Tschantré geht in die Abschiedssaison

28.8.2019 - Von Martin Merk

Es gibt nicht viele Spieler, die ihr ganzes Hockeyleben beim selben Club verbringen. Biel-Captain Mathieu Tschantré hat es trotzdem getan und nun stand der 35-Jährige vor seiner letzten Saison im EHCB-Trikot uns Red und Antwort.

Nach 30 Jahren ist Schluss. Mathieu Tschantré steigt in seine 18. Profisaison mit dem EHC Biel, ist seit Jahren Captain im Team. Morgen beginnt in der Champions Hockey League seine letzte Saison. Wir unterhielten uns mit ihm über seine Clubtreue, Biel und Eishockey als Lebensschule.

Ende Saison läuft ihr Vertrag aus. Sie treten zurück, Jonas Hiller hat diesen Schritt nun auch angekündigt. Hattet ihr das besprochen?

Nein. Ich traf meinen Entscheid ja schon bei der Vertragsunterschrift vor einem Jahr. Man hat es gewusst. Dass von Jonas hat mich nicht überrascht. Nach der Saison rechnete ich damit und nun hat er es kommuniziert, damit Ruhe ist.

Es ist trotzdem etwas hart für Biel nächsten Sommer, man verliert den Captain wie auch den Torhüter.

Das Wichtigste ist, dass es erst in einem Jahr ist. Der Club kann sich nun ein Jahr darauf vorbereiten. Man weiss ja, dass jeder ein Ablaufdatum hat.

Finden Sie, dass die Zeit nun gekommen ist?

Auf jeden Fall. Ich setzte mich zwei Jahre mit dem Thema auseinander. Ich habe mich mit allen getroffen vor einem Jahr und den Entscheid getroffen, dass ich körperlich bereit bin noch bis 2020 zu spielen. Ich freue mich sehr auf die Saison, aber ich weiss auch, dass es definitiv die letzte ist.

In Biel ging es stetig aufwärts in den letzten Jahren. Was kann man von ihrer letzten Saison erwarten, die nun beginnt? Wo steht der EHC Biel national?

Wir sind vom Niemandsland hergekommen, dass muss auch gesagt werden. Als ich anfing, waren wir in der NLB im Mittelfeld. Wir haben wirklich alles erlebt. In den letzten Jahren, mit dem neuen Stadion, ging ein Ruck durch den Club. Wir sind gewachsen, wir sind zur festen Grösse auf der Schweizer Hockeylandkarte geworden, haben in den letzten Jahren Top-Ergebnisse erzielt. Auf dem Transfermarkt haben wir regelmässig gute Leute geholt. Der Prozess ist noch nicht abgeschlossen. In ein paar Jahren wird Biel noch grösser, noch besser sein. Auf das soll man sich freuen und stolz sein.

Sie hatten nie ein anderes Trikot an als jenes des EHC Biel. Das ist schon sehr speziell. Das gibt es ja nicht mehr allzu oft.

Ich fing mit 5 an, bin nun 35. Ich habe nie damit gerechnet. Nun darf ich mir Sprüche anhören, das ist lustig und auch schön.

Haben sie es nie bereut?

Nein, gar nicht. Sicher gab es Zeiten, als man rumschaute. Man möchte als junger Spieler so weit wie möglich kommen, schaut, ob es bessere Lösungen gibt. Aber im Nachhinein bereue ich keine Sekunde und keinen Entscheid.

Wie läuft es mit ihnen nach dieser letzten Saison weiter?

Das ist schon alles geregelt. Ich habe die Chance erhalten mich in Biel an einem Finanzunternehmen zu beteiligen und bin jetzt schon aktiv dabei um alles kennenzulernen, die Prozesse, Kunden. Wenn die Karriere vorbei ist, werde ich mich zu 100 Prozent dort einsetzen.

Also nichts mehr mit Eishockey.

Momentan nicht. Sicher bin ich mit dem EHC Biel auch am Diskutieren, aber da ist noch nichts konkret.

Was hat ihre Eishockeykarriere in ihrem Leben alles verändert?

Alles. Wenn man von Eishockeyspielern spricht, denkt man immer an die grössten Erfolge, was man erreicht hat. Was ich noch viel wichtiger finde ist die Lebensschule, die man bekommt. Das ist wichtiger als alles andere. Als Kind war ich, nennen wir es mal «sehr energiegeladen». Ich wusste nicht wohin mit der Energie, wie mich verhalten. Im Eishockey wurde ich sehr diszipliniert, habe gelernt mich durchzubeissen, unten durch zu gehen, mich durchzusetzen, habe Fairplay gelernt. Es gibt viele Argumente, die für ein Eishockeyleben sprechen.

Wir fragen trotzdem danach. Was waren für Sie die grössten Momente und Erfolge im Eishockey?

Es ist nicht einer alleine, es sind mehrere. Einer ist der erste B-Meistertitel, als niemand wusste, was wir da machten und vom Mittelfeld plötzlich aus dem Nichts Meister wurden. Das war sehr lustig. Danach erlebten wir aber auch viel Negatives, scheiterten dreimal in der Ligaqualifikation. Das war auch eine wichtige Erfahrung als Sportler, wenn man dreimal das Gleiche erlebt, enttäuscht ist, das verarbeiten muss und neue Motivation finden muss und dann klappt es. Dann weiss man, dass man etwas richtig macht. Wir hatten dann Momente, als wir mit dem Rücken zur Wand standen und von oben her in die Ligaqualifikation mussten. Das sind auch Momente, aus denen ich im Leben immer etwas ziehen kann. Damals stand so viel auf dem Spiel. Man muss sich da durchbeissen, nicht aufgeben. Das hat am Schluss den Unterschied ausgemacht. Dann die erste Playoff-Qualifikation. Wir kamen mit einem eigentlich total nicht-playoff-fähigen Team in die Playoffs rein, das war ein Riesenerfolg. Nun schafften wir es zweimal ins Halbfinale, das war auch eine Riesensache für den EHC Biel, auch wenn wir am Schluss enttäuscht waren.

Haben sie einen Lieblingsgegner oder Angstgegner?

Es gibt sicher Bilanzen, die dafür oder dagegen sprechen, aber mir ist es ziemlich egal.

Haben sie einen Traum für die nächste Saison?

Wenn man keine Träume hat, ist man am falschen Ort. Man träumt immer von Erfolgen, weit zu kommen. Den Titel zu holen in den Wettbewerben – und wir sind ja nun in drei Wettbewerben. Man trainiert viel, da möchte man auch etwas gewinnen.

Ihr seid in den letzten Jahren dem Träum näher gekommen. Was fehlt zum letzten Schritt?

Das ist noch schwierig zu sagen. Vor einem Jahr im Halbfinale gegen Lugano sind wir wohl physisch gescheitert, hatten alles unter Kontrolle, haben dominiert, darf man wohl sagen, haben uns dann aber aus der Bahn werfen lassen und die Serie verlieren. Letzte Saison war wohl einfach ein bisschen Pech dabei. Wir begannen das siebte Spiel schlecht, hatten die Serie aber im sechsten Spiel daheim verloren, vor dem eigenen Publikum den Sack nicht zugemacht, obwohl wir im ersten Drittel gegen den SCB überlegen waren. Doch brachten wir es nicht fertig ein Tor zu schiessen. Wir müssen besser werden, damit wir so eine Gelegenheit nicht mehr auslassen.

Der dritte Wettbewerb für euch beginnt nun. Wie sieht es bei euch aus vor dem Start der Champions Hockey League?

Ich hoffe es wird gut. Ich habe mit dem Verein schon alles erlebt, viele gute Sachen, auch schlechte Sachen. Es ist ein Riesending in der Champions League mitzumachen. Es ist ein grosses Thema in der Stadt. Ich freue mich. Als ich die Gruppe sah, hat es sehr Spass gemacht. Es ist wichtig gegen Teams zu spielen, von denen wir etwas mitnehmen können.


Zum Schluss noch ein Grusswort an die Fans.

Man muss sich zwischendurch bei den Fans bedanken. Wir haben in Biel eine geniale Atmosphäre, ein super Publikum, auch ein faires Publikum. Solange sie den Einsatz von uns sehen, sind sie dankbar uns gegenüber, das schätzen alle Spieler und ich weiss auch von anderen Spielern, die das Verhalten des Publikums loben. Das ist sehr schön und es freut mich auch, dass die Fans des EHC Biel in der Schweiz positiv wahrgenommen werden, zumal das ja nicht immer der Fall war. In den letzten Jahren lief es viel besser, dafür bin ich dankbar und ich schätze es vor diesem Publikum zu spielen.

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Tschantré

Biel-Captain Mathieu Tschantré steigt in seine letzte Saison. Foto: Andy Büttiker