Schlegel eine Woche als Profi-Linienrichter

31.12.2019 - Von Casper Thiriet

Einst spielte er für den EHC Basel in der 1. Liga – nun steht er als Linesman auf dem Eis am Spengler Cup. Im Interview mit hockeyfans.ch erzählt der 26-jährige Aargauer vom Schiedsrichterwesen am Spengler Cup und vergleicht diesem mit dem Ligaalltag. Zudem erzählt er von seinen Gründen, weshalb er den Fokus auf sein Amt als Schiedsrichter gelegt hat.

Du kommst gerade von einem Spiel – Ambrì gegen Turku. Die Ambrì-Fans waren sehr laut. Merkst Du das, wenn Du auf dem Eisfeld stehst?

Es ist extrem cool. Es gibt Situationen in denen man es wahrnimmt, das sind Unterbrüche oder ruhigere Phasen beim Spiel. Und dann gibt es auch Situationen, bei denen man komplett alles ausschaltet und rundherum alles ausblendet. Das finde ich persönlich ein ganz interessantes Phänomen – es ist wenn das Spiel hoch läuft und wir unsere Köpfe voll brauchen.

Ob das nun Ambrì am Spengler Cup ist oder in der Meisterschaft bei Bern mit 17'000 Zuschauern, macht eigentlich keinen Unterschied. Dann hast Du noch das Plexiglas, welches auch noch ein bisschen Isoliert. Aber bei Situationen am Schluss vom Spiel, wenn die ‘La Montanara’ gesungen wird oder die Spieler eine Welle mit den Fans machen und du wieder Zeit hast, das wahrzunehmen, ist das schon speziell.

Bei so einer Lautstärke – wie funktioniert das mit der Kommunikation auf dem Eis?

Wir haben wie in der Meisterschaft eine Funkverbindung untereinander. Die Linienrichter hören sich untereinander immer, der Headschiedsrichter wird von allen immer gehört und auf Knopfdruck können wir auch direkt auch mit dem Headschiedsrichter kommunizieren. Auf diese Art gibt es nicht allzu viel Verkehr im Funk. Vor allem wenn die Linesmen über ein Icing diskutieren und die Heads über eine Strafe. Wenn wir alle vier über einen Kanal reden würden, wäre das zu viel Lärm.

Die Funk-Kommunikation ist noch das eine. Aber am Spengler Cup gibt es Schiedsrichter aus Russland und Finnland. Wie ist das, mit externen Schiedsrichter zu arbeiten?

Ich finde es extrem interessant. Grundsätzlich haben sie ja das gleiche Regelbuch wie wir, aber sie legen zum Teil den Fokus auf andere Dinge. Der Austausch ist für uns wertvoll, da sie in andere Länder oder Ligen arbeiten.

Das Schiedsrichterwesen wurde modernisiert. Vor allem für Linesmen mit der Offside-Kamera. Ist das eine Belastung oder eine Erleichterung für Dich?

Ich finde man sollte dieser Modernisierung positiv gegenüberstehen. Denn es ist ein wichtiger Punkt für uns - sei das auf dem Eis oder sei das nachher im Videostudium. Auf dem Eis haben wir unseren Winkel, zusätzlich es geht extrem schnell und das menschliche Auge kann einfach nicht alles wahrnehmen. Und deshalb nutzen wir es auch gerne, wir schreiben uns die Zeiten auf und vergleichen die Bilder, die wir im Kopf hatten mit denen, die man von oben sah. Während dem Spiel ist es auch für uns eine zweite Chance, den richtigen Entscheid zu treffen, was schlussendlich das ist, was wir wollen: den richtigen Entscheid. Für mich ist es kein Druck.

Dann kommt die Drittelspause – was wird dort besprochen?

Ich denke es zuerst mal wichtig, dass wir, wie die Spieler, herunterfahren, sobald wir vom Eis zurück sind. In der zweite Phasen haben wir es schon sehr oft über gewisse Situationen auf dem Eis. Während dem Spiel haben wir nicht immer genügend Zeit dafür. Wir können dann auf uns eingehen, zum Beispiel wenn ein Schiedsrichter anders steht als Du erwartest, dann hast Du in der Drittelspause die Chance, zu wissen wie man am besten darauf reagiert und im nächsten Drittel deshalb selber etwas anders stehen. So können wir uns stetig verbessern. Und natürlich können wir über Ereignisse diskutieren, dann hat man drei weitere Blickwinkel.

Wie ist das Leben neben dem Eis am Spengler Cup als Schiedsrichter?

Es ist grossartig! Am Spengler Cup haben wir alle mal die Chance, ein Leben als Profi-Schiedsrichter zu leben. Denn unsere Aufgabe beschränkt sich darin, die Spiele zu leiten. Das ist etwas, was in der Liga häufig ein Thema ist. Neben den sieben Profi-Schiedsrichter sind wir alle noch arbeitstätig oder wie ich an der Universität. Dann muss man Kompromisse eingehen, weil man direkt von der Arbeit an das Spiel kommt, was einen nie so richtig ruhig werden lässt. Hier haben wir die Möglichkeit, am Morgen gemeinsam zu frühstücken, dann können wir uns nochmals zurückzuziehen bevor wir uns für das Spiel vorbereiten. Wir gehen alle zusammen spätestens anderthalb Stunden früher ins Stadion und fangen locker an. Je näher wir am Spiel sind, desto mehr geht der Fokus Richtung Spiel. Wir diskutieren darüber, was uns erwarten könnte und wärmen uns natürlich auch physisch auf.

Wann hast Du dich entschieden, auf das Schiedsrichterwesen zu setzen?

Als ich damals in Basel studierte und nebenbei in der 1. Liga Eishockey gespielt habe, kam irgendwann für mich eine gewisse Diskrepanz auf. Das, was ich für das Hockey investiere und was ich finanziell daraus herausnehmen kann. Nicht in emotionaler Weise, denn ich hatte extrem Freude am Eishockey, und hätte gerne lange weitergespielt. Aber das Studium, die Wohnung und das Essen mussten finanziert werden. Ich habe damals fünf, sechs Abende unter der Woche, die für das Hockey weggingen. Das macht einen relativ unflexibel für die Arbeit. Es ist nicht so, dass man wohin gehen kann und sagen: «Ich will einen Studentenjob, bin aber überhaupt nicht flexibel.» Und das war eigentlich meine Entscheidungsgrundlage.

Das heisst als Schiedsrichter ist es weniger Aufwand?

Heute sind es als Schiedsrichter etwa drei bis vier Abende bei denen ich präsent auf dem Eis bis. Rundherum ist es natürlich auch zeitaufwendig, aber jetzt habe ich die Möglichkeit, das zu steuern. Ich habe keinen Coach, der mir sagt, wann ich ins Training soll. Ich kann mich bei Pausen an der Uni oder sonst wo ganz flexibel auf der Höhe halten.

Gleichzeitig bist Du noch auf der Kaderliste des EHC Binningen, einem 3.-Liga-Amateurclub bei Basel. Ganz fertig bist Du mit dem Eishockey also doch nicht?

Genau, ich trainiere vor allem bei Binningen. Als Schiedsrichter ist es wichtig, viel Schlittschuh zu laufen, dort habe ich die Möglichkeit dazu. Klar ist aber, dass meine Priorität beim Schiedsrichtern ist, weshalb ich nur an wenig Spielen auf dem Matchblatt bin. Es ist so, dass ich mich sicher nicht verletzten möchte im Moment, wo noch so viele Möglichkeiten zum Pfeifen offen stehen. Und darum bin ich hauptsächlich nur im Training. Ich habe gewisse Spiele in der Nati-Pause gemacht, aber das Management sieht das auch nicht so gerne (lacht).

Du musst jetzt sicher weiter. Vielen Dank für Deine Zeit!

Genau, danke auch.