauf, dass wir auch hinten gut aufpassen und nicht nur nach vorne rennen. Wir harmonieren als Team, haben das selbe Gedankengut, wenn es ums Hockeyspielen geht“, sagte Ambühl nach einem Spiel, in welchem die Schweizer nicht bloss das Glück auf ihrer Seite hatten, sondern auch mehr Chancen erspielte als Finnland.

In der Offensive und im Spielaufbau sieht man im Schweizer Spiel aber durchaus Steigerungspotenzial.

„Beim Spiel mit der Scheibe haben wir das Potenzial noch mehr zu machen anstatt diese wegzugeben“, so Ambühl.

„Mit der Scheibe könnten wir mehr Druck machen“, stimmte Fischer überein. „Manchmal gaben wir die Scheibe weg, da können wir bessere Lösungen finden.“

Gelegenheit dazu gibt es bald. Morgen Samstag trifft die Nationalmannschaft auf Schweden und am Sonntag auf Tschechien. In deren Begegnung, welche im tschechischen Budweis stattfand, gewannen die Schweden dank eines Hattricks von André Petersson.