ZSC im eigenen Heim

19.10.2022 - Von Martin Merk

Lange haben sie davon geträumt, doch nun haben die ZSC Lions endlich ihr eigenes Zuhause und damit hat ein neues Kapitel Zürcher Eishockeygeschichte begonnen. Die Eröffnung, die lange Geschichte hinter dem Bau der Halle und das Gefühl in der neuen Swiss Life Arena.

Beim Bahnhof Altstetten herrschte ein friedlicher Ausnahmezustand als sich Menschenmassen der Vulkanstrasse entlang auf dem Weg zur Premiere machten. Dort entlang der Bahnlinie von Zürich Richtung Basel und Bern, von wo aus man seit einigen Wochen bereits den neuen Hockeytempel aus dem Zugfenster erblicken konnte.

Die Autofahrer, die an den Seitenstrassen einbiegen wollten, konnten einem schon fast leidtun, für sie war das Durchkommen etwa so ein schwierig wie zu Ferienbeginn vor dem Gotthardtunnel. Der laut Google Maps zehnminütige Fussweg dauerte mit den Menschenmassen gut doppelt so lange, was an diesem lauwarmen Herbst nicht weiter störte. Auf dem Weg ein bisschen Guerillamarketing. Ein Bierstand hier, einer dieser orangen Grossverteiler dort, der den ZSC Lions eine erfolgreiche Saison wünscht mit einem Biberli beschriftet mit «Wir bib(b)ern mit ihnen mit».

Lange vor dem Spiel kam es auf dem Eis zu einer Zeremonie, welcher die Fans statt dem üblichen Warmup folgten und die mit dem Sechseläutenmarsch eingeläutet wurde. Nicht übermässig pompös, ohne Popstars, dafür feierte der Club sich selbst und seine Geschichte. Ganz Eishockey also. Die Popstars bleiben im Hallenstadion.

Walter Frey stand 40 Minuten vor dem Anpfiff mit Stolz auf dem Eis. Nervös und froh sei er, erzählte wie er mit Unternehmerkollegen zusammensass und beschloss etwas bauen zu wollen. Der Patronkollege Peter Spuhler betonte, dass die Arena auch ein Begegnungsort sein soll, wo man sich schon weit vor dem Spiel mit Familie, Freunden und Fans treffen soll wie er es bei Spielen der Fussball-Bundesliga sah. Die drei grossen Investoren, zu ihnen gehörte auch Rolf Dörig vom Namensgeber Swiss Life, standen zu Beginn der Zeremonie zu dritt im Anspielkreis.

Die verschiedenen Meistertitel liess man auf dem Videowürfel Revue passieren – und mit Meisterhelden auf dem Eis. Die Meisterbanner, die später hochgezogen werden sollten, wurden von ihnen aufs Eis getragen, beginnend mit dem 99 Jahre alten Heinz Hinterkircher, Held des zweiten Meistertitels von 1949. Legenden aus Zürich, doch auch von weiter hergereist wie Marc Crawford. Und als sich der eine oder andere Fan schon fragte, ob da nicht einer vergessen ging, kam zum Schluss auch Mathias Seger aufs Eis, der später mit Sulander für den symbolischen Puckeinwurf verantwortlich sein sollte und seine Nummer unters Hallendach gehoben sah. Die Banner bleiben auch dort und müssen nicht wegen anderer Events runtergeholt werden wie im Hallenstadion. Hier hat der ZSC das Sagen.

«Die Arena ist fürs Eishockey gebaut. Die Fans sind wo sie sein sollten mit den Hardcorefans hinter unserem Tor für zwei Drittel, das ist toll. Es ist eine tolle Atmosphäre», sagte der ZSC-Trainer Rikard Grönborg. «Es ist ein tolles Geführ hier hinter der Bank zu sein. Es ist nun unser Gebäude. Unser Name steht hier überall. Und alles ist für uns unter einem Dach, wir müssen nicht ständig den Ort wechseln.»

Rund zwei Jahrzehnte, nachdem sich die ZSC-Fans mit der Fusion und dem Beinamen Lions anfreunden mussten, brachte die Saison 2022/23 mit dem Umzug Neuerungen mit sich. Dass man nach 72 Jahren im nordöstlichen Quartier Oerlikon nach Altstetten in den Westen zog – damit vermochten sich anfänglich nicht alle anzufreunden. Der Saisonkartenverkauf war denn auch eher gut als dass einem die Bude eingerannt wurde, doch für die Premiere war die Arena bis auf den letzten Platz gefüllt und die Tickets schnell vergriffen. Und dies zurecht.

Mit dem grössten Videowürfel in einer europäischen Sporthalle haben die ZSC Lions geworben und diese sieht in der Tat wie in einer der neueren NHL-Arenen aus. Die Tribünen sind sehr steil und sorgen für eine gute Sicht aufs Eisfeld – also etwa das Gegenteil vom Hallenstadion. Und die Hardcorefans sind nicht mehr im dritten Rang, sondern haben – auch dies ein Zürcher Novum – eine Stehplatzkurve, den Limmat-Block. Damit wird der ZSC fast ein bisschen wie ein «normaler» Club, was die Halleneinteilung anbelangt, einfach etwas grösser. Der Stimmung tat dies gewiss keinen Abbruch, es ging mit richtiger Eishockeyatmosphäre los, zumindest wenn man auf jener Seite nahe zur Stehplatzkurve das Spiel verfolgte, dort, wo die Stimmung nun konzentrierter daherkommt.

Doch nicht alles ist anders. Einen gewissen ZSC-Charme hat man die sieben Kilometer westwärts mitgenommen. „Jetzt hets gschället“, heisst es auch in der Swiss Life Arena bei einer Strafankündigung. Ein getunter Sechseläutenmarsch ist der – bereits früh abgespielte – Torsong. Das historische Tor erzielt hatte Denis Hollenstein, der einst angefeindete «Überläufer» aus Kloten, den die Fans mittlerweile ins ZSC-Herz geschlossen zu haben scheinen. Und auch in der Swiss Life Arena herrscht Wohnzimmertemperatur. Die Jacke konnte man (noch) getrost ausziehen. Dazu gab es Essen, Bier und Wein aus der eigenen Gastronomie bis hin zum ZSC-Burger.

«Wenn man das erste Mal hier rausläuft und die Tribüne voll ist, ist das sehr schön. Die Leute sind näher, es ist anders als im Hallenstadion, so wie wir es sonst auswärts kannten», bilanzierte Hollenstein nach dem ersten ZSC-Auftritt im neuen Daheim. Dass er als erster Torschütze in die Geschichte eingeht, wollte er nicht überbewerten. «Es ist lässig, das erste Tor geschossen zu haben, aber es hätte auch jeder andere sein können. Wichtig ist, dass wir gewonnen haben und dass wir gutes Hockey liefern können.»

Von Gänsehautstimmung sprach vor dem Spiel Chris Baltisberger, der aufgrund seiner Sperre bloss in der Zeremonie aufs Eis durfte. Und auch seine Teamkollegen, die beim 2:1-Sieg gegen Fribourg-Gottéron spielten.

«Wir waren ja schon in der Halle und ich habe mir immer vorgestellt, wie es dann ist, wenn sie voll sein wird. Ich war auch schon zuoberst. Zu Beginn hatte Ich Gänsehaut», sagte der Captain Patrick Geering nach dem Spiel. «Für diese Emotionen ist Eishockey gemacht. Diese Momente mit den Fans schätzt man, nach der Coronazeit umso mehr. Es ist ein Privileg in so einer Halle Eishockey zu spielen und das Logo auf der Brust zu tragen.»

Bis man nach Jahrzehnten im alten und neuen Hallenstadion umzog, musste einiges an Arbeit getätigt werden. 2008 berichteten wir erstmals über die Suche nach einer neuen Heimat, denn im Hallenstadion fühlte man sich eingeengt, konnte neben dem Eis kein Geld erwirtschaften wie die Konkurrenz. Gesucht wurde zuerst eher noch weiter nördlich, es gab zeitweise auch die Idee eines Kombistadions für Fussball und Eishockey auf dem Hardturm oder – für manch einen Fan undenkbar – einer gemeinsamen Halle mit dem EHC Kloten zwischen den Standorten. 20 Areale sollen im Gespräch gewesen sein in und nahe der Stadt. 2010 entschied man sich dann für das Grundstück in Altstetten, hoffte ursprünglich 2015 eröffnen zu können.

Es sollte länger dauern. Zürich ist ein hartes Pflaster für Sportstätten. Dass es Jahre später doch noch klappte, ist auch der Beharrlichkeit des CEO Peter Zahner und der Patrone im Hintergrund zu verdanken. Insbesondere wenn man bedenkt, dass nur zweieinhalb Kilometer stadteinwärts das Hardturmareal brach liegt. Dort wurde das traditionsreiche Fussballstadion der Grasshoppers abgerissen. 2008 hätte ein Fussballtempel für die Europameisterschaft stehen sollen, der es mit jenen in Basel oder Bern aufnehmen soll. 14 Jahre später steht auf der Brache höchstens mal ein Zirkuszelt, statt Bier zu Fussball gibt es hie und da ein Streetfood-Festival. Das Wort «Schattenwurf» der Beschwerdeführer schaffte den Einzug in den Zürcher Wortschatz mit Potenzial zum Unwort des Jahres.

Was den Fussballern misslang – man hofft in ein paar Jahren doch noch ein runterdimensioniertes Projekt zu bewerkstelligen – gelang den ZSC Lions besser und schneller. Sie fanden in der einsprachenbegeisterten Stadt Lösungen etwa für die Schrebergärten, gingen bei Parkplätzen Kompromisse ein – nur deren 350 durften gebaut werden – stemmten die Finanzierung ohne gross die Stadtkasse zu belasten. 56,6 Prozent der Stadtbevölkerung stimmte schliesslich für das 120 Millionen Franken teure Darlehen für den rund 207 Millionen Franken teuren Bau und einen Betriebsbeitrag im Sinne der Nachwuchs- und Breitensportförderung.

«Es ist eine Erleichterung. Der Respekt war hier, dass vielleicht etwas in die Hosen gehen könnte oder technisch nicht funktioniert, aber letztlich war alles auf die Sekunde geplant und klappte. Die Stimmung für das erste Spiel ist bombastisch», erzählte uns Zahner während der zweiten Drittelspause. Er, der als CEO eher im Hintergrund wirkt, hatte nach jahrelanger Arbeit seinen grossen Tag, kann nun mit den Lions wirtschaftlich ernten, was mühsam gesät wurde und bekam viele Zurufe als er sich das Spiel von verschiedenen Perspektiven anschaute.

«Ich merkte wie die Leute das schätzten und bin erleichtert, dass es zustande kam. Man hat andere Clubs bewundert, die neue Stadien bauten, tolle Arenen bauten. In der Schweiz ist bezüglich Hockeyinfrastruktur viel geschehen. Wir hatten im Hallenstadion gelitten bezüglich Termine, Gastronomie, Namensrechte, Vermarktung. Nun haben wir unser eigenes Zuhause, sind alle unter einem Dach, man sieht sich, die Spieler sind hier, das Büro ist hier. Wir haben eine coole Umgebung.»

12‘000 Zuschauer finden Platz in der gefüllten Halle, darunter eine Stehplatzkurve für 1500 Fans, aber auch 2190 gastronomisch bediente Plätze. Etwas über 8000 Saisonkarten wurden verkauft. Das ist ein neuer Clubrekord und etwas mehr als im Rekordjahr 2018/19 mit 7800 Karten. Darauf lässt sich bauen.

«Für uns ist 8000 fast perfekt, eine Saisonkarte ist ja 20-30 Prozent günstiger, so haben wir noch 4000 Karten im Einzelerkauf, es ist daher gut etwa ein Drittel im freien Verkauf zu haben», sagte Zahner.

Nun muss es nur noch sportlich laufen. Der Start mit acht Auswärtsspielen verlief zu Beginn harzig, doch der knappe Sieg gegen Gottéron war der sechste Sieg in den letzten sieben Spielen. Bis Ende Monat bestreiten die Stadtzürcher drei weitere Spiele in der Swiss Life Arena, danach macht man Platz für die Unihockey-Weltmeisterschaft, für welche einzelne Spiele bereits ausverkauft sind. Die ZSC Lions sind nun nicht mehr Gast und Sportteam, sondern neu auch Arenabesitzer und wollen auch den einen oder anderen Anlass und Mieter von Räumlichkeiten holen. 2026 wird man die IIHF Eishockey-Weltmeisterschaft gemeinsam mit Fribourg austragen. Bis dahin hofft man, die Sammlung an Meisterbannern zu erweitern.

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Premierenabend des ZSC


Die Swiss Life Arena vom Bahnhof Altstetten kommend. Foto: Martin Merk



Die noch nicht so volle Halle etwa zwei Stunden vor dem Anspiel. Foto: Martin Merk



12'000 Zuschauer finden in der Swiss Life Arena Platz. Foto: Martin Merk



Die ZSC-Spieler freuen sich mit den Fans über die siegreiche Arenapremiere. Foto: JustPictures / Stefan Emch