Kann Zug Bern stürzen?

11.4.2019 - Von Fabian Lehner

Ab heute kommt es zum Traumfinal in der Schweiz. Erster gegen Zweiter, SC Bern gegen EV Zug. Der Dominator der letzten Jahre gegen einen aufstrebenden Club. Defence first gegen Speed Kills. Doch schauen wir uns die Leistungen der beiden Teams in den Playoffs und die Ausgangslage zuerst einmal an.

Rhythmus vs. Erholung

Die Berner sind sicher im Rhythmus. Das kann den Faktor Erholung ausgleichen. Doch bereits in der Halbfinalserie bewiesen die Zuger, dass dies bei ihnen kein Nachteil ist, sondern der Faktor Erholung mehr zum Tragen kam. Kontinuierlich arbeiteten sie die Lausanner aus der Serie mit ihrem Tempo-Hockey. Im zweiten Heimspiel war es eine klare Angelegenheit, wo sie Welle um Welle in den Angriff warfen, und am Ende Lausanne zerbrach. In den darauf folgenden Spielen erkannte man die Müdigkeit bei den Lausannern. Ungewohnte Fehler unterliefen ihnen. Das kann den Bernern von den Zugern auch blühen. Nicht umsonst wünschte sich Dan Tangnes nach der vorzeitigen Finalqualifikation eine Serie über sieben Spiele mit möglichst noch «Verlängerungen, welche alle Rekorde brechen!» Zumindest die Hälfte dieses Wunsches ging in Erfüllung. Am Anfang der Serie wird es wohl kaum einen Unterschied geben. Je länger die Serie läuft, desto mehr wird es ein Pluspunkt für die Zentralschweizer sein. Kurzfristig dagegen könnte es den Bernern zuspielen, dass sie voll im Rhythmus sind.

Ausgeglichenheit

Auf dem Papier verfügt Bern über das breitere Kader. Alle Linien scheinen einen Zacken besser besetzt. Die Zuger nutzen ihre Kadertiefe aber wesentlich mehr als die Berner. Kari Jalonen schaltet viel schneller auf drei Linien um und ist ein schwerer Verfechter des «Linemanaging». So extrem, dass sich Antti Törmänen sogar einen Spass erlaubte und selbst bei Einsätzen mit nur 15 Sekunden die Linie wechselte, bis es Kari Jalonen zu bunt wurde und er seine Toplinie doch brachte. Dan Tanges spielt wesentlich konsequenter 1-2-3-4. Das heisst er lässt allen 4 Linien laufen, relativ unabhängig davon, wenn der Gegner aufs Eis schickt. Oft lässt er die vierte Linie einen Turnus überspringen, aber die Eiszeit ist besser verteilt. Die Topshots von Bern werden folglich wesentlich mehr forciert und Bern ist trotz des Kaders mehr von seinen Stars abhängig. Exemplarisch dafür sind zwei Aussagen, welche Dan Tanges während der Serie machte. Auf die Frage, wer zu wenig Wertschätzung in der Öffentlichkeit bekomme, zählte er fast jeden Spieler aus den hinteren beiden Reihen auf. Und auf Sven Sentelers Doppelpack angesprochen: «Wir wussten, dass er in den Playoffs noch treffen würde. Heute kamen seine Tore!» Bern kommt in schwieriges Fahrwasser, wenn die Topshots nicht treffen. Es waren auch die Hinterbänkler, welche zuerst die Kohlen rausholten. Positiv dürfte die Berner stimmen, dass Andrew Ebbett seinen Knopf gelöst hat und wieder besser in Fahrt kommt. Oder einfach gesagt: Wenn die ersten beiden Linien bei Bern laufen, sind sie ein echtes Problem für Zug und können das «secondary scoring» mehr als auffangen.

Wer macht das Rennen?

Alles in allem und mit einem leichtem Plus auf der Torhüterposition beim SC Bern (mit dem zukünftigen Zuger Leonardo Genoni) deutet alles auf eine enge Serie mit einem SC Bern als Favoriten hin. In den bisherigen vier Spielen der Saison gewann jede Mannschaft je einmal daheim und einmal auswärts. Der SCB hat den Heimvorteil, zeigte sich in diesen Playoffs bislang aber wenig heimstark.

Doch wollen wir noch etwas auf die Bedeutung eingehen, welche diese Paarung hat. Der SC Bern wird ernsthaft herausgefordert und Zug will die Phalanx der grossen Vier durchbrechen, zumal der EVZ bislang beide Finalserien gegen Bern (1997 und 2017) verlor. Die Gelegenheit dafür ist günstig. Man hat ein starkes Team, ist im Schuss und hat weniger Druck als der Gegner. Zusätzlich geht es auch um das Aufeinanderprallen zweier Hockeywelten. Strukturierte Defensive mit Starpower gegen Forechecking und Tempooffensive. Gross und böse gegen schnell und wendig. Resultatorientiertes gegen Spektakelhockey. Ein Tor weniger kassieren gegen ein Tor mehr schiessen. Welches davon attraktiver ist, dürfte klar sein.

Deswegen tippe ich persönlich auf Zug. Es wäre ein gutes Signal im Schweizer Eishockey, wenn sich das Zuger Spektakelhockey durchsetzen würde. Der Kopf sagt Bern, der Bauch Zug. Schauen wir, welcher Körperteil sich durchsetzt.

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Finalduell

Diesmal ohne Schwingerkluft: der EV Zug (hier Yannick-Lennart Albrecht) möchte den favorisierten SC Bern (im Bild: Calle Andersson) im Playoff-Finale stürzen. Foto: Philipp Hegglin