Kubalik der Leventiner Häuptling

7.3.2019 - Von Martin Merk

Allzu oft wurde Ambrì schon als Indianerdorf unter den Mächtigen bezeichnet, wobei die Geronimo-Fahnen in der Curva Sud ihren Teil dazu beitrugen. Wenn Ambrì ein Indianerdorf ist, dann hat es mit Dominik Kubalik seinen Häuptling gefunden. Der tschechische Nationalstürmer und Liga-Topscorer in Hochform ist einer der Gründe, wieso man in der Leventina diese Saison träumen darf.

Fünfter in der regulären Saison – damit hat man zwar noch nichts gewonnen, doch für den HC Ambrì-Piotta und seine Fans ist es Grund genug euphorisch zu sein. So gut waren die Nordtessiner zuletzt vor 17 Jahren. Erstmals seit 2014 stehen die Leventiner in den Playoffs und träumen gar erstmals seit 2000 ins Halbfinale einzuziehen.

Einige Spieler sind im «Gallierdorf» Ambrì zu Riesen geworden. Auf hohem Niveau darf man dabei Dominik Kubalik hervorheben, der gestern bei den Ehrungen der PostFinance Topscorer zum besten Scorer der National League ausgezeichnet wurde.

«Ich bin glücklich Topscorer der Liga zu sein, aber es bedeutet noch nicht so viel. Die Saison geht weiter. Aber ich bin glücklich dass meine Tore und Punkte dem Team geholfen haben. Es bin aber nicht nur ich, es sind die Jungs um mich herum die auf dem Eis helfen, vor allem meine Linienpartner», sagt Kubalik.

Vor knapp zwei Jahren zog es ihn in den wilden Osten, in die KHL zu Salawat Julajew Ufa, wo er zum Saisonstart den undankbaren Platz des überzähligen Ausländers erhielt. HCAP-Sportdirektor Paolo Duca musste damals jenen einen Korb hinnehmen, gab aber nicht auf und lotste ihn während der Saison doch noch ins Tessin mit kurzem Zwischenhalt in seiner tschechischen Heimatstadt Pilsen.

«In Ufa war ich der sechste Ausländer und wollte nicht bloss auf meine Chance warten, denn ich hatte Hoffnungen für die Olympischen Spiele und wenn ich nicht gespielt hätte, wären meine Chancen gesunken. Ich wollte spielen und mich als Spieler verbessern. Es ist nicht so einfach, ins tschechische Nationalteam zu kommen. Man muss in Form sein. Ich bin glücklich über die Chance mit Ambrì», blickt er zurück.

«Letzte Saison war es härter für mich. Ich startete in Russland, dann ging es nach Pilsen. Ich musste zuerst meinen Platz finden. Diese Saison geht alles den richtigen Weg. Wir machten einen Schritt als Organisation in dieser Saison. Wir spielen für einander, wir kämpfen füreinander. Wir wollen immer auf dem Schlachtfeld sein.»

Letzte Saison erfüllte er sich zwar mit der tschechischen Nationalmannschaft den Traum der ersten Teilnahme an den Olympischen Spielen und an der Eishockey-WM; mit Ambrì musste er jedoch durch die Mühlen des Abstiegskampfes. Dieses Jahr läuft alles besser.

«Letztes Jahr versuchten wir uns zu verbessern wie jetzt, aber wir hatten ein ziemlich junges Team. Nun ist jeder bisschen älter und reifer. Wir begannen von Anfang an gut, arbeiten immer noch jeden Tag hart. Wir hatten nicht viele Auf und Abs», erklärt Kubalik. «Wir sind wirklich glücklich mit unserer Situation. Es ist anders als letztes Jahr. Es macht mehr Spass. Aber die Saison ist nicht vorüber. Wir fokussieren uns auf den nächsten Schritt und das ist das Spiel am Samstag.»

Für Kubalik ist es auch speziell in den Bergen zu sein. Bevor er in die Schweiz kam hörte er viel von Davos, wo auch Landsmänner wie Josef Marha spielten. Nun ist Kubalik, der in Bellinzona wohnt, in Ambrì umgeben von Bergen. Das scheint im gut zu tun. Sechs seiner 25 Tore hat er im Bergdorf-Duell gegen den HCD erzielt. Gegen den Playoff-Gegner Biel (1 Tor) gibt es dagegen noch Nachholbedarf. Seine Punkteausbeute (1 Punkt) war gegen keinen Gegner tiefer als gegen Biel. Die Seeländer gewannen alle vier Duelle, während der HCAP letztmals am 28. Januar 2018 den EHCB zu bezwingen vermochte.

«Es gibt keinen einfachen Gegner. Wir sahen es in den letzten Spielen. Wir haben Biel noch nicht geschlagen, aber die Playoffs sind wie eine andere Liga», sagt er. «Wir sind wirklich gespannt. Es ist immer schwierig ein Hockeyspiel zu gewinnen.»

In Ambrì anzukommen war speziell für ihn. Kalte Hallen, die nicht auf dem neusten Stand sind, kannte er zwar auch in Tschechien – nicht aber die einmalige Atmosphäre des Kult-Teams.

«Die Atmosphäre ist unglaublich. In Tschechien hat es viele Fans die anfeuern und verrückte Sachen machen, aber so laut und verrückt wie in der Valascia ist es nicht. Ich habe mich daran gewöhnt, für mich ist es nun normal. Für meine Verwandte, die mich besuchen kommen, ist es aber verrückt. Die Fans sind unser sechster Mann auf dem Eis.»

27 der 50 Spiele haben die Biancoblù in der regulären Saison gewonnen. So oft wie diese Saison hörte man beim ewigen Aussenseiter die Siegeshymne «La Montanara» schon lange nicht mehr. Und die Spieler lassen sich immer etwas einfallen, um mit den Fans zu feiern.

«Nach dem Spiel überlegen wir, was wir machen können. Wir wollen ihnen etwas zurückgeben. Sie haben es verdient. Wir denken uns lustige Feierlichkeiten aus», sagt er. «Novotny kam mit der Idee. Er sah es bei der Fussball-WM. Viele sahen wie es Carolina macht, wir machen das auch.»

Ein guter Torschütze war Kubalik schon in Pilsen. Im Vergleich zu seiner Heimatstadt entwickelte er sich in Ambrì aber auch zu einem Vorlagengeber. 25 Tore und 32 Assists hatte der Flügelstürmer in 50 Spielen.

«Ich war immer mehr Schütze als Passgeber. Ich hatte in Pilsen immer mehr Tore als Assists. Für mich und meine Mentalität ist es besser zu schiessen als zu passen. Diese Saison habe ich jedoch etwas mehr versucht Teamkollegen zu finden, die in besserer Position sind. Ich war ein bisschen überrascht, dass ich immer noch die meisten Schüsse habe», so der 23-Jährige.

Der HC Ambrì-Piotta kann sich glücklich schätzen Spieler wie Kubalik in Hochform zu haben, aber auch andere die über sich hinauswachsen. Das könnte aber auch Begehrlichkeiten für die Zukunft wechseln. Kubalik, der einst zwei Juniorenjahre in Kanada verbrachte und damals von den Los Angeles Kings gedraftet wurde, ist zweifellos im Visier der NHL-Scouts gelandet und wird bei der WM in der Slowakei unter Beobachtung stehen. Ein Event, auf den er sich daher umso mehr freut, zumal tschechische Fans fleissig Tickets gekauft haben für die Spiele in der Slowakei.

«Es wird wie daheim. Bei uns werden viele NHL-Spieler kommen, es ist schön für sie nahe der Heimat zu sein und wir werden uns in der Slowakei wie daheim fühlen. Die Stadt ist ähnlich wie tschechische Städte. Ich hoffe es wird ein gutes Turnier, da wir in den letzten Jahren nicht so gut waren. Hoffentlich wird es für uns wie für die Schweiz zuletzt», sagt er und freut sich auf die Duelle gegen die Schweiz und gegen seine HCAP-Teamkollegen aus Österreich.

Sollte ein Angebot aus der NHL kommen, könnte aber der Abschied drohen, denn Kubalik hat eine NHL-Klausel in seinem bis 2020 laufenden Vertrag.

«Die NHL ist ein Ziel für jeden. Dafür spielen wir. Ich denke aber nicht zu sehr über die Zukunft. Man weiss nie was geschieht. Ich bin nun in Ambrì und bereite mich für die Playoffs vor. Danach kann ich vielleicht die Weltmeisterschaft spielen und dann weiss man nie, was geschieht», sagt er.

Ob er bereit ist? «Das ist eine Frage, die ihr vielleicht beantworten könnt. Wahrscheinlich wird man es erst wissen, wenn ich dort bin.»

Zuerst ist er aber bereit für die Playoffs. Am Samstag beginnt in der Schweiz die schönste Jahreszeit.

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Kubalik

Dominik Kubalik war diese Saison nicht nur der PostFinance Topscorer des HC Ambrì-Piotta, sondern der gesamten Liga. Foto: Vedi Galijas

Auch auf internationalem Parkett treffsicher: Diese Saison erzielte Kubalik in der Euro Hockey Tour sechs Tore in sechs Spielen mit der tschechischen Nationalmannschaft und hofft auf seine zweite WM-Teilnahme im Frühling. Foto: Vedi Galijas