Das Land, das dem Virus trotzt

25.3.2020 - Von Martin Merk

In ganz Europa steht der Puck still. Sportstätten sind geschlossen, das Eis abgetaut, Leute aufgefordert daheim zu bleiben. Überall? Nicht ganz, denn in der weissrussischen Extraliga laufen die Playoffs vor vollen Hallen weiter, scheint die Coronavirus-Pandemie gar nicht zu existieren. Ein Blick in Europas Trutzburg.

Schaut man die europäische Landkarte nach Massnahmen von totaler Ausgangssperre bis zu leichteren Massnahmen an, fällt ein weisser Fleck auf. Dieser weisse Fleck ist Weissrussland, das einzige Land, wo noch Eishockey gespielt wird und auch der Fussball nach der Winterpause den Spielbetrieb aufgenommen hat.

Zuschauer sind wie gewohnt zugelassen, Menschen sitzen in Kaffeehäuser, arbeiten, feiern in Clubs und die Grenzen sind nicht geschlossen. Ja, wahrscheinlich wird dort nicht einmal Toilettenpapier gehamstert! Wozu auch, das haben die umliegenden Ländern eh schon erledigt. In Weissrussland, oder Belarus, wie das Land seit der Unabhängigkeit offiziell heisst, geht alles den normalen Gang.

Reisende aus dem Westen können theoretisch nach wie vor einreisen, seit einigen Jahren für eine bestimmte Zeit sogar visafrei, wenn dies über den internationalen Flughafen von Minsk geschieht. Am Flughafen finden aber vermehrt Untersuchungen statt. Wer grippeähnliche Symptome hat, kommt in Isolation. Westliche Fluggesellschaften fliegen Minsk im Rahmen ihrer Flugplanreduzierung nicht mehr an. Die staatliche Fluggesellschaft Belavia verbindet Weissrussland nach wie vor mit der Welt, inklusive Flüge nach Genf. Noch nie war es einfacher, von der Schweiz nach Minsk als nach Konstanz zu reisen. (Aber ihr wisst ja: bleibt daheim!)

Laut den offiziellen Zahlen wurden 81 Fälle von Coronavirus-Infektionen bestätigt, wobei die Zahl in internationalen Datenbanken zuletzt nicht mehr stieg. 1100 Menschen mit Direktkontakten mit Infizierten sind derzeit nach weissrussischen Angaben isoliert, 8800 weitere Menschen mit Zweitkontakten stehen unter medizinischer Beobachtung.

Überwachung wird in Weissrussland gross geschrieben. Der Geheimdienst nennt sich wie zu alten Zeiten KGB – deren Gebäude in der Innenstadt ist eine Art Touristenattraktion sowohl für Westler wie auch Russen auf der Suche nach Sowjetnostalgie. Entsprechend diszipliniert sind die Weissrussen. Findet man etwa aus Russland Videos der halsbrecherischsten Autofahrten auf Accounts mit Namen wie «crazy in Russia», so vermeidet die Bevölkerung in Weissrussland beim Fahren jedes noch so kleine Bagatelldelikt. Man möchte es nicht unnötig mit der Polizei zu tun bekommen. Und nun auch nicht mit diesem ominösen Coronavirus, COVID-19, von dem man vornehmlich aus dem Ausland hört.

Der allmächtige Präsident Alexander Lukaschenko, der das Land seit dem Ende der Sowjetunion regiert, hat seine eigene Meinung zur Pandemie. Er spricht in den staatlichen Medien jeweils von einer «Coronavirus-Psychose» und kritisiert die Panik im Rest der Welt, die verrückt geworden sei. Erst der Westen, dann auch der grosse Bruder aus Russland, mit dem Weissrussland eigentlich eine Zollunion hätte, doch die Grenzen wurden geschlossen.

«Die Panik ist die schlimmste Epidemie. Menschen können mehr an Panik als am Coronavirus leiden», wird er von der staatlichen Nachrichtenagentur BelTA zitiert. «Mir kommt es so vor, als hätte man gezielt ein Irrenhaus eingerichtet.»

Dabei muss man nur an Leichenhäuser in anderen Ländern denken, wo täglich Leute am Virus sterben. In Bergamo, wo das Champions-League-Spiel gegen Valencia zur sprunghaften Verbreitung beigetragen haben soll, sind die Bilder der Särge erschütternd. Aus dem grenznahen Mülhausen im Elsass, wo ein Anlass einer Freikirche die Verbreitung beschleunigte, wurden Kranke mittlerweile in Spitäler der beiden Basel, des Juras und nach Deutschland verlegt.

Um Weissrussland herum wurden Grenzen geschlossen, haben sich andere Länder wegen der Coronavirus-Krise eingeigelt. Eishockey wird um Weissrussland herum schon länger nicht mehr gespielt. In Polen, Lettland, Litauen und der Ukraine wurden die Meisterschaften schon längst abgesagt. Heute gab auch die russische KHL offiziell die Idee auf, dass man irgendwann doch noch weiterspielen könnte. Dies auch, weil die ausländischen Clubs Jokerit Helsinki (Finnland) und Barys Nur-Sultan (Kasachstan), die es unter die letzten acht Teams geschafft haben, die Teilnahme an der letzten Runde verweigert haben nach verschärften Massnahmen in ihren Ländern. Doch auch in Russland wurden die Regeln strenger, so dass es in Moskau vor dem Unterbruch zu einem Geisterspiel kam und danach das Sportministerium ein Machtwort sprach mit einer mehrwöchigen Pause im Sport. Weissrussland stellt sich aber auch unter den Ex-Sowjetstaaten gegen den Trend.

Die Webseite des weissrussischen Eishockeyverbands berichtete im März fast täglich von den schlechten News im Ausland wegen der Coronavirus-Krise, als nationale Meisterschaften und WM-Turniere nach und nach abgesagt wurden, während in der weissrussischen Extraliga munter weitergespielt wird, als ob nichts wäre.

Die Zuschauerzahlen im Eishockey (abgesehen vom gut besuchten KHL-Team Dynamo Minsk) und Fussball sind aber überschaubar. Junost Minsk qualifizierte sich vor 389 Zuschauern in der für die WM 2014 gebauten Tschischowka-Arena gegen Dynamo Molodetschno fürs Playoff-Finale. Hier könnte man locker einen Zwei-Meter-Abstand und mehr zwischen den Fans haben, wenn man denn wollte.

Anders schaut es in der Provinz aus, wo die kleinen Eishallen mit rund 2000 Zuschauern gefüllt und Fans eng beieinander sind. Vor 2427 Fans gewann gestern Schachtjor Soligorsk auswärts das siebte Halbfinalspiel gegen Neman Grodno. Ab Freitag wird um den Präsidenten-Cup gekämpft. Und dieser Präsident sieht es gerne, wenn in seinem Land das Leben den gewohnten Lauf nimmt, auch im Eishockey, weltweite Pandemie hin oder her.

Laut der Zuschauer-Statistik der IIHF kamen im Schnitt 833 Zuschauer zu den Spielen der Liga. Weniger als etwa in Polen oder der Asienliga in Japan und Südkorea. Doch nun erhält die weissrussische Extraliga auch ausserhalb der Landesgrenzen etwas mehr Beachtung. Oder Erstaunen.

Es soll Diskussionen geben, Fernsehrechte in andere Länder zu verkaufen, wo es keinen Live-Sport mehr gibt. Aus Nordamerika schauen Hockey-Journalisten und Influencer die Spiele über den Stream an (mit VPN, da nur in Weissrussland freigegeben) und amüsieren sich vor allem an den Cheerleaderinnen. Einst aus den USA Richtung Osten gebracht wie McDonalds und Starbucks, gelten diese im Herkunftsland der Cheerleader längst als aus der Mode gekommen und gesellschaftlich nicht mehr konform. In Weissrussland und der KHL gehören sie zum Inventar und werden wohl auch vom einen oder anderen männlichen Nordamerikaner mit Wehmut bestaunt.

In Weissrussland weiss man, dass man mit den Hockeyspielen ein Sonderfall ist. Und zwar mit Stolz. Eine Oase im «Irrenhaus», oder so. Der Verbandspräsident und Ex-Nationalspieler Gennadi Sawilow fordert nun eine packende Finalserie, am liebsten über sieben Spiele. «Wir möchten der ganzen Welt zeigen, dass das nicht „Hockey im Sumpf“ ist. Dass wir Weltklasse-Hockey haben vom Sichtpunkt der medialen Präsentation, denn wir sind die einzigen auf der Welt, die es zeigen», so Sawilow.

Ob das in Weissrussland gut kommt mit der Strategie der Normalität? Mit dem engen Beieinandersein in den Eishallen? Zumindest erweckt es den Anschein. Das Thema Coronavirus im Sport fällt vor allem im Zusammenhang mit dem Ausland. Etwa der Absage der Eishockey-WM 2020 in Zürich und Lausanne und den nun aufkommenden Forderungen aus der Schweiz, diese um ein Jahr zu verlegen, wenn Minsk mit der lettischen Hauptstadt Riga als Veranstalter vorgesehen ist.

Und wenn doch jemand über den Coronavirus spricht wie der Ex-Fussballer Alexander Hleb mit einer britischen Zeitung, benötigt es daheim gleich eine Stellungnahme.

Im Eishockey heisst es ab Freitag: Weiterspielen, kämpfen, für Highlights sorgen, Fans unterhalten und Meister werden. Und auf den Präsidenten hören: fleissig Hände waschen, in die Sauna gehen und ein Schluck Wodka helfen das Virus zu töten. 40 bis 50 Gramm (Milliliter) täglich, «aber nicht bei der Arbeit!»

Na dann: Na sdorowie, liebe Sportsfreunde! Auf die Gesundheit!

Background-Portal

Corona-Pause Minsker Art



Ein Hockeyfest für Spieler, Fans und mit Cheerleaderinnen - so stellt man sich Hockey während der weltweiten Coronavirus-Krise in der weissrussischen Hauptstadt Minsk vor. Das Foto stammt von der WM 2014 (mit ein paar Schweizer Fans im Hintergrund!). Foto: Andreas Robanser