Vor Gastspiel: Gerber erinnert sich an KHL-Zeit

22.11.2018 - Von Fabian Lehner

Kommende Woche gastiert die Kontinentale Hockey Liga in der Schweiz, wenn das lettische Team Dinamo Riga die beiden bekanntesten russischen Clubs empfängt, den SKA St. Petersburg am Montag und den ZSKA Moskau am Mittwoch. Wenige Tage vor dem Spiel sprachen wir mit Martin Gerber, der als erster Schweizer in der 2008 gegründeten Liga spielte, 2009/10 für Atlant Mytischi.

Mit der typischen Gelassenheit, die man dem Emmentaler nachsagt, beantwortet der heute 44 Jahre alte Ex-Nationaltorhüter die Fragen. Der Mann, der so viel im Eishockey erlebt hat, wie wohl sonst kaum ein anderer Schweizer freut sich auf die KHL-Spiele Ende November.

«Aufgeregt bin ich nicht, aber es interessiert mich sehr zu sehen, wie sich das Eishockey entwickelt hat seit meiner Zeit bei Atlant. Klar sieht man die Mannschaften auch immer wieder am Spengler Cup, aber ein Ligaspiel ist dann doch etwas anderes», sagt er. Martin Gerber war der erste Spieler, welcher den Sprung in die KHL aus der Schweiz gewagt hatte. 30 Mal stand er zwischen den Pfosten beim Team aus Mytischi, einem Vorort von Moskau. Diese Zahl war nicht höher, weil er sich das erste Mal in seiner Karriere eine grobe Verletzung zuzog. Gerber: «Die Zeit war zuerst im Spital von Vytaz sicher schwierig. Man hat nichts verstanden und keiner konnte mir sagen, was los war. Als mich der Klub in die Sportklinik nach Moskau verlegte, war die Betreuung aber super! Das hat mir sicher geholfen wieder zurückzukommen.»

Vytaz war bekannt dafür viele «Goons» zu haben und sehr körperbetontes Eishockey zu spielen. In Spielen gegen solche Mannschaften musste man immer etwas mehr aufpassen, aber die Verletzung hatte nichts damit zu tun. «Der Spieler zog aufs Tor, wie es immer wieder geschieht und in dem Moment ist es halt blöd gelaufen.»

Trotz dieser schwierigen Phase erinnert er sich gerne zurück. Er habe viele gute Erinnerungen an Russland, unter anderem gebar seine Frau ihr erstes gemeinsames Kind dort. Die weniger schönen Erinnerung blende man halt gerne aus. «Die Umstellung für einen Schweizer ist riesig. Die Sprache, das ganze Drumherum. Wenn man nicht in einer Grossstadt wie ich gespielt habe, ist auch nicht viel zu tun neben dem Eis.»

Besonders geblieben ist ihm auch der Verkehrsmoloch von Moskau. «Verkehrschaos war ich mir schon von Los Angeles gewohnt, aber Moskau ist noch eine Ecke extremer. Man weiss nie, ob man 30 Minuten oder drei Stunden für etwas braucht. Meine Frau hatte auch einen eigenen Fahrer. Das wäre schwierig für eine Hochschwangere ohne geworden.»

Die kulturellen Unterschiede und Sprachbarriere zählt er auf, warum es erst so wenige Schweizer in der KHL probiert haben. Die Finnen und Tschechen würden meistens auch dahin gehen, wo es schon einen von ihrer Nation habe. Das scheint Sinn zu machen. In der Vor-KHL-Zeit spielten der heutige Nationaltrainer Patrick Fischer sowie die Torhüter Pauli Jaks und Paolo Della Bella zwischenzeitlich in der damaligen russischen Superliga. Der zweite Schweizer in der KHL, Goran Bezina, ging mit seinen kroatischen Wurzeln damals dementsprechend zu Medvescak Zagreb.

Gerber erwähnt auch die Ausländerbegrenzung und das schlichtweg alles anders sei als Gründe. Er selber wäre auch gerne länger geblieben: «Hätte ich mich damals nicht verletzt, hätte ich wahrscheinlich noch die eine oder andere Saison mehr gespielt in Russland. Dann kam noch das Angebot aus Edmonton und wir brachen unsere Zelte wieder ab.»

Damals spielte er auch mit einem gewissen Sergei Mozjakin, welcher mit Metallurg in der Neujahrswoche in Davos gastiert, zusammen. Mittlerweile führt dieser die ewige Scorerliste der KHL an. «Er war weder besonders gross oder sonst irgendwie auffällig, aber der Typ hat einfach immer eingenetzt. Das war schon beeindruckend zu sehen, was er am Stock konnte. Ich habe noch nie einen Spieler gesehen, welcher solch einen Torriecher hatte.»

Ein KHL-Team in der Schweiz könnte er sich gut vorstellen. «Huttwil war damals sicher der falsche Ort, aber es wäre sicher eine interessante Sache», sagt er zu den Gerüchten um die «Helvetics» vor ein paar Jahren. Bedenken hätte er vor allem was das Wissen des Publikums angeht. In Russland gäbe es so viele Weltklasse-Spieler, welche man in der Schweiz nicht kennt. Vom Spengler Cup kennt man die eine oder andere Mannschaft, aber ansonsten müsste man sicher sehr viel Werbung machen. «Die Schweiz lebt auch extrem von der Derbykultur. Dies merkt man auch am Interesse an der Champions Hockey League.»

Da es in letzter Zeit eher ruhig geworden ist um ihn, kommen wir zum Schluss noch auf seine aktuelle Tätigkeit zu sprechen. Die Pause vom Eishockey hatte er als gut empfunden nach seiner Karriere. Sie sei wegen der Reha nicht ganz freiwillig erfolgt, aber im Nachhinein war es genau das richtige. Martin Gerber betreut seit letzter Saison die Novizen der SCL Young Tigers als Assistenz Coach. Es macht ihm Spass, das Ganze aus einer Spielersicht anzuschauen, nachdem er nun Jahre als Goalie verbracht hatte. «Ich lerne jeden Tag Neues und ich unterstütze den Headcoach wo ich kann.»

Es macht ihm Spass mit den jungen Spielern zu arbeiten und ihnen dann und wann einen Tipp aus seinem Erfahrungsschatz zu geben. Er gibt zu, dass die jüngere Generation ihn teilweise bereits nicht mehr als einen erkennt, welcher aus der 2. Liga auszog um die NLA, NHL, Schweden und die KHL zu erobern. Wer weiss, vielleicht wird er den einen oder anderen dieser Jungen auch in die KHL bringen.

Martin Gerber wird an einem, wenn nicht an beiden Spielen der KHL World Games auch zugegen sein.

Tickets zum Spiel gibt es hier.

Hier gibt es einen Hintergrundbericht zu den KHL-Spielen in der Schweiz.

Background-Portal

Gerber in Russland

Martin Gerber im Trikot von Atlant Mytischi. Fotos: Vladimir Bezzubov / photo.khl.ru
 


 

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