Wie es den Schweizer NHLern in der Selbstisolation geht

14.5.2020 - Von Martin Merk

Seit dem 12. März pausiert die NHL. Die grösste und reichste Liga der Welt unterbrach die Saison später als andere und hat sie auch nie abgebrochen in der Hoffnung, die Saison irgendwie noch fertig spielen zu können. Die Spieler befinden sich seither daheim in Selbstisolation. Kevin Fiala, Roman Josi und Nino Niederreiter erzählten in einem gemeinsamen Video-Interview wie es ihnen geht.

Tausende Kilometer trennen diese drei Schweizer NHL-Spieler. Weil sich die Corona-Virus-Pause in die Länge zog, durften sie ihre Clubs verlassen und in ihre Heimat zurückkehren. Roman Josi blieb mit seiner amerikanischen Ehefrau in Nashville, während Nino Niederreiter bei seiner Familie in Chur weilt und Kevin Fiala mit seiner schwedischen Freundin in Göteborg.

Fiala, Josi und Niederreiter trafen in einem von der NHL organisierten Videochat aufeinander und erzählten, wie es ihnen in diesen Wochen erging.

Fialas Leben in der Normalität in Göteborg

In Schweden, wo die Regierung auf Eigenverantwortung seiner Bürger setzt und bis auf das Verbot von Grossveranstaltungen praktisch über keine Einschränkungen verfügte, lebt Fiala ein fast normales Leben. «Ich gehe jeden Tag aufs Eis und mache sonst Krafttraining. Sonst gehe ich in die Stadt. In Schweden ist alles normal. Bis auf ausgehen kann ich alles machen, was ich will», sagt der Stürmer der Minnesota Wild. Und doch weiss er, dass dies ganz und gar nicht normal ist für einen NHL-Spieler im Frühling.

«Ich vermisse die Teamkollegen. Es ist merkwürdig, sich jetzt schon wie im Sommer bereitzuhalten. Ich vermisse die Freunde und Familie in der Schweiz, sonst eigentlich nichts», so Fiala zu seiner Situation in Schweden. «Die Gesundheit ist momentan erste Priorität. Es ist nun in der ganzen Welt so und man muss es akzeptieren.»

Ausgerechnet in seiner bislang besten Saison kommt für Fiala die Zwangspause. In Nashville musste er sich gedulden, bis er seinen NHL-Stammplatz hatte. Nach dem Wechsel zu Minnesota im Februar 2019 lief es ihm noch nicht so gut, doch diese Saison ist er «explodiert». In 64 Spielen kam er auf 23 Tore und 31 Assists, wollte zeigen, dass er sein Jahressalär von drei Millionen US-Dollar wert ist. «Ich habe versucht das gleiche zu machen, egal ob es gut oder schlecht geht, versucht ein gesundes Selbstvertrauen zu haben. Dieses Jahr ging es sportlich besser», sagt Fiala.

Niederreiters Vorfreude in Chur

Wie viele andere NHL-Spieler zog es Nino Niederreiter in seine Heimatstadt. In Chur fühle sich sein Leben wie eine Saisonvorbereitung an.

«Ich war ein, zwei, drei Mal wandern gegangen. Nun kann man in der Schweiz aber wieder ins Fitness und aufs Eis zu gehen», so Niederreiter. Er freut sich auf die Lockerungen und dass er wieder öfters raus kann – speziell wenn es bald erstmals wieder auf den Golfplatz geht.

«El Nino» steht in seiner zweiten Saison bei den Carolina Hurricanes. Der Wechsel von Minnesota war zuerst ein Kontrastprogramm. In Minnesota drehe sich alles um Eishockey, in Carolina sei sich dies noch am Entwickeln. Dafür ist es weniger kalt.

Niederreiter schlug nach dem Trade ein, kam auf 30 Punkte in 36 Spielen der regulären Saison. Seine Punkteproduktion hat sich diese Saison in etwa halbiert (29 Punkte in 67 Spielen). Weshalb?

«Es ist schwierig zu beurteilen. Es hat sicher viel mit Selbstvertrauen zu tun. Ich habe teilweise gutes Eishockey gespielt und die Punkte kamen nicht. Dann versuchst du Sachen zu ändern und kommst in eine Negativspirale», sagt der Bündner.

Die drei Schweizer waren heute in einem Videochat aus ihren drei Ländern verbunden und durften den Medienvertretern einige ernste und weniger ernste Fragen beantworten. Etwa wer die Norris-Trophy gewinnen sollte (Fiala und Niederreiter antworteten natürlich: Josi!) und mit wem sie lieber nicht in Quarantäne sein möchten. Dabei stellte sich raus, dass Luca Sbisa angeblich unordentlich sei, wie sein Ex-Zimmerkamerad Niederreiter sagte. Auf Denis Malgin soll dies laut Fiala ebenfalls zutreffen.

Auf die Frage, wer am dringendsten zum Coiffeur muss, meldete sich Josi gleich selbst. «Ich habe die Haare noch nie geschnitten seit der Pause», so der Berner.

Josi auf Rekordjagd und in WM-Trauer

Roman Josi befand sich in der NHL auf Rekordjagd. Seit Jahren gehört er zu den besten Verteidigern der Liga und konnte diese Saison nochmals einen draufsetzen. In 69 Spielen kam er auf 65 Punkte (16 Tore, 49 Assists) und ist damit nur noch einen Punkt hinter der Schweizer Rekordmarke von Timo Meier letzte Saison. Stimmen zur Wahl des besten Verteidigers dürfte er auch noch mehr erhalten als bisher.

«Es fing an mit Mark Streit, dann Timo Meier und ich hoffe, dass er noch mehrere Male gebrochen werden kann», sagt Josi. Dass ihn die Pause in Bestform traf, spielt er herunter. «Es ist für alle gleich. Für jeden Spieler kam die Pause sehr abrupt. Das Hockey ist momentan noch sehr weit weg. Alle wollen auf einen sicheren Weg wieder Eishockey spielen, aber die Gesundheit geht im Moment vor.»

Josi entschied sich mit seiner Frau und den beiden Hunden in Nashville zu bleiben und vermisst das Eishockey.

«Es ist unser Alltag ins Stadion zu gehen, zu trainieren und spielen. Ich habe daheim in meiner Garage einen Kraftraum eingerichtet und habe draussen ein Tor um ein paar Pucks zu schiessen, viel mehr geht aber nicht. Man macht viel Krafttraining, versucht einen Muskelaufbau zu machen», sagt Josi. «Ich vermisse meine Teamkameraden und meine Familie und Freunde in der Schweiz, die ich momentan nicht sehen kann.»

Zu dieser Zeit hätte Josi, falls Nashville es im Strichkampf geschafft hätte, die Playoffs gegen einen der Grossen in der Western Conference gespielt. Und möglicherweise wäre er nach Zürich gereist um die Heim-WM zu bestreiten. Auch diese fiel dem Corona-Virus bekanntlich zum Opfer.

«Es ist sicher sehr schade. Es wäre ein Riesen-Eishockeyfest in der Schweiz gewesen. Ich hatte die Ehre 2009 die WM in der Schweiz zu spielen und es war ein Riesenfest und die Leute haben sich extrem gefreut auf die WM. Es ist extrem schade, dass diese nicht stattfinden konnte», sagt Josi. «Auch dass wir mit Nashville nicht nach Bern kommen ist sehr schade, aber ich hoffe, dass ich irgendwann wieder in der Schweiz spielen kann.»

Das Spiel der Nashville Predators gegen den SC Bern, das nun ein Jahr später im Herbst 2021 stattfinden soll, wäre für Josi eine besondere Angelegenheit. Nicht nur, weil er in seiner Heimat gegen seinen Stammclub antreten würde, sondern weil er neuerdings auch Mitbesitzer beim SCB ist. Dieser hat mit den Olympioniken Josi und Mark Streit als Mitbesitzer und mit Florence Schelling als Sportchefin an Sportkompetenz gewonnen.

«Ich kenne sie ein bisschen. Sie ist eine sehr intelligente Frau und kennt das Hockey sehr gut. Es ist ein super Schritt vom SC Bern sie anzustellen und ich bin überzeugt, dass sie einen super Job machen wird», sagt Josi über Schelling.

Wann und ob die NHL-Saison weitergeht, steht für die Spieler in den Sternen. Klar ist: Die NHL möchte unbedingt weiterspielen. Auch Geisterspiele an wenigen NHL-Standorten sind ein Thema, doch den Takt gibt momentan das Virus vor. In den kommenden Wochen möchte die NHL Trainings in kleinen Gruppen aufnehmen, sofern sich die Situation vorteilhaft entwickle in allen Märkten. Bis dann wird den Spielern weiterhin die Selbstquarantäne empfohlen.

Background-Portal

Schweizer NHL-Trio


Nino Niederreiter in der Videokonferenz aus Chur.
 


Roman Josi blieb in den USA.
 


Kevin Fiala kann in Schweden aufs Eis.