Arno 2.0

14.1.2019 - Von Martin Merk

Seit Arno Del Curto beim HC Davos zurückgetreten ist, tauchte sein Name in Lugano und Zürich auf. Nun wird ein alter Traum einer Rückkehr ins Hallenstadion wahr. Heute Montag reiste er in die Limmatstadt und machte Nägel mit Köpfen – und überraschte mit einem für Zürich angepassten, modischer als üblichen Auftritt.

Fast schon entschuldigend begann er vor der grossen Pressemeute im Hallenstadion. Eine Pressekonferenz dieser Grösse sei er sich in Davos nicht gewohnt. Daran werde er sich noch gewöhnen müssen. Doch dafür wurde er ja auch nicht geholt. Arno muss nur Arno sein, um für Unterhaltung und interessante Gespräche zu sorgen. Auch wenn man eine Art Arno 2.0 sah, so ganz ohne Pullover oder Jacke. Irgendwie angepasst, auch wenn CEO Peter Zahner klarstellt, dass er sich aufs Eishockey konzentrieren wird und vor Sponsorenanlässen geschont wird.

«Ich zog ein Hemd und einen Anzug an», sagt er, auch ein Symbol für einen Neustart nach rekordverdächtigen 22 Jahren beim HC Davos, wo er der Mann für alles war und nun einfach der Cheftrainer. «Ich möchte nicht das machen, was ich in Davos gemacht habe. Ich habe das ja gerne gemacht. Wir haben herausgezögert und herausgezögert und ich habe darunter gelitten. Er ist der Sportchef, er ist der CEO und ich bin der Arno. Wenn ich das nicht kapiert hätte in den letzten Jahren, weiss ich auch nicht.»

Neue ZSC-DNA mit Del Curto

Del Curto soll die ZSC Lions wieder zum Spitzenteam machen. Nicht nur auf Papier, sondern auch in der Tabelle. Er soll der Mannschaft bringen, was ihr fehlt.

«Mit der Champions League und dem Cup haben wir die ersten beiden Saisonziele verpasst. Wir hatten fünfeinhalb Monate Zeit mit dieser Mannschaft zu schaffen. Die Mannschaft muss eine DNA haben und diese war nicht klar ersichtlich. Es war nicht klar, wofür die Mannschaft steht. Das war der Hauptgrund, weshalb wir diesen Schritt gemacht haben», erklärt der Sportdirektor Sven Leuenberger.

«Statistisch sind wir bei der Liga nur bei Gegentreffern vorne dabei, bei vielen anderen Statistiken sind wir auf einem Playout-Platz, wenn man so will. Das sind Anzeichen, die für diese Mannschaft nicht befriedigend sind. Die Mannschaft sollte aktiv sein, das Spiel setzen. Wir spielen um Hockey zu gewinnen, nicht zu verlieren. Es muss eine aktive Mannschaft sein, die viel läuft, die emotional ist. Wichtig ist, dass wir ein aktives und nicht ein passives Eishockey spielen, aktiv Schlittschuh laufen und intelligent spielen. Das ist etwas, das wir von unserer Mannschaft erwarten dürfen.»

   
Das Video: 15 Minuten Arno Del Curto!

Alte Liebe rostet nicht

Und so ist Arno Del Curto wieder an seiner alten Wirkungsstätte im Zürcher Hallenstadion gelandet. Alte Liebe rostet nicht. Seine Sympathien für Zürich hatte der Engadiner nie verheimlicht, jetzt umso weniger. Und er bringt Eigenschaften mit sich, die derzeit beim ZSC fehlen, um die man den HCD oftmals beneidete.

«Meine Mannschaft lief immer und viel, spielte intensiv und schnell. Wenn es das ist, was in Zürich fehlt, bin ich eigentlich der richtige Mann. Aber man weiss ja, dass es zuerst klappen muss», so Del Curto. «Ich habe eine ZSC-Vergangenheit, das ging mir alles durch den Kopf. Ich war mal Konditionstrainer, machte Transfers, spielte 1975, half Alpo Suhonen und war 1989 bis 1991 sogar ZSC-Trainer. Ich mag Zürich.»

«Die Stadt Zürich ist meine Lieblingsstadt auf dieser Welt. Als ich damals in Zürich arbeitete, machte ich viel und lernte sie bis ins letzte Detail kennen. Ich liebte sie auch als ich nach Davos ging. Ich hatte mir zuerst auch überlegt erst nächste Saison etwas zu machen. Der ZSC ist der ZSC. Es war kein schlechter Entscheid. Ich war immer gerne im Hallenstadion und konnte meine Karriere mit dem HCD im Hallenstadion beenden.»

Am nächsten Morgen in Zürich

Alles schien schnell gegangen zu sein. CEO Peter Zahner fragte den Präsidenten des HC Davos, wo Del Curto noch bis Ende Saison auf der Lohnliste stand, um die Freigabe. Eine Formsache. Am Sonntagabend klingelte bei Del Curto das Telefon. Er schaute sich noch die Spielzusammenfassung an und trabte heute um 8:30 morgens in Zürich an. Man wurde sich einig und Serge Aubin wurde über seine Freistellung informiert. Ein Entscheid, der auch für sie überraschend kam, wie Leuenberger sagte. Und ein Wechsel, der auch ihn in Kritik bringt, musste doch nach dem missglückten Experiment mit schwedischen Top-Trainern nun nach wenigen Monaten mit Aubin bereits wieder die Notbremse gezogen werden. «Selbstverständlich sieht man dies auch als persönliche Niederlage an», sagt Leuenberger.

Wechsel eine Frage der Zeit

Für die Clubführung schien der Wechsel aber bloss eine Frage der Zeit. Und mit Del Curto ohne Arbeit lief die Zeit für einen Trainerwechsel.

«Die Beweggründe sah und las man in den letzten Tagen und Wochen. Die Playoffs sind in Gefahr. Es gab Fortschritte, dann kamen wieder Rückschritte. Es ist so viel Zeit ins Land gezogen, dass wir irgendwann gezwungen waren, einen Trainerwechsel zu machen, wenn wir unsere Saisonziele nicht gefährden wollen. Ich freue mich, dass er zugesagt hat und wir eine Lösung mit ihm und Michael Liniger gefunden haben. Wir sind überzeugt, den Turnaround zu schaffen und sind voller Hoffnung», sagt der CEO Peter Zahner.

«Das Potenzial in der Mannschaft ist relativ gross und da haben es die Trainer nicht verstanden, das Potenzial auszuschöpfen. Wir negieren nicht, dass sich auch jeder einzelne Spieler hinterfragen muss und ich glaube auch da ist noch viel Potenzial vorhanden. Davos war 22 Jahre geprägt durch Arno, sechs Meistertitel sind beispiellos. Das spricht für ihn.»

Zahner und Del Curto kennen sich schon lange. Es war eine Beziehung des Respekts, immer harmonisch war sie aber nicht. Es gab hitzige Playoff-Duelle und Konflikte zwischen dem HCD und dem Nationalteam nach den Ereignissen um Reto von Arx in Salt Lake City 2002 just zu jener Zeit als Zahner beim Verband das Nationalteam managte und später Verbandsdirektor war. Für die beiden Herren ist das aber ferne Vergangenheit. «Es war eine andere Zeit, eine andere Rolle, daher kann man das nicht vergleichen mit früher», so Zahner.

Del Curtos kurze Pause

Die Pause von Arno Del Curto war damit etwas kürzer als viele erwarteten. «Ich hatte sechs, sieben Wochen Pause. Ja, ich bin bereit. Das Aufhören war durch lange Hand geplant. Man wollte, dass ich die Saison fertig mache, darum machte ich nur Einjahresverträge. Ich wurde, sieben, acht Mal überredet, nicht zurückzutreten. Im Herzen hatte ich zu kämpfen, dass sah man mir an. Nach einer Woche [ohne Eishockey] hat es aber schon wieder gekribbelt», so Del Curto.

Die ZSC-Ausgabe 2018/2019 kannte er als Gegner. Eine Art Aufbaugegner, denn der HCD hat gegen keinen Club ausser dem ZSC eine positive Bilanz diese Saison. Sie wirkte nicht so schnell, wie er es sich gewohnt ist, dafür defensiv kompakt. An eine Aussage, die er diese Saison machte, wollte er aber erinnern: «Es ist eine physisch sehr grosse, starke Mannschaft. Die vielleicht körperlich stärkste. Ob ich recht oder nicht recht habe, kann ich nicht sagen, aber es hat mich imponiert. Sie ist technisch auf hohem Niveau für Schweizer Verhältnisse. Es gibt einige Spieler, die das Spiel gut lesen können, eine gute Nachwuchsabteilung. Es ist eine Mannschaft, mit der man etwas erreichen kann. Aber es ist nicht einfach. Wenn es eine Negativspirale gibt, kann man das nicht einfach so machen. Ich bin gespannt, was der Lini und ich hier rausholen können.»

Michael Liniger vollzog beim Farmteam GCK Lions den Übergang vom Spieler zum Assistenztrainer und wird diese Rolle nun mit Del Curto übernehmen. Einem Del Curto, der sich nun nicht mehr um alles kümmern muss, über ein breites Kader und grössere Ressourcen verfügt.

Rücktritt ohne Reue

Mit dem Mitteln in Zürich kann der 62-Jährige vor seiner Pensionierung, die man sich ohnehin kaum vorstellen kann, noch um den einen oder anderen Meistertitel spielen. Ja, vielleicht gar die besten Mannschaft seines Lebens formen.

«Bei Davos zu den besten Zeiten, als die Jungen wie Arxi und Riesen gross wurden, das waren die allerbesten Zeiten, ansonsten mussten wir Junge aufbauen und Spieler holen, die an anderen Orten Probleme hatten. Es ist eine talentierte Mannschaft hier. Wenn die Mannschaft das umsetzt, gibt es eine wunderschöne Saison», sagt Del Curto.

Dass er so lange in Davos blieb und nicht schon früher zurücktrat, bereut er nicht. Den richtigen Zeitpunkt hätte er auch nicht erwischt, wenn er den ersten Rufen gefolgt wäre.

«Nach dem fünften Titel sagten alle, jetzt musst du gehen. Und was geschah? Wir holten einen sechsten Titel. Danach war die beste Saison, in der Champions League gegen all diese tollen Mannschaften spielten wir tolles Eishockey, ich hatte richtig Feuer, wir hatten geile Spiele, ich gab dieses legendäre Interview in meinem Sch...-Englisch», sagt er mit einem Lächeln. Um die Champions Hockey League könnte er mit den ZSC Lions eines Tages nochmals spielen, wenn er den Turnaround schafft.

Seinem modischen Stil ist Arno Del Curto im hippen Zürich nicht treu geblieben, ansonsten scheint Arno aber ganz Arno zu sein. Deswegen unterschrieb er wie üblich auch nur bis Ende Saison.

«Ich mache immer nur Einjahresverträge. Das ist für mich besser und für sie besser. Wenn wir gut sind, geht das weiter, wenn nicht, dann komme ich nächstes Jahr als Gast an die Pressekonferenz», sagt Del Curto.

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Arno Del Curto

Ungewohnt im Anzug, gewohnt gestikulierend: Arno Del Curto ist der neue Trainer der ZSC Lions. Foto: Martin Merk