Unser erstes «Coronaspiel»

6.8.2020 - Von Martin Merk

Die Vorsaison geht los. Mit Lausanne und Sierre haben zwar zwei Clubs den Trainings- und Spielbetrieb aufgrund der Ungewissheiten stillgelegt, doch alle anderen Profiteams bereiten sich normal vor. In Kloten fand am Donnerstagabend das erste Testspiel eines Proficlubs statt unter Schutzauflagen. Wir warfen einen Blick in die Swiss Arena.

Es war auch schon mehr los bei der Swiss Arena vor einem Spiel des EHC Kloten. Etwa eine Viertelstunde vor Beginn des ersten Testspiels der neuen Ligasaison ist es noch ziemlich leer ausserhalb des Spielfelds. Nicht mal Fluglärm gibt es. Zwei Flüge zwischen 18 und 19 Uhr. Antalya und London. Und das ganz ohne die berüchtigten Verspätungen wegen Verkehrsüberlastungen. Doch bei der Swiss Arena war sowieso Arosa als Gast angesagt mit ihrer Sonne auf dem Trikot.

Viel Sonne gabs auch draussen. Auf dem Weg zur Swiss Arena hört man regen Betrieb beim Schwimmbad an diesem Abend mit rund 25 Grad. Doch langsam bewegt sich auch bei der einstigen Eisbahn Schluefweg etwas. Draussen versammeln sich Hockeyfans beim Cateringstand. Gegessen wird in diesen Zeiten draussen an der frischen Luft, wo man sicherer ist vom neuartigen Coronavirus COVID-19, der uns bereits die Playoffs und die WM versaut hat und die Welt immer noch in Atem hält.

In Kloten gab es nur wenige Ansteckungen in diesen fünf Monaten. Die Flughafenstadt hatte nur wenige Fälle zu verzeichnen. Eine Studie der NZZ listete die Gemeinde in der untersten Kategorie: 0 bis 1.38 Fälle pro 1000 Einwohner. Damit das so bleibt, nimmt auch der EHC Kloten die Situation ernst. Die Spieler mussten oft in Gruppen trainieren und mit Maske im Bus fahren. Etwas nervig, aber so ist das «neue normal».

Solche Testspiele kann man nun absagen, unter Ausschluss der Öffentlichkeit austragen oder so viele Fans reinlassen, wie unter den aktuellen Beschränkungen möglich. Der EHC Kloten hat sich für Letzteres entschieden. Und somit wird dies unser erstes Spiel unter diesen Corona-Auflagen.

Man kennt es bereits aus der Super League im Fussball, wo in grossen Stadien wie in Basel oder Bern statt 30‘000 Fans sich bloss 1000 Leute vorfinden dürfen. So sieht es das Verbot des Bundesrats für Grossveranstaltungen vor. Die 1000-Regel sowie «social distancing» unter Fans gilt auch für Eishallen. Zieht man die Spieler und Mitarbeiter ab, konnte der EHC Kloten Tickets für 900 Fans bereitstellen. Für diese konnte man sich vor dem Spiel online registrieren – kostenlos für Saisonkarteninhaber, 15 Franken für alle anderen ausser Kinder bis 9 Jahren. Dazu eine Selbstdeklaration, die fürs «contact tracing» genutzt werden kann, sollte jemand erkranken. Damit nicht gleich alle Besucher in Quarantäne müssten, wurden sie in drei abgetrennten Sektoren zu je 300 Fans aufgeteilt. Letztlich kamen 521 Fans in die Halle. Vor einem Jahr waren es beim ersten Test-Heimspiel ebenfalls gegen einen unterklassigen Gegner (Bülach) noch 938 Fans gewesen.

Während etwa der EHC Visp in seiner kleineren Halle und einem anderen Kanton eine generelle Maskenpflicht vorschreibt, gilt diese in Kloten nicht. Nur wenige haben einen Mund- und Nasenschutz an. Obligatorisch ist sie für jene in der Nähe der Spieler- und Trainerbank, also Betreuer der Teams, Offizielle auf der Strafbank, Fotografen hinter der Bande, Journalisten für Interviews sowie Mitarbeiter bis zum Reinigungspersonal nach dem Spiel. Die einen oder anderen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter hatten bereits solche mit Kloten- oder Arosa-Logo auf.

Der Stehplatzsektor war abgesperrt. Die Sitzplätze wurden durch den EHC Kloten zugeteilt. Zwischen den einzelnen Zuschauern müssen zwei Sitzplätze frei sein um die Abstandsregeln einzuhalten. «Wir bitten Sie, diese Vorgabe einzuhalten», heisst es auf der Webseite der Flughafenstädter, was sich einige mehr, andere weniger vorbildlich zu Herzen nahmen.

Auf dem Eis galt natürlich weder «social distancing» noch Maskenpflicht zwischen diesen beiden Traditionsclubs bei einem Niveauunterschied mit Cupspiel-Charakter. Der EHC Kloten legte mit einem Doppeldecker an Testspielen gegen Bündner Clubs los. Heute Arosa, morgen Davos. Entsprechend wurde der eine oder andere Star heute geschont und spielt erst morgen.

Der EHC Arosa startete tüchtig in die Partie und zwang den Oberklassigen zu Strafen. Als dann erstmals ein Aroser auf die Strafbank musste, traf Andri Spiller in der 18. Minute zur Führung. Erstmals ertönte für die neue Saison «Den glider in», der schwedische Torsong, der hier seit den 90er-Jahren und den grossen Zeiten mit schwedischer Verstärkung gespielt wird. Anthony Staiger traf nach dem Pausentee zweimal auf dem Weg zu klaren Verhältnissen.

Für die Fans war es ein bisschen Normalität in diesen unnormalen Zeiten. Und ob und wie die Saison gespielt wird, könnte sich nächste Woche entscheiden. Mit offenen Briefen und Lobbying versuchen die Sportorganisationen die 1000er-Grenze zu knacken – und mit Schutzkonzepten. Etwa einer Maskenpflicht oder der Schliessung (oder Umwandlung) von Stehplatzsektoren, damit Abstände gewährleistet werden können. So hofft man, die Eishallen mit Segen von oben vielleicht zu 60 Prozent auslasten zu dürfen. Der SC Bern hat seinen Saisonkartenverkauf deswegen bei 10‘500 Tickets gestoppt. Beraten wird er von niemand geringerem als «Mr Corona» Daniel Koch, der heute auch seine Meinung in die Medien brachte, wonach man mit etwas Differenzierung nicht felsenfest an der 1000er-Regel hängen muss.

In der Politik ist dies natürlich umstritten von links bis rechts, von solchen, welche die Gesundheit und tiefe Fallzahlen mit allen Mitteln in den Vordergrund stellen und von solchen, die nach liberaleren Lösungen und Normalität suchen trotz Risiken. Nach dem Motto: wenn man stundenlang eng mit Maske in Zügen oder Flugzeugen sitzen kann oder an Demonstrationen teilnehmen darf, wieso nicht für zwei Stunden in einer Eishalle?

Könnte man unter den aktuellen Bedingungen denn überhaupt die Saison starten? Nur, wenn man wirtschaftliche Betrachtungsweisen ausklammert. Klar kann man Spiele wie dieses Testspiel organisieren. Doch für einen NL-Club sind Ernstkämpfe mit 900 Fans ruinös, für viele Clubs der zweitklassigen Swiss League zumindest problematisch – acht von zwölf Clubs hatten letzte Saison im Schnitt weit über 900 Zuschauer, Kloten letzte Saison gar 4809. So spielen wie in diesem Testspiel könnte man vielleicht eine Spielklasse weiter unten in der MySports League, in den Amateurligen, Juniorenligen und Frauenligen.

Das Problem: die National League ist der Geldesel. Mit den Einnahmen finanzieren die Clubs ihre Nachwuchsförderung und Frauenteams. Der Verband erhält dadurch Geld für die Eishockeyförderung und Nationalteams. Wenn die beiden Profiligen leiden, leidet das ganze Eishockey. Fans und zukünftige Spieler haben keine Spieler, die sie inspirieren.

Kann nicht gespielt werden, stehen neben den Jobs der Spieler auch viele andere Stellen auf dem Spiel. 4000 Arbeitsplätze seien laut dem EVZ-CEO Patrick Lengwiler in der National League gefährdet – beim EVZ alleine sind es neben der Mannschaft 100 Vollzeit- und über 300 Teilzeit-Angestellte. Es steht damit eine entscheidende Woche an fürs Schweizer Eishockey.

In Kloten genoss man einfach, wieder mal Eishockey zu sehen. Die Stimmung war wie in einem Testspiel bis zwei Minuten vor Schluss eine Gruppe Klotener Fans vis-à-vis vom Stehplatzsektor mit Anfeuerungsrufen loslegte. Sie verabschiedeten ihre Mannschaft mit einem 6:0-Sieg gegen den unterklassigen EHC Arosa. Klickt hier für den Spielbericht und Fotos vom Spiel.

Übrigens: auf change.org ist die Petition #SaveSwissSports - Verantwortungsvolle Sportevents gestartet. Hier könnt ihr unterschreiben.

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Schnappschüsse aus Kloten


Den ersten Andrang gab es draussen - dort wird gegessen und Bier geholt. Foto: Martin Merk
 


In die Arena kommt man nur mit Registrierung und Selbstdeklaration - für einige Eishallen (derzeit nicht in Kloten bis auf Ausnahmen) gilt auch Maskenpflicht. Foto: Martin Merk
 


So sieht es aus bei einem Testspiel in der Coronazeit. "Social distancing" wird von den einen mehr, von den anderen weniger praktiziert. Foto: Martin Merk
 


Das erste Bully der Schweizer Vorsaison. Foto: Martin Merk
 


In der Nähe von Spielern und Trainern gilt Maskenpflicht, was bei dieser Mitarbeiterin des EHC Arosa besonders modisch daherkommt. Foto: Martin Merk